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Der Israelit · 1925-05-28 · Heft 22 (28.5.1925) · page 25

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Journal
Der Israelit
Volume
66 (1925)
Issue
Heft 22 (28.5.1925)
Date
1925-05-28
Page
– (sequence 25)
Language
German
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Urzeitklänge. Es ist ein epochemachendes Werk, das Edgar D a c q u e im Verlage von R. Otdenbourg in München unter dem Namen „Urwelt. Sage und Menschheit" hat erscheinen lassen. Ms neuartig und kühn, doch teilweise schöpferisch! und /wohlgelungen empfinden wir das Wagnis Dacques, die „Mythen, Sagen, Kosmogonien und Märchen mit Sagenkernen unter einem erd- und menschheitsgeschichtlichen Gesichtspunkte anzusehen und sie zu vergleichen mit naturhistorischen Tatsachen, Theorieen und Möglichkeiten." Wohltuend wirkt schon diese obgleich umfassende, so doch aller monistischen Arroganz ferne Kennzeichnung, die Dacque selber in seiner Vorrede seinem Versuche gibt. Die als „Einführung" gedachten Kapitel Mer „Theorie und Wissenschaft^^ rechnen zunächst gründlich mit dem geradezu fanatischen Dogmenglauben des mechanistisch-monistischen 19. Jahrhunderts ab, das die ewigen Welträtsel, statt sie neu zu beleuchten, nur wegleugneL und wegdekretiert' danach zeigen sie einen so tiefen, reichen „Wirklichkeitswert der Sagen und Mythen" auf,' daß wir ihm, dem Nichtjuden, für das Benennen unserer midraschischen Ueberlieferungen mit diesem Namen kaum zürnen können. Sagen und Mythen im landläufigen Sinne sind allerdings nicht Produkte urwüchsige Völker und Zeiten, sondern trockener, „pergamenthafter", gelehrter Allegorien-Sucher und -Finder. Schon im Altertum gab es solche Epigonen-Zeiten, und diesen Unterschied kennzeichnet Dacque mit den Worten Spenglers: „Die homerischen Gestalten waren für die hellenistisch Gebildeten nichts als Literatur, Vorstellung, künstlerisches Motiv, und schon für die Zeilen Platos nicht viel mehr. Aber um 1100 brach ein Mensch vor der furchtbaren Wirklichkeit der Demeter und des Dionysos zusammen. . . . Der Tod stand dahinter." — Bei näherem Nachdenken werden wir Hierdurch an die Vermutung .erinnert, die Hirsch n"V bezgl. der meisten a?pn aufstellt: a-j?nseien Bekämpfungen der von den naturergebenen Völkern abgöttisch verehrten, den Willen auflösenden Triebe.und Naturmächte, — seien Erziehungsmittel zum.Bekämpfen der nrrav' die im Unbewußten, Ungewollten, liege. Die der „Naturhistorie" gewidmete erste Hälfte des Werkes verläßt nun ganz die ausgefahrenen Geleise der Entwicklungslehre und hält sich stattdessen an eine neuere Theorie, deren Neuartigkeit Dacque .etwa so selber schildert: „Wäre.dieses .Stammbaumbild (fcas der bisherigen Deszendeyzlehre) als Ganzes oder in MHeit . .anwendbar, Zo ,müßten wir bei tieferem.HinäMejgen.m'rdie.Erdzeitalter immer weniger zahlreiche /Formen.finden. Doch .das Gegenteil sist >der;Fall." .Oder.positiver: „Mir rmiien längst, daß der Ursprung der Hauptäste und vieler Nebenäste des Lebensreiches weit hinunter in immer dunkler werbende Epochen der Dorwelt reicht: wir wissen auch längst, daß vieles Neue unvermittelt, nicht mit Früherem stammbaummäßig verknüpft, auftauchte. Aber man machte sich immer noch nicht zu der rettenden Betrachtung frei, die uns aus der Erfolglosigkeit aller Stammbaumkonstruktionen lösen kann: die.erbgeschichtlich gegebene Geschlechterfülle anzusehen als bie lebenbige Auswirkung fest gegebener Erundtypen, bie zwar während der vorweltlichen Epochen in stets wechselnder Gestalt, jedoch ihr Wesen stets bewahrend, frei nebeneinander standen und möglicherweise nur in einer unserem Forschen bisher noch nicht aufhellbar gewordenen erdgeschichtlichen Urzeit. . . verknüpft waren." — Hier werden also nicht mehr starr aufsleigende Stammbäume der Arten, sondern „Typenkreise" gesucht und zum Teil gefunden, die „von jeher nebeneinander bestanden", die ferner „sich in immer neuen Gestalten zum Aus- . druck brachten, ohne jedoch mit anderen Typen genetisch verbunden zu sein." — Als Beispiel für solche Parallelität der Typen erwähnt Dacque die Tatsache, daß innerhalb der Gattung der Beuteltiere dieselben Grundtypen sich unterscheiden lassen wie im Kreise der Säugetiere („Beutellöwen, -bären, -Dachse, -ratten usw.") Hierbei erinnern wir an die Talmud stelle, die eine ähnliche- Feststellung über die Parallelität der Landmit den Seetiertypen enthält v'v waan vr> nwa w Aus den vorweltlichen Beispielen, die Dacque zu dieser Lehre von diesen die Gattungsgrenzen überschneidenden Typen bringt, sei noch das Stirnauge erwähnt (Parietalorgan), das heute nur bei einzelnen ganz niederen Lebewesen (einzelnen Molcharten) vorkommt, in früheren Erdschichten aber selbst dem Menschengesch^echte z. T. eigen gewesen sei. 2m „metaphysischen" Teile seines W'ereks bezeichnet Dacque an mehreren Stellen dieses Äuge als das Organ nicht des Gesichtssinnes, sondern eines höheren Sinnes, vermittels dessen die Menschen jener Vorzeit imstande gewesen feien, ohne bewußte Kenntnis von den ewigen Gesetzen des sie umgebenden Lebens dieses zu bemeistern. Als Beleg aus unserem Schrifttum wählt sich Dacque die Berichte über Noah, von dein er sagt: „Noah, wie ihn uns das A. T. schildert, ist der vollendetere Repräsentant des „noachitischen Menschenstammes", -dem wir noch angehören, .wenn er sich auch in viele Linien gespalten haben mag. Er ist mach den wenigen, aber außerordentlich vielsagenden Andeutungen der Menschentypüs mit der vollkommen spreizcharen Mnffingerigen Hand, mit .her stark entwickelten Mroßhirnsphäre, dem rudimentär gewordenen Darietalorgan. .mit »einem .schon .perpeistigteren.Gottesglauben, .der schon.fern geruckt ist.der.nur dämopisch-natursichligen Verfassung, die in ihrem ungezügelten, verstandlosen Urzustand ein rein triebhaftes Naturleben führte und in ihrer lichteren Seite gewiß auf nichts weniger als auf das Oekonomisch-praktische gerichtet gewesen war. Das Letztere aber ist nach allen Schilderungen schon in Noahs Wesen deutlich zu erkennen. Immerhin hat er noch die natursichtige Fähigkeit des Vorauserkennens der Naturzusammenhänge und der physischen Zukunft: er weiß, wann die Sündflut kommt. Auch versieht er die Natur noch stark zu beeinflussen, denn er züchtet den Weinstock. So etwas wie den Weinstoü züchten, können wir mit all unserer Naturforschung und Erblichkeitslehre noch immer nicht: wir können zwar vorhandene Obst¬ und Getreidesorten verbessern und bodenbeständig machen, ebenso auch Blumen. Aber aus einer wilden, ungenießbaren Frucht ein dem Weinstock vergleichbares Pslanzenwesen machen, ist uns verschlossen. Doch Noah selbst ist nicht mehr bloß unbewußt natursichtig eingestellt: er ist stark individualisiert, er ist Persönlichkeit un Mharakter. Er redet mit Gott, wobei er deutlich reflektiert, nicht mehr unbewußt nur schaut und handelt, und ist damit deutlich als Gehirnwesen gekennzeichnet im Gegensatz zum Stirnaugenwesen älterer Herkunft mit seinem vermutlich naturhaft somnambulen Zustand." Demnach soll das parietale Auge der Sitz eines Ahnungsvermögens gewesen sein, mit dessen Hilfe die ersten Menschengeschlechter die Tier- und Pflanzenwelt beherrschten und den Willen des Schöpfers erfühlten. Zum Ausgleich müßten sie nun, meint D., eine geringer entwickelte Großhirnsphäre und dadurch geringere Fähigkeit zu intellektualistischem Denken besessen haben. Dies findet er nicht nur in den Sagenerinnerungen vieler Völker widergespiegelt, sondern sieht ein solches Bild auch in die Berichte der Thora hinein. Wo diese nicht ausreichen, nimmt er noch Midraschim hinzu, die er allerdings meist nur nach Bin Goriones (Berdyczewskis) „Sagen der Iuden" zitiert. So gelangt an ihn der Midraschtert erst nach zweifacher Uebersetzung: so darf es uns auch nicht wundern, daß Dacque den Ahnungssinn der Urgeschlechter in einer für unseren Begriff düstermagischen Bedeutung auffaßt. Es muß uns vielmehr wundern, daß es Dacque gelungen ist. überhaupt-einen kosmischen Aspekt aus den Midraschim auch in der Gestalt zu erkennen, die ihnen Berdiczewski als Sagensammler nach uniüdischem Muster aufzwingt. Gewiß wurde auch von unseren Weisen me ausdrücklich geleugnet, daß frühere Menschengeschlechter, .entsprechend dem „Typ" ihrer Zeit, reicher an intuitivem Schauen und armer an intellektueller Erkenntnis gewesen sein .können: positive Hinweise darauf mag man in manchen .von D. zitierten, .ja ,in noch mehreren -von -ihm .nicht .benutzten, erd- „und menschheitsgeschjchtlichspekulativ denkenden Midraschim -wiederfinden. —

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