Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 66 (1925)
- Issue
- Heft 23 (4.6.1925)
- Date
- 1925-06-04
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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4. Juni 1925 Korrespondenzen « nacbricbtea Protest gegen den HochschutantisemitismAs. W i e n, 28. Mai. Die Sozialdemokraten beschlossen, in der nächsten Sitzung der Bundesversammlung eine scharfe Interpellation gegen die Vorgänge an der Wiener Technik, wo die jüdischen Studenten gewaltsam' hinausgedrängt wurden, und gegen die Vorfälle an der Hochschule für Bodenkultur, wo die Studenten wegen Nichterfüllung der numerus clausus-Forderung in den Streik traten. Am 23. Mai fand eine Beratung von Vertretern sämtlicher jüdischen Parteien Oesterreichs über ein gemeinsames Vorgehen gegen den in der Hochschule herrschenden Geist statt. Am 23. Mai mittags sprachen beim Rektor der Technik, Hofrat Solinger, die Vertreter der jüdischen Studentenschaft vor. Sie verwahrten sich dagegen, daß durch das unverantwortliche Vorgehen einer Studentengruppe .Zustände an der Hochschule geschaffen wurden, die völlig außerhalb des Hochschulbereiches liegen. Die stiilsch'veigende Duldung der Verbreitung von antisemitischen Pamphleten an der Hochschule ist mitschuldig an den letzten Borfällen. Die jüdischen Vertreter verlangten wirksamen Schutz und Anwendung der Disziplinargewalt gegenüber den Angehörigen der randalierenden Gruppen. Die vom früheren Bundeskanzler Dr. Renner im Nationalrat eingebrachte Interpellation lautet u. a.: „1. Was ist gegen Hofrat Kobes, Professor an der Technischen Hochschule in Wien, veranlaßt worden, der sich erfrecht hat, seine Vorlesungen zur politischen Agitation zu mißbrauchen? 2. Was ist gegen Hofrat Salinger veranlaßt worden, der unter Mißbrauch der ihm anvertrauten Rektorwürde verbrecherische Exzesse einer mißleiteten Jugend nicht nur duldete, sondern durch sein parteiisches Verhalten geradezu fördert? 3. Was ist gegen jene Exzedenten an der Technischen Hochschule veranlaßt morden, die sich am 19. d. so flagrant gegen das Strafgesetz und gegen den Erlaß des Rektors vom 29. April vergangen haben?" Aus der ungarischen Orthodome. Budapest, 25. Mai. Die Zentral kommission der ungarische:: Orthodoxie hielt unter Vorsitz des Präsidenten Adolf Frankl ihre Vierteljahrstagung ab. Die Verhandlungen erstreckten sich hauptsächlich auf die Organisation der Sammlungen für die I e s ch i m o s und die Verteilung der zu diesem Zwecke gesammelten Gelder. Kanzleirat Hartstein wurde in Anerkennung seiner Verdienste zum Vizepräsidenten gewählt. Die hiesige orthodoxe Kultusgemeinde beschloß den Lau einer neuen Mikwah, sowie eines neuen Gebäudes für die P o l i k l i n i k der Gemeinde. Das im Gemeindehospital gebaute kleine Bes Hamidrasch ist feierlich eingeweiht worden, wobei der greise Oberrabbiner Reich eine halbstündige Weiherede hielt. Die S t a d t r a t s w a h l e n, die erfreulicher Weife die Wahl von sechzig jüdischen Stadtverordneten ergaben, haben ausschließlich Neologe in das Stadtparla- ■nznt gebracht. Es ist dies ein bedauerliches Anzeichen mangelnder politischer Organisation unter der hiesigen Orthodoxie. Eine jüdische Poliklinik in Budapest. - '• Budapest, 31. Mai. Am- Sonntag, den 26. Mai, fand in Budapest die^rdssnung der vom Ehepaar Aladar und Josefa Kasgab gegifteten jüdischen Poliklinik statt. Cs ist das die erste jüdische Poliklinik der Welt. Das Ambulatorium derselben kann jährlich etwa 100 000 ambulante Kranke behandeln und überdies 60 bis 70 jüdischen Äerzten die Möglichkeit Der Israelit Nr. 23 Sette 6 liefern wir einen eleganten Kneifer mit Gläsern, Double ohne Fassung, der eigens ffir Nase und Gesichtsbildung hergerichtet wird. Es ist nicht mehr nötig, daß Sie sich-mit schlechtpassenden Gläsern,-falsch und schief sitzenden Kneifern behelfen, die Augen dadurch vernachlässigen und schädigen. Besprechen Sie sich mit unseren Fach Ieuten ohne Kaufverpflichtüng, wir beraten Sie gut und bedienen Sie sehr preiswert. Lieferung für alle Kassen. 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Bannspruch gegen eine Zeitung. Warschau, 28. Mai. In der ehemaligen Gouvernements-Stadt, jetzigen Kreisstadt Sjedlec ist der seltene Fall vorgekommen, daß das Rabbinat gegen eine jüdische Zeitung den religiösen Bann (Cherem) ausgesprochen hat, wodurch es den gesetzestreuen Juden verboten ist, diese Zeitung zu lesen. Dies hatte folgende Vorgeschichte: In einer Versammlung der orthodoxen Kreise von Sjedlec unter der Leitung des Rabbinats wurde beschlossen, ein goldenes und ein schwarzes Buch anzulegen. In dem goldenen Buch sollen diejenigen Frauen verzeichnet werden, die die religiösen Gesetze beobachten, in dem Schwarzbuch jene Frauen, die die religiösen Reinigungs- und Haartrachtvorschriften außer Acht lassen. Das „Sjedlecer Wochenblatt" brachte einen Bericht über diese Versammlung und knüpfte an denselben eine sehr scharfe Kritik des Beschlusses und insbesondere der Praxis des Rabbinats. Das Rabbinat erführe die Zeitung, eine Richtigstellung zu bringen, und als der Redakteur dies ablehnte, erklärte das Rabbinat öffentlich, daß über die Zeitung der Bann gesprochen sei und kein religiöser Jude dieselbe zur Hand nehmen dürfe. Die Angelegenheit hat in Sjedlec und der ganzen Umgegend großes Aufsehen erregt. Von der wirtschaftlichen Verelendung der polnischen Judenheit. W a r s ch a u , 28. Mai. Der Verein der Warschauer Fleischhändler gab soeben einen Bericht heraus, aus welchem hervorging, daß der Fleischkonsum der jüdischen Bevölkerung Warschaus zu keiner Zeit so niedrig war wie jetzt. Die Ursache liegt in der schweren ökonomischen Krisis der Juden in Polen. Dagegen ist der Fleischkonsum der christlichen Bevölkerung ein normaler. Das Resultat ist, daß der Preis für Kofcherfleifch, der stets 50 Prozent höher als der Marktpreis war, jetzt bedeutend niedriger ist. Die großen Schulfragen in Polen. IVon unserem Korrespondenten). Die jüdischen Parteien im Sejm. — Priluzki als Verräter. — Fortschritts-Manie. - Thugutt gegen den Cheder? — Zwischen Hammer und Ambos. II. Warschau, 14. Mai. Wer die hiesigen Verhältnisse kennt, wird es nicht bloß als Ausdruck des bissigen Hasses gegen die Orthodoxie und die traditionellen jüdischen Institute würdigen — es steckt in diesem charakteristischen Totschweigen auch immerhin viel vom Bruderhaß — als noch vielmehr darin die lächerliche Furcht erblicken nicht etwa als Fanatiker und Beschützer der „Reaktion" — horribile dictu'. — gestempel zu werden. Es ist ein tragikomisches Schauspiel, wie die bürgerlichen Zionisten von den ultrademokratischen Bundisten am Gängelbande des „Progresses" herumgeführt werden, wie sie mit gezwungenem Eifer um jedes goioene Kalb des „Zeitgeistes" herumtanzen, wie sie um die Wette rennen um ihren Unglauben und Atheismus, den sie in ihrer geistigen Beschränktheit mit Fortschritt identifizieren, zu bekunden. Zum Bedauern muß gesagt werden, daß nicht bloß die Zionisten sich von den ihnen zur Seite stehenden Parteien ins Schlepptau nehmen lassen. Auf der ganzen Linie von links bis tief in die Rechte gravatiert hier' alles nach links, besonders aber möchte jeder „linker" scheinen, als er es in Wirklichkeit ist. Auch bei einem gewissen Teile der Orthodoxie läßt sich eine ähnttcye Neigung bemerken, ja hier reicht es sogar noch weiter und zeitigt höchst unliebsame Früchte. Die unorganisierten orthodoxen Gruppen, speziell die sogenannten „Unparteiischen" wagen es.nicht einmal, ihre orthodoxen Anschauungen aufrichtig zu bekennen. Zur Beruhigung des eigenen Gewissens nennen sie ihr feiges unmännliches Verhalten: Friedfertigkeit. Tatsächlich ist es aber die falsche, ich möchte sagen, die beschämende Scham, das zu gelten, was man ist. Kehren wir aber von diesen traurigen Betrachtungen zum Thema zurück. Der Angriff des Dep. Prylucki galt nicht bloß dem Cheder, sondern auch der Regierung. Er glaubte zwei Vögel mit einem Schüsse treffen zu können. Die Regierung — beklagte er sich — unternimmt es „e inen Leichnam zu galvanisieren und ihn ins Leben zurückzurufen. Der Kultusminister Stanislaw Grabski bekundete in seiner Rede die Kenntnis der modernsten Pädagogik und dennoch ist er daran, das „veraltete" Cheder anzuerkennen usw. Was er vielleicht noch unausgesprochen lieh, das versuchten seine Gesinnungsgenossen zu ergänzen, welche als Abordnung der in denselben Tagen in Warschau tagenden jiddischistischen Schulkonferenz zu Audienz beim Kultusminister Grabski erschienen waren. Sie warfen dem Minister vor, daß er mit den Orthodoxen paktiere und ihre Schulen anzuerkennen gedenkt. Minister Grabski wies die Anmaßung, ihn belehren zu wollen, was er zu tun und zu lassen habe, entrüstet zurück. Sie hätten das Recht — meinte er — ihm Postulate vorzustellen, keineswegs aber sich in die Geschäfte seines Ressorts einzumischen. Am zweiten Tage begab sich diese Abordnung zum Vizepremier Thugutt, um auch vor ihm Beschwerde zu führen. Hier fanden sie eine freundlichere Aufnahme, und, wie sie vernehmen, soll Herr Thugutt sich geäußert haben, daß zwar bei den maßgebenden Faktoren die Tendenz bestehe, die jüdisch-religiösen Schulen anzuerkennen, er aber aus pädagogichen Gründen seine Zustimmung nicht geben werde. HatVizepremierThuguttwirklichdiese Worte fallen lassen? Vom Falle Wygodzki, von dem an dieser Stelle längst berichtet wurde, wissen wir, daß die Worte der Minister im Munde der Parteigegner bis zur Unkenntlichkeit verstümmelt werden. Es ist ganz wahrscheinlich, daß auch in diesem Falle die Herren Jiddischisten ihre eigenen Gedanken und —nsche dem Vizepremier unterschieben. Es sind alle Sympthome da, daß man auf eine Klärung der Lage nicht allzu lange wird warten müssen. Es verlautet allgemein, daß wichtige Entscyeidungen in bezug auf das jüdische Schulwesen bevorstehen. Vorläufig sind )te jedoch noch in einen geheimnisvouen Schleier gehüllt. Bevor die ersehnte Neuordnung kommt, ist inzwischen ein großer Teil der jüdischen Bevölkerung Polens in eine schwere Lage versetzt worden. Im Zusammenhang mit dem bevorstehenden Inkrafttreten des vom Sejm im vorigen Jahre beschlossenen S p r a ch g e s e tz e s für die gemischtsprachigen Ostprooinzen hat die dortige Bevölkerung eine Rundfrage zu beantworten, welche Sprache sie für die Schule wünschen: die polnische oder die ukrainische. Die jüdische Minderheit wurde nicht anerkannt. Es gibt demnach nur eine Alternative: polnisch oder ukrainisch. Die Juden befinden sich dort zwischen Hammer und Amboß. Aus politischen Gründen — von nationalen ganz abgesehen — können sie weder die eine noch die andere Sprache angeben. Die Zionisten agitieren also für Hebräisch, die Jiddischisten für Jiddisch. Von allen Nebeln scheint noch die Angabe einer der zwei letzten Sprachen als das kleinste zu sein. Es ist immerhin auch ein Nebel, da diese Sprachen nicht anerkannt sind, wodurch ihre Angabe von beiden interessierten Parteien als Sabotage der Abstimmung betrachtet wirku