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Der Israelit · 1925-06-18 · Heft 25 (18.6.1925) · page 4

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Journal
Der Israelit
Volume
66 (1925)
Issue
Heft 25 (18.6.1925)
Date
1925-06-18
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
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Beste 4 Nr. 25 Der Israelit i weder verwandt noch verschwägert sind, dem Verbände angehören dürfen." Der Landesver - band stag in Dresden hat den Antrag angenommen und seine einzelne Vereine bereits zur Reinigung im Sinne des Antrages aufgerufen. Die Leitung des Landesverbandes Sachsen dagegen warnt davor, den Verein in antisemitisches Fahrwasser gleiten zu lassen. In dem Schreiben, das die Leitung an die Mitglieder versendet, wird versucht, die deutsche Treue der Juden im Auslande ins. richtige Licht zu stellen. „In ganz Osteuropa ist der Träger der deutschen Sprache zu einem großen Teile das Judentum. Das mag vielen unerwünscht sein. Wer aber die Ausbreitung der deutschen Sprache wünscht, kann an dieser Tatsache nicht Vorbeigehen. Der „Verein für das Deutschtum im Auslande" muß, wenn er die deutsche Sprache in Osteuropa erhalten wissen will, das Judentum als Träger der deutschen Sprache anerkennen und kann es nicht von der Mitarbeit ausschließen." In dem Schreiben wird weiter gesagt, mit der Annahme der Satzungsänderung biege der Verein zwangsläufig in die Bahn der völkischen Vereine und Parteien ein und gebe seine politische -.ceutralität auf. Durch die Annahme würde das Fortbestehen des Vereins überhaupt bedroht. Es wird sich nun zeigen, ob wir es hier nur mit der üblichen bekannten Art von Antisemiten- Dank zu tun haben! Zum Falle Theodor Lessing. T h e o d o r L e s s i n g ist den älteren Lesern des „Israeli" kein unbekannter Name. Im Jahre 1910 ließ er in der damaligen Ludwig Geigerfchen „Allgemeinen Zeitung des Judentums" eine Artikelserie über Galizien vom Stapel, die von rüden Angriffen und Verleumdungen, aber auch von krassen Unwahrheiten und haarsträubenden Entstellungen geradezu strotzte. U. a. verspottete er einen chassidischen Sabbatgottesdienst, wobei diese Wilden — am Sabbat — Tefilin getragen l)ätten. Diese antisemitischen Pöbeleien in einem jüdischen Blatte erregten damals den heftigsten Protest aller jüdischen Parteien (mit Ausnahme der Partei um die A. Z. d. I.). Benjamin S e g a l schrieb ein ganzes Buch zur Ehrenrettung Galiziens gegen die Anklagen eines Ignoranten. Manche jüdische Zeitungen wußten damals über Theodor Lessing, den großen Unbekannten, zu berichten, daß er längst getauft, und zwar a n t i s e m i t i s ch getauft sei. Etwas später machte Herr Lessing von sich reden mit einem Artikel in politischen Zeitungen unter dem Titel: „Samuel zieht die Bilanz". Cs betras den inzwischen verstorbenen jüdischen Schriftsteller Samuel L u b l i n s k i und dessen Werk. Der Artikel war in Ton und Form schast schützte, spielte sich unter den folgenden formen ab: Die Beratung der Geschworenen dauerte nur wenige Minuten. Als der Obmann unter den Werten: .Auf Ehre und Gewissen, im Angesichte Gottes und der Menschen" das Verdikt verbündete, in welchem auf alle Fragen mit „Nein" geantwortet wurde, brachen die Anwesenden in minutenlange Jubelruse au». Frauen und Mädchen überschütteten die Richter mit e nem Regen von Blumen. 4 er Vorsitzende erteilte den Auftrag, den Angeklagten herbeizuführen. Codreanu wurde von Studenten auf den Armen in den Saal gebracht. Er war ganz in eine Tricolore eingehllllt. Bei seinem Erscheinen brach die Zuhörerln oft neuerdings in enthusiastischen Applaus aus. Der Staatsanwalt beantragte auf Grund des Geschworenensnruchs die Freisprechung Codreanus. Nach kurzer Beratung verkündete der Vorsitzende das freifprechende Urteil. Codreanu wurde von Studenten emporgehoben und unter frenetischen Rufen aus dem Saale aetragen. Eine ungeheuere Menschenmenge zog vom Gerichtssaal in den Stadtpark. wo nationale Reden gehalten und Codreanu als Narionalheld gefeiert wurde. Sämtliche Verteidiger Codreanus ergingen sich in Schmähungen gegen die Iudendeit und verlangten deren Entrechtung. Als letzter Verteidiger sprach Professor Cuza, der behauptete, daß die Juden an den höheren Schulen die absolute Majorität besitzen. Codreanu habe die naüonale Tricolore wieder zu Ehren gebracht, Codreanu sei ein zweiter Wilhelm Tell Bevor sich die Geschworenen in Turn-Seoerin zur Beratung über die Schuldsragen zurückgezogen hatten, hielt der Obmann der Geschworenen im ersten Codreanu-Prozetz, der' in Focschani stattfand. die dermaßen antisemitisch gefärbt, daß auch Gegner von Lublinski (auch wir gehörten dazu) diese Art von Kritik, die persönliche Verunglimpfung alt Stelle der logisches Argumentation setzt und den jüdischen Namen des Autors zur Zielscheibe schalen Witzes machte, mit schärfsten Worten zurückwiesen. Anderthalb Jahrzehnte sind vergangen. Es ist inzwischen soviel Schweres über die Welt, über Judenheit und Judentum gegangen, daß kein Mensch mehr noch dieser Dinges gedachte. Nun lebt Theodor Lessing wieder und sein Name geht von Blatt zu Blatt, von Mund zu Mund. Theodor Lessing, der Galizienhasser, der sein gehämmertes Deutschtum durch gehässige Artikel in judenfresserischer Presse legitimierte, dieser Theodor Lessing ist — wie ironisch die Geschichte sein kann — ein Opfer des Antisemitismus, ein Märtyrer des Judentums! Und gerade diesesmal hat er nichts verbrochen. Hat, wie viele andere während der Wahlschlacht um den Reichspräsidenten, in einem Prager Blatte einen Artikel über Hindenb u r g geschrieben. Wir haben den Artikel gelesen, er ist nicht schärfer, nicht besser und nicht schlechter, auch nicht herabsetzender für Hindenburg als hundert andere, die in diesen Tagen in der liberalen Presse über und gegen Hindenburg, oder richtigergegen die Wahl Hindenburgs erschienen sind. Hätte Theodor Lessing vor fünfzehn Jahren gegen die galizischen Juden und gegen den Juden Samuel Lublinski nichts Schlimmeres gesagt als jetzt gegen Hindenburg, hätte er damals in diesem ruhigen Tone objektiver Wertung geschrieben, es hätte sich im jüdischen Kreise keine Feder gegen ihn geregt. Aber nun hat er es mit einer anderen Adresse zu tun. Die ganze antisemitische Meute, an der Spitze natürlich die Studenten in nationalem Wichs, ist hinter ihm: „Der Jude hat es gewagt! ..." Was er gewagt hat, ist nicht viel. Und Jude, schon ganz und gar nicht. ... Theodor Lessing ist seines Zeichens Professor an der Technischen Hochschule in Hannover. Und uie völkischen Studenten haben den feierlichen Eid geleistet, eher ihre Hände — und sogar ihre Kehlen — verdorren zu lassen, als noch weiter zu dulden, daß Lessing dem Lehrkörper der Hochschule angehört. Der preußische Unterrichtsminister hat, nachdem die sozialdemokratische Fraktion ihn im Landtage aus der Reserve herausgeholt hat, nun verfügt, daß Herrn Theodor Lessing kein Haar gekrümmt werde. Der Rektor der Hochschule hält es aber mit den völkischen Studenten. Wieder ist ein Erlaß des Kultusministeriums ergangen, Lessing nicht zu stören, folgende Ansp ache: »Von den früheren Geschworenen, welche ist er diesen Prozeß zu urteilen hatten, bin ich beauftragt worden, den Geschworenen von 7°urn-Seoerin einen ckristlichen Gruß zu überbringen. Ich teste Ihnen mit, daß beute in allen Kirchen des Putnoer Bezirkes Gebete für die Befreiung unseres nationalen Helden Corneliu Codreanu abgehaiten werden In Focschani bittet die Bevölkerung den Allmächtigen aus den Knieen, er möge die Richter Codreanus erleuchten, daß sie diesen Helden sreisprechen. Wir zweifeln nicht, daß die Geschworenen unserem Volke seinen Helden wiedergeben werden." Wilhelm Tell würde bei der .ihm angehängten neuen Freundschaft, wenn er noch lebte, von der zweiten Kugel Gebrauch machen . . . Wochenkalender. 20.-87. Juni 1925. 28. Siwan bis 5. Tamus 6685. Nausch-Chaudesch benschen Samstag Juni 20 iS nbv 28 ]1’0 Mauled Sonntag nachm. 140 'i 'n piD Sonntag 21 29 PP TISD Dl’ Montag 22 30 1. Tag Nausch-Chaudesch Dienstag 23 1 n»n 2. Tag Rausch-Chaudesch Nlttwoch 24 2 Donnerstag 25 3 frettag 26 4 Samstag 27 mp 5 '2 'K pis 18. Juni 1925 — falls er fein Dozentenamt noch weiter auszuüben gedenke. Gedenkt er es? Wir wollen Theodor Lessing nicht die Sünden früherer Jahre Vorhalten. Er hat möglicherweise inzwischen auch in manchem umgelernt. Aber als Symptom und als Symbol steht der Fall Theodor Lessing da, als Zeichen und.als Warnung! Vom Sinne des Judentums. „Vom Sinn des Judentums" nannten lvir dieses Buch, das zu Ehren Nathan Birnbaums, des Sechzigjährigen, erscheint. Was den vielleicht prätentiösen Titel rechtfertigt-, ist die Erkenntnis, daß das ganze Leben dieses Mannes eine einzige große leidenschaftliche Frage nach dem Sinn der rätselvollen Erscheinung bedeutet, die wir Judentum nennen. In seinem Schicksal, das infolge seiner inneren Berknüpftheit mit der Volksseele, über das Persönliche hinauswachsend, zu einem Stück jüdischen Schicksals geworden ist, in den herben Linien seiner eigentümlich gesetzmäßigen Entwicklung, die nichts gemein hat mit dem Krampf und den Zuckungen hin- und hergeworfener Hysterie, vermögen wird die Grundkräfte und Tendenzen jüdischen Wesens und Seins klarer und sicherer zu erkennen als in der verwirrenden Vielfalt der Erscheinungen unseres Lebens; gespiegelt in dieser starken, schöpferischen Seele voll schmerzdurchzogenen Ernstes und aufrichtiger Leidenschaft, gewinnen die ewigen Werte des Judentums an Fülle und Glanz und erscheinen, reiner und geläuterter, in einem neuen, helleren und zugleich vertrauengebend ruhigen Lichte. Darum ist uns Nathan Birnbaums sechzigster Geburtstag nicht ein konventioneller Abschnitt in einem Einzelleben, sondern ein Festtag der Nation — in jenem Sinne, wie er jedem jüdischen Feste eigen ist: Ein Tag tiefen Atemholens und geruhsamer Rückschau, versonnener Andacht und heimlichen Prüfens, ein Tag der Besinnung; zugleich aber — dem Wesen jüdischer Feste gemäß — ein Tag vorwärtsstoßender Zuversicht, entfachter Hoffnung und freudiger Bereitung für das kommende Morgen; ein Tag des Trommelschlags, des Schilderklirrens und der sammelnden Heerschau. So will dieses Buch mehr sein als eine gelegentliche Ehrengabe und mehr als eine bloß literarische Angelegenheit: ein Fanfarenstoß sei es, der vom Erwachen der gläubigen Judenheit kündet, von ihrem Willen zum Leben, zu stolzem Trotz und zur Verjüngung des alten Judentums in Heiligkeit und Freude." Mit diesen Worten leitet Max Landau, der Herausgeber der im Hermon-Verlag erschienenen Birnbaum-Festschrift „V o m Sinn desJudentums" das stattliche Sammelbnch ein, das „Schüler, Freunde und achtende Gegner" zu einer trotz aller Mannigfaltigkeit harmonischen Symphonie des Geistes vereinigt hat. Auch die G e g n e r der altjüdischen religiösen Anschauung, zu der der Wahrheitsfanatiker Birn.baum noch langen Irrfahrten sich durchgerungen, feine ehemaligen Weggenossen, die er überholte und ans seinem Pfad zur Höhe hinter sich ließ, wirken im Zusammenhang dieser Symphonie nichts weniger als störend, wecken vielmehr erst recht den Widerhall jener ewig gültigen Jithro-Wore, als deren Kommentar Birnbaums ganze geistige Lebenspilgersahrt erscheint: r ü'pbrrn 'n '2 »njrp nny Schon das symbolistisch vergeistigte Birnbauin- Bild Menachem Birnbaums auf dem Vordcrblatt des Bandes ckündet den überpersönlichcn, vielmehr eine Z e i t e p o ch e d e r H e i m k e g r kennzeichnenden Charakter des ganzen Werl s. Die Gesamtheit der Beiträge gliedert sich in Artikel, die dem Meister zum Gruße abgesi ßt sind (Wolf S. Jacobsohn, Adolf Kretz, Berthold Feiwel), in solche, die die Persönlichkeit und dos Werk Birnbaums zeichnen, und in andere, oie als.Jubiläumsgaben ohne direkte Beziehung z::m -

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