Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 66 (1925)
- Issue
- Heft 29 (16.7.1925)
- Date
- 1925-07-16
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2446951-2450337-2450365--72354-2529722- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 6 Nr. 29 Der I s r a ei i t 16. Juli 1925 schützt, der Sabbat aber bis zur Ausrottung verfolgt. Weil, fo sagt die jüdische Sektion, der Sonntag eine soziale Einrichtung, der Sabbat aber eine religiöse sei, das Symbol der jüdischen Religion. (So ists! D. Red.) In der Taktik hat man ein wenig umgelernt, in der Hauptsache blieb es aber beim Alten. Eine Einrichtung erinnert an die zwangsweise Vorführung von Juden zu den Predigten in die Kirchen im Mittelalter. Es werden nämlich politische Zwan g sv ers ammlung en abgehalten, mit Vorliebe an Sabbaten und hohen Feiertagen, und wehe demjenigen, der der Aufforderung, zu erscheinen, keine Folge leistet. Es wird gegen ihn der Prozeß mit aller Unerbittlichkeit durchgeführt. Ein unerhörter Gewissenszwang wird auf die Gemeinden bei der Wahl von Rabbinern, Schächtern und Kultusbeamten ausgeübt Es muh ein „roter" Rabbiner und Beamter fein, sonst wird er nicht bestätigt. Es ist heute noch unmöglich, einen hebräischen oder jüdischen Brief durch die russische Post zu befördern. Und dennoch, oder gerade deshalb, wächst der jüdische Kreis und der jüdische Kreis innerhalb desselben zusehends. Man bringt gewaltige Opfer und trotzt Gefahren und bleibt doch Jude bei allem und allem! . . . Handel und Gewerbe leiden, wie überall im Osten, unter den drückenden Steuern und den drakonischen Gesetzen. Für das geringste Vergehen gegen die tausend Handelsgesetze gibt es eine Mindeststrafe von vier bis fünf Tagen Gefängnis mitsamt einer großen Geldbuße. Cs diirfte kaum im weiten russischen Reich einen Menschen geben, der nicht schon mehrmals aus geringfügiger Ursache im Gefängnis gesessen hat. Unter diesen Umständen blühen Korruption und Bestechungswesen ganz wie in der zaristischen Feit. Export von Polen nach Rußland wäre, nach dem Berichterstatter, ein vielverheißendes Unternehmen, wenn in Rußland ein normales Gesetzesleben den ausländischen Kausleuten einige Sicherheit bieten würde. Unter den heutigen Umständen, da der Fremde in Rußland jeden Rechtschutzes entbehrt, kann ein Warenaustausch beider Länder — zum Schaden für beide Seiten — nicht aufkommen. Warschau, 13. Juli. Dem Privatbriefe eines namhaften jüdischen Gelehrten, der in einem kleinen Städtchen im Gouvernement Kiew wohnt, entnehmen wir folgendes: „Im Jahre 8679 überfielen die Banden von Petljura und Denekin unseren Ort, ermordeten etwa 400 unserer Brüder und raubten ihr ganzes Hab und Gut. Ein großer Teil der Bevölkerung flüchtete, der Rest der Zurückgebliebenen befindet sich in den ärmsten und trostlosesten Verhältnissen. Eine Begleiterscheinung der materiellen Notlage bildet der religiöse und sittliche Niedergang. Die gesamte Jugend ist dem Judentum entfremdet, die Lehrhäuser stehen leer, Verheiratungen finden zum großen Teil ohne Chuppoh und Kiduschin statt, viele Mischehen werden geschlossen, an den neugeborenen Knaben wird die Miloh nicht mehr vollzogen. Der größte Teil der Bevölkerung hat an Pessach Chomez gegessen." Der Korrespondent, der uns diese Zeilen übermittelt, gibt die Anregung, daß auf Initiative des Rabbinischen Rates der Agudas Jisroel am 9. Aw eine eingeschaltet werden solle, dem Andenken der Zehntausende geweiht, die in den grausigen Nachkriegsjahren dahingemordet wurden. Es sei angemessen, daß unsere Gemeinden, wenn sie alljährlich der Toten von Worms, Mainz, Speyer gedenken, sich auch der ungezählten Männer, Frauen und Kinder erinnerten, die in unseren Tagen nur deshalb ihr Leben lassen mußten, weil sie Juden waren. ii Die neuen Schwierigkeiten des polnisch-jüdischen Abkommens. — Die plötzliche nakionaldemoirakische Opposition. Warschau, 9. Juli. Das Verhalten der nationaldemokratischen Partei, die sich während der Verhandlungen zwischen der polnischen Negierung und den jüdischen Parlamentariern der größten Reserve befleißigte und erst nach dem feierlichen Abschlußakt mit ihrer Opposition gegen das Abkommen hervortritt, hat in Regierungskreisen stark überrascht. Man erklärt, daß die Regierung die Punkte des Abkommens gegen alle Opposition durchführen werde. Nach der von Glombinfkk gezeichneten parteiamtlichen Erklärung und den Auslassungen der „Gazetta poranna", den antisemitischen Auslassungen der „Dwa Grosze" und der „Gazetta Warszawska" tritt nun auch das Krakauer Organ der Nationaldemokratie „Goniec Krakowski" scharf gegen das Abkommen auf. Die Zeitung führt aus, die Juden seien die alleinigen Erreger des Antisemitismus. In den Zeiten der Fremdherrschaft schritten sie massenweise zu den Wahlurnen, um ihre Stimmen gegen die Interessen des polnischen Volkes in die Wagschale zu werfen. Mit der Kraft ihrer Organisation und ihres Kapitals haben sich die Juden bemüht, jeden Versuch der Polen, einen eigenen Handel und eine eigene Industrie zu schaffen, im Keime zu ersticken. Die Zeitung stellt die unglaubliche Behauptung auf, daß die Juden von der Zarenmacht begünstigt worden sind und wiederholt die Legende, daß die Juden das Entstehen des polnischen Staates zu hindern versucht haben. Die Zeitung schließt, die Nationaldemokratie könne mit Mißtrauen und Zweifel auf das Abkommen blicken, es sei zu befürchten, daß die Juden unter dem Mantel der Loyalität auch weiterhin die polnischen Interessen schädigen werden. Der Inhalt des polnisch-jüdischen Abkommens. - Offizielle Mitteilung. Warschau, 15. Juli. Die Minderheitssektion des politischen Komitees des polnischen Ministerrates trat am 11. Juli zusammen, um die einzelnen Punkte, die den Inhalt des Abkommens zwischen der polnischen Regierung und der jüdischen parlamentarischen Vertretung bilden, zu fixieren. Nach einem Referat des Unterrichtsministers Stanislaw Grabfki beschloß die Sektion, dem Ministerrat die Durchführung einer Reihe von Maßnahmen zu empfehlen, die das jüdische Gemeindewefen, das jüdische Schulwesen, sowie die Erlaubnis der hebräischen und jiddischen Sprache in öffentlichen Versammlungen betreffen. Die Vorschläge sind folgende: 1. Der Ministerrat beauftragt den Bildungsminister, ein Gesetzprojekt betreffend die einheitliche Organisation der jüdischen religiösen Gemeinden gang Polens und deren religiöse Räte vorzulegen. 2. Der Ministerrat bevollmächtigt den Bildungsminister, ein Projekt vorzulegen, welches eine Verordnung des Ministerrats über die Ausdehnung des Dekrets vom 7. Februar 1919 betreffend die Aenderung der Organisation der jüdischen Gemeinden des früheren Kongreß-Polens auf die ehemals russischen Provinzen enthält. 3. Der Ministerrat nimmt die Erklärungen des Vildungsministers zur Kenntnis, daß er auf dem Territorium der ehemals österreichischen Gebiete eine Demokratisierung der jüdischen Gemeinden in der Weise zulassen wird, daß er seine Zustimmung zur Aenderung der Statuten der Kultusgemeinden (8 28 und 29 des österreichischen Gesetzes über die innerrechtlichen Verhältnisse der jüdischen religiösen Gemeinden vom 21. März 1890) gibt. 4. Der Ministerrat beauftragt den Bildungsminister, ein Gesetzprojekt über die Benutzung der hebräischen und jiddischen Sprache als Geschäfts- und Verhandlungssprache in den jüdischen religiösen Gemeinden analog den Vorschriften über den Gebrauch der rumänischen und der weißrussischen Sprache innerhalb der betreffenden Selbstverwaltungsorgane vorzulegen. 5. Der Ministerrat drückt fein prinzipielles Einverständnis damit aus, daß der Gebrauch der hebräischen und der jiddischen Sprache in öffentlichen Versammlungen zugelassen wird. 6. Der Ministerrat nimmt die Erklärung des Bildungsministers zur Kenntnis, daß er in einer gewissen Zahl öffentlicher Staatsschulen in Orten mit einem großen Prozentsatz jüdischer Bevölkerung die Unterrichtsfreiheit an Sabbattagen und den Unterricht in jüdisch-religiösen Fächern in einem Mindestmaß von 10 Stunden wöchentlich einführen wird. 7. Der Ministerrat nimmt die Erklärung des Bildungs- Ministers zur Kenntnis, daß er eine Verordnung herausgeben wird, wonach der Besuch eines den Staatsv o rschriften für Schulen entsprechenden Cheder von jeder anderen Schulpflicht befreit. 8. Der Ministerrat nimmt die Erklärung des Bildungsministers zur Kenntnis, daß er einer gewissen Zahl allgemeiner Schulen, Mittelschulen und Seminarien mit hebräischer oder jiddischer Unterrichtssprache, die den allgemeinen Schulvorschriften genügen, das staatliche Oeffentlichkeitsrecht zuerkennen wird. 9. Der Ministerrat nimmt die Erklärung des Bildungsministers zur Kenntnis, daß er besonders verdienstvollen jüdischen Fachschulen Subventionen zukommen lassen wird. 1V. Der Ministerrat nimmt zur Kenntnis, daß E Bildungsminister die Schulkinder jüdischer Konfession cm; den staatlichen Volksschulen von der Schreibepflicht an den Sabbattagen befreien wird. 11. Der Ministerrat nimmt zur Kenntnis, daß der Vildungsminifter den Kindern jüdischer Konfession unddaß der Kriegsminister den Soldaten jüdischer Konfession den Besuch der Gottesdienste an den Sabbattagen ermöglichen werden. 12. Der Ministerrat nimmt zur Kenntnis, daß der Kriegsminister, ohne die prinzipiellen Vorschriften be3. Militärdienstes zu verletzen, eine Verordnung erlassen wird, daß den Soldaten jüdischer Konfession, die sich, außerhalb der Kaserne rituell beköstigen wollen, das Menage-Geld ausgezahlt wird. ' Wie I. T. A.-Vertreter erfährt, wird der Ministerrat; am 15. Juli eine Sitzung abhalten, und alle 12 Vorschläge der Sektion für die nationalen Minderheiten annehmen. Bulgarien und seine Juden. (Bon unserem Korrespondenten). Sofia, 29. Juni. Oft und nachdrücklich wird rühmend hervorgbhvben, daß es in Bulgarien überhaupt keinen Antisemitismus gäbe und daß die Juden dieses Landes sich vollständiger Gleichberechtigung erfreuten. Bis zu einem gewissen Grade entspricht dies auch der Wahrheit, und man kann den bulgarischen Bauern und den Regierungen dieses Landes das Zeugnis nicht verweigern, daß sie de„ nationalen Minderheiten — also auch den Juden — gegenüber wirklich tolerant sind, sofern diese Minderheiten die Kreise der Machthaber nicht stören, im Innern und nach außen sich passw und korrekt verhalten. Da biss bei der hiesigen Judenheit der Fall ist, die besonders außenpolitisch keinerlei für Bulgarien bedenkliche Tendenzen haben kann, so wird sie stillschweigend geduldet. Mit den Bauern kommen die Juden, die ausschließlich in Städten wohnen, nur wenig in Berührung. Es gibt keine politische Partei mit prononciert judenseindlichen Bestrebungen, und von den vielen Regierungen während der fünf Jahrzehnte seit dem staatlichen Bestände Bulgariens war wohl keine einzige antisemitisch behaftet. Materiell stehen sich die bulgarischen Juden, die hauptsächlich den Zwischenhandel und verschiedene Handwerks betreiben, nicht besser, aber auch nicht schlechter, als der Durchschnitt ihrer christlichen Verufsgenossen. Von einem regen gesellschaftlichen Verkehr zwischen Juden und Christen ist nicht viel zu bemerken; sie leben friedfertig nebeneinander, aber nicht miteinander. Alles in allem ein erträglicher Zustand, der unseren Stammesgenossen in Rumänien geradezu idyllisch erscheinen dürfte. Trotzdem herrscht innerhalb der jüdischen Einwohnerschaft Bulgariens tiefe, stetig wachsende Unruhe. All oder jung, reich oder arm, jeder Jude ächzt unter einem Alpdruck, jeder fürchtet den morgigen Tag. Das Gefühl von Ruhe und Sicherheit ist abhanden gekommen. In früheren Zeiten zitterte Israel, wenn Könige weinten. In Anpassung an die gegenwärtigen Verhältnisse in den Galuthländern mühte dieses Axiom lauten, daß Israel zittert, wenn die Völker weinen. Das bulgarische Volk weint, und Israel zittert, Bulgarien macht leidensvolle Zeiten durch, die Folgeerscheinungen der jüngsten Kriege erweisen sich gerade in diesem Ländchen schrecklicher und schwerer zu ertragen, als die Kriege selbst. Dieses ausdauernde, zähe Bauernvolk, kann die Verluste und Enttäuschungen, die Opfer unö- Demütigungen der jüngsten Vergangenheit offenbar nickst verwinden. In seiner ohnmächtigen Wut und Verzwesi lung zerrt es an seinen Ketten, reißt alte Wunden auf und schlägt sich neue; es zerfleischt sich selber. Darin lieg: die Erklärung für die blutigen inneren Kämpfe und für die furchtbaren Ereignisse der letzten Wochen, die die ganz.' Welt mit Entsetzen erfüllten. Und sie zittern, diese vierzigtausend jüdischen Seelen, als müßte der ganze Schrecken dieser tragischen Situation ihres Landes sich gerade über sie ergießen, als wären gerade sie Ziel, und Objekt des lauernden Unheils, cil> müßten gerade sie den Funken an sich ziehen, der vorn finsteren Gewölk droht. Wie nun ist dieses Angstgefühl zu erklären? Ist es Instinkt oder atavistische Schärfe de:- Gefühls, das in jedem jüdischen Gemüt schlummert unö dessen Wahrhaftigkeit nur zu oft in unserer Geschichte be kräftigt wird, daß immer und überall der Jude schuld-