Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 66 (1925)
- Issue
- Heft 25 (18.6.1925)
- Date
- 1925-06-18
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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9lr 25 toetie 5 18. Juni 1.925 Jubilar aus der Tiefe jüdischer Weltanschauung, jüdischer Art und jüdischer Gläubigkeit geschöpft sind. Eine Bibliographie der Schriften Birnbaums am Schluß zeigt, was der Sechziger, der schon früh in die Arena getreten und heute noch mit jugendlichem Elan für die Erhaltung, Verteidigung und den Ausbau seiner letzten Errungenschaften kämpfte, in einem fqst halben Jahrhundert geschafft und geschaffen hat'. Wir übergehen in diesem Rahmen die ersten örei Grußworte und wollen nur kurz auf die Beiträge Hinweisen, die mit oder ohne Birnbaum ihren eigenen literarischen oder kulturhistorischen Wert repräsentieren. Josef M e i s e l knüpft zwar au die Lebensgeschichte Birnbaums an, was er aber in seinem Artikel „Selbstemanzipation" erzählt, das ist die Geschichte des politischen Zionismus und seiner ersten Grundlagen. Die Parole Selbstemanzipation stammt von Dr. Pinsker, den Kampf unter dieser Parole führte aber Birnbaum oder, wie man schon gleich zu Anfang sagen muße, die Birnbaumgruppe. In den von dieser vertretenen Leitsätzen erkennen wir die Urzellen mancher zionistischen Institutionen von heute. Aber mehr beachtet und auch gefürchtet war die Birnbaumgruppe ob ihrer Kulturforderungen. Zu einer Zeit, da alles noch unklar in Nebel gehüllt war, stand der Pionier Birnbaum als Wegweiser aus dem Chaos. Es war nicht der letzte Weg, für ihn selbst wenigstens nicht. Meifel beklagt es, wenn er ihn auch darob nicht tadelt und seine Bedeutung nicht.-verkleinert. Wir aber fügen in Gedanken dem Meiselschen Aufsatz noch einen Satz hinzu, der die jüngste, und, wie wir wissen, letzte Wandlung Birnbaums als seinen letzten, größten Sieg für ihn selbst und für viele unter uns erscheinen läßt. Diese letzte Phase hat Samuel Rappaport besser erfaßt, der in seinem Aufsatz: „Der Gottessucher" das Jahrzehnt seit dem fünfzigsten Geburtstag Birnbaums festhalten möchte. Rappaport zeigt uns das Einheitliche und Ausgleichende, das im Wesen und in der Entwicklung Birnbaums bei all seinen Wandlungen die ganze, harmonisch auf das Große und Göttliche abgestimmte jüdische Seele erkennen läßt. „Der junge Birnbaum zog einst aus, fein Volk und dessen Genius zu suchen. Der jüdische Nationalgedanke hat ihn auf gewundenem Wege zum jüdischen Genius, zu Gott Zurückgebracht. Der Gottsucher hat den Gott Israels gefunden." Der bekannte Historiker Simon D u b n o w zeigt uns drei Stufen des Nationalismus, durch die Birnbaum gegangen ist. 1. den politischen Nationalismus in der Form des neuen Zionismus, 2. den Kultur Nationalismus in der Form und Theorie des Automismus, 3. den religiösen Nationalismus in der Form der Theorie der „extremen" Orthodoxie. Dubnow kann sich nicht für einen dieser Wege entscheiden, aber für einen anderen, der alle drei Wege in sich ernschließt: den Weg, der alle „im Streben zu Unsterblichkeit der nationalen Seele" zusammensührt.;■ Das ist nicht ganz - klar. Es fei denn, daß wir: Dubnow in unserem Sinne und, man darf es heute sagen, im Sinne Birnbaums verstehen: Dis Unsterblichkeit der nationalen Seele kann für uns nur auf die alte Art verbürgt werden, wie sie uns der Gott Israels am Smai mit dem nruo orp’nsmn tatsächlich für alle Zeit verbürgt hat, nämlich durch die Stellung des in der Thora festgelegten religiösen Gedankens —: mit all seinem umerlichen Gehalte und seinen äußeren und einzelnen Auswirkungen — in das Zentrum unseres Lebens, auch unseres nationalen Lebens. Ganz io meint es Dubnow leider nicht. Das ersehen wir klar aus seinem letzhin erschienenen Geschichtsbande, über den noch zu sprechen sein wird. Ganz vom zionistischen Standpunkte wertet Leo H e r r m a n n in seinem Aufsatz: Wandlung und Werden" den früheren und heutigen Nathan Birnbaum, und er zeigt tefes Verständnis für den Weg und die Wandlung vom Zionismus zum Alljudentum. Das Alljudentum war die zweite Phase in der Entwicklung Birnbaums, da _Der Israelit__ er sich als Jiddischist zum Anwalt des Golus und 'einer Forderungen gegenüber den übersteigerten palästinozentrischen Bestrebungen machte. Hier wäre um ein weniges für Herrmann zu erkennen gewesen, wie der nicht einmal allzukühne Sprung vom Alljudentum zur Seele und Quelle des Judentums in seiner Totalität, zum Thorajudentum, vor sich gegangen ist. Herrmann verzichtet auf diesen Hinweis und konstatiert lieber zum Schluffe, wie nahe Birnbaum heute noch trotz seiner Abkehr oder richtiger infolge seiner Einschwenkung ins religiöse Leben, dem Zentralgedanken des Zionismus steht und wie lieb und wert er heute noch allen ehrlichen Zionisten ist. Sehr hübsch zeigt Hans K o h n in seinem Aufsatz: „Um die Ewigkeit" an Birnbaum, wie die Sehnsuchtnach Schönheit nicht, wie zur Zeit der Hellenisten, vom Judentum abdrängen, sondern im Gegenteil zum Judentum zurückbringen, ans Judentum ketten kann und muß. Mit einem prachtvollen Aufsatz über: „Stil und Persönlichkeit" bereichert Josef C a r l e b a ch die Jubiläumsschrift. Ungefähr, und vielleicht unbewußt, sich in den Gedankengängen Achad haams über „Priester und Prophet" bewegend, zeigt uns Earlebach den Unterschied zwischen „Chochmo" und „Newuoh", zwischen der Sprache der Weisheit und der Prophetie. Letztere hat Stil. „Es gibt keine zwei Propheten, die in einem und demselben Stile prophezeien". In der talmudischen Weisheit gibt es aber keinen Stil. Die Weisen sprechen alles in gleicher Art. Auf Birnbaum angewandt, so hatte dessen Wandlung vom Intelligenzler zum schöpferischen Pfadfinder des Geistes ihre sichere Ausprägung gefunden in seinem Stile. Er hatte den Mut, als einer der wenigen zu Ende zu denken,' aber auch die Kraft, es in seinem „Gottesvolke" in seinem eigenen persönlichen Stile zum Ausdruck zu bringen. Max Landau zeigt in geistvollen Ausführungen das innere Verkettetsein Birnbaums mit dem jüdischen Volke und seinem persönlichen Schicksal. In der Wandlung Birnbaums vom „Maskil" („Maskil" ist für Landau der Typ des Intelligenzlers auch in der Westkultur) und in dem, was Birnbaum vertritt und verkündet, sieht Landau den vielverheißenden Anfang, die n e u e Form des jüdischen Volkes, die die alten Wanderer mit ihrem beimkehrenden Volke zu einem Stück von. nie mehr zerpocoarer Einheit schmiedet. ->er dritte Teu unter der Gesamtüberschrifi „U m k e h r" wird eingeleitet mit einer kurzen lapidaren Bemerkung von Pinchas K o h n über Begriff und Bedeutung des „Baal Teickiuboh" und dann fortgesetzt mit einer längeren Abhandlung von Josef Wohlgemuth über: ,,^ie Bußfertigen und die vollkommen Gerechten". Wohlgemuth geht von den dreizehn Glaubensgesetzen des Maimonides und dem Widerspruch, den diese Formulierung gefunden hat, aus. Der Widerspruch richtete sich insbesondere gegen die Außerachtlassung der „Teschubah" in dieser Zusammenstellung, auf der der ganze göttliche Heilesplan mitaufgebaut ist. Eine Erklärung.. und Rechtfertigung, zugleich eine Richtigstellung gegenüber Mißdeutern findet der Ausspruch Rabbi Abühas, der im Talmud den Bußfertigen über den vMkommen Gerechten stellt. Dies alles in der bekannten konzentrierten und erschöpfenden Art, in der Wohlgemuth solche Fragen zu behandeln liebt. Martin B u b e r ist im Sammelbuche — natürlich — mit einer chassidischen Büßpredigt nach Aufzeichnungen alter Quellen vertreten. Damit leitet das Buch zur vierten Aufsatzgruppe unter der Ueberschrift: „Von jüdischer Weltanschauung" über. (Schluß folgt.) {orrttOMdtut» * Nacdliedten Deutfcbe* Reich. Äe Konfessionen beim Reichspräsidenten. Berlin, 19. Juni. Am Freitag empfing der Reichspräsident ^.e Vertreter der drei großen Religionsgemeinschaften *n Deutschland zur Entgegennahme ihrer Glückwünsche. Es erschienen der Präsident des Evangelischen Oberkirchenrats und der f ü r st b i s ch ö f l i ch e Delegat namens der beiden christlichen Konfessionen sowie Kammergerichtsrat Dr. W o l f f, der Vorsitzende des Vorstandes der Berliner jüdischen Gemeinde. Letzterer stellte sich als Vertreter des größten jüdischen Verbandes (gemeint ist wohl der „Preußische Landesverband jüdischer Gemeinden") vor und brachte die Segenswünsche aller deutschen Juden zum Ausdruck. Er sagte dann: „Wenn Euere Exzellenz es ausgesprochen haben, daß Sie es als Ihre Ausgabe betrachten, allen Parteien und allen Bekenntnissen in gleicher Weise gegenüberzutreten, so nehmen wir diese Worte voller Vertrauen auf und erblicken in ihnen die Gewähr' dafür, daß die den Juden durch das Reichsgefetz vom 3. Juli 1869 zugesicherte Unbeschrän^yeit in der Ausübung der bürgerlichen an') staatsbürgerlichen Rechte durch die Gesetzgebung nicht angetastet und in der Verwaltung tatsächlich und dauernd durchgeführt wird, daß aber auch Angriffe auf unsere Religion, wie sie unberechtigterweise aus schlecht unterrichteten Kreisen leider hervorgegangen sind, in Zukunft unterbleiben werden. Gleiche Rechte — das erkennen wir freudig an — bringen gleiche Pflichten mit sich, und so werden alle deutschen Juden wie bisher ihre volle Kra't in hingebender und eifriger Mitarbeit an den vaterländischen Aufgaben einsetzen. Möge die Amtszeit Euerer Exzellenz frei bleiben vvn Zwist, Haß und Mißgunst der deutschen Brüder untereinander! Dann wird sie für unser geliebtes Vaterland sein eine Zeit des Aufstiegs zu alter Größe und Herrlichkeit." Reichspräsident vonHindenburg dankte den Vertretern der Religionsgemeinschaften für die Glückwünsche und sagte: „Ich gebe Ihnen bei dieser Gelegenheit erneut die Versicherung, daß ich in meinem hohen Alter mit gleicher Gewissenhaftigkeit alle Bekenntnisse und Weltanschauungen achten und stets den Geist innerer Volksgemeinschaft schützen werde. Wenn ich einen Wunsch anschließen darf, so bitte ich Sie, diesen gemeinsamen Empfang der Vertreter der verschiedenen Bekenntnisse durch den Vertreter des Deutschen Reichs nicht nur als^ eine bloße Form anzusehen. Wie Sie, meine Herren, sich hier zusammengefunden haben, um mir Ihre gleichgestimmten Wünsche auszudrücken, so möge auch in den Reihen der Kirchen und Gemeinschaften sich stets der Sinn für Versöhnlichkeit, gegenseitige Achtung und einträchtige Zusammenarbeit finden, ohne den die Zukunft Deutschlands nicht gefördert werden kann." Die konservative Fraktion beim Landesverband. Berlin, 19. Juni. Wie wir erfahren, findet vor dem offiziellen Beginn oer Vertreter-Tagung des Landesverbandes, Montag, den 21. d. Mts., im Herrenhause, im Beratungssaale Nr. 74, die. Konstituierung der Sitzung der konservativen Landesfraktion statt. Eingeladen find alle Abgeordneten, die auf dem Boden des gesetzestreuen Judentums stehen und gewillt find, die Forderungen des konservativen Judentums zu vertreten und zu unterstützen. Auch die Anwesenheit solcher" Abgeordneten, die etwa geneigt sind, sich der Fraktion als Hospitanten anzuschließen und auf diese Weise die Forderungen des Gesetzes mit Nachdruck z r unterstützen, ist durchaus erwünscht. Durch den Zusammenschluß aller derjenigen, die für eine kraswolle Vertretung der Interessen des gefetzestreuen Judentums innerhalb des Landesverbandes in Frage kommen, soll eine nachhaltige Beeinflussung der Gesetzgebung des Landesverbandes in konservativem Sinne erreicht werden. Zum Zwecke der Beratung der Fraktion und eventueller Durchberatung im Plenum liegen folgende Anträge vor: 1. Unterhaltung und Errichtung aller religionsgesetzlich vargeschriebenen Einrichtungen in den Verbandsgemeinden, 2. die Ergreifung solcher Maßnahmen, die aus eine Verbilligung von Unterrichtsmitteln, Gebetbüchern, Chomoschim und sonstiger ritueller Bedarfsartikel Hinzielen. Bei diesem Punkte soll gleichzeitig darüber beraten werden, in welcher Weise die von allen Kremen der Bevölkerung als überaus notwenoig empfundene Verbilligung der rituell hergestellten Lebensmittel erreicht werden kann. 3. Einrichtung von Kursen zur Ausbildung von Lehrern. Kantoren und Schochtim für die kleinen Gemeinden