Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 66 (1925)
- Issue
- Heft 23 (4.6.1925)
- Date
- 1925-06-04
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2446951-2450337-2450359--72242-2529604- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Sei'e 4 Nr. 23 Station des englischen Weltreiches an der Grenze dreier Erdteile. Für die jüdischen Hoffnungen ist dieser Szenenwechsel keineswegs von entscheidender Bedeutung. Sie gründen sich nicht auf romantische, mehr oder minder doch recht fragwürdige historische Zusammenhänge — wir haben an der Identifikation Herbert Samuels mit Nehemija niemals besonderes Gefallen gefunden —, sondern auf die klare Erkenntnis, daß uns eine neue politische Konstellation die Möglichkeit schafft, ein lange nur kümmerlich zu erfüllendes Eottesgesetz, 'jxw px ^nrn mx» nun in großem Stile, mit dem Einsatz aller Kräfte zu verwirklichen. Diese Aufgabe ist uns klar vorgezeichnet, wer immer auch berufen werde, die politischen Geschicke Erez Iisroels zu leiten, und wie sich auch im einzelnen danach die Entwicklung und die Aussichten der politischen Geltung der jüdischen Siedlung auf dem Boden Erez Iisroels gestalten mögen. Amerika will wieder helfen Eine Kunde aus Amerika stimmt betrübend, löst aber zugleich auch einige Freude aus. Das amerikanische Joint Distribution Committee, das bekanntlich im April 1924 mit der Liquidierung der Hilfstätigkeit in Europa und Rußland begonnen hatte und die vorhandenen restlichen Gelder nur noch für Zukunftsarbeit verwenden wollte, hat nach Beschluß einer Sitzung vom 16. Mai die Hilfs tätigt eit wieder ausgenommen und mit der Arbeit zur Beschaffung der notwendigen neuen Fonds begonnen. Es ist tief betrüblich, daß ein volles Jahr, nachdem das in der Geschichte der Menschenliebe einzig dastehende Hilfskomitee geglaubt hatte, seine Arbeit vollbracht zu haben, es nun von neuem und von vorne beginnen muß. Der Vorsitzende des Joint, Felir M. Marburg, der von einer Europareise zurückgekehrt ist, mußte in einem Referate alle Illusionen der amerikanischen Iudenheit über eine irgendwie eingetretene Sanierung der jüdischen Lage in Europa von Grund auf zerstören. Im Gegenteil haben sich die Schatten in letzterer Zeit überall beängstigend zusammengezogen und der wirtschaftliche Zusammenbruch ist so, daß wenn die Amerikaner nur zum geringen Teile die Not ahnen könnten, kein Herz und keine Hand in Amerika sich dem neuen Aufrufe zur Hilfe verschließen könnten. Mir in Europa — und nicht allein in Osteuropa — wissen die Ausführungen Marburgs zu bestätigen, und es wird ein frohes Aufatmen durch die jüdischen Notbezirke Europas gehen, daß das nimmermüde Amerika wieder helfend auf dem Plane erscheint. - Geben und wiedergeben, ynn lautet das Gottesgebot, das wir an jedem unserer Feste, auch am Schwuausfeste, aus der Thora verlesen. Das. auch in seinem Wohltun praktische, von Geist und Kopf geleitete Amerika kennt die diesem Worte innewohnende liefere Bedeutung. Gewiß ist es die schönste Art von Hilfe, die Hilfe entbehrlich zu machen. Aber solange Volksnot reißend im breiten Strome flutet, darf der dem jüdischen Herzen entspringende Quell des jüdischen Wohltuns nicht versiegen. Daran mögen auch all die im Lande selbst vom Leben Bevorzugten denken. Amerika hat es im Großen erfaßt und seine abgeschlossen geglaubte Hilfstätigkeit in größerem Umfange wieder ausgenommen.? Selbstredend wendet Amerika, wie schon oft berichtet, auch dem neuen Ansiedlungsprojekt in Rußland wärmstes Interesse zu. Der Joint beschloß die Schaffung und Erhaltung eines ständigen Fonds zur Förderung der russischen Ansiedlung. Mister Marburg persönlich verspricht sich, nach einer Aeußerung Pressevertretern gegenüber, ungemein viel von der scheu Siedlungsarbeit. Die beste Wegweiserin und LehrMeisteriN'auf.diesem Vielen unbekann- _Der Israelit__ tcn Gebiete ist die Not. Dreitausend jüdische Familien haben bereits aüf diese . Weise in kurzer Zeit Heim und Brot erhalten und viele Tausende harren ungeduldig eines gleichen Änteils. Die Sowjetregierung meint es ehrlich mit dieser „Lösung des IudenHröblemes". Aber es ist bei all dem und im besten Falle nur ein kleiner Teil des Problemes, der auf den jüdischen Feldern der Krim gelöst werden kann. Die Not großer Massen wächst weiter und hat zur Stunde einen Grad erreicht, der nach der rettenden Bruderhand greift. Darum hat das Joint Distribution Comittee seine Arbeit wieder ausgenommen. Sie möge von Segen sein. Lloyd George und die englische Palästina-Politik. London, 27. Mai. In einer Versammlung der Jüdisch-historischen Gesellschaft, die in dem großen Hörsaal der Londoner Universität stattfand, hat Lloyd George, der bekannte Premierminister des englischen Kriegskabinetts, am Montag abend eine große politische Rede gehalten, die nicht nur vom historischen Standpunkt aus sehr viel Bemerkenswertes bot, sondern durch ihre stark zugespitzte Schlußerklärung von aktueller politischer Bedeutung ist. Lloyd George knüpfte an den den eigentlichen Inhalt des Abends bildenden Vortrag Philipp Guedellas über „Napoleon in Palästina" an, und stellte die Tatsache fest, daß die Alliierten den Krieg eigentlich mit Hilfe derjenigen Strategie gewonnen hätten, die dem napoleonischen Kriegsplan gegen Asien zu Grunde lag. Man habe die Front der Mittelmächte von Palästina her aufgerollt, weil dort bei den Türken und Bulgaren die schwächsten Stellen dieser Front gegeben waren, so daß der Sieg der Alliierten im Westen schließlich nur die moralische Konsequenz des Zusammenbruchs der Türken, Bulgaren und Oesterreicher war. Dann fuhr Lloyd George fort: „Wir richteten auch einen Appell an Ihr großes Volk. Im Gegensatz zu Napoleon waren dabei — sprechen wir ehrlich — unsere Motive gemischter Natur. Unzweifelhaft waren wir dabei erfüllt von unserer natürlichen Sympathie und Bewunderung für das jüdische Volk und auch von der Tatsache, daß wir eigentlich mehr in der hebräischen Geschichte als in der unseres eigenen Landes großgezogen worden sind. Ich wenigstens habe in der Schule viel mehr jüdische Geschichte gelernt, als englische. Ich könnte Ihnen alle Namen der Könige von Israel auszählen, aber vielleicht nur ein halbes Duvend der Könige von England und ebensoviele von Wales. Fünf Tage in der Woche in der Tagesschule und Sonntags in der Sonntagsschule sind wir mit der jüdischen Geschichte gründlich vertraut gemacht worden. Wir pflegten große Stellen aus dem Propheten und den Psalmen zu rezitieren. Unsere Seele wurde tief durchtrgnkt mit der Geschickte Ihrer Rasse in den Tagen ihres größten Ruhmes, da sie jene große Literatur.schuf, deren Widerhall bis ans Ende der Tage die Welt erfüllen wird, die den menscklicben Charakter beeinflußte, formte, bildete, ihm Menschlichkeit einflößte und sie in ihm stärkte, nicht nur für. die. Juden, ganz ebenso, auch' für die Nichtjuden. Wir haben dieses Kulturgut in uns aufnenommen und es als das Beste im nichtjüdifchen Charakter bewahrt. So traf denn der politische -."voll der Balfour-Erklärung wohl vorbereitete, sympathisch gestimmte, empfängliche Herzen. Aber ich will nicht behaupten, daß dabei nicht das Element des Interesses mit im Spiel war. Sie nennen sich eine kleine Nation, auch ich gehöre zu einer kleinen Nation, und-ich bin .stolz auf diese Tatsache. Es ist eine alte Raffe, nicht so alt wie die Ihrige, und obgleich ich sehr stolz auf sie bin, will ich sie nicht mit der Ihrigen vergleichen, aber ich weiß, daß bis zum heutigen Tage gerade die k l e i n e n Raffen für große Dinge auserwählt waren. Ihr könnt sagen, daß ihr unterdrückt und verfolgt worden seid, das aerade ist eure Stärke gewesen. Ihr seid zu gutem Stahl gehäprmert worden, und das ist der Grund, weshalb Ihr nie zerbrochen werden könnt. Gehämmert seid.Ihr für Jahrhunderte zum schönsten Raffestahl in der Welt, und deshalb wollten wir Eu^ helfen. Wir glaubten, es werde auch sehr nützlich sein. Ich will auch die andere Seite der Frage sehr offen erörtern. Ich persönlich habe insbesondere eine große Dankesschuld gegenüber Dr. Weidmann. Im Munitionsministerium stand ich-einer der ärgsten Krisen gegenüber, die' ich 'je erlebt habe. Ich stand vor einem Abgrund. Plötzlich zeigte sich, daß wir das große. Mittel, um rauchschwämes Püloer zu fabrizieren, nicht befaßen:' Holz ■I 4 . chj _ 4. Juni MM Alkohol. wandte mich an Dr. Weizmann. ..Alkohol mußte aus Holz gewonnen werden und er züchtete kleine Lebewesen — ich weiß nicht dürch wie viele Generationen — Zucker zu essen und der Alkohol wurde ausTÄlais gemacht und es war reichlich „Korn in Aegypten" und wir waren gerettet. Ich fühlte eine tiefe Dankesschuld, und ebenso alle Alliierten, gegenüber dem glänzenden wissenschaftlichen Genie Dr. Weizmanns. Als wir mit. ihm sprachen und ihn fragten: „Durch welche Ehrenbezeugungen können wir Ihnen Dank erweisen?" antwortete er: „Ich will nur eines: eine Gelegenheit, etwas für mein Volk zu tun." Die Sache war für uns alles wert an Ehre oder an-Gold, aber alles, was er verlangte, war die Genehmigung, sein Plädoyer für die Wiederherstellung seines Volkes in dem alten Lands Vorbringen zu dürfen, das es in der garrM Welt berühmt gemacht hat. So hat mich das-Acetom zum Zionismus bekehrt. So wurde, uns die Sache vorgelegt, und als das Kriegskabinett' begann, die Deklaration zu diskontieren, war man einstimmig für deren Annahme. Ich glaube, wir sicherten damals die Mitwirkung der Franzosen und die berühmte Balsourdeklaration wurde geschussen. Ich selbst war ein sehr starker Befürworter der Eroberung Palästinas. Eines Tages werde ich die Geschichte erzählen können, wie nahe wir jedoch daran waren, daß, als wir alle unsere Kräfte organisiert und alle unsere Flinten und Munition für den Endangriff mit der Idee, Jerusalem zu nehmen, zusammengefaßt hatten, die Gefahr an der Westfront uns beinahe zwang, unsere Truppen aus dem Osten zurückguziehen. Aber lassen Sie mich ein Wort über die Ar.aber sagen. Es ist nicht unsere Auffassung, und es ist sicherlich nicht die .Auffassung der Zionisten, daß irgend jemand aus Palästina vertrieben werden sollte, der nicht wegzugehen wünscht. Wjr haben Menschen jeder Rasse in diesem Lande — einschließlich der meinigen — und es ist eine der Nuhmeskronen des Britischen Reiches, daß es ein Reich aller Raffen ist. Es ist kein englisches Reich und es ist kein schottisches Reich, aber wir haben in jedem Winkel eine Vielheit von Raffen — in Afrika Holländer, in Kanada Franzosen usw. Das ist es, was seine Größe ausmacht, und Palästina war nie ein Land ausschließlich für Juden. Jede Raffe wurde dort zugelassen. Laßt dies jetzt euren Ruhm sein. Jeder der gewillt ist, Seite an Seite mit Euch zu arbeiten, sollte dort sein und jede Politik der Enteignung oder etwas was dazu führt wird dem Zionismus nur Schwierigkeiten bereiten. Es leben etwa 600 000 Araber in Palästina, das ehemals Millionen faßte. Es ist unzweifelhaft Platz da für eine sehr beträchtliche Bevölkerung und wenn die Araber dort arbeiten wollen, warum nicht.? Aber das ist kein Grund dafür, daß die Juden von ihrem Lande fern gehalten werden und daß ihnen nicht erlaubt werden sollte, ein Land fruchtbar zu machen, das von Gesängen und Poesie umflossen ist, die es als Land, das von Milch und Honig fließt, als Land der Schönheit und Fruchtbarkeit vor die Seele zaubern. Ich weiß nicht, ob Napoleon den Juden Palästina versprach. Ich hörte dem Vortragenden sorgfältig zu und weiß nicht zu welchem Schluß er kam. Aber dies tut nichts. Ich will ihnen den Unterschied sagen zwischen der Balfour-Deklaration und Napoleons Versprechen. Eine unterdrückte Nation hat einen Fehler und eine große, sehr große Gabe. Der große Fehler ist: hochgest e i g e r t.e s Mißtrauen. Sie wird dazu getrieben, aber eine ihrer Stärken ist: sie versieben die menschliche Natur. Und als Napoleon ihnen Palästina versprach, wußten sie, wie weit sie ihm trauen durften. Napoleon hielt niemals Treue, wenn es ihm nicht paßte. Cr oerprach Polen den Polen und Polen sandte seine besten Söhne um für ihn zu kämpfen. Er löste das Verbrechen niemals ein. . . . Die Juden wußten, daß die Unterschrift Napoleons nicht viel wert war, aber sie wissen auch, daß die britische immerdar honoriert wird. Wir haben fast eine Million unserer Söhne verloren und uns mit einer Schuld von Tausenden von Millionen belastet, weil wir Belgien gegenüber ein Stück Papier Unterzeichneten — und wir haben es honoriert. Und die Juden wußten, daß Treubruch nicht zu den Schwächen Britanniens-gehöck, Ich., wage zu sagen».daß, welche Partei auch an. der Macht sein wird, einerlei ob Konervative, Arbeiterpartei, Liberale oder irgend eine andere — sie alle sagen werden: „Der Name Britanniens ist unter jene feierliche Erklärung an die Juden der Welt gesetzt worden und Britannien wird zu seiner Verpflichtung stehen." Es ist begreiflich, daß Weizmann auf die Rede Lloyd Georges mit einem beweg'en Dank reagierte. Wenn Juden und Äcabe-, so meinte er, einander unmittelbar gegenüberträten, so würden sie sich bald als alte .Vettern erkennen und er hoffe, daß die Anstrengungen,/die nach dieser Richtung mit Hilfe von Männern wie Lloyd George gemacht werden würden, zu einem Zusammenwirken von Juden und Arabern beim Aufbau Palästinas und'anderer, verödeter Länder des Ostens führen würden. Er schloß, mit einer Einladung an Lloyd George, Erez Jisroel einen Besuch.abzustatten. ., ' " J ■ 2 j?:,; i'. .: ';mt * 6' m