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Der Israelit · 1925-05-28 · Heft 22 (28.5.1925) · page 24

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Journal
Der Israelit
Volume
66 (1925)
Issue
Heft 22 (28.5.1925)
Date
1925-05-28
Page
– (sequence 24)
Language
German
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Seite 24 Nr. 22 Der Israelit; Priester in der Tempelhalle stand. Vielmehr gilt sein gotterfülltes Wort der gehobenen Stimmung, die auf dem Wege zum Tempelberge herrschte. Wir erleben in Gedanken, wie die Wanderung von der Freude getragen war, zum Gottesberge hinaufzuwallen, um dort nicht allein räumlich zu verweilen, sondern vor Gott, „dem Fels Israels", zu erscheinen, wie ja der Versschluß sinngemäß lautet: „Steht man auf dem Gottesberg, so gilt es erst: z u Gott hinan." ' Der Prophet erwähnt die geistigen Güter des Peßachfestes und der mit dem Schewuoth- ■ Feste beginnenden Jahreszeit der Erstlingsfrüchte 1 als Verheißung für die Erlösungszukunft. Er j prophezeit seinem Volke mit der Kraft und Klar- | heit seiner heiligen Sprache, daß sie mit der - kommenden Erlösung als zurückgewonnene Erj rungenfchaften wieder aufleben werden. Denn j; bei dieser Erlösung wird Gott wie bei der Be- { freiung aus Aegypten Seine Allmacht durch {. offenbare Wundertaten bekunden und j wie damals wird Ihm Israel im Liedesworte j den Tribut der Huldigung darbringen. Und j dann wird Gott es ins heilige Land zurückführen j und dort Seine Allmacht in der segenspendenden 1 Fürsorge für das Gedeihen der Saaten bezeugen, und der Dank Israels wird sich, wie in der Vergangenheit, in der vom Propheten hervorgehobenen Herzensfreude äußern,mit welcher es i die Pflicht der Erstlingsfrüchte zur Erfüllung bringt. Es wird sich mit dem Bewußtsein durchj' dringen, daß diese Freude eine krönende Vollenj düng jenes Liedes bedeutet. Das Lied wird j es singen, weil Gott aus Himmelshöhen zu ihm [ herabgestiegen, um ihm Erlösung und Freiheit I zu bringen, und bei aller seelischen Entschluß- \-, kraft, die sein Anlaß und Inhalt zu schaffen; vermag, bildet es der Tat gegenüber nur eine! Huldigung in Worten. Die Freude der Erst-! lingsfrüchte aber ist unmittelbar mit einer j Pflichtübung verknüpft, die in der Betätigung j-; besteht, an seiner geheiligten Stätte zu Gott [■ selber zu gelangen, um dort in der 'Abgabe der i Früchte an den Priester die Wahrheit zu be- 1 kennen, daß durch Gottes Güte allein das Wachs- \ tum des Feldes bedingt ist, und daß es nur in £ seinem Dienste zur rechten Verwendung kommt j Der Ueberlieferung gemäß ist Schewuoth j. nicht allein „der Tag der Erstlingsfrüchte", sonj. dein auch der Erinnerungstag an die Empfangi nähme der Thauro, was um so bemerkenswerter I erscheint, als der Zweck der Thauro vornehmlich k auf die sittliche Emporhebung der irdischen Güter! gerichtet ist. Der Gedanke, daß Gott uns dazu j . befähigt und berufen hat, beispielsweise den j Ertrag des Feldes zu seinem hohen Zwecke hin- 1 anzuheben, soll dann in unserem Herzen eine - Befriedigung und edle Freude auslösen, die uns I als. Gewinn unsres irdischen Daseins zu gelten vermag und die sich vorbildlich bei der Hinaufbringung der .Erstlingsfrüchte entfaltete. Der Gedanke, daß Gott uns zu solchem Tun befähigt und berufen, läßt die Pracht der Früchte erst durch den verklärenden Abglanz, den sie von der Pflichtfreude unsres Herzens empfangen, voll erstrahlen. Die jüdische Schule der Zukunst. Wir leben heute in einer Zeit.des theoretischen Rechtes. Das Recht der Minderheiten wird theoretisch anerkannt. Man spricht auch von Erziehungs berechtigten, denen man das Recht einräumen müßte, die Erziehung ihrer Kinder zu bestimmen. Aber wie die 14 Punkte Wilsons steht alles nur auf dem Papier oder es wird einseitig gehandhabt. Als Rabbiner Hirsch in der Freien Stadt Frankfurt seine Schule gründete, da schwebten ihm auch in den jüdischen Disziplinen große Ziele vor, und in der Tat wurden diese, so lange Frankfurt eine. freie Stadt war, auch erreicht. Denn —horribile dictu — den ganzen Nachmittag war bis 7 Uhr abends Unterricht, geschweige denn in der Woche. Welche gründlichen Kenner von Tnach gingen aus der Hamburger Talmud Thora hervor, solange noch Dr. Nathan diesen Unterricht erteilte. Auch dort geizte man nicht mit der Stundenzahl für die jüdischen Fächer. Inzwischen haben sich die Zeiten geändert. Den Kindern der Großstadt, die nur Staub und Benzin einatmen, deren Nerven schon allein er: müdet sind durch das Geraffel, Getöse, Geklingel und Getue aller Verkehrsmittel, das bei Tag und bei Nacht nicht ruht, muß man schon eine Aus- Bibliothek des jüdischen Volksfreundes. Diejenigen Abonnenten, welche ihren Beitrag zu unseren Druckkosten noch nicht bezahlt haben, bitten wir, uns den Betrag, den sie schulden, aus Postscheckkonto 50648 Köln (Verein für die jüdischen Interessen Rheinlands) zukommen zu lassen. Der Verlag. spannung gestatten. Turnen, Schwimmen, Spielturnen, Ballspiele in jeder Form soll ihrer körperlichen und dadurch ihrer geistigen Gesunderhaltung dienen. Die leidigen Schulaufgaben kommen dazu, und der Nachmittag ist für das Lernen dahin. Die Erziehungsberechtigten aber stehen — entrechtet. Da mutz sich ein Ausweg finden. Lehrer, jüdische Lehrer und jüdische Eltern, die ihre Kinder und Schüler nicht mehr in althergebrachter Unkenntnis der jüdisen Pflichten und des jüdischen Schrifttums aufwachsen sehen wollen, müssen gemeinsam ernst und im Bewußtsein ihrer Verantwortung auf Abhilfe sinnen, und wo ein Wille ist, da ist ein Weg. Die Schule hat nicht den Zweck, für den Beruf, sondern für das Leben vorzubereiten. Der Jugend sollen Jahre idealistischer Arbeit erhalten bleiben, bevor der Lebenskampf sie mit Gewalt zu Materialisten stempelt Da ist es ganz gleich, ob sie lateinisch und griechisch, französisch und englisch, Naturwissenschaften uno Mathematik oder Deutsch und Geschichte lernen. Die moderne Vorliebe für reale Fächer mit Hintansetzung der humanistischen Vlldung entspringt nur der falschen Vorstellung, daß die modernen Sprachen mehr der Praxis vorarbeiteten, als die alten Sprachen dazu im Stande sind. Die Schule gehört nicht der Praxis, sondern dem Ideal. Aber eben dieses Ideal kann — und das sollte doch als selbstverständlich erscheinen — in der jüdischen Schule ein jüdisches Ideal sein. Die Nachkriegszeit hat uns vierfache Auswahl in dem Lehrplan für die höhere Schule in Preußen gebracht; so baß fast jeder nach seiner Fasson selig werden kann. Alle Richtungen der Pädagogen sind auf der Reichsschulkonferenz zu Worte gekommen, nur eine nicht, die seit Jahrtausenden als starke Erzieherin für das Leben sich bewährt hat. Und diese eine Richtung soll und 28. Mai 1925 kann auch nicht für die Allgemeinheit in Betracht kommen. Aber für die jüdische Schule könnte sie die gegebene Grundlage bilden. Jüdische Kinder bildet man mit j ü d i s ch e n Mitteln zu Menschen. Die Klassiker für jüdische Schulen sind gegeben, und ihre Beurteilung ist auch nicht der staatlichen Aufsichtsbehörde entzogen. Die. Bibel ist in der Hand aller Kulturvölker. Die jüdische Schule soll zeigen, wie man sie für das Leben, für die Geistes¬ und Herzensbildung nutzbar macht; zunächst zum Frommen und zum Heil der jüdischen Kinder selbst. Allerdings rechnen wir da mit den Erziehungsberechtigten, den Eltern. Sie müssen erst anerkennen, daß sie auch die Erziehungspflichtigeu find, d. h. im Hinblick auf das jüdische Gesetz und das jüdische Wissen. Der Schrei „zuviel jüdisch" muß verstummen. Er kann allerdings auch verstummen, wenn der Staat den jüdischen Lehrplan anerkennt mit jüdisch-deutsch-geschichtlichem Aufbau oder jüdisch-lateinischem oder jüdisch-französischem oder jüdisch-naturwissenschaftlichem. Der Staat hat mit anfänglich großem Mißtrauen die Reformgymnasien usw. sich versuchen lassen. Er kann garnichts einzuwenden haben, wenn die jüdische Schule einmal den Versuch vorschlägt, eine jüdische Schule vollinhaltlich sein zu wollen. Es ist nun an den jüdischen Pädagogen, einen technisch durchgearbeiteten Lehrplan so fertig zu stellen, daß er der Schulaufsichtsbehörde vorgelegt werden kann. Sie muß in der Lage fein, daraus zu entnehmen, daß sprachlich und philosophisch die jüdische Schule durch die Erreichung des formal-sprachlichen und philosophisch geistigen Zieles keiner anderen Schulform nachsteht. Ja, sogar kann das Jüdische auch die Nebenfächer befruchten. Es ist Gelegenheit geboten, Zeichnen und den Gesang in den Dienst dcr jüdischen Antike und der synagogalen Moderne zu stellen, um so den ganzen Schulbetrieb und die Geistesrichtung der Schüler einheitlich einzustellen. Nach wie vor müßte für den talmudischen Unterricht die Zeit außer dem Rahmen der Schulstunden freigehalten werden. Denn der Lehrplan der Schule darf sich nicht zersplittern. Es ist auch kaum möglich, jedenfalls wenig nutzbringend, Klaffenunterricht in *nm zu erteilen. Für die talmudischen Fächer kann nur die Form von in Betracht kommen. Es genügt, wenn der Lehrplan dem Schüler gediegene Sprachkenntnis und vollkommenen Inhalt der Bücher des Kanons vermittelt. Dazu könnte die behördliche Genehmigung wenigstens nicht mit der Begründung verweigert werden, daß ihr die Materie fremd sei. Die jüdische Schule von heute befriedigt noch ganz und gar nicht, weil siö noch nicht in der Lage ist, den Grad jüdischen Wissens mitzugeben, den bewußte jüdische Eltern verlangen müssen. Erst wenn wir Mut fassen und vor-die Behörde mit dem Anspruch hintreten, unserer jüdischen Schule eine jüdische Verfassung zu geben, mit dem Verlang en,MReformversüch nach der jüdischen Richtung zu machen, da doch auf dem Gebiete der Schule soviel Resormversuche recht problematischer Natur unternommen und zugelaffen werden, erst dann steht zu hoffen, daß die jüdische Schule der Zukunft den Anbruch einer neuen, nicht mehr thauroarmen Zeit in Deutschland bedeuten wird. Frisch gewagt, bedeutet hier ganz gewonnen.

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