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Der Israelit · 1925-05-07 · Heft 19 (7.5.1925) · page 10

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Journal
Der Israelit
Volume
66 (1925)
Issue
Heft 19 (7.5.1925)
Date
1925-05-07
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Seile 10 Nr. 19 7. Mai 1925 Frankfurts großer jüdischer Sohn. Aus der Jugendzeit des Chasam Sofer. IV. An einen Rabbinatsposten hatte Rabbi Mosche um diese Zeit noch nicht gedacht. Obwohl er bereits ein Dreißiger und ein von aller Welt anerkannter Großer in Israel war. Sein Schwager, der für ihn sorgte, verarmte aber plötzlich, er ließ es Rabbi Mosche zunächst nicht merken. Wie es aber dieser eines Tages an der ärmlichen Gewandung seiner Frau dennoch merkte, entband er seinen Schwager von allen seinen Verpflichtungen und dachte ernstlich daran, ein Handwerk zu erlernen, um sich nach Art der Mischna- und Talmudlehrer von seiner Hände Arbeit zu ernähren. Das war leichter gesagt wie getan. Um diese Zeit geschah es, daß, wenn ein Armer bei ihm vorsprach, er einen der goldenen Knöpfe von seiner Weste, abriß, ihn verkaufen ließ und den Erlös mit dem Armen teilte, In dieser Zeit der Not wurde ihm das Rabbineramt in der mährischen Stadt D r e s n i tz angeboten. Und er nahm, der Not gehorchend, die Stelle an. Damaliger Landrabbiner von Mähren war Rabbi Mordechai B e n e t in Nikolsburg, dessen Erlaubnis er einholen mußte. Das von diesem erteilte Diplom beginnt mit den Worten mw nnatyn nw». Unterzeichnet ist die historische Urkunde am Mittwoch 17. Marcheschwan 5554. Die Dresnitzer Zeit dürfte die glücklichste und beschaulichste seines Lebens gewesen sein. Beliebt und gefeiert, leitete er die Gemeinde und war ihr Führer und Vater. Viele von seinen Schriften und Responsen sind dort entstanden. Dort fand er auch die Muße und Muse, prachtvolle hebräische Gedichte religiösen Charakters zu verfassen, die in einem Bande „Schiras Mosche" gesammelt sind und auch in seinen Werken hier und da verstreut sind. Er schrieb diese Gedichte, wie er sagte, „wenn der Geist über ihn kam", besonders in den Tagen zwischen Jom Kippur und Sukkaus im Wonnegefühl der Entsühnung und inneren Reinigung, im Schweben zwischen Weihe und Freude. 5558 (1798) ging er, 35 Jahre alt, da sich sein Ruhm über das ganze Land verbreitete, nach M a 1 t e r s d o r f. Es ist bezeichnend für ihn, wie er in den neuen Wirkungskreis eingezogen ist. Man hatte in. der Gemeinde große Vorbereitungen für den Empfang getroffen. Da sein Einzug für Donnerstag abend gemeldet war, wollten Donnerstag mittag die Gemeindevorsteher mit Galawagen ihm entgegenfahren und ihn dann im Triumph in die inzwischen geschmückte und hellbeleuchtete, von der ganzen Gemeinde gefüllte Synagoge führen. Wie aber die Gemeinde Donnerstag früh irr der großen Synagoge zum Gebete versammelt war, stand ein Fremder da und stellte sich als Mosche Sofer aus Dresnitz, der neue Rabbiner von Mattersdorf, vor. Er hatte nämlich am Mittwoch abend in Wien herausgerechnet, daß, wenn er mit Tagesanbruch abfahre, er weder in Wien noch in Mattersdorf am gemeinsamen Morgengebet würde teilnehmen und das Vorlesen aus der Thora hören können. So entschloß er sich, die ganze Nacht durchzufahren, um rechtzeitig zum Morgengebete in Mattersdorf zu erscheinen. Alle Pläne und Empfangsfeierlichkeiten waren damit ins Wasser gefallen. Was Rabbi Mosche besonders von Dresnitz nach Mattersdorf zog, war die Hoffnung, seine Jeschiwoh hier erweitern zu können. Seine Hoffnungen gingen nicht in Erfüllung. Mattersdorf war wohl eine große, aber arme Gemeinde, und Rabbi Mosche litt materielle Not, noch mehr aber bedrückte ihn die Sorge um seine Jeschiwoh. Dresnitz war glücklich über die Enttäuschungen des Rabbi, bewarb sich wieder um ihn und durfte sogar hoffen, daß er wiederkehren würde. Auch andere Gemeinden flehten ihn an, zu ihnen zu kommen. Rabbi Mosche gab Dresnitz den Vorzug. Da passierte etwas, was jeden anderen zur Der Israeli» Flucht gezwungen hätte, Rabbi Mosche aber zum Bleiben in Mattersdorf veranlaßte. Es brach nämlich am 18. Adar 2 5562 (1802) ein furchtbarer Brand aus. Alle jüdischen Häuser wurden ein Raub der Flammen. Die Gemeinde war obdachlos. Am Schabbos vorher hatte er seine Abschiedsrede gehalten. Nun aber blieb er, um zu helfen, zu retten, zu sammeln, zu trösten und aufzurichten. Er rief fast die ganze Welt zur Hilfe auf und entfaltete eine Tätigkeit, die beispiellos dasteht. Es wurde Brot herbeigeschafft, Kleider gesammelt, Baracken gebaut. Als später die Häuser aufgebaut werden sollten, ergaben sich manche Grundstreitigkeiten, die Rabbi Mosche zu schlichten hatte und von denen manche seiner Responsen zeugen. Seine eigene Not war um diese Zeit so groß, daß er kein Papier hatte, um seine Thoraerklärungen niederzuschreiben, und oft dafür lose Blätter benutzte, die auch anderen profanen Zwecken dienten. Diese Notlage suchten sich viele angesehene Gemeinden zu nutze zu machen, indem sie dem Rabbi ihren Rabbinatssitz anboten. Aber Rabbi Mosche blieb fürs erste. Wohl den größten Schmerz erlitt Rabbi Mosche, als am 27. Ellul 1800 Rabbi Nathan Adler in Frankfurt im Alter von 58 Jahren starb. Vom Eindruck dieses Todes in Frankfurt ergeben die alten Urkunden ein klares Bild. Die Bestürzung war unbeschreiblich, der Cherem war vorher offiziell aufgehoben worden. Und vom Hesped, den Rabbi Pinchas Horowitz an der Bahre hielt, ist zu ersehen, was.man in Rabbi Nathan betrauerte. Der „Baal Hafloh" knüpfte an die Talmudstelle in Moed koton an: „Als Rabbi Sera starb, wurde geklagt: Das Land Schinar hat ihn getragen und geboren, das Land Zevi zog den Liebling groß, wehe, klagt Rekes, denn dahin ist fein Kleinod." Warum die Trauer, so fragte der Frankfurter Overrabbiner, nachdem wir doch aus Talmud wissen, daß keine Sonne untergeht, ohne daß eine andere aufgegangen ist? Wohl, so lautete seine Antwort, ist schon eine andere Sonne aufgegangen. Aber wo und wie? Wird sie auch an gleicher Stelle leuchten, wo die andere gestrahlt hat? Den Tod Rabbi Seras beklagten drei Länder, Rekes aber jammert, e s habe das Kleinod verloren, denn die neue Sonne, die irgendwo aufgegangen ist, sie wird nicht mehr auf Rekes niederstrahlen. Man hat Grund zu glauben, daß diese Worte des Baal Hafloh schon auf den Mann zielten, der, eine neue Sonne, nicht in Frankfurt, an der Wirkungsstätte Rabbi Nathans, sondern anderswo in Mähren und in Ungarn sein Licht verbreitet, Rabbi Mosche Sofer. Rabbi Mosche hatte den Tod seines Meisters im Traume vorausgesehen. Er sah in nächtlicher Vision eine Thorarolle in Schwarz gehüllt, wie es in seiner Vaterstadt Frankfurt an einem Fasttage üblich war, und ahnte nichts Gutes. Wie er es hörte, wollte er es lange nicht Wort haben. Untröstlich klagte er: „Ich war auserwählt, ihn zu sehen, wie er Thora lehrte gleich unserem Lehrer Moses nach Ausspruch der göttlichen Allmacht. Wäre ich an seinem Totenbette gewesen, klagte er, und hätte ihn wie Elischa den Propheten Elia scheiden gesehen, ich wäre für würdig befunden worden, daß sich ein Hauch seines Geistes auf mich übertrug." Erst vier Wochen später, am 27. Tischri, hielt er in Mattersdorf das ergreifende Hesped mit dem Texte „Atem Nizowim" usw. Fünf Jahre später, 1805, traf Rabbi Mosche die Kunde vom Ableben des Frankfurter Oberrabbiner, Rabbi Pinchas Horowitz, was ihn nicht minder in Trauer und Bestürzung versetzte. Um diese Zeit wurde nach dem Tode des Rabbi Meschulem das Rabbinat in Preßburg frei. Drei Kandidaten, unter ihnen auch Rabbi Akiba Eger, standen auf der Liste. In der Gemeindeversammlung machte aber jemand auf den Großen zu Mattersdorf aufmerksam. Die Verhandlungen führten zum Erfolge und am Dienstag in der Woche von ■jV 5567 (1807) zog Rabbi Mosche in Preßburg ein. Es ist ein historisches Datum, Ausgangspunkt einer Glanzperiode, einer Renaissance der Thora nicht allein für Preßburg und Ungarn, sondern für das Weltjudentum aller Zeiten. Wie unter den Rischonim Rosch, Rif, Rambam, so muß unter den Achronim neben Jecheskel Landau Chasam Sofer als Klassiker der Halücha genannt werden. In Preßburg wird erst Rabbi Mosche Sofer zum „Chasam Sofer", ein Namen, der eine Welt in sich schließt. Es hat in der Preßburger Zeit auch nicht an Kampf gefehlt. Darüber. nächstesmal. Heute wollten wir nur ein Licht im Aufblühen und Aufstrahlen zeigen. Die volle Sonne am Zenit wärmt und leuchtet, wir sehen sie aber nicht, genießen sie als selbstverständlich. Sehen wir sie aber morgens im Wachsen, da erleben wir das große Wunder. Es ist nötig, daß wir den Aufstieg solcher Männer sehen und die Jugend Einblick gewinnt in diese Quellen der unversiegbaren jüdischen Kraft und Liebe. Ainderecke. Historische Streiflichter zu den „Vätersprüchen", n. Die Männer der Großen Synode. Die Alten, an die I e s u a die von seinem Lehrer Moses empfangene Gotteslehre weitergab, schließen auch die Richter ein, von denen nur wenige, wie Athniel, der Sohn des Kenaß und der letzte, Eli der Priester, auf der Höhe ihrer Aufgabe blieben. Aber der Faden der Ueberlieferung wurde nicht abgerissen und fand auf geheimnisvollen Wegen den Anschluß an die späteren Generationen bis zu den Propheten und den Männern der Großen Synode. Was die Führer ihres Zeitalters bis dahin gelehrt hatten, muß nicht erst gesagt werden. Jetzt aber, mit . den Männern der Großen Synode, tritt eine neue Zeit ein, eine Zeit des Aufstieges nach tiefem Niedergang. Die letzten Könige Judas hatten es soweit gebracht, daß 580 vor der üblichen Zeitrechnung Nebukadnezar die nationale Gemeinschaft des jüdischen Volkes auslöste und den heiligen Tempel in Brand setzte. In der Fremde des babylonischen Exils erging es aber Israel wie manchem verwöhnten Sohn, der in Elend und Verbannung von der ganzen Liebe zum Elternhaus' gepackt wird und sich an seine Pflicht wieder erinnert. „An den Strömen Babels faßen sie und weinten", und die gleichen Propheten, die erst so eindringlich, aber vergebens mahnten und warnten, hatten nun zu t r ö st e n. Inzwischen tritt eine Umwälzung in der Weltgeschichte ein mit dem Sturze Babylons und dem Siege der Perser und M e d i e r. Der letzte Babylonier, Velschazar, ertrinkt in seinem eigenen Gelage, und das „Mene Tekel" an der Wand, von Daniel richtig gedeutet, findet rasch seine Erfüllung. Auch Israels Traum nähert sich unter der Perserherrschaft seiner Erfüllung. Das Cyrus-Mandat kommt nach einigen Hemmungen unter Darius, nach 70 Jahren der Verbannung, zur Ausführung Der Tempel wird errichtet. Aber es geht um Höheres. Das darniederliegende geistige Leben muß von Grund auf, aber auf alten Fundamenten, neu aufgebaut werden und hier treten die „Männer der Großen Synode" unter Esra und N e h e m j a und mehreren der letzten Propheten in Erscheinung und Wirksamkeit. Die Große Synode, die mit ihren drei Grundsätzen die „Sprüche der Väter" einleitet, bezeichnet das Kollegium, eine /Art Nationalversammlung, dieaus 120 hervorragenden Männern bestehend, mit ihrer Wirksamkeit bis in die hellenische Zeit hineinreicht und eine Zeitdauer von etwa 150 Jahren umfaßt. (Fortsetzung folgt.)

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