Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 66 (1925)
- Issue
- Heft 25 (18.6.1925)
- Date
- 1925-06-18
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 25 Seite 7 18. Juni 1925 Persönlichkeit den Stempel ausgedrückt habe. Vor allem hat die Chewra zweierlei bei ihrem Basler Rabbiner gesehen und gelernt: Die treue Pflichterfüllung und stete Friedensliebe. Gab ihr Rabbiner ihnen das Vorbild durch regelmäßigen Besuch jeden Gottesdienstes während vier Jahrzehnten, durch Erscheinen bei jedem freudigen und traurigen Anlaß im Hause eines jeden Gemeindemitgliedes, so habe dies auch die Mitglieder der Chewra angefeuert, ihren heiligen Pflichten mit Pünktlichkeit und Emsigkeit zu obliegen. Hatte ihr Rabbiner es verstanden, durch seine Friedensliebe die Gegensätze in der Gemeinde zu überbrücken und mit jedem in Scholaum auszukommen, so habe auch dieses Beispiel auf die Chewra-Mitglieoer. ivelche alle in freundschaftlichem Verkehr zueinander stehen, gewirkt und dadurch erst deren segensreiche Tätigkeit ermöglich. Sodann überreichte Herr Eisemann namens der Chewra Kadischa dem Jubilar ein schön ausgestattetes Schild für seine Seferthora. Aeutzere und innere Judenpolilik. lVon unserem Korrespondenten). Krisen im jüd. Klub. — Um Lueien Wolf. — Das Konzesstonsgesetz. — Die Bedrohung' der jüd. Handwerker. W a r s ch a u, 10. Juni. Die einheimische jüdische Presse hat sich seit einiger Zeit über Mangel an Sensationen nicht zu beklagen. Lä^e es nicht in der Natur der Dinge, daß sie so rasch wie nur möglich kolportiert werden müssen, mancher Zeitungsberichterstatter wäre glücklich, wenn er von der geradezu überreichen Fülle der jüngsten sensationellen Ereignisse etwas in die bevorstehende farblose und neuigkeitsarme „Gurkensaison", die jährlich während der Sommerserien eintritt, hinüberretten könnte. Sie haben sich übrigens, unsere armen Journalisten, nach der ihnen durch die jüdischen Politiker aufgezwungenen und rühmlich bestandenen Enthaltsamkeit diese „glückliche" Zeit auch ehrlich verdient. War es doch schon seit Wochen und Tagen für jeden, der dem jüdischen Sejmklub etwas näher steht, kein Geheimnis, daß es hinter den politischen Kulissen sehr rege zugeht, daß vom jüdischen Sejmklub eine engeres Komitee gewählt wurde, welches auf Anregung der Regierung mit derselben in Verhandlungen über die Lösung verschiedener, speziell die Juden interessierender Fragen treten sollte. Es war auch für jeden Eingeweihten kein Geheimnis, daß Herr Lucien Wolf, der Vertreter des jüdisch-englischen Board of Deputies, nach Warschau kommt, um persönlich in die Verhandlungen als Vermittler zwischen den Parteien einzugreifen. Die Oeffentlichkeit erfuhr aber nichts von all dem. Auf Wunsch der leitenden Männer sollte alles bis zu Ende, d. h. bis zum Abschluß eines Ausgleiches diskret bleiben. Das ist aber nicht gelungen. Zwei Ereignisse, die gleichzeitig bekannt wurden, machten die Absichten der „Geheimdiplomatie" zuschanden. Eines schönen Morgens erscheint in der Warschauer jüdischen Presse ein Brief des Deputierten Grünbäum, daß er beschlossen habe, aus dem jüdischen Klub herauszutreten und sein Mandat in die Hände des zionistischen Oberrates zurückzulegen. Gleichzeitig erfährt man aus einem Londoner Telegramm der Lemberger „C h r i l a", dem offiziellen Organ des Dr. Reich, dem Präsidenten des Sejmklubs, daß LucienWolfin ern.rr sehr wichtigen Mission nach Warschau kommt. Diese beiden Nachrichten erregten allgemeines Aufsehen. Auch für den Laien, der nur ein wenig mit dem Getriebe der Politikmacherei vertraut ist, wurde klar/ daß zwischen diesen beiden Ereignissen ein enger Zusammenhang bestehen mutz. Auf einer gleich einberufenen Plenarsitzung des Sejmklubs brach ein gewaltiger Sturm los. Die wenigen Mitglieder des „engeren Komitees" erklärten, daß sie die Verantwortlichkeit für die Verhandlungen nicht tragen können, da dieselben hinter ihrem Rücken gepflogen werden und sie nicht einmal über den Inhalt des Memorandums, das Dr. Reich als Unterbrertung der jüdischen Postulate der Regierung überreicht hatte, informiert wuden. Diese Verschwiegenheit den Kollegen und Mitarbeitern gegenüber wurde an Dr. Reich mit um 'o größerer Aufregung gerügt, als er sich gleichzeitig in seinem Organ eine Indiskretion zuschulden kommen ließ Cr wurde aufgefordert, die Nachricht zu widerrufen. Das machte er nicht. Er begnügte sich mit der nichtssagenden Erklärung, daß die „Chrila" nicht sein offizielles Organ sei und er nicht verantwortlich gemacht werden könne für die in dieser Zeitung abgedruckten Telegramme. Der Israelit Natürlich konnte und wollte die Warschauer jüdische Presse sich nicht länger knebeln lassen. Man begann also die Oeffentlichkeit über die Vorgänge hinter den Kulissen zu „informieren". Wie immer aber in solchen Fällen verfiel man von einem Extrem ins zweite. Nach der bisherigen Geheimnistuerei, nach der tiefen Sülle setzte ein Lärm ein, ein Gepolter, ein Mischmasch von Erklärungen und Dementis, eine Flut von Interviews, Aeußerungen und Richtigstellungen, so daß sich der gewöhnliche Sterbliche in diesen Widersprüchen nicht zurechtzusinden vermag und nach dieser ganzen „Aufklärungsarbeit" sich beschämt sagen muß: „ich bin so klug wie zuvor." Die Nachricht der „Chrila" erwies sich auch bald als ricytig. Die Ankunft des Herrn Lucien Wolf ließ map lange aus sich warten. Am Pfingstfest traf er in Warschau ein. Kalt, von manchen Zeitungen sogar barsch, wurde er von der nicht-orthodoxen jüdischen Presse empfangen. Zehn Tage dauerte sein hiesiger Aufenthalt. Während dieser Zeit konferierte er mit den polnischen Staatsmännern, mit den jüdischen Politikern, stattete Bcsuche ab (er besuchte auch Rabbiner Perlumtter, den bekannten orthodoxen Abgeordneten der polnischen Konstituante). empfing Zeitungsberichterstatter und erteilte Interviews, sammelte Material über die ökonomische, kulturelle und rechtliche Lage der Juden in Polen usw. ^,,t damit aber auch die eigentliche Absicht, das wahre Ziel seiner Reise nach Polen erschöpft? Eine polnische Zeitung versuchte den Besuch' von Lucien Wolf in Verbindung zu bringen mit dem Besuche mancher englischer Parlamentarier, die für Businers- Zwecke angesichts der für Polen in England in Aussicht gestellten Anleihe nach Polen gekommen sind, um die wirtschaftliche Lage und somit auch die Kreditfähigkeit des Landes zu prüfen. Lucien Wolf leugnete es auf das Entschiedenste ab. In einem Gespräch mit Lucien Wolf erklärte ihm Dr. Thon unumwunden, daß, wenn er gekommen, sei. in die inneren Angelegenheiten des polnischen Judentums sich einzumischen, dies mit Entschiedenheit zurückgewiesen werden müßte, da die polnischen Juden keine minderjährigen Waisen seien, die Vormünder bedürften, daß sie vielmehr in ihrer parlamentaischen Repräsentanz Männer bejaßen, welche auch im englischen Parlament eine hervorragende Rolle spielen könnten. Lucien Wolf antwortete, daß es ihm fern liege, sich als ungebetener Vermittler einschleichen zu wollen. Seine Absicht sei, an!>t und Stelle die Lage der Juden oder, wenn man will, die Judensrage in Polen kennen zu lernen. Wenn es ihm dabei möglich wäre, eine Verständigung oder wenigstens eine Entspannung der schwülen judenseindlichen Almosphäre herbeizuführen, wäre ihm das natürlich sehr genehm. Aus dieser letzten Erklärung, die er auch in den zahlreichen Interviews in den verschiedensten Varianten wiederholte, ist zu entnehmen, daß er nach Polen nicht bloß zu Jnformationszwecken gekommen ist, daß vielmehr seiner Reise bedeutend wichtigere Motive zu Grunde lagen. Während seiner Anwesenheit in Warschau wurden Dr. Reich und Dr. Thon zu einem Diner in der Privatwohnung des Ministers für Auswärtige Angelegenheiten, Herrn Skrzynfki, e'mgelaben. Der Kultusminister Stanislaw Grabski fand sich gleichfalls ein. Beide Minister knüpften mit den jüdischen Gästen ein Gespräch an. welches^drei Stunden dauerte. Am nächsten Tage wurde abermals Dr. Reich in einer kurzen Audienz vom Minister Skrzynski empfangen. Einzelheiten über diese Gespräche sind nicht in die Oeffentlichkeit gedrungen. Im allgemeinen verlautet jedoch, daß hier die Judenfrage in ihrem ganzen Umfange behandelt wurde und daß manche wichtigeren Fragen detailliert zur Aussprache gelangten. Kann man an diese Verhandlungen große Hoffnungen knüpfen? Lucien Wolf erklärte, optimistisch zu sein. Er fügte aber gleich hinzu, daß er überhaupt Optimist sei. Es gehört wirklich eine große Dosis Optimismus dazu, die Lage rosig zu sehen. Es unterliegt gar keinem Zweifel, daß die Regierung tatsächlich wenigstens eine teilweise Lösung dieses komplizierten Problemes wünscht, mögen auch die Meinungen über die Motive dieses Wunsches geteilt sein. Es ist aber ernstlich zu befürchten, daß die Regierung, obwohl sie sonst von den rechtsstehenden nationalistischen Parteien gestützt wird, in der Judenfrage sich ohnmächtig erweisen könnte. Daß diese Befürchtung auch begründet ist, zeigte die jüngste Abstimmung im Sejm. Bekanntlich wurde durch ein Dekret des Reicy.- präsidenten die Revision der Konzessionen verordnet, welcye den bisherigen Besitzern abgenommen und unter Kriegsinvaliden verteilt werden sollen. Die Bestimmungen dieses Dekrets, deesien Spitze Hauptfach.. , gegen die jüdischen Konzessionäre gerichtet ist, sollten ein vom Sejm genehmigtes Gesetz werden. Ein entsprechendes Gesetzprojekt wurde ausgearbeitet, das aber jetzt oem Sejm unterbreitet wurde. Als Referent des Gesetzprojektes wurde Herr Polakierier, Mitglied des Klubs der radikalen Bauernpartei „Wyzwolenie", bestimmt. Im letzten Moment suchte Premier Grabski auf den Referenten zu wirken, daß er die Zurückweisung des Projektes an die Kommission selbst beantragte. Da aber die Partei des Referenten sich in entschiedener Opposition zur Regierung bejmdet, hatte diese Stellungnahme der Regierung eben das Gegenteil zur Folge. Der Referent vefürwortete die Annahme des Gesetzprojektes mit.desto größerem Eifer. ^,ie jüdischen Deputierten führten eine stürmische Opposition, pfiffen, schlugen auf die Pulte, stampften mit den Füßen. Der Referent mußte seine Rede den Stenographen in die Feder diktieren und endlich gelangte das Gesetzprojekt zur Abstimmung. Das Gesetz wurde mit den Stimmen der Regierungspartei angenommen. Die Staatsraison erwies sich als zu schwach gegenüber den überwältigenden Gefühlen des blinden Hasses, der feit Jahren genährt wird. Die unmittelbare Wirkung des Resultates dieser Abstimmung auf den Fortgang der Verhandlungen ist vorläufig nach außen hin nicht bemerkbar. Die Regierung versuchte diesen Ueberfall als unbedeutende Episode darzustellen. Den jüdischen Pollnkern, die bisher optimistisch gestimmt waren, öffnete jedoch diese Abstimmung die Augen über die ungeheuren Schwierigkeiten, die einer Annäherung zwischen der jüdischen und polnischen Gesellschaft im Wege stehen, ohne welche ein Abkommen mit jedweder Regierung, möge sie eine linke oder sogar auch eine rechte Orientierung haben, jeder positiven Grundlage entbehrt. Ein tief nagender Zweifel mußte in ihrer Seele aufgetaucht sein, ob doch nicht Dep. Grünbaum recht hätte, wenn auch nicht in seiner Methode, so doch im Gedankengang, daß jede Hoffnung aus ein Kompromiß ausgeschlossen sei und daher jedes Einlullen der öffentlichen Wachsamkeit durch trügerische Illusionen und falsche Hoffnungen nur schädliche Folgen zeitigen müßte. Als äußeres Symptom des überhandgreifenden Pessimismus erscheint die unerwartete Demission des Dr. Reich von der Präsidentschaft des Sejmklubs. Er war persönlich an der Sache sehr engagiert und glaubte nach der bewegten Sejmabstimmung die Konse.uenz ziehen zu müssen. Der jüdische Sejmklub beschloß zwar, in Erkenntnis der Schädlichkeit eines Personenwechsels auf dieser wichtigen Stelle im gegenwärtigen Moment die Demission nicht zur Kenntnis zu nehmen; es ist aber vorläufig nicht ganz sicher, ob Dr. Reich nicht auf seinem Beschluß verharren wird. Die Entscheidung dieser Frage wird zweifellos vom weiteren Verlaus der Verhandlungen abhängig sein. Cs ist eine Ironie des Schicksals, daß der von der Regierung aufgestellte Wirtschaftskampf gegen die Juden gerade jetzt auf das Sejmforum sich übertragen hat im Momente, wo die Regierung Anstalten trifft, ihn etwas zu dämpfen. Noch Erledigung der Konzessionsfrage erschien auf der Tagesordnung der folgenden Sitzung des Sejms das Industrie- und Handwerkerst a t u t, ein Statut, wodurch m i t t e l a l t e r i s ch e, geschlossene Zünfte eingeführt werden sollen. Erst die Zunftzugehörigkeit verleiht nach dem Statut dem Handwerker das Recht, sein Handwerk auszuüben. Auch der tüchtigste Handwerker besäße kein Recht, von seinen Fachkenntnissen Gebrauch zu machen, sobald er kein Mitglied der Zunft ist, deren Verwaltung befugt wäre, die Aufnahme in die Zunft ohne jede Motivierung zu verweigern. Man kann ist ch v o r - stellen, welch schreckliche Gefahr den jüdischen Handwerkern droht, besonders in den kleinen Städten, wo es keine speziellen jüdiscyen Zünfte aus Mangel an einer entsprechenden Mitgliederzahl geben wird, sollte das Statut angenommen und rechtskräftig werden. Eine gewitterschwere Zeit ist über die Judenheit Polens eingebrochen. Bleischwere Wolken der Wirklichkeit ringen um die Macht über die Volksseele mit den leicht zu sehenden Lichtstrahlen der nie versiegbaren jüdischen Hoffnung. Die- Schatten nehmen vorläufig überhand.