Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 66 (1925)
- Issue
- Heft 27 (2.7.1925)
- Date
- 1925-07-02
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Veile 8 Nr. 27 Der Israelit 2 Juli 1925 an Privatwohnung des Ministers Skrzynfki stattgehabte Kon-1 einer ganzen Reihe Artikel Dr. Reich sehr scharf serenz der obengenannten „Unterhändler", von der man Dieses Organ macht ihm den Vorwurf, daß er den jü wußte, daß sie eine endgültige und entscheidende sein wird, einen günstigen Verlauf genommen und zu einer gegenseitigen Verständigung geführt hat. Ueber das Resultat der Konferenz kam jüdischerseit gestern ein lakonisches Kommuniquee in der jüdischen Presse zur Veröffentlichung, das wenig besagt. Am nächsten Tage fand eine Plenarsitzung des jüdischen Sejmklubs statt, in der die Abgeordneten Dr. Reich und Dr. Thon über den Verlauf der Verhandlungen und das erzielte Resultat ausführlich berichteten. Die Debatte über den Bericht wurde für heute abend festgesetzt, da die Mitglieder sämtlicher Gruppen, aus denen der Sejmklub zusammengesetzt ist,- vorher untereinander über ihre Stellungnahme sich verständigen wollten. Es ist jedoch mit allvr Bestimmtheit zu erwarten, daß alle Gruppen, mit Ausnahme etwa der zionistischen im Klub durch vier Abgeordnete vertretenen Arbeitergruppe „Hithachduth", deren negative Stellung zu den Verhandlungen schon im ersten Moment ihrer Anknüpfung zum Vorschein kam, ihre Zustimmung zu der vereinbarten Abmachung geben werden. Damit ist jedoch das Werk der Verständigung noch nicht ganz unter Dach gebracht. Es muß doch auch difchen Sejmklub zum Werkzeug des parlamentarischen Kampfes gegen die nationalen Minderheiten und die Juden in den Randgebieten zum Instrument der Poloni fierung machen will. Das sind natürlich Insinuationen, die mit nichts be i gründet sind. Weder will es Dr. Reich, noch werden sich die Juden in den Randgebieten um irgend einen Preis in der Welt dazu hergeben, das von den Juden mit redlicher Sorgfalt gepflegte Zusammenleben mit allen nicht jüdischen Nachbarn eigenwillig und eigenhändig zu zer stören. Cs ist demnach ausgeschlossen, daß ein jüdischer Politiker auf eine derartige Verpflichtung einzugehen wagte. Vielmehr entspricht es vollständig den Tatsachen die das Organ der Nationaldemokraten „Kurjer War fzawfki", übrigens aus ganz kompetenter Quelle berichtet. Wir lesen dort u. a. wörtlich: „Das Resultat dieser Verständigung auf dem Sejmterrain bedeutet den Uebergang des jüdischen Klubs von der Opposition zur sachlichen Behandlung der Regierungsvorschläge. In politischer Hinsicht werden aus dieser Verständigung noch weitere Konsequenzen gezogen werden müssen. Die Juden als nationale Minderheit werden nicht mehr solidarisch mit den anderen Minderheiten auftreten. Sie werden seitens der Regierung auf eine offizielle Weife ratifiziert j vielmehr zu einer selbständigen Politik übergehen, fußend aus dem Boden der Loyalität gegenüber dem Staat, der Anerkennung der Grenzen und der Stellung Polens als Großmacht." Es ist klar, daß das alles sich aus die äußere, aber nicht innere Politik bezieht. In anderen Worten und in bedeutend klarerer Form haben sich zahlreiche jüdische Poli tiker über das zukünftige Verhältnis des jüdischen Klubs zu den nationalen Minderheiten geäußert. Sie stellten mit aller Entschiedenheit fest, daß die jüdischen Abgeordneten auch nach der Verständigung freie Hand in ihrer Politik gegenüber den anderen Minder heilen haben werden. Sie werden auch wie bisher die national-kulturellen Forderungen der Minderheiten unter stützen. Sie werden bloß nach wie vor auf dem unoer rückbaren Standpunkte der polnischen Staatlichkeit stehen und nichts machen, was gegen die polnische Staatssouveränität gerichtet sein wirb. In dieser Richtung liegen also die Verpflichtungen, die eigentlich selbstverständlich sind und keiner schriftlichen Festlegung bedürfen. Es ist somit nicht ausgeschlossen, daß die jüdischen Abgeordneten hie und da im Sejm zusammen mit den Abgeordneten der anderen Minderheiten eine oppositionelle Stellung einnehmen werden. Allein das wird nicht mehr eine prinzipielle Opposition, sondern eine von sachlichen Erwägungen diktierte Stellungnahme sein. Die Trutzpolitik hört gegenseitig auf. Sollte gleichzeitig mit der Aenderung des Kurses der Negierungspolitik auch in der polnischen öffentlichen Meinung ein günstiger Umschlag oder wenigstens sukzessive Wandlung kommen, sollte die antisemitische Hetze aufhören und an ihre Stelle wohlwollende Nachsicht treten, dann würde diese, papierene Verständigung auch zu einem wirklichen Verständnis der gegenseitigen Interessen führen, dann wäre sie ein richtiger Wendepunkt in der Geschichte des polnischen Judentums und Dr. Thon hätte Recht mit dem, was er am folgenden Tage nach Abschluß der Verständigung einem Zeitungsberichterstatter erklärte: Wir haben, sagte er, ein schweres Stück Arbeit verrichtet, aber man kann getrost behaupten, es war historische Arbeit. werden. Außer der Sektion für die Angelegenheiten der nationalen Minderheiten, der die Vereinbarung zur Be ratung und Bestätigung unterbreitet werden muh, soll am 1 Juli das politische Komitee des Ministerratspräsidiums diesen ganzen Fragenkomplex gründlich behandeln, wonach er am nächsten Tage Gegenstand der Beratung in einer Plenarsitzung des Ministerrats sein wird Wie man sieht, gibt es noch aus dem „kurz-langen Wege" — um einen Talmudausdruck zu gebrauchen — zur endgültigen Erledigung der Frage genug Etappen, denen unvorhergesehene Hindernisse erwachsen können, die im Stande sind, das ganze mühevolle Versöhnungswerk zunichte zu machen. Das mag der hauptsächlichste Grund sein, weshalb die jüdischen Deputierten so wortkarg sind und außer dem erwähnten kurzen Kommuniquee nichts Näheres über die erreichte Verständigung Mitteilen wollen. Sie möchten eben nicht zuviel Hoffnungen erwecken, damit die eventuelle Enttäuschung nicht zu groß wäre Indessen ist doch die Hoffnung berechtigt, daß die maßgebenden Stellen ihre Genehmigung dem Friedenswerke nicht versagen werden. Die beiden Minister haben aus eigene Faust und Verantwortung nicht gehandelt. Der Premier wurde von seinem Bruder, dem Kultusminister St. Grabski, über den Gang der Verhandlungen genau informiert und es verlautet, daß nichts ohne sein Wissen und Einverständnis geschah. Außerdem gilt Kultusminister Grabfki als sine sehr einflußreiche Persönlichkeit im Lager der Nationalisten. Man vermutet nicht ohne Grund, daß er sich die Unterstützung der beiden nationalistischen Parteien, der „Endeten" (Nationaldemokraten) und „Chadeken" (Christlichsoziale) bei der Behandlung der Judenfrage im Sejm gesichert hat. Einzelheiten über Inhalt und Wesen der Verständigung wird man erst nächste Woche nach der beiderseitigen Ratifizierung erfahren können. Vorläufig ist nur soviel bekannt, daß das Uebereinkommen sowohl nationalkulturelle, als politische und ökonomische Probleme umfaßt. Die Regierung verpflichtet sich durch Zirkular. Verordnungen und wo möglich durch Gesetzprojekte, die durch den Einfluß der Regierung vom Sejm angenommen werden sollen, sämtliche Begrenzungen zu beseitigen und die von der Konstitution verbriefte Gleichberechtigung auch in der Tat den jüdischen Bürgern gegenüber in Anwendung zu bringen. Die Regelung der national-kulturellen Fragen, worunter hauptsächlich das Schul- und Gemeindewesen zu verstehen ist, wird den anderen oorausgehen. Die ökonomischen, die, wenn auch nicht die wichtigsten, so doch die brennendsten Fragen sind, werden auf eine Regelung bis nach den Sommerserien warten müssen. Das ist aber bloß eine Seite der Medaille: die Rechtsfette; Aus der zweiten befinden sich die Pflichten. Da entsteht unwillkürlich die Frage: welche Verpflichtungen haben die jüdischen Deputierten der Regierung gegenüber übernommen? Die nationalen Minderheiten, besynders aber die De? Abschied Herbert Samuels. Jerusalem, 24. Juni. In Verbindung mit der Tagung fand auch die bereits mitgeteilte Abschiedsfeier für Herbert Samuel statt. Die Feier eröffnete Kolonel Kisch mit einer herzlichen Ansprache, worauf im Namen der Delegierten der Abgeordnetenversammlung Herr Bürgermeister D i s - singhoff aus Tel Awiw in einer längeren Rede mit einem Ueberblick über die Entwicklung der letzten fünf Jahre den Dank der jüdischen Bevölkerung Palästinas an den Oberkommissar zum Ausdruck brachte. Im Namen des „Waad Hair" für die Juden Jerusalems sprach und dankte Herr Josef M e j u ch a s. Darauf folgte die Antwort und die Abschiedsrede des Oberkommissars, Ukrainer bezeigen eine gesteigerte Unruhe und betrachten die mit großer Aufmerksamkeit angehört wurde, die Verhandlungen als feindlichen Schritt der Juden Der Oberkommissar schilderte gleich zu Anfang die Crgegen die anderen Minderheiten. Das radikale ukrainische rungenschaften der letzten fünf Jahre als gleich fegens- Lemberger Organ „Dilo" greift feit geraumer Zeit in I voll für die Juden wie für die Araber. Die Juden neigen oft zur Kritik, aber er müsse anerkennen, daß hjese :h,n gegenüber nicht über das Maß hinausging. Er für fri^, Person hält die geringste positive Arbeit für wichtiger als die ausgiebigste Kritik. Es gibt leideren Lande wie \rn Auslande Elemente, die nicht verstehen, daß übersteigerte Forderungen dazu führen, daß auch das Minimum rufyt erreicht wird. Er hofft aber, daß diese Elemente von he« vernünftigen Teilen hintenan gehalten werden. Enttäuschungen habe er, der Oberkommissar, in drei Punkten erlitten: daß das Gemeindegesetz noch nichr genehmigt werden könnte, daß ferner das Cinbürgerungsgefetz zu keiner definitiven Regelung gelangte und schließlich, daß im allgemeinen der richtige Modus für die Städifche Verwaltung noch nicht gefunden ist. Er hofft, daß auch diese Fragen bald zur vollen Lösung kommen. Es liege in der etwas mystisch, veranlagten Natur des Orients, hinter den einfachsten Dingen tiefere Gründe zu suchen. Es fei aber ganz unsinnig, der Berufung des Marschall Plumer den Sinn zu geben, als bedeute sie eine Aenderung in der Mandatspolitik. Diese Berufung war lediglich von Rücksichten der Eignung und Tüchtigkeit bestimmt. Es spricht für eine Gesundung des Landes, daß es sich den Luxus vieler Experimente auf landwirtschaftlichem Gebiete leisten kann. In den verschiedenen Kolonien werden heute die verschiedensten Systeme ausprobiert, und die nahe Zukunft wird es zeigen, welches dem Lande am besten dienlich ist. Der Oberkommissar rühmt die Leistungen der Juden auf dem Gebiete von Kunst und Wissenschaft und spricht einige artige Worte der Anerkennung an die Adresse Woizmanns. Ebenso gibt er seiner Freude Ausdruck, daß es ihm vergönnt war, noch in den letzten Wochen mit Baron Edmund de Rothschild zusammenzukommen. Er schließt mit der Versicherung, daß der fünfjährige Aufenthalt in Palästina ihm und feiner Gattin viele glückliche Stünden gebracht hätte. Cr scheidet mit den besten Hoffnungen für das Land und die Menschen, die es bewohnen und ihr nationales Heim auf ihm errichten wollen. Personalien. Berwangen, 24. Juni. Herr Lehrer Leogi-Verwangen, beging am 7. Juni seinen sünsundsiebzigsten G eb u rts tag. vw kihmgen, 25. Juni. Hier wurde unter Anteilnahme der ganzen israelitischen Kultusgemeinde Frau Z. S ch u r, die würdige Ehefrau des durch feine große Gelehrsamkeit bekannten verewigten Kultusbeamten Meier Schur, zu Grabe getragen. Frau Schur, die einer der frömmsten Familien Süddeutschlands entstammte, war durch ihre echte Frömmigkeit, ihre beispielhafte Pflichttreue und ihre ungewöhnliche Wohltätigkeit in weiten Kreisen bekannt und erfreute sich bei Juden und Christen hohen Ansehens. Sie erfüllte nicht nur für sich die drei hohen jüdischen Frauenpflichten auf, das Gewissenhafteste, sondern war auch musterbildlich darin.. Besonders hervorgshobsn zu werden verdient das starke Gottvertrauen, mit dem sie den Verlust dreier herrlicher Söhne im Weltkriege und den Tod ihres Mannes ertrug. Joseph Erlanger Vst* Luzern, 28. Juni. Noch können wir es kaum fasten, daß Joseph Erlanger, dieser Typus des kraftstrotzenden und blühenden Meuchen, uns entrissen ist, und doch ereilte uns die traurige Kunde, daß am Raufch-Chaudefch Tamus, ein Autounfall einem jungen Leben im Alter von erst 34 Jahren ein jähes Ziel gesetzt hat. Mit seiner engeren Familie, der jungen Gattin und seinen noch im zartesten Alter stehenden Kindern, dem alten Vater, Herrn Abraham Erlanger, und dessen Familie in Luzern, trauern nicht nur wir, ändern trauert der Klal Jisroel um den Verlust dieses Mannes^ der Kn jedem Zoll und jedem Schritt ein echter und wahrer .Jehudi gewesen ist. Schon im Elternhause empfing Joseph Erlanger die Eindrücke, die ihn belehrten, wie man in vorbildlicher Weise im kleinen und im großen Ar Ton mVmi rrrm min zu wirken hat. In jungen Jahren kam er nach Frankfurt a. M. und machte hier feine zeschäftliche Lehrzeit durch. Es ist nicht zu verkennen, daß eine spätere Wirksamkeit deutlich den Stempel dieser Frankfurter Jugendjahre aufwies. Die Anregungen, die er hier in einer echt jüdischen Umgebung, namentlich aber auch im Schoße der Gemeinde Samson Rafael Hirschs 'r r empfing, feine innige Freundschaft mit Rabb.-Assessor G. Posen und Dr. Israel Roos f. A. und die Berührung mit-den mannigfachen Fäden jüdischer Klal- Arbeit, die in Frankfurt a. M. zusammenlaufen, alle diese Faktoren beeinflußten das empfängliche und bcgeisterungsfähige Gemüt des jungen Mannes in mach - voller Weife. Sie ließen ihn zu einer ideenreichen Per önlichkeit reifen, die voll Energie und kraftvoller Jnitiellve kein Hindernis kannte, wenn es galt, anderen Mei - ichen Hilfe zu bringen, besonders aber für Klal Jisrorl zu wirken. Wir brauchen kaum zu erwähnen, wie sehr Josepn Erlanger bis ins kleinste bei jeder einzelnen Mizwoh pv - war, in welch vorbildlicher Weise er besonders aa' vrri erfüllt hat, wie" er überhaupt einen ausgeprägtem