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Der Israelit · 1925-05-28 · Heft 22 (28.5.1925) · page 27

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Journal
Der Israelit
Volume
66 (1925)
Issue
Heft 22 (28.5.1925)
Date
1925-05-28
Page
– (sequence 27)
Language
German
Belongs to
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28. Mai 1925 Nr. 22 Seile 27 die Gnade Gottes individuell in tausend Erscheinungen des Diesseits leuchten kann, erscheint der christlichen Religion von allen möglichen Erlebnissen nur ein einziges erlebenswert, das noch dazu an ein längst gewesenes, vergangenes Ereignis anknüpft, nämlich der Glaube an das Leiden des Stifters. In allem Leben und Sein gibt es für sie keine unmittelbare Begegnung mit Gott, nirgends und niemals, sonst wäre jener Stifter umsonst gestorben. Jene anerzeugte, böse Kraft und Unreinheit des Herzens, die jeder Mensch nach Adams Sündenfall von seinen Eltern ererbt, und mit ihr die ewige Verdammnis nach dem Tode, kann er trotz ernstesten Strebens nich loswerden, es sei denn durch die Gnade, die auf dem Wege über den Stifter zu erlangen ist, durch Glaube an ihn, seine Menschwerdung und Kreuzigung im Jahre eins. Das ist nach ihm der einzige Weg zur Gnade, weshalb alle vorchrist-- lichen Jahrhunderte, alle nicht christlichen Völker und Menschen keinen Weg zu Gott haben. Wie weit entfernt sich hierin das angeblich „universelle" Christentum vom angeblich „partikularistischen" Judentum, das den Gerechten aller Völker Anteil an, der zukünftigen Welt zusichert! Bezeichnenderweise, sagt daher nach Zangwill die christliche Haushälterin zu ihrer jüdischen Herrschaft: „Ich freue mich, daß Sie so viel Gutes tun, Fräulein! Ich brauche es nicht, denn meine Seele ist schon gerettet." Nach dem Opfertod des Meisters bleibt nichts mehr zu tun übrig, als daran zu glauben und ihm dafür zu danken. Das Wesentliche und Schöpferische des Judentums liegt demgegenüber in der Ermunterung, Gott zu suchen, wo immer er zu finden ist, sich redlich zu mühen, gegen das unedle Unglück anzukämpfen, bis ihm eines Tages Gott das Glück und die Gnade gewährt, tieferen Einblick zu tun, um dann desto leichter seinen Weg als Mensch und Jude gehen zu können. „Gott selbst, sagt Jesajas unter Betonung des „selbst", um alle Mittlerschaft, alle historische Vermenschlichung als Quell alles Uebels auszuschließen, „kommt und erlöst Euch! Dann werden die Augen der Blinden sich auftun und die Ohren der Tauben sich öffnen." Im Mittelpunkt der ganzen Brodschen Untersuchung steht der dritte Unterschied zwischen jw bischer und christlicher Heilslehre, das „Diesseitswunder". Im Christentum nämlich führt die himmlische Gnade den mit ihr Gesegneten aus dem Leben des Diesseits hinaus in die Einsamkeit oder zur Versunkenheit in sich selbst. Im Judentum aber ist das Gegenteil der Fall. Das bezeichnendste Beispiel dafür bietet die Geschichte R. Simons ben Jochai. Dieser war mit seinem Sohne gezwungen, sich 12 Jahre in einer Höhle verborgen zu halten, weil er sich geringschätzig über die sozialen Einrichtungen der Römer geäußert hatte und deshalb vom Kaiser verfolgt wurde. „Alles haben die Römer nur aus Eigennutz gemacht,,, hatte er gesagt. Rach 12 Jahren starb der Kaiser, der Achtbefehl war aufgehoben, R. Simon konnte wieder unter die Menschen gehen. Aber die Welt ist ihm noch fremder geworden und voll Bitterkeit beobachtet er das Tun der Menschen, die sich mit ^beh Singen dieser Welt abgeben, ohne an das Heil ihrer Seele, ans Jenseits zu denken. Da ertönt eine Stimme von oben und weist ihn zurück in die Höhle, da er Gottes Welt zerstöre. Ein ganzes Jahr verbringt R. Simon wieder in der Einsamkeit. Als er wieder an die Oberfläche kommt, ist eine Wandlung in ihm vorgegangen. „Uns ist ein Wunder geschehen, nun will ich eine gute Einrichtung treffen." Mit diesem Bekenntnis und Vorsatz hat er die großartige Doppelseitigkeit des jüdischen Frommen für alle Zeiten gekennzeichnet. Der Christ wird durch das Wunder dem Diesseits entrückt, der Heide durch das Diesseits für das Wunder unempfänglich, der Jude ergreift das Diesseits kraft des Wunders, das er erlebt hat. Dieses Diesseitswunder erklärt den religiösen Ernst, mit dem in der Thora nationale und soziale Probleme erörtert und gelöst werden. Auch von der höchsten Sphäre her gesehen, wird dem Juden keine Tatsache des.Diesseits jMYls gctm gleichgültig werden.' Andererseits eMbt sich daraus Der Israelit auch, daß der rührigste Eifer für nationale und soziale Ideale ins Heidentum mündet, wenn ihm nicht zu Grunde liegt das Wunder göttlicher Gnade, die demütige Erkenntnis der Armut vor Gott und die strahlende Freude am Wirken vor Gottes Angesicht. An treffenden Beispielen, an den großen Erziehern und heiligen Schriften des Judentums, besonders schön aber am „Lied der Lieder" illustriert Brod das Geheimnis dieses Wunders. Dieses Lied, in welchem das irdische Sehnen des Einzelmenschen mit der Sehnsucht Israels in einem Bilde erscheint, hat es Brod überhaupt angetan. Verzückt erkennt er darin die Fäden, die das Judentum zu etwas so gänzlich Neuem und Anderem' in der Geschichte der Religionen machen, die Fäden, die vom Diesseits zum Jenseits gespannt, für alles Leben und Lieben am einen Pol den tiefsten Sinn vom anderen erhalten. Die Frage liegt nun aber nahe, — die schwerste, die dem gläubigen Leser immer brennender auf der Lippe schwebt —: Der hier so begeistert von Juden und Judentum, von Thora und Talmud redet, ist er selbst denn ein thoratreuer Talmudjude/ glaubt er selbst denn an die absolute Geltung und den göttlichen Ursprung der Thora? Gleich als ob er uns die Frage von der Stirne abgelesen hätte, antwortet er: „Ich glaube an dreierlei: Geheimnis, Kraft der Wahrheit, Begeisterung." So mancher ist hiernach enttäuscht. Er ist so klug wie zuvor. Geheimnis, Kraft der Wahrheit, Begeisterung, sind doch keine Glaubenssätze des Judentum! Damit kann man doch der größte f’a fein! Brod ahnt das selbst und verwahrt sich dagegen, mit diesem seinem Glauben keine Beziehung zum Judentum zu gewinnen. In der Tat ist das aber wohl eine Frage, die er selbst nicht beantworten kann. E r hat mit jenem Glaubenssatze lebendige Beziehung zum Judentum gewonnen, wie anderen das gelingt, muß jeder von sich am besten wissen. Der Wert des Buches wird aber meiner Meinung nach dadurch nicht beeinträchtigt. Für mich ist nicht die Hauptsache, ob Brod den himmlischen Ursprung der Thora glaubt, sondern, ob der denkende Mensch, der die Grundideen seines Buches liest, dadurch in seiner Gläubigkeit und Gesetzestreue bestärkt werde, vielleicht gar zu ihr gedrängt werden kann. Brod glaubt an die Macht des Geheimnisses, glaubt somit an die Möglichkeit all dessen, was wir nicht verstehen, glaubt vor allem, daß die jüdischen Riten sich alle auf das Geheimnis der jüdischen Volksexistenz beziehen, d. h., daß Völksexistenz und Gesetzestreue auf geheimnisvolle Weise einander bedingen, ob wir nun die Gesetze verstehen oder nicht. Konsequenterweise müßten nun die geheimnisvollen Zusammenhänge zwischen Volk und Thora und Gott als solche in jedem Wort der Schrift respektiert werden. Der zugestandene geheimnisvolle Charakter, der der Schrift innewohnt, schützt sie wohl vor einer der von Brod selbst so gegeißelten Emendationen nach Art des „theologischen Schnittwarengeschäftes der Bibelkritiker." Wenn trotzdem Brod, wie aus einigen Bemerkungen hervorzugehen scheint, da auf halbem Wege stehen bleibt, so ist mir sein Ausgangspunkt, den er gläubigen Herzens vertritt, nicht weniger wertvoll: Der Glaube an das Wunder unserer Vergangenheit. Er glaubt an die Begeisterung. Das ist freiich auch kein Glaubensdogma der Thora und des Talmuds. Und doch ist sie die stärkste Wurzel unseres Sinns, aus der allein unser Lebensbaum emporwachsen kann; entgegen der Blasiertheit unserer Jugend, entgegen der Philisterhaftigkeit unserer Alten glaubt Brod an Ideale und reißt uns mit zur Begeisterung an jüdischer Gegenwart. Und er glaubt an die Kraft der Wahrheit, an Zukunft. Das ist Ausgangspunkt und tröstliches Ziel des historischen Judentums: Der Sieg der Wahrheit. Wenn unser Volk, das kleinste unter den Völkern und unsere Idee äußere Anerkennung von den Kulturmächten auch noch so wenig findet, wenn Hep-Hep zur Rechten und mitleidiges Lächeln zur Linken die Statistik stützen, die auf den nahebevorstehenden Untergang des Judentums, hinweist, dann schöpft der Jude die Kraft zum Leben und den Willen zur Treue aus der Ueberzeugung, daß die Wahrheit unser ist und siegen muß, denn ri*apn bw iamn narr, „Die Wahrheit ist das Siegel Gottes." Mcherbesprechungen. Tia^fim ilTinn ISO Von D. ®olomb, Berlin 1923. Verlag des Verfassers, W. 50, Passauerstraße 17. 836 Seiten. Verfasser des in hebräischer Sprache geschriebenen Werkes will nach einem neuen System die Sprache von Bibel, Mischna und Talmud erforschen. Mit liebevollem Fleihe vertieft er sich in alle Einzelheiten der Plene- und Desektivschreibungen, in die Fülle der grammatischen Eigenheiten; ganz besondere Sorgfalt verwendet er auf die Beobachtung der Synonyma. Die Grundlage seines Systemes ist der von Maimonides im Mischnakommentar zu Terumot 5,1 aufgestellte Satz, daß die Mischnasprache ein reines Hebräisch ist, daß wir daher Besonderheiten dieser Sprache gegenüber dem Biblischhebräisch nicht als Korrumzierung betrachten dürfen. Allerdings geht u. E. Verfasser mit seinen Folgerungen zu weit. Zweifellos ist die mischnische Din als gutes Hebräisch zu betrachten, als eine sprachlich durchaus zulässige Weiterbildung der biblischen . av> . Gibt. die Bibel doch selbst in (Wi Vnn 18,27) ein Beispiel für solche Weiterbilndung (aus Hiph. ^n). Das berechtigt aber nicht, in der Wahl des Ausdruckes nswn nrr p»*vm einen Hinweis darauf zu sehen, daß man nur bestimmte Asche (nvu»nn ivn) abheben durste, und diesen Hinweis aus der Bildung dadurch zu entnehmen, daß in - iint> sein soll, also l8. XXV111) pviin-iivv wi' -wrr mpan iini" Wie wertvolle Ausbeute uns eine Sammlung der sprachlichen Bemerkungen des Talmuds verspricht, zeigt uns Verfasser an den Ausführungen in Tem. 26b. über die Doppelbedeutung der Präposition mnn als iwi» ’ois/wn (an der Stelle) unb ’bintn (anstatt). (Seite 14. bis 12.) Sehr einleuchtend erklärt Verfasser die Deutung der Mechilta zu mni nv2i« -nvn n n n nvvn als 'Mbji&h So geistreich der Versuch Verfassers ist, wsa 4 p» zu setzen, indem er einen bilitteralen Stamm n - ya annehmen will (S. a"3p>), so halten wir diesen Weg des Etymologierens für zu bedenklich, um ihm zu folgen. Auch die Herleitung eines hebräischen Wortes in (zwei) aus dem Worte 'vii ist höchst unwahrscheinlich. Die etwas schwierige Uebersicht über das Werk wird durch den mehr ausführlichen als systematischen Index erleichtert. Wer sich in Golombs Ausführungen vertieft, wird ihnen wohl oft widersprechen, wird aber sehr viele wertvolle Anregungen und Belehrungen empfangen. M. A. Vom geschichtlichen -Verden. 1. Band: Persönlichkeit und Entwicklung. Von Kurt Vreysig, Prof, an der Univ. Berlin. Stuttgart 1925. I. G. Cotta'sche Buchh. Nacht. Das tief schürfende Werk, das auf einer reichen Fülle universellen geschichtlichen Einzelwissens fußt, ist gänzlich auf die Untersuchung der Grundfrage alles geschichtlichen Werdens eingestellt, welchen Anteil der starke Einzelne und welchen die Masse an der Geschichtsentwicklung habe. Breyfig hält im Gegensatz zum Marxschen historischen Materialismus allein das Führer-Jndio i d i u m samt den zahlreichen halb-schöpferischen Kräften zweiten Ranges für dieTräger des Geschichtsprozesses, während die Menge, Uebereinkunft und Üeberlieferung wahrend, lediglich den festen Untergrund bildet, auf dem und an dem sich die Freiheit der Neuerer, der Schöpferischen entfaltet. Dieser Orientierung entsprechend verwirft Breysig natürlich auch die blinde Einseitigkeit, mit der Marx und seine Freunde die wirtschaftlichen Momente zur bedingenden Grundlage des Geistigen und Religiösen gemacht, im Widerspruch mit aller geschichtlichen Erfahrung, ganz nur auf Grund wirklichkeitsfremder Konstruktionen. Man vemißt vorerst — in diesem vorbereitenden Bande begreiflicherweise — den Ausblick auf eine den Sinn des geschichtlichen Werdens erschließende Geschichtsphiloop h i e , die aber wohl nicht ausbleiben kann. Denn das Denken kann sich unmöglich dabei beruhigen, daß die „Kraft, die in dem Einzelnen wohnt. . . . der e i n z i g e Quell dessen, was geschichtliches Leben heißen darf," sein oll. Dieser Freiheitsabsolutismus des Einzelnen schreit nach Ergänzung — nach dem absoluten Geiste, der allein Quell dieser Freiheit sein kann. Anthologie in Prosa und Lyrik aus allen Gebieten des jüdischen Schrifttums seit Abschluß der Bibel. Dritter Teil. Midrasch-Literatur. Bon Dr. I. L. B a r u ch. Verlag Eschkol, Berlin. Wir kennen die ersten zwei Teile*) dieses voluminösen Werkes, das sich die Aufgabe stellt, das gesamte jüdischer Schrifttum auszuschöpfen, leider nicht. Dieser dritte Teil, ein stattlicher Band von 456 Quartselten, der die M i d r a s ch literatur umfaßt, ist an sich eine schöne Leistung, eine reiche Sammelarbeit, wird aber keineswegs der Aufgabe, die sich der Verfasser nach seinen Ankündigungen und Einleitungen stellt, gerecht. Es ist eine *) Die ersten Teile sind bei Schriftsetzer und Rosenkranz in Wilna 1914 erschienen.

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