Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 66 (1925)
- Issue
- Heft 28 (9.7.1925)
- Date
- 1925-07-09
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2446951-2450337-2450364--72332-2529699- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Der Israeli! Nr. 28 Sette 3 I 9. Juli 1925. Die Vorgänge in Jerusalem. I Während in Wien der Zusammentritt einer I Kommission vorbereitet wurde, die in Fortsetzung I der Londoner Verhandlungen die bedeutungsvolle Frage des neuen Palästinensischen Gemeindegesetzes auf dem Wege der Verständigung zwischen dem zionistischen W a a d leumi und Agudas Jisroel zu lösen versuchen sollte, ist der W a a d l e u m i selber! in Jerusalem in zwei etwa gleiche Hälften aus-! einandergefallen. Die misrachistischen und gemäßigtenkonservativenElemente haben einen feierlichen Exodus vollzogen und sich selber als allein berufenen Rationalrat konstituiert. Ganz einerlei, ob diese Spaltung Bestand haben oder — wie wahrscheinlich — sehr bald durch irgendwelche Verkleisterungen für einige Zeit aus der Welt geschafft werden wird, die Tatsache selber zeigt deutlich die völlige Unmöglichkeit einer einheitlichen Vertretung der palästinensischen Judenheit, sobald mehr als bloße Aeußerlichkeiten den Kompetenzkreis der Vertretungskörperschaft bilden sollen. Die Ursachen des Konflikts liegen tiefer als seine äußere Veranlassung. Im letzten Grunde handelt es sich um die Frage, ob im jüdischen Volke religiöse bezw. halachische Probleme durch Mehrheitsabstimmungen eines Parlamentes entschieden werden können. Diejenigen, die eine auf Gottesoffenbarung ruhende religionsgesetzliche Tradition verleugnen, bejahen die Frage natürlich, die v'i'vrw verneinen sie mit größerer oder geringerer Entschiedenheit. Dieser Gegensatz ist ehrlicher Weise nicht zu überbrücken, er ist fundamental und kann durch die unklare, hin und her schwankende Misrachi-Politik — dieses Selbstbekenntnis stammt von dem Misrachisten Rabb. Ostrowski selber — in der Frage des Frauenwahlrechts wohl zeitweise verdunkelt, aber nicht aus der Welt geschafft werden. Diesmal war es s ch e i n b a r der Abstimmungsmodus (geheim oder öffentlich), der den Bruch veranlaßte; in Wirklichkeit hätte ebensowohl das Abstimmungs e r g e b n i s in der Frage des Wahlrechts wie des Erbrechts der Frau wie in der Frage der r a b b i n i s ch e n Zust ä n d i g k e i t zu dem gleichen Konflikt führen müssen. Wann werden die Zwangspolitiker des Waad leumi aus den Tatsachen etwas lernen? Friede kann nur werden, wenn man jeder Gruppe ihre religiöse Freiheit läßt und lediglich in den außenpolitischen, das Verhältnis zur Regierung und zum Lande berührenden Fragen eine lockere Einheit schafft, die völlig ausreicht, um Zersplitterung zu verhüten. Prof. Dr. Abraham Sulzbach V'XT. Im gesegneten Alter von 87 Jahren ist in den Abendstunden des zehnten Tamus Professor Dr. Abraham Sulzbach in Frankfurt a. M. still in jenes Leben hinübergeschlummert, das man im Volksmund als das „bessere" zu bezeichnen pflegt. Und doch war das hieniedige Dasein gerade dieses Nestors jüdischer Wissenschaft und Lebenskunst eine lebendige Illustration für die Wahrheit jenes paradox klingenden Mischnasatzes: n'-ro «ri San rnwn v"»i rown bv nnrr nyty ns'* Als Mensch und Jehudi, als Gelehrter und Pädagoge ist er in vollendeter Sicherheit und Seelenruhe, als führte die Thora selber ihn väterlich an der Hand und als scheuchte ihr Licht ihm jeden Nebel und jeden Schatten, durch eine lange Lebensbahn geschritten, die nun ihre gradliniige Fortsetzung und Krönung in der Welt der Wahrheit findet. In Hamburg im Elul 5598 geboren, früh verwaist, fand der begabte Knabe in dem unvergeßlichen Oberrabbiner Stern einen treuen Annehmer; von ihm wurde er ins Lernen eingeführt, zum wissenschaftlichen Studium angeleitet und für die bewußte Erfassung auch der Probleme des jüdischen öffentlichen Lebens vorbereitet. Als der junge Abiturient 1857 die Universität bezog, begann die kurz vorher gegründete Realschule Samson Raphael Hirschs die Aufmerksamkeit aller denkenden Kreise innerhalb der gesetzestreuen Judenheit Deutschlands auf sich zu ziehen. So diente dem Studierenden der anderthalbjährige Aufenthalt an der Universität Würzburg nicht nur dazu, unter der Leitung Rabbi Seligmann Bär B.ambergers, den er zeitlebens als seinen pmia ia*i verehrte, den Grund zu einem umfassenden, intensiv erfaßten Thorawissen zu legen, sondern auch durch häufige Besuche in Frankfurt den geistigen Bund mit der Stätte seiner künftigen Lebenswirksamkeit zu schließen. Die Predigten Rabbiner Hirschs elektrisierten ihn derart, daß er oft über Sabbat in Frankfurt weilte und dann abends den Gedankengang dieser geistsprühenden Weckrufe an die Zeit aus dem Gedächtnis für sich niederschrieb. Indessen wurde er mehr und mehr zum Haussohne und Famulus des Würzburger Raws, der sich gerne seiner schriftstellerischen Fähigkeiten bediente und ihm dafür mit vollen Händen aus dem reichen Born seiner Thora spendete. Längere Zeit führten ihn die akademischen Lehrjahre nach Berlin, wo er bei Rabbi Michael Landsberg sein talmudisches Wissen erweiterte und vertiefte, bis ihn endlich 1862 die im Stillen wohl schon ersehnte Berufung an die Realschule nach Frankfurt erreichte, der er freudig Folge leistete. Nun begannen für den arbeitsfrohen jungen Gelehrten Jahre fruchtbaren pädagogischen und wissenschaftlichen Wirkens. Neben Deutsch, Geschichte und Geographie lag ihm eine ausgedehnte Unterrichtstätigkeit in den biblischen und talmudischen Disziplinen ob, die ihm die erwünschte Anregung bot, weit über das Maß einer pflichtgebotenen „Vorbereitung für die Unterrichtsstunde" hinaus auf dem Gebiete der jüdischen Geschichte und Philologie durch unablässiges Studium zum selbständigen, allseitig anerkannten Forscher zu reifen. Obwohl von Natur nüchtern und kritisch veranlagt, in Leben und Wissenschaft nicht ohne eine leise Neigung zur milden, lächelnden Skepsis, lohte dabei dennoch in seinem Innern die Flamme wahrhafter religiöser Begeisterung und echter die ihn davor schützten, auch nur um Haaresbreite aus der Bahn zu weichen, die dem j ü d i sich e n Forscher durch die festen Maßstäbe der Ueberlieserung gezeichnet ist. Den ersten Niederschlag dieser wissenschaftlichen Arbeit bildete die Fülle von kritischen und selbständigen Aufsätzen, die seit 1860 zuerst unter dem Buchstaben S., dann unter Dr. S. und vom Jahre 1866 an unter vollem Namen im „Israelit" erschienen, zu.dessen treuesten und wertvollsten Mitarbeitern der Heimgegange gehört hat. Ihn verband das Gefühls engster Waffenbrüderschaft mit Lehmann, Hildesheimer und Hirsch unserem Blatte, das er in selbstloser Weise als sein eigenes liebte und durch mehr als sechzig Jahre hindurch, fast bis in die letzte Lebensstunde hinein, mit lebendiger Teilnahme begleitete. Seine erste mit Namen gezeichnete Arbeit im „Israelit" erschien in der Nummer vom 10. Januar 1866 unter der Ueberschrift: „E i n kleiner Beitrag zur Geschichte des Bibel-Kanons und zur Bibel-Exeg e s e", die letzte galt dem D'oin hv-Gebete und erschien im Früjahr 1924. Ohne daß es möglich wäre, in diesei^Atunde eine vollständige Bibliographie seines literarischen Werkes zu bieten, seien hier einige der Bücher angeführt, die seiner Feder entstammten. Renan und der Judaismus. Eine Streitschrift gegen Ernest Renan. Frankfurt a. M. 1873. Wilhelm Erras. Dichterklänge aus Spaniens besseren Tagen. Auswahl aus den.Meisterwerken jüdischer spanischer Dichter. Metrisch übersetzt und mit Noten versehen. Frankfurt a. M. 1873. Wilhelm Erras. Rischuß oder Judenidiosynkrasie. Eine Zeitstudie. Loebau 1879. Richard Skrzeozck. Tone der Exegese, die das sprachliche Moment, die Etymologie stets berücksichtigt. So liest sich das Ganze leicht und gefällig und verspricht, ein rechtes „Volksbuch" zu werden. Bis zur Drucklegung dieser Zeilen dürfte auch das dritte Bändchen (ii> i^) in die Hände des Leserkreises gelangt sein. Möge es dem Herrn Verfasser '"2 vergönnt sein, das schöne Werk zu Ende zu führen zur Ehre der nmmzum Segen aller Lernbeflissenen! frrrr Menachemsohn. Bemerkungen zu vM'S 'S- Don Rabbiner Kr. Winkler in Kopenhagen. I. 28,11: vni'S- Das -Iud" in Pinchos mutz nach der Ueberlieserung kleiner als sonst geschrieben werden. Vielleicht hängt das mit der Agadaangabe zusammen, wonach Pinchas mit dem Propheten Elia, dem ..Malach Kabris", identisch und als solcher Zeuge sei der Aufnahme der kleinen neugebornen Juden in den Bund Abrahams; und da ferner der erste dieser Kleinen unser Stammvater Isaak war, darum hat wohl auch om'ö den gleichen Zahlenwert wie p>ns->. — 26,11: ina 8h mp 'm Korachs Söhne aber, die mit ihm zusammen in die Erde versenkt wurden, lind nicht gestorben". — Einer ihrer Nachkommen, der Psalmdichter Ossos, singt: „Fremde, o Gott sind in dein Erde etngedrungen (Ps. 79)!" Zu der bekannten Erklärung dieses Singens, wo er hätte klagen sollen, zitieren Tossasot Oa 8"h panTp) noch eine andere aus dem Midrasch: Einer armen Magd. Wasser aus dem Brunnen schöpfend, entgleitet der dazu mitgebrachte Ton Krug und fällt ins Wasser. Sie steht ganz verzweifelt da. Doch kommt in diesem Augenblick eine Kollegin aus dem benachbarten Fürftenhaufe mit einem goldenen Krug an den Brunnen, der das gleiche Malheur widerfährt. Nun wird sie wieder hoffnungsfroh: ..datz sich jemand herbeilaffen würde, mir meinen Tonkrug aus dem Brunnen zu holen, daran durste ich nicht entfernt denken: jetzt aber bin ich sicher, datz mit dem goldenen Krug zugleich auch der meinige herausgezogen werde? So auch die Söhne Korahs: „Früher war für uns keine Hoffnung gewesen, dem Schoße der Erde entzogen zu werden; doch nun, nachdem auch die Tore des Heiligtums in die Erde versenkt wurden (Klage!. 2,9), singen wir, in der Zuversicht, datz mit diesen zugleich auch wir aus den Tiefen gehoben werden." III. 26,36: nhrnir? 'lii crnsx '12 nbrr. „Dies sind die Söhne Efraims: Schufelach." Das 1. Buch der Chronik» 7,21, berichtet, datz die Söhne Schufelachs von den Philistern umgebracht wurden. Näheres darüber wird im Targum das., im Midrasch und im Talmud ('a a"s rmnio) mitgeteilt. Danach hätten die Nachkommen Efraims, von einer falschen Berechnung ausgehend, einen frühzeitigen Auszug aus Aegypten unternommen und wurden unterwegs von feindlichen Horden aufgerieben. In Pirke de Rabbi Eliefer jedoch. Kap. 48, wird sogar der Name des Urhebers dieses unheilvollen Exodus angegeben: Enon (juy) soll er geheißen und sich fälschlich aus eine göttliche Offenbarung berufen haben. Doch wer ist Enon? Vergebens suchten wir nach einem solchen Namen in der ganzen Heiligen Schrift! Wir glauben bestimmt, datz das Wort ein Druckfehler ist und richtig E r o n (p») heißen mutz. Eron war nämlich Schufelachs Sohn. — Weiter glauben wir eine Andeutung in der Tauro für die obige Begebenheit in dem i Umstand gefunden zu haben, datz nur bei der Auszählung der Nachkommen Efraims allein das Wort dreimal wiederkehrt: Nach der dritten Generation (Efraim, Schufelach, Eron) sind ..nur diese allein" am Leben zurückgeblieben. Kleines Feuilleton. Das JT3 in Haarhausen. Von 2akob Höxter in Iesberg. Schon vor vielen Jahren habe ich in diesem Blatte von diesem n-o gesprochen. Wehmütige Erinnerung steigt bei manchem auf, wenn er auch heute die Ueberschrift meines Artikels erblickt, in dem ich zu einer gebieterischen Notwendigkeit aufsordere, die Pietät und Menschenpflicht erheischt, beizutragen nach Kraft und Möglichkeit zur Erhaltung einer Stätte, wo unsere teueren Entschlafenen vom schweren Erdenleid befreit ausruhen, bis einst rran die Gräber öffnet. Diese Begräbnisstätte, etwa 2 Kilometer von der an der Main-Weser-Bahn gelegenen Station Zimmersrode entfernt, 100 Meter von dem ostwärts gelegenen, und von christlicher Bevölkerung bewohnten Dörfchen Haarhausen, ums aßt eine zirka 5 Hektar betragende Bodenfläche. Die Westseite derselben umgrenzt schwarzer Tannenwald, hinter einer Holzeinfassung sich hinziehend. Auf dieser Stätte schlummert eine große Gemeinde, deren Glieder aus einem Dutzend von Kehillaus, aus der Nähe