Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 66 (1925)
- Issue
- Heft 28 (9.7.1925)
- Date
- 1925-07-09
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 28 Sette 7 9. IM 1SW ___ ftitigung der verschiedenen Rechtsoerkürzungen, die den Juden in dieser Beziehung widerfahren, so rasch als ulöglich verwirklicht werden. Unter diesen Postulaten steht in erster Reihe die Abschaffung der Zwangssonntagsruhe für Juden, dis den Sabbat feiern. „Von der Verwirklichung dieser Postulate machen wir unsere weitere Stellungnahme im Sejm und Senat abhängig." Noch gemäßigter lautete die Erklärung des Vorstehers des Kaufmännischen Verbandes, welcher im Namen seiner Fraktion erklärte, ohne Vorbehalt für das Uebereinkommen zu stimmen. Allein innerhalb der zionistischen Fraktion gab es keine Einhelligkeit. Äußer den Hithachduth-Deputierten, den entschiedensten Gegnern der Verständigung in ihrer gegenwärtigen Form, zu denen sich auch der „Misrachi" gesellte, verstärkten noch selbst die bürgerlichen Zionisten Kongrehpolens die Kadres der Opposition. Die Verständigung hätte somit mit einer unbedeutenden Majorität sanktioniert werden können, was nach außen wie nach innen nicht ohne ernstliche Folgen geblieben wäre. Inzwischen hielt wieder einmal Dr. Reich mit dem Kultusminister Grabski eine Konferenz ab, in der es ihm gelang, gewisse Aenderungen der abzugebenden Deklaration durchzusetzen, in welcher etwas mehr den Forderungen der Opposition Rechnung getragen wird. Die Deklaration lautet in der letzten, wahrscheinlich schon endgültigen, Abfassung wie folgt: „Der jüdische Klub, dauernd stehend auf dem Standpunkte der Unberührbarkeit der polnischen Grenzen, des Schutzes der Großmacht-Interessen Polens, wie auch der Notwendigkeit der inneren Konsolidierung — stellt fest, daß der Klub auf dem Sejmterrain diesen Prinzipien gemäß seine Politik, sowohl die allgemeine wie die nationale, zum Schutze der jüdischen Interessen führen wird." . Man sieht also, daß die Autoren der Deklaration bestrebt waren, beiden Vorwürfen der Opposition, 1) der angeblichen Anerkennung einer bisherigen Illoyalität, 2) der Verfeindung mit dennationalen Minderheiten zu begegnen. Dem ersteren — durchs die Hmzusügung des Wörtchens „dauernd" am Eingänge und dem letzteren durch die Ausschaltung des Wortes „ausschließ? lich" am Ausgange der Erklärung. Am 30. Juni wurde auch der, Text dieser Deklaration in der Plenarsitzung, des Klubs mit 40 Stimmen gegen 4 des Hithachduth angenommen. Im Namen der orthodoxen Fkaktion erklärte in dieser Sitzung Dep: Kirsch braun als Ergänzung zu der am 25i Juni vom Dep. Rabbiner Lewin vorgelesenen Erklärung,- daß? die Vertreter der Agudas Jisroel vom ersten Moment' keinen Anstand nahmen für den vorgeschlagenen Text zu stimmen, weil sie überzeugt sind, daß die Worte irr der Deklaration- „dauernd stehend usw." die weitere Fortsetzung der bisherigen orthodoxen politischen- Richtung: feststellen, welche eben auf den in dieser Deklaration erwähnten' Prinzipien basiert. Dep. Kirschbraun-, forderte, ferner, nach: einer vertaulichen Beratung: der Deputierten der Agudas Jisroel und-des: Misrachi, im Namen beider religiösen Fraktionen; daß-zur politischen Erklärung noch, folgeMer Satz, hinzugefügt wird: „Der jüdische Klub drückt seine feste Ueberzeugung ausdaß. sämtliche religiöse Postulate der jüdischen Bevölkerung bei der polnischen Regierung volles Verständnis finden werden." Sollts im Rahmen der politischen^ Erklärung kein Platz für diesen-Satzsein; dann wird er als separate Resolution gestellt werden Nach der- Ratifizierung , der Verständigung durch die staatliche Minderheitssektion- und den Ministerrat wird sie ein feierliches Finale in einer Audienz beim Premier Grahski finden. An - der Spitze, einer aus Mitgliedern aller K lubfraktionen (außer Hithachduth) bestehender Abordnung wirLDr. Reich vor. dem Premier in einer längeren Nede, welche von einer speziellen Redaktionskommission bestehend ausden Abgeordneten Dr. Reich, Dr. Thon, Kirschbraun, Farbstein, Hartglas und Weinzieher redigiert werden wird, über die Lage der Juden in Polen referieren und zum Schluß die oben zitierte Erklärung abgegeben. Der Premier wird in seiner Antwort offiziell die Erfüllung der jüdischen Desiderate bestätigen. Diese feierliche Finalisierung der Verständigung soll in den nächsten Tagen Vorkommen. Der Termin ist;;oct) nicht endgültig feügestellt' worden. Außenminister Der Israelit Skrzyriski, der gestern nach den Vereinigten Staaten Amerikas abreisen wollte, hat, wie verlautet, dank der erwarteten Beendigung der Verhandlungen, seine Reise für einige Tage verschoben. Es liegt die Vermutung nahe, daß er in Amerika über die Regelung der Judenfrage in Polen als von einem fort accompli zu sprechen wünscht. Der feierliche Abschluß der jüdisch-polnischen Verhandlungen. (Von unserem Korrespondenten'). Warschau, 4. Juli. Die Abordnung, die gestern um 5 Uhr nachmittag vom Premier Grabski empfangen wurde, bestand aus den Vorstehern der Klubsraktionen: Kirschbraun (Aguda), Färb st ein (Misrachi), Schreiber (Zionisten), T r u s k e r (Kaufmännischer Verband), Reizes (Unparteiische) mit dem Klubpräsidenten Dr. Reich an der Spitze. Dr. Reich las die bekannte viel umstrittene Deklaration nach einer Einleitung vor, in der er die Hoffnung ausdrückte, daß durch die Erfüllung der jüdischen Postulate auf dem religiösen, kulturellen, politischen und wirtschaftlichen Gebiete der jüdischen Bevölkerung die Mitarbeit für das Wohl des Staates emöglicht sein wird. Er betonte gleichfalls, daß die jüdische Bevölkerung immer auf dem unverrückbaren Standpunkte der polnischen Staatlichkeit stand und auch fernerhin stehen wird. Premier Grabski begrüßte in herzlichen Warten den ersten Schritt zu der neuen Aera, die jetzt, wie er hofft, in den polnisch-jüdischen Beziehungen heranbricht. Man kam zur Ueberzeugung, sagte er, daß ein Zustand, in welchem ein Teil der Bevölkerung Nutzen vom Schaden des zweiten Teiles zieht, ganz unhaltbar ist. Er brachte schließlich folgende Deklaration zur Vorlesung: „Eure Deklaration nehme ich mit vollster Zufriedenheit entgegen. Meinerseits kann ich Euch versichern, daß die Regierung erwartet, daß die Politik der jüdischen Parteien im Geiste der Uebereinstimmung mit den Großmacht-Interessen und der inneren Konsolidierung des Reiches fömtfe des wirtschaftlichen Aufbaues des Landes geführt werden wird. Die Regierung ihrerseits wird den kulturellen und wirtschaftlichen Bedürfnissen (Dep. Kirschbraun: Herr Premier, und den religiösen?'— Premier Grabski: Das verstehe ich in erster Linie unter kulturellen) der jüdischen Bevölkerung mehr Aufmerksamkeit schenken." Premier Gräbski verkündete endlich die Veröffentlichung einer ganzen Reihe Verordnungen, welche in dem Sinne der obigen Ausführungen vorerst die kulturellen, aber nicht ohne Zusammenhang mit den wirtschaftlichen Fragen, schon in den nächsten Tagen regeln werden. Lv<ri»kvsiel). Dir Jca erhält ein Einwanderungsprioilegium für Brasilien. Paris, 1. Juli. Auf Grund von Verhandlungen zwischen dem Delegierten der Jewish Colonisation Association (Jca) für Brasilien, Rabbiners Raffalowitz, mit der Regierung in Rio de Janeroro hat' der- Einwanderungskommissar den vrasilianischen Konsulen in Europa Instruktionen erteilt, daß die Pässe der von der Jca empfohlenen Emigranten vidiert werden sollen: Wie erinnerlich, hat die Jca im vergangenen Jahre ein gleiches Pkivilegium'von der argentinischen Regierung gewährt bekommen: Tatsächlich haben die von der Jca empfohlenen Immigranten, meist russischer Herkunft, Bisa für Argentinien erhalten. Angesichts der Einwanderungsbeschränkungen; die in allen Ueberseeländern bestehen, sind die der Jca gewährten Privilegien von größer Bedeutung, sie werden insbesondere vielen seit' anderthalb Jahren in europäischen Häfen schmachtenden Emigranten zugute kommen. (I. T. A.). \ __ Die Newyorker Polizei schützt die Sadbattuhe. New Pork, 2. Juli. Wie die Jewish Sabbath Alliance mitteilt, hat der Polizeikommissar Engright verordnet, daß das Fahren im Umkreis von 100 Fuß einer Synagoge während der Gottesdienste sowie in der Zeit von Freitag Sonnenuntergang bis Sonnabend nach Einbruch der Dunkelheit * verboten ist. Die Verordnung ist das Resultat einer Konferenz zwischen Kommissar Enright und dem Präsidenten der Sabbath-Alliance Dr. Bernhard Drachmann. paläftin«. Die Wasserversorgung Jerusalems vor dem Obersten Gericht Palästinas. Jerusalem, 1. Juli. Das Palästinensische Oberest Gericht entschied am 25. Juni, daß die Regierungsverordnung, in Zeiten von Wasiermangel aus den Brunnen des arabischen Dorfes Urtas im Distrikt Bethlehem für Jerusalem zu holen, ungesetzlich sei, da diese Verordnung im Widerspruch zu der Verfassung Palästinas und zu Artikel 2 des Mandats steht. Anfang April, zur Zeit des größten Wassermangels, weigerten sich die Araber von'Urtas, der Verordnung der Regierung, Wasser für die Hauptstadt herzugeben, Folge zu leisten, indem sie erklärten, das Wasser würde für Häuferbau jüdischer Einwanderer Verwendung finden. Die Palästinensisch-Arabische Exekutive hat die Dorfbewohner in ihrem Verhalten ermutigt und sie veranlaßt, Klage beim Obersten Gericht zu erheben. Die nunmehrige Entscheidung des Gerichtes hat in Jerusalem Sensation hervorgerufen. (I. T. A.) Sir Herbert Samuels Abschied. Jerusalem, 2. Juli. Die Jerusalemer Stadtverwaltung gab am 28. Juni abends zu Ehren des scheidenden Oberkommissars Sir Herbert Samuel ein Bankett, welchem mehr als 600 prominente Jerusalemer Bürger beiwohnten. Der Bürgermeister von Jerusalem, Ragheb Bey Rashashibi, hielt eine feierliche Ansprache an Sir Herbert Samuel und rühmte dessen Gerechtigkeitssinn und Nobilität. Im Namen der Stadwerordnetenversammlung überreichte der Bürgermeister dem scheidenden Obekommissar ein Album von Jerusalem, in welchem die Entwicklung der Landeshauptstadt in den fünf Jahren der Amtstätigkeit Sir Herbert Samuels dargestellt ist. Auch an Lady Samuel richtete der Bürgermeister Begrüßungsworte und rühmte deren charitative Arbeit zum Wohle der Bevölkerung. Sir Herbert Samuel erwiderte die Grüße und sagte, Jerusalem sei die Stadt der Verschiedenheiten, und das sei ihr Ruhm. Hier darf keine Feindschaft zwischen einzelnen Gruppen herrschen. Zum Schlüsse erklärte er, er werde nach Beendigung seiner Ferien nach Jerusalem zurückkehren und sich hier als Bürger niederlassen. Am 28. Juni stattete Srr Herbert Samuel dem Oberrabbinat Palästinas, dem Moslemitischen Oberrate und der Palästinensischen Zionistischen Exekutive Abschtedsvisiten ab. Am Tage vorher besuchte Sir Herbert Samuel den Gottesdienst in der Synagoge „Rabbi Jehuda Hachafsid", in welcher der vor kurzem eingetroffene polnische Chassidim-Rabbi, „der Modzicer Rebbe" vorbetete. Beim- Abschied- Sir Herbert Samuels weinten die Andächtigen. Später besuchte Sir Herbert den Modzicer Rebben und' unterhielt sich mit ihm über Fragen des Aufbaus, und die Stellungnahme der Agudas Jisroel. Dann sprach er auch mit dem „Jabloner Rebben". Bei seiner- Verabschiedung von der Stadt Haifa erhielt Sir Herbert als Andenken den Plan der Stadt, eingefaßt in einem kostbaren Rahmen. rum Dienstagden 30. Juni, dem Tage vor feiner Abreise aus Palästina, war Sir Herbert Samuel Gast der Stadt Tel-Awiw, die ihm einen großartigen Empfang bereitete. Sir Herbert wurde feierlichst das Ehrend i p l o m der Stadt Tel-Awiw überreicht. Jerusalemer Brief. Die gesprengte Delegiertenversammlung. — Volksabstimmung und Neuwahlen. — Herbert Samuels Abschied. - Eine Torheit Usstschkin«: — Gerichtshof contra Negierung. — Verschlechterung dev Einwandernngs-Vedtngungen. Jerusalem, 30. Juni. Die Sprengung der Delegiertenversammlung be^ schäftigt natürlich die Gemüter der Politiker aufs Lebhafteste. Die Lage ist dadurch so verzwickt, daß der „Misrachi" durch seine Erklärung, die Frage des Fraüenwahlrechtes sei für ihn keine religiös-halachische, sondern eine taktisch-politische den Gegnern natürlich die schärfsten Waffen in die Hände gegeben hat. Der „Misrachi" scheint nun darauf auszugehen, die Frage des Frauenwahlrechtes zum Gegenstände einer Volksabstimmung zu