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Der Israelit · 1925-07-09 · Heft 28 (9.7.1925) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
66 (1925)
Issue
Heft 28 (9.7.1925)
Date
1925-07-09
Page
– (sequence 9)
Language
German
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g- Der Israelit Dr. 2s 192$ Die Baracken. Von Nachman Mifalew. Autorisierte llebersetzung aus dem polnischem Manustript von S. H o r o w i tz. (1. Fortsetzung.) Unter den als tauglich Befundenen waren Schmul, Ehaim, Maier, Salmon und Wolfke. Sogar der schielende, halbblinde Laibusch „der Affe" befand sich unter den Assentierten. Er hat zwar vor der Militärtommission sehr heftig protestiert, schrie, man sei im Irrtum, denn er sei nahezu blind und deshalb für immer befreit, aber der Vorsitzende, der . Major, meinte mit lächelnder Miene: „Wir werden für Sie schon irgend eine Verwendung haben." Später hänselte man Laibusch: „Du hättest sagen sollen, du besitzest einen ganzen Packen mit Lumpen, dann hätten sie dich sicherlich befreit!" Diese Worte berührten seine wehe Wunde, er schwieg aber und lieh mit sich Spott treiben, nur wenn er in Aufregung geriet, schrie er: „Du sollst so deinen Kopf behalten, wie ich Soldat sein werde." Laibusch hoffte, befreit zu werden, und das gewährte ihm eine Beruhigung. Als aber seine Lumpensammlung erwähnt wurde, geriet er in Verwirrung, blickte um sich, ob niemand herschaut, dann kraute er sich verlegen am Kopfe, machte ein schiefes, schmerzliches Gesicht und seufzte still vor sich hin: „Vielleicht befreit man mich aber doch nicht? Was geschieht dann mit meiner Ware?" peinigte ihn der Gedanke und er schaute den Packen mit dem alten Zeug mit solchen Augen an, wie eine Mutter ihr in den letzten Zügen liegendes Kind. Laibusch wäre jetzt zufrieden gewesen, wenn jemand die Sachen gestohlen hätte. Sie einfach wegzuschenken, das konnte er nicht übers Herz bringen, war es doch eine Ware, für welche man später viel Geld erzielen könnte. Wegstehlen, das wäre der beste Ausweg, und er pflegte absichtlich die Sachen aus dem Winkel zu holen, sie auf seinem Strohsack auszubreiten, sich dann für mehrere Stunden zu entfernen, als hätte er sie vergessen. Aber wie zum Trotz fand sich kein Dieb und er fand beim Zurückkommen alles unberührt, so daß jeder Fetzen an ihn die stumme Frage zu richten schien: „Sag! was geschieht mit mir? Du wirst doch bald zum Militär abgehen!" Die Assentierten hatten noch einige Wochen Zeit bis zu ihrer Einrückung. Einen besonderen Eindruck hatte die Sache auf niemanden gemacht. Sie waren ohnehin alle schon apathisch, resigniert und auf alles Schlechte gefaßt. Wenn statt des Militärdienstes ihrer eine Freiheitsstrafe harrte, würden sie auch nicht anders ausgeschaut haben. Es wäre dieselbe Resignation, dieselbe Melancholie. Schmul hatte mittlerweile Zeit gehabt, die Schiwe — 7 Trauertage — nach seinem im Felde gefallenen Israelische, von dessen Tod ihn das Rote Kreuz benachrichtigt hatte, zu absolvieren. Die unglücklichen Eltern vermochten nicht mehr viel zu weinen, denn sie waren schon an ihr bitteres Geschick gewöhnt, das ihnen fortwährend ein Unglück größer als das andere bescherte; ihre Tränenquelle war schon versiegt, dafür aber senkten sich die Schultern immer mehr, die Augen wurden glanz- und ausdruckslos, und es war dies eine tränenlose Trauer. In den schwersten Momenten, wo das Weh allzu stark drückte, entrangen sich der Kehle Worte, und bald jammerte Schmul, bald Sure: „Herr der Welt! Nimm mich auch zu dir und mach der Qual ein Ende." Einer vernahm die stille Bitte des anderen, und es machte auf die erstarrte Trauer keinen weiteren Eindruck. Niwkele, die zwischen ihnen spielte, schaute mit ihren lachenden Aeuglein in die verdüsterten Gesichter von Vater und Mutter. Das Kind hatte sich schon an ihr trübseliges Aussehen gewöhnt, es fiel ihm nicht mehr auf, und es fragte nicht. Zeitweise kam das Gefühl der Elternliebe durch die dichte Trauerschicht doch zunr Durchbruche, die Augen, in welchen die Tränen und Trauer schimmerten, nahmen einen lächelnden Ausdruck an. Dann sprachen sie zu Riwtele und umarmten sie, aber lange hielt diese Stimmung nicht an, nach einer Weile gerieten sie wieder in ihre Apathie, in ihre Erstarrung, und selbst wenn das grausame Geschick ihnen den letzten Trost, das einzig übrig gebliebene Kind, Riwkele, geraubt hätte, hätten sie nicht noch apathischer, noch erstarrter sein können. lleber die bevorstehende Einrückung zum Militär redete Schmul nicht mit Sure, selbst dann nicht, wenn die Trauer ein wenig nachließ,' sie betrachteten es wie eine Sache, über die zu reden es sich nicht lohnt, ganz so, als wäre er gar nicht assentiert worden. Ringsum bildete das den Gesprächsstoff, man traf Vorbereitungen, schnürte Bündel, man seufzte und fluchte aufs Geratewohl. Schmul und Sure hörten und fahen es nicht wollend, wie ein Ding, das sie nichts angeht. Dagegen hatte die Assentierung auf Salmon einen sehr ■ starken Eindruck gemacht. Von dem Momente an war er wie ein anderer Mensch, wie ausgetauscht. Seine fortwährende aufgeregte Stimmung, seine Wut, waren plötzlich wie von einer Zauberhand weggewischt. Er wurde ruhig und sanft, schaute auf alles ringsum mit milden Augen, wie man in einer fremden Gegend ein Objekt aus der Ferne mit einer gewissen Neugierde betrachtet, weil die Gegenstände zum Beobachter nicht in persönlicher Beziehung stehen. Mit einemmal wurden ihm die Baracken mit der ganzen Hausordnung, dem Essen, den Insassen, ganz gleichgültig und er schaute auf alle, selbst auf seine Widersacher, mit denen er herumgezankt, mit solch sanften gutmütigen Blicken, als wollte er sagen: „Verzeiht, bitte .alle meine Narreteien! Sie waren nicht der Mühewert!" Diese jähe Aenderung, den ganzen Stimmungswechsel verspürten seine Töchter am ehesten und am stärksten. Als sie in Erfahrung brachten, daß der Vater assentiert worden sei, haben sie es im Herzen sehr beklagt und stark bedauert, obwohl sie mit ihm auf gespanntem Fuße lebten. Ihr bisheriges Gebühren wie' bedauernd, beschlossen sie bei sich,, die kurze Spanne Zeit, die der Vater noch in ihrer Mitte zu weilen hatte, ihn mit der größten Achtung zu behandeln, alle seine Kaprizen zu ertragen und die kleinste Aufregung von ihm fern zu halten. Aber wie waren sie vor Verwunderung überrascht, als sie in den Augen des Vaters plötzlich so viel Güte und väterliche Liebe entdeckten. Sie schlugen die Augen wie Verbrecher zu Boden und konnten seine Blicks nicht ertragen. Er redete zu ihnen so sanft und herzlich, sie hörten, wie in seinem weichen Tone die zarte Stimme der verstorbenen Mutter vibrierte. Sie standen da, mächtig ergriffen und die Augen von Tränen umflort. Salmon bemerkte es nicht, fuhr im Sprechen fort und sagte .wie sich entschuldigend: „Ihr freut euch vielleicht, daß man mich zu den Soldaten genommen hat, ich weiß, ich habe euch viel gequält, ich weiß es." „Papa, rqas sprichst du?" fielen ihm beide Töchter, in Weinen ausbrechend, zu gleicher Zeit ins Wort und vermochten nicht mehr zu sprechen. Salmon faßte beide zart an, streichelte die Haare der beiden gesenkten Köpfe und fuhr fort: „Aber glaubt nicht, daß ich ein schlechter Vater war, ich gehe bald fort, Gott allein weist es, ob wir uns noch je Wiedersehen . . „Vater, rede nicht so," sagte Esther ihn. weinend umarmend, und auch Malke weinte wie ein kleines Kind. Auf "Sure und Schmul machte diese Szene einen starken Eindruck. In der Ferne sammelten sich die Nachbarn an, wunderten sich und fühlten mit. Andere weinten gleichfalls, kamen aber nicht näher heran. Salmon bemerkte die Leute nicht. Er bettete Esthers Kopf auf seine Brust, schaute auf Malke, die sich der Tränen nicht erwehren konnte und tief gerührt beobachtete er ein minutenlanges Schweigen. „Schon genug der Tränen, ich fühle es, daß ihr mir verzeiht, ihr möget nur wissen, daß ich euch immer lieb gehabt, wie ein Vater nur lieb haben kann, vielleicht noch stärker als er kann." „Das brauchst du uns nicht erst zu sagen," preßte Malke weinend hervor. „Ich will nur die Gewißheit im Herzen haben, daß ihr all das Geschehene vergessen werldet. Ich weiß, ihr seid immer treue Kinder gewesen, Gott kann noch helfen, daß wir uns in Freuden Wiedersehen." Bei diesen Worten unterbrach sich Salmon und verfiel in Nachdenken. Esther und Malke beruhigten sich, bemühten sich, die Tränenspuren aus ihren Gesichtern zu entfernen. Und die Herzen zitterten voll Liebe und Mitleid für den Vater. Und sie wären jetzt bereit gewesen, das größte und schwerste Opfer für den Vater zu bringen, damit er es vor dem Scheiden wisse, daß sie ihn sehr lieb gehabt haben. Salmon raffte sich jäh aus seinem Nachsinnen auf und wandte sich mit lächelnden Augen zu Malke: „Ist Herschke unten in der Küche — rufe ihn hinauf." Malke wurde verlegen. Ihre alten Sünden und ihr Benehmen dem Vater gegenüber, das sie jetzt so bedauerte, gaben ihr beim Erwähnen des Namens Herschke einen Stich ins Herz. Sie wollte aufschreien: „Ich will Herschke nicht kennen, von heute an ist er mir fremd", aber es gebrach ihr dazu an Mut und Kraft. Sie blieb stehen, rührte sich nicht vom Fleck und schien vergessen zu haben, um was der Vater sie bat. „Geh! Ich will mit Herschke sprechen." „Wozu braucht man ihn da? Soll er bleiben, wo er ist . . ." stieß Malke mit verhaltenem Groll gegen Herschke, leise wie unter der Nase hervor. Salmon bemerkte nicht Malkes Unbefriedigtsein und begann offenherzig zu erklären: . „Ich habe vielleicht auch gegen Herschke gesündigt, aber ich mußte es. Jetzt will ich ihm sagen, daß ich mit der Sache einverstanden bin, überhaupt wenn du, Malke, es haben willst. Ich will ihn obendrein noch bitten, und vielleicht dafür danken. Ihr bleibt allein, verlassen, zurück . . „Wir werden auch ohne ihn existieren können," stieß Esther feindselig hervor, „Gott wird uns auch ohne Herschke nicht verlassen." „Und vielleicht ist die Partie doch von Gott beschert," meinte Salmon zu sich sprechend. „Ich sehe doch, was für Wandlungen man durchmacht, was für Wendung jetzt das Leben genommen hat. Herschke hat ein Gebrechen und eignet sich nicht für Militärdienst. Er bleibt also hier. Ja, ja. Der Mensch gibt nicht nach, er folgt den Gelüsten seines Herzens, damit er schöner und besser wird. Aber wenn man sich fügen und nachgeben muß, soll es auch mit

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