Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 66 (1925)
- Issue
- Heft 24 (11.6.1925)
- Date
- 1925-06-11
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 Nr. 12 Das Schicksal der Jugendorganisation. n David Ailinann in K»amb::ra. Es ist bereits vielerlei über die Auflösung der Jugendorganisation in den Gruppenverband gesagt worden. Für und Wider sind von beiden Seiten erwogen worden. Der jüngst erschienene Artikel des Herrn Dr. R. Schw. aber scheint mir doch ein wenig einseitig zu sein, weil er nur der praktischen Zielrichtung dient und so manchem vielleicht nicht ganz gerecht wird. Was Agudas Jisroel ihre Berechtigung verleiht, ist ihre ideologische Einstellung. Und diese ihre Ideologie mußte sie notgedrungenerweise zu einer Weltorganisation machen. All das, was in das Denken und Erleben bewußt jüdischer Menschen hineingehört, sucht seine Inkarnation in der Organisation der A. I. Und weil es der Aufgaben so viele gibt, weil es nichts gibt, das der jüdischen Gesamtheit nicht wert genug schiene, von ihr erfaßt zu werden, darum konnte der Rahmen unserer Organisation ein so ausgedehnter werden. Thoralehre und Erziehung, soziale Hilssarbeit und Aufbauarbeit in Crez Jisroel, diese vier nur allzu bekannten Schlagworte zeigen die Vielseitigkeit unseres Arbeitsgebietes, neben anderen oft nicht unbedeutenden an uns herantretenden Fragen. Und soll das alles von einer Organisation geleistet weroen, so muß ihrer Arbeitsmethode eine Systematik zu Grunde liegen. Und so ist es auch rr-> Und nun meine ich, aud) die Frage des G. V. und der I. O. ist nur eine Frage der Systematik. Und da sollte doch Eines nicht vergessen werden: Wie ein Kaufmann wohl nie einen Kursus für Juristen wird abhalten können, so gibt es gar vieles, was nur die Gemeinschaft leisten kann,, der vielseitige und reifere Lebenserkenntnis zur Verfügung steht, die geworden ist durch Erfahrung und Erkenntnis, und auf der anderen Seite ist es zuweilen als eine begrüßenswerte ^Erscheinung hinzunehmen, wenn in stürmischem Drangen?>ie Jugend eine Tat vollsührt, weil sie dann oft gerade begeisternd wirkt, weil sie begeistert ausgeführt wurde. Der praktischen Bedenken in Für und Wider ist mit mehr oder weniger Recht genügen^ Erwübnung getan worden. Ich glaube aber, was A. I. in den letzten Jabren an Ansehen und Macht gewann, ist gerade darauf zurückzuluhren, dakr sie in harmonischer Vereinigung beide, Alt und Jung, zu sich heranzog, jedem sein Betätigungsfeld überlassend. Und wenn auch, rein theoretisch gesprochen, die Möglichkeit bestellt, daß Ich und Du. Bon Herbert Lruskal. Einer der wesentlichsten Unterschiede in der geistigen Struktur des Sinaijuden und des Europäers ist deren beider Verhältnis zu Gott und zu sich selbst. Der Sinaijude hat zu Gott, dem absoluten Geist, nur eine Beziehung: die des Folgens. Es leistet nur Einem Gefolgschaft: Gott. Er will.auf Erden Gott seelisch und geistig verwirklichen und Gottes Offenbarung in jedes Individuum einmünden lassen. — Individuum? Individuum im europäischen.Sinne kennt der Sinäijude (nennen wir ihn besser, um ihn noch mehr zu typisieren:. Sinaite) nicht. Er kennt nur die Gemeinschaft, in die jeder Einzelne durch den über ihm stehenden Willen, Gottes Willen nämlich, gepreßt wird. . Anders der Europäer. Ihm ist jede Geistigkeit Privatsache des Jchs. Hhn hemmt kein geistiger Wille und er hat keinem geistigen Willen Gefolgschaft zu leisten. Er folgt seinem Ich. Er hat das Ich zum Gott erhoben. Ich wird ihm alles. Ich das Einzelindividuum, Ich das Volksindividuum. Er hat den absolut-religiösen Gedanken vernichtet. Den Begriff der Gemeinschaft kennt er nicht mehr, er kennt nur noch das Ich — sein Ich. Da ist vor kurzem im Verlag Rütten und Loening, Frankfurt, „Das verborgene Licht" von Martin Vuber erschienen. In Antwortsprüchen wird dort das Verhältnis des Sinaiten zu Gott gezeigt. Kleine Gefchichtchen, skizzenhaft, Frage und Antwort, und doch erschließen sie dem Lesenden in ganzer Schönheit die Welt der Sinaiten. Zwei Erzählungen seien hier wiedergegeben: Ich. (S. 23.) Ein Schüler des großen Maggid hatte etliche Jahre dessen Unterweisung empfangen und gedachte heimzu- D er. I s r a e i i t BlSt t e r M IuM die jüdische Jugend der Führung der Aelteren entraten könnte, so dürfen wir auf der anderen Seite mit eben derselben Wirhrschemlicbkeit annehmen, daß der G. V. in natürlicher Entwicklung die I. O. zu sich heranzieht. Wenn dem aber nicht so ist, wenn unsere Väter uns nicht immer, auch in organisatorischer Beziehung, Vorbild bleiben, dann hätte Ä. I. bewiesen, daß sie ihre Jugend auf verkehrten Wegen erzogen, erzogen zu einer Gemeinschaft, die sich nicht früh genug selbständig machen kann. Und selbst wenn die I. O. dieselben. Wege gehen würde, wie der G. V., nachdem dieser aufgelöst ist, so wäre es nicht mehr Verdienst der A. I. als Erziehungsfaktor, weil dieser Erziehungsfaktor schon aus psychologischen gründen das Andere wouen muß. Darum also glaube ich sagen zu dürfen, lassen wir es ruhig beim „Alten". Es hat sich als gut erwiesen und wird sich n"3 auch weiterhin als gut erweisen und was hier und dort sich als kleiner Mangel herausgestellt Hat, es wird sich ändern, weil wir es erkannt häbön und alle, G. V. und I. & den Willen haben, es zu bessern, und Ä. I. Erreicht wie in allem, so auch'hier, was sie will.; Beschleunigte Reisen nach Palästina mit ritueller Verpflegung. Infolge, det stark zunehmenden HmmitzratioA nach Palästina hat der Lloyd-Triestino einen neuen Sonderdienst Triest—Haifa und Jaffa mit sehr beträchtlichen.Verbesserungen eingerichtet. Die Dampfer, die jeden zweiten Donnerstag abend von Triest abgehen, führen Passagiere aller Klassen. Koschere Verpflegung durch rituelle. Küchen unter. Aussicht des Rabbinats von Jaffa, wird entsprechend dem Menü der regulären syrischen Linie an Bord verabreicht. Die allgemeine dritte Klasse mit Bett, ritueller Verpflegung samt erforderlichen hygienischen Einrichtungen kostet bloß 5 Pfund, zweite Klasse ^15 Pfund. Ueberfahrtdauer nur 6 Tage, bei Ersparung der bisherigen Umbootung in Alexandrien bezw. der Eisenbahnfahrt von Alexandrien bis Haifa oder Jaffa. Diese Sonderlinie ist somit die billigste und schnellste, für Reisen von Mitteleuropa . nach Palästina. Außer dem neuen amerikanischen Dampfer „President Artur" führen nunmehr aüch diese Sonderdampfer des Lloyd Triestino rituelle Küche an Bord. Die erste Abfahrt von Triest wird am 18. Juni erfolgen. - kehren. Unterwegs besann er sich, er wolle in Karlin Rabbi Ahron aufsuchen, der vordem im Hause des Maggid sein Gefährte gewesen war. Es ging auf Mitternacht, als er die Stadt betrat, aber sein Verlangen nach dem Anblick des Freundes war so groß, daß er sich sogleich zu dessen Haus wandte und an das erleuchtete Fenster klopfte. „Wer ruft?" hörte er die vertraute Stimme fragen und antwortete, da er gewiß war, daß auch die seine erkannt würde/ nichts als „Ich". Aber das Fenster, blieb verschlossen und von innen kam kein Laut mehr, ob er auch wieder und wieder pochte. Endlich schrie er bestürzt: „Ahron, warum öffnest Du mir nicht?" Da entgegnete ihm die «nmme des Freundes, aber so ernst und groß, daß sie ihm fast fremd bedünkte: „Wer ist es, der sich vermißt, sich selbst Ich zu nennen, wie es Gott allein zusteht!" — Als der Schüler dies vernahm, sprach er in seinem Herzen: „Meine Lehrzeit ist noch nicht um" und kehrte unverweilt nach Meseritsch zurück. Die Scheidewand. (S. 24.) Zu dem Wort der Schrift: „Ich stehe zwischen dem Herrn und Euch" sprach Rabbi Michel von Slotschow: Das Ich steht zwischen dem Herrn und uns. Wenn der Mensch Ich sagt und sich das Wort seines Schöpfers anmaßt, scheidet er sich von ihm. Weraber sein Ich Gott darreicht, vor dem besteht keine Scheidewand mehr. Denn von ihm ist geschrieben: „Ich bin meines Freundes, «rd nach mir steht sein Verlangen" — wenn mein Ich meines Freundes geworden ist, steht sein Verlangen nach mir. In dem Vorworte zu diesem Buche schreibt Vuber: ...... seit ich vor zwanzig Jahren die Arbeit am chassidischen Schrifttum begonnen habe, ist es mir um die Lehre und den. Weg zu tun. Aber damals meinte ich,' das sei,.etwas, was man^auch bloß betrachten könne uM dürfe; seither habe ich "erfahren, .daß die Lehre, zürn Skellenvermittlungszenkrale der Agudas Jisroel. In der letzten Nummer des „Israelit" wurde bereits auf die von der Agudas Jisroel Jugendorganisation geschaffene Stellenvermittlungszentrale hingewiesen. Htzute fei.kurz über die Arbeit der Zentrale berichtet:. Der Sitz der Leitung ist in Frankfurt Büros werden außer in Frankfurt, in Berlin, Eöln„ Cassel, Fulda, Hamburg, Nürnberg und Breslau unterhalten und führen^ diese die Bezeichnung „Angestelltenausschuß der Agudas Jisroel Jugendgruppe". Die Ausschüsse halten allwöchentlich mehrfach Sprechstunden ab, in denen sie die Stellensuchenden beraten. Nebenher erfolgt auf schriftlichem Wege eine dauernde Bearbeitung: alle gesetzestreuen Firmen, um alle vakanten Stellen zu registrieren. Mehr als e int aus end An g esteIIt e wurden in den letzten 12 Monaten durch die Stellenvermittlungszentrale in S a b b a t f r enen Skeble/n unter g e b r acht. . . Die Ansprüche, die ittfolge. der schlechten Wirk) schastslage in den letzten Wochen an die Stellen- .vermittlungszentrale gestellet wurden, erfordern erhebliche Mittel für Bürospefen und Propaganda. Soll die Zentrale ihre so erfolgreich begonnene Arbeit ungestört fortsetzen können, ja sie ' noch steigern, so bedarf sie größerer Mittel. Es ist Pflicht jedes gesetzestreuen Jehudi, im Interesse der Förderung des Sabbat, der Stellenvermittlungszentrale der Agudas Jisroel Frankfurt einen Jetrag zu bewilligen. (Postscheckkonto Nr. 143014 I. Sänger). , — r. — Aus der Bewegung/ Nürnberg. Am 27. Mai berichtete Herr Rabbiner- Dr. Pinchas K o h n -Wien den hiesigen Agudisten überdie Londoner Konferenz. Es war von aanz besonderem Interesse, den Vorsitzenden des ^mener G/A. der Lrauuas Jisroel persönlich als Berichterstatter über die gepflogenen: Verhandlungen hörenzu körnM/ Obwyhl begreiflicherweise der Bericht an und für sich nicht anderes darstellen könnte als sozusagen das vertonte offizielle Communiguee der Londoner Zusammenkunft, so zeigte er darüberhinausgehend in hervorragender .Weise vor allem 'die großen, geistigen Zusammenhänge, die im Hintergründe der Verhandlungen standen. Die Verhandlungen drehten sich hauptsächlich um 4 Punkte: ' "/ 1. Iewish A g e n c y : Der heiße Streit, der seit langem um diese Frage geführt wird, liege in den Schwierigkeiten begründet, die aus der eigentümlichen völkerrechtlichen Konstruktion dieses Organs resultierten. Die- Zionistische Organisation will bekanntlich alle Juden der-. Welt daran beteiligen. Dieses Ziel jedoch werde so langerestlos nicht erreicht werden können, als nicht' die lernen und der Weg zum gehen da ist. . . ." Dieses- Buch sei jedem, aber auch jedem ans Herz gelegt. .. Nicht alle Juden sind Sinaiten. Nicht jeder Europäerist europäisch. Denn beides sind geistige Begriffe, die sowohl hier als auch dort sich finden und mit.Vorliebe ineinander übergehen. Dies um fo eher, als beide z. B. auch denselben Wortschatz haben und so äußerlich sich./verteufelt ähnlich sehen. Sprich von Volk/sprich von Wissenschaft oder von Kunst! All diese, die der Sinaite als Dü- Begriffe empfindet, sind dem Europäer Jch-Begriffe. Esgab mal eine Zeit in Europa, die pseudosinaitisch war. Damals gruppierte sich alles Denken, jede Kunst und- Wissenschaft, jede Politik — kurz, jedes Erlebnis um die Religion. Das war vor der sogenannten Renaissance. Wie erwähnt, sinaitisch waren jene Menschen letzten Endes auch nicht. Denn im tiefsten Innern war ihnen- Religion keineswegs Kristallationspunkt. Aber man tak wenigstens so als-ob. Man tat.so, als ob man Kriege fürdie Religion führte, als ob man Kunst und Wissenschaft in den Dienst, der Religion stellte. Dies..war so wenigstenseine indirekte Anerkennung des Gedankens, daß Religion im Mittelpunkte alles Denkens zu stehen habe. De jurestand. also Religion im Mittelpunkt des Einzellebens. und■*_ des Volkslebens. De facfo nicht. Und dies gab jener Epoche den Todesstoß. Ihn führte die Rennaissance, das- Zeitalter der Wiedergeburt. Was sollte „wiedergeboren" werden?: - _ _ Renaissance ist die Rückkehr zu den römischen. und« griechischen Idealen. Römische Kraft und griecksische Schönheit. Kraft und- Schönheit nicht als Dienerinnen der zentralen- Geistigkeit. Sondern. Kraft und Schönheit als Selbstzweck. Die Künstler sind nicht mehr Rur-Diener: der Idee. Seine Kunst will nicht mehr den.Menschen -seinem Gotte nahebringen: De^. Künstlers Kunst führt vielmehr M sich selbst, zeigt dHn anderen söipe Individualität. So schwindet sogar die Formanerkennüngr