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Der Israelit · 1925-07-16 · Heft 29 (16.7.1925) · page 5

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Journal
Der Israelit
Volume
66 (1925)
Issue
Heft 29 (16.7.1925)
Date
1925-07-16
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
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Nr. 29 Seite 5 16 Juli 1925___ längere Debatte über einen von diesem eingebrachten 2In* »rag, den Gemeinderabbinern Sitz im Vorstand zu gewähren. Solch kühnem Verlangen nachzukommen, erjll.ien aber den Herren vom Vorstande, liberalen wie konservativen, reichlich unbequem. Seit einem Jahrhundert, so führte Herr Geh. Rat Goldfeld aus, habe man derlei Forderungen, nicht gehört. Die Rabbiner s^ien für Verwaltungszwecke nicht genügend vorgebildet, inonche sogar noch recht weltfremd. In Kultusfragen käme ihre Stimme übrigens genügend in den Kommis- Honen zur Geltung. Wenn gar zwei Ansichten sich entgegen ständen, wer sollte da entscheiden? Etwa der Vorstand? Nein, die Durchführung dieses Antrages hieße den Frieden der Gemeinde stören. Auch Herr Justizrat Hirfchderg sprach sich in ablehnendem Sinne aus. Cr erinnerte an die Kämpfe zu Zeiten des seligen Tiktin und Geiger. Sitz ' im Gemeindevorstand ohne Stimmrecht bedeute für den Rabbiner übrigens eine Capitis diminutiv. Lon den konservativen Repräsentanten wurde dem Anwag keine Unterstützung zu Teil. (Steht man da etwa auch auf dem Standpunkt, daß der Einfluß des Rabbiners uv, Vorstand die eigene Position gefährden kann?) Gründe wurden dafür jedenfalls nicht bekannt. Auf liberaler Seite dagegen ersparte man sich durch einen Vertagungsantrag die Blamage, die Forderung des eigenen Rabbiners ablehnen zu müssen. Einzig und allein der zionistische Vertreter, Herr Rechtsanwalt Dr. Jakobsohn, begrüßte den Antrag. Dem Judentum zu dienen, sei vornehmste Aufgabe der Verwaltung. Hierzu seien die geistigen Führer am ehesten berufen. Wenn man früher die Rabbinen nicht in den Vorstand berufen habe, so lag es daran, daß damals Sachkenner und Gelehrte Inhaber der Gemeindeämter waren. Heute genüge die verwaltungstechnische Fähigkeit vollauf. Die grundsätzlichen Fragen, aus die es im wesentlichen für die Orientierung der Gemeinde ankomme, werden nicht in Kommissionen entschieden, sondern im Vorstand selbst, und dahin gehören die Herren Rabbiner. Rach Annahme des Vertagungsantrages wird das Proportionalwahlrecht für den Vorstand behandelt, welches aber natürlich abgelehnt wird. Die Aussprache über die Berufung der Rabbiner in den Vorstand hat wieder einmal zur Genüge bewiesen, wie die Fiktion von der sogenannten Einheit der Gemeinde in ein Nichts zerrinnt, soll sie zur Dienerin der religiösen Wahrheit werden. Man vergleiche damit die führende Stellung des Raws in dem alten Kahal, wo über der Gemeindeverfassung als Leitmotiv der Din stand. Doch wie anders müßte das Gemeindestatut von heute aussehen, sollte es dem geistigen Führer eine solche Srellnng einräumen können, ohne mit seinen diversen Institutionen in Konflikt zu geraten. Eine ausführliche Würdigung des Entwurfes behalten wir uns noch vor. Wir haben uns an dieser Stelle wiederholt mit der Chewra Kadischa befassen müssen. Bekanntlich wird hier seit Jahren ein Kampf darum geführt, daß die Wirtschaftsführung des jüdischen Krankenhauses unter Ritual- Aufsicht gestellt wird. Nachdem der Antrag Zweimal rechtmäßig angenommen war, hatte ein Teil des Vorstandes als Antwort darauf feine Demission gegeben. Diesem Vorgehen hatte sich der Rest des Vorstandes nachher augeschlossen, so daß sich nunmehr die Notwendigkeit einer Ncuwahl des Gefamworstandes ergab. Bemerkt muß werden, daß selbst die konservativen Mitglieder des Vorstandes es mit ihrer Tradition für vereinbar hielten, wegen der Annahme eines solchen Antrages, der lediglich die Kafchrus-Sicherheit des Krankenhauses verbürgen sollte, ihr Amt niederzulegen. Nach der angenommenen Fassung sollte nämlich die Gemeinde die Ritual-Aufsicht über das Krankenhaus übernehmen. Kein Wunder, daß sich nach solchem Vorgehen ihrer konservativen Kollegen die liberalen Herren vom Vorstand der Chewara Kadischa gegen die Gemeindeaussicht sträubten. Für die jetzt stattfindende Versammlung hatte sie daher folgenden Aenderungsantrag eingebrachtt „Der Vorstand (des Krankenhauses, (d. Ref.) beauftragt mit der Aufsicht über die Wirtschaftsführung einen jeweiligen Ober-Aufsichtsbeamten der Synagogengemeinde in Breslau." Mit Recht erblickte darin die Opposition eine Gefährdung der Aufsicht. Von dgr Gefahr der Aufsichtsunterbrechung und den sich daraus in mannigfaltiger Hinsicht ergebenden Folgen ganz zu schweigen. . Nachdem nunmehr der § Kampf aufs neue zu entbrennen drohte, bemühte sich zunächst Justizrat Hirschberg im Aufträge, des Gemeindevorstandes und, nachdem dieser erste Versuch zu scheitern drohte, der liberale Repräsentant M. Gins durch eine neue Formulierung einen beide Teile befriedigenden Ausgleich herbeizuführen. Der Jsraeltt_ Diese zweite Formulierung sollte lauten: „Die Wirtschaftsführung erfolgt nach den jüdischen Ritualgesetzen unter Aufsicht des jeweiligen Ober-Aufsichtsbeamten (Dajan) der Synagogengemeinde." Da dem vorbereitenden Ausschuß, der sich obigen Beschluß einstimmig zu eigen gemacht hatte, auch liberale Repräsentanten angehörten, erwartete man, daß die Annahme dieses Antrages ohne Schwierigkeiten erfolgen würde, insbesondere aber seitens des demissionierten Vorstandes. Doch man hatte einen wichtigen Faktor übersehen. Der liberale Verein war nicht gefragt worden und auch die Mentalität des alten Vorstandes hatte man falsch eingeschätzt. Offenbar ermuntert durch das homogene ablehnende Verhalten sowohl der liberalen wie konservativen Vorstandsmitglieder der Chewra Kadischas erblickte der Vorsitzende des liberalen Vereins, Herr A. Bielschowfky, in der zweiten Fassung eine Entrechtung des Vorstandes. Die Unterstellung unter einen Dajan erschien ihm in seinem liberalen Gewissen unerträglich. So erhielten die Mitglieder der Chewra einen Ausruf des liberalen Vereins zugesandt mit der dringenden Bitte, zur Wahl zu erscheinen. „Der Antrag einer orthodoxen Gruppe strengster Richtung" ziele aus nichts anderes ab, als dem Vorstande die Leitung der Anstalt im Krankenhause selbst aus der Hand zu nehmen. Es gehe nicht an, in einem Flugblatte . . . . die Vorgänge mitzuteilen, welche zeigen, wie jetzt schon von dieser Seite wiederholt versucht worden ist, selbst ohne Rücksicht auf die Interessen der Patienten, ihre Anschauung dem Vorstande aufzudrängen. In der Versammlung werden Ihnen auch diese Tatsachen vorgetragen werden." Die Generalversammlung fand nun am Montag den 15. Juni 1925 statt unter ausfallender Beteiligung der durch den liberalen Ausruf zusammengetrommelten Mitglieder des liberalen Vereins. Galt es doch, die heiligen Güter des Liberalismus zu retten. So wurde dann der Antrag kraft des liberalen Aufgebots in der ersten Fassung angenommen und damit die Autorität des Dajan dem Amtsdünkel des Vorstandes geopfert. Es wird sich zeigen, ob diese Fassung eine geeignete Basis bietet, um die Aussicht des jüdischen Krankenhauses reibungslos und vor allen Dingen zur Zusriedenheit aller daran Interessierten durchzuführen. Die Neuwahl des Vorstandes brachte im wesentlichen die Wiederwahl des alten und mit einer geringen Stimmenmehrheit die Zuwahl des liberalen Wortführers Herrn A. Bielschowfky. Warten wir ab, wie die konservativen Mitglieder des Vorstandes, denen die unabhängige Aufsichtsführung des Dajan unerträglich schiensich mit dieser Aufsichtsinstanz von liberalen Gnaden abfinden werden. Der Kampf, der ein Spiegelbild für die verworrenen Ansichten selbst in den Reihen mancher der sogenannten Konservativen bietet, endete zahlenmäßig mit einem Siege der Liberalen und 2 „Offenen Briefen" an die Herren Bielschowfky und Justizrat Kalisch. In vernichtender Kritik lassen diese erkennen, wo sich das Recht nud damit der Sieg der Wahrheit befindet. Mit Recht wendet sich Herr Friedländer in dem einen gegen die Verlogenheit der liberalen Flugblattpropaganda. Ebenso richtig bezeichnete Herr Scheller in einem anderen offenen.Briefe das Verhalten der Liberalen, indem er sagte: „Wie sagte man doch früher? Der Rabbiner absolut, wenn er unseren Willen tut. . . ." „Es könnte ja leicht einreißen, daß der Rabbiner womöglich noch die Sabbatentwcihung verbietet, die man an allen Sabbaten und an Feiertagen in Gestalt der Krankenentlassung mit ihren obligaten Unterschriften, Zahlungen und Abfahrten beobachten kann. Wer. wollte denn bestreiten, daß der Vorstand des Krankenhauses, bestehend aus Justizräten, Großindustriellen und Sanitätsräten, wohl besser in der Lage ist zu beurteilen.was dem Neligionsgesetz zuwiderläuft als irgend so ein unabhängiger, rückschrittlicher Rabbiner." „Nicht wahr, wer nicht pariert, der fliegt; wer aber schön brav ist und seiner Väter heilige Meinung verleugnet, der darf mit Ihnen sitzen im Rate der Weisen und sich freundlicher Duldung erfreuen, auch wenn er in seinem Privatleben noch wagt, das Religionsgesetz zu erfüllen." Eine Antwort hat bisher weder der eine noch der andere offene Brief erfahren, und wird sie wohl kaunr gegeben werden können. Von der Sabbatbewegung in Polen. W a r s ch a u, 6. Juli. An sich ist es ein trauriges Zeichen der Zeit, daß auch in unserem Lande der systematische Kampf für die Aufrechterhaltung der Sabbatbeobachtung mit den Mitteln der Organisation und der Vereinspropaganda geführt werden muß. Da die Dinge nun einmal so liegen, ist es aber erfreulich, daß es geschieht. Die Anfang Tammus stattgehabte allgemeine Landeskonferenz der Schomre Schab,bosvereine tagte unter dem Vorsitze der Herren Rabbiner Michelfohn vom hiesigen Rabbinat und des Sejmdeputierten Rabbiner L e w i n -Sambor. Die Konferenz wurde von der 'Gemeinde Warschau, der Agudas Jisroel und dem Misrachi begrüßt. Das Hauptreferat erstattete Herr A. F. Friedm a n n. Von den zahlreichen gefaßten Resolutionen seien folgende erwähnt: 1) Die Konferenz fordert die Regierung auf, eine Novelle zum Sonnagsruhegesetz einzubringen, die den Juden, die am Sabbat geschlossen haben die Oeffnung ihrer Geschäfte am Sonntag gestattet; sie fordert die jüdischen Deputierten auf, nicht zu ruhen, bis ein solches Gesetz durchgeführt sein wird. 2) Die Konferenz bittet die Regierung, die Festsetzung von Messen und Märkten auf den Sabbat in gesetzlicher Form zu verhindern. 3) Die Konferenz fordert die Gründung eines Schomre Schabbosvereins an jedem Orte und wählt ein 50-gliedriges Komitee, das diese Organisationsarbeit durchführen soll. Zweimal jährlich sollen große Landeskonferenzen zur Propagierung der Sabbatidee stattfinden. 4) Eine Reihe von Resolutionen befaßt sich mit der Propaganda dos Sabbatgedankens durch Wanderredner, Literatur, Presse, Schiurim usw. 5) Gemäß dem Beschluß des Warschauer Rabbinats sollen Juden, welche öffentlich den Sabbat entweihen und davon trotz Aufforderung nicht abstehen, zu keiner Ehrenverrichtung im Gottesdienst zugelassen werden, weder zum Ausrufen noch zum Vorbeten am Jahrzeitstage. Kauhcmim, welche öffentlich den Sabbat entweihen, dürfen nicht duchenen. 6) Die Konferenz fordert auf, keinem, der öffentlich den Sabbat entweiht, irgendwelche öffentliche Ehrenstellung im gesellschaftlichen Leben einzuräumen, solange er die Sabbatentweihung nicht aufgibt. Gesellschaftliche Institutionen, welche den Sabbat entweihen, sollen von niemanden unterstützt, sondern bekämpft werden. 7) Geschäfte und Handwerker welche die Sabbatruhe beobachten, sind mit allen Mitteln zu unterstützen. Eine weitere Reihe von Resolutionen sucht die Mitwirkung der Presse herbeizusllhren und tritt der Ent- Weihung des Sabbats durch Vergnügungen und sportliche Veranstaltungen entgegen. Originell ist die Aufforderung an die Hausbesitzer, bei Vermieten von Geschäflslokalen die Wahrung des Sabbats kontraktlich festzulegen. Endlich werden die Eltern aufgefordert, ihre Kinder in keinem Falle am Sabbat in die Schule zu schicken. Wie aus Wilna berichtet wird, führt der dortige Schomre Schabbosverein eine erfolgreiche Propaganda unter den Geschäftsleuten und kämpft andererseits mannhaft mit den zionistischen Sportvereinen Makkabi und Hakoah, die die Jugend zur Sabbatentweihung verleiten. Dis Lage in SsWlstrntziand. Warschau, 6. Juni. Herr L. W l o d o f, Inhaber einer großen Exportgesellschaft, der eben von einer längeren Reise nach Rußland zurückgekehrt ist, schildert die Lage wie folgt: Die Einfahrt und der Aufenthalt im Lande der Sowjets für einen Fremden, gehört gerade nicht zu den Annehmlichkeiten des Lebens. Man sieht in jedem Fremden einen Bourgeois, also einen Verbrecher. Obwohl seine Papiere vollkommen in Ordnung waren, wurde Herr Wlodof beim Uebertreten der Grenze in Haft genommen, angeblich zur Prüfung seiner Personalien. Diese Feststellung kann lange Wochen dauern, wenn der Fremde nicht jemand zur Hand hat, der sich für ihn bei den Behörden einsetzt. Die Lage ist auch für die Einheimischen keine rosige. Man sieht nirgends ein fröhliches Gesicht. Ueberall nur Worte der Verzweiflung. Die Armut ist unbeschreiblich. Den Kommunismus, den sie im Herzen für alle Uebel verantwortlich machen, hassen sie bis in die tiefste Seele, es auszusprechen wagt aber keiner. Am meisten und am schwersten haben die Juden zu leiden. Nicht untex eigentlichem Judenhaß, man haßt alle positiven. Religionen, und dennoch konzentriert sich die ganze Verfolgung gegen das Judentum. Der Sonntag wird ge-

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