Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 66 (1925)
- Issue
- Heft 19 (7.5.1925)
- Date
- 1925-05-07
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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vl.Iwrs Br Der Israelit Der Zauberberg. Von G. Gordon. W«W Von einer Reise durch die Schweiz wollte ich ursprünglich in diesen Blättern berichten, von all den gewaltigen Eindrücken, die dies Land der Wunder, dies erwählte Werk unter den in jedem auslöst, der in dem Buche, das Gottes Schöpferwort geschrieben, zu lesen versteht und nicht nur snobistisch seine Gefilde an der Hand der Sterne des Bädeker durcheilt. Ich wollte den Schauer der Erhabenheit in stammelnde Worte zu kleiden versuchen, mit dem die Pracht der hochalpmen Gebirgswelt den fühlenden Menschen ergreift, wenn das Wunder der Berninakette mit ihren ragenden, von ewigem Schnee bedeckten Gipfeln sich am Ausgang des Winters überall in den Gebirgsformationen auch von bescheidenen Höhen unter einem Himmel von strahlendem italienischen Glanze dem entzückten Blicke sich bietet. Da fiel mir das Buch von Thomas Mann „Der Zauberberg" in die Hand. Und die erschütternde Tragik dieses Buches übermannte mich, und ich mußte den Ort sehen, wo so viel Menschenleid in einer Landschaft von Paradiesesschöne sich abspielt und mein Weg führte mich nach — Davos. Es ist ein berühmtes Buch geworden, das Buch von Thomas Mann mit seinen mehr als 1100 Seiten in zwei stattlichen Bänden. Der Erfolg erklärt sich nicht nur daraus, daß es so unendlich viele gibt, die selbst von der furchtbaren Geißel der Lungenkrankheit heimgesucht sind oder einen lieben Angehörigen haben, den sie an ihr dahinsiechen sehen und darum mit besonderer Teilnahme die Schicksale, die hier geschildert werden, verfolgen. Es ist auch ein Buch von literarischen Qualitäten, das meines Erachtens das große Jugendwerk Thomas Manns übertrifft. „Die Buddenbrooks" schildern schließlich nur den allmählichen Untergang einer Cinzelfmnilie und, sofern sie typisch sind, das Herabsinken von Gliedern eines Standes aus stolzer Höhe durch das Altern der Lebenskraft und die Trübung des Blutes in der Reihe der Generationen. Hier ist aber das Schicksal eines großen Teils der Menschheit in einem Querschnitt gegeben, jener stolzen Wesen, die die Krone der Schöpfung sein sollen und durch die kleinsten Lebewesen gefällt, ja man möchte sagen, mit heimtückischer Bosheit Jahrzehnte gemartert werden, bis der Mord gelungen ist. Thomas Mann hat es verstanden, diese Idee in einer Fülle von Einzelschicksalen zu variieren, und einem Zola gleich läßt er ein Leitmotiv immer und immer wieder ausklingen, das Problem der Zeitempfindung. Wie weit Mann's erkenntnistheoretische Auseinandersetzungen philosophisch genügend begründet sind, darüber läßt sich streiten. Doch er hat hier an das Tiefste gerührt, das den von der Welt seines Berufes und lebensbefriedigender Tätigkeit Abgeschnittenen bewegt. In dem ewigen Einerlei einer Kur, die, ohne daß der Kranke sich eigentlich krank fühlt, vorwiegend in einem Nichtstun besteht, erhält die Zeit ein anderes Gesicht. Davos ist „der Zauberberg", der den, der ihm verfallen ist, nicht von sich läßt. Es ist die tiefe Tragik der hier Weilenden, daß die kleinste Zeiteinheit der Monat ist, daß sie hierher gelangen in der Hoffnung, nach Wochen zu gehen und oft auf Jahre festgehalten werden oder immer wieder zurückkehren, weil die Heilung eine trügerische gewesen. Dies Aufeinänderstvhen von Lebensenergie;untz LelMsmut minder grausamen Wirklichkeit, welche Empfindungen und Entschlüsse hier in Ernsten und Leichtsinnigen, in Optimisten und Pessimisten, in Hoffnungsfrohen und Verzweifelten ausgelöst werden, das hat Thomas Mann meisterhaft geschildert. Und dennoch ist es kein gutes Buch, denn es entläßt den Leser ohne die Katharsis, die allein die Tragödie für das Empfinden des Menschen tragbar macht. Wie der Held der Erzählung, der hier — so muß es dem Leser scheinen — sieben Jahre sinn- und zwecklos verbracht hat, durch einen cleux ex machuia, den Ausbruch des Krieges entführt wird und für uns im Nebel verschwindet, so ist das Ganze der Schilderung letzten Endes nur eine Ausmalung trüber Szenen und nicht einmal durch den Humor verklärt, der den Mitempfindenden unter Tränen über die Schwächen der Menschen lächeln läßt. Beißende Satyre beherrscht den Dialog. Vor allem aber, es erscheint alles so sinn- und zwecklos, und die unendliche Fülle des Segens, die trotz allem in diesem durch seine Schöne und Heilkraft ausgezeichneten Erdenfleck sich aushreitet, kommt so gar nicht zur Geltung. Und nicht zuletzt: die Tiefe der inneren Umwandelung, die sich hier oben in so vielen von Natur zu einer oberflächlichen Welt- und Lebensanschauung Neigenden vollzieht. Das macht: dies Buch hat des religiösen Geistes keinen Hauch verspürt. Kein Schimmer des Glaubens an eine göttliche Waltung fällt in die vor dem Leser entfaltete trübe Welt. Leid und Genußsucht stehen unmittelbar nebeneinander. Mag sein, daß es in dem Sanatorium, das der Schauplatz dieses Romanes ist, so aussieht. Im Kreise religiöser Menschen würde sich doch ein anderes Bild ergeben. Und wie malt es sich im Kreise religiöser Juden, die ihre Tradition und Geschichte zu einer besonderen Art des Empfindens erzogen haben? Das war die Frage, die mich besonders bei der Lektüre des Buches beschäftigte. In Davos erhielt ich die Antwort. Hier war der Aufenthalt in der „Jüdischen Heilstätte Etania" für mich ein Erlebnis. Man braucht nur kurze Zeit in einem Sanatorium zu weilen, um einen Einblick in das Wohl und Wehe fast aller Patienten zu gewinnen. Stand der Krankheit, Bedeutung der regelmäßigen Untersuchungen, Feststellung des Fortschrittes in der Genesung, Kummer über die Langsamkeit der Heilung, über die unerwartet lange Dauer des Aufenthalts, was immer nur Einzelschicksal, ist bald Gemeingut Aller. Führt ja hier das stete Zusammensein auch die verschiedenartigsten Menschen nur allzu schnell zusammen. Und nun gar Juden, für die das teilnehmende Empfinden ja besonders charakteristisch ist. So bildet in der Etania bei aller Jnternationalität — ich sah Deutsche und Franzosen, Engländer und Russen, Schweizer und Oesterreicher, Polen und Griechen — der ganze Kreis nur eine Familie. Die Führung des Hauses ist in hygienischer Beziehung musterhaft, die Lage der Anstalt eine der schönsten und höchsten in Davos, die Räume freundlich und ausreichend, der Speisesaal ein Schmuckkästchen, die Verpflegung reichlich und schmackhaft, und das will bei den verschiedenen Ansprüchen, die Menschen, die aus so verschiedenen Ländern stammen, stellen, besonders viel sagen. Vor allem aber das Milieu. Ist dies rechte Mlneu überall schon ein Heilfaktor von nicht zu unterschätzender Bedeutung, wie erst für den Juden, der hier sich unter seines Gleichen weiß, geschützt von der Abneigung nichtjüdischer Umgebung. Es ist nicht sehr froh stimmend, wenn man, wie ich, in seinem Hotel vor dem Zimmer auf dem Korridor Koffer sieht mit einem Hakenkreuz in Riesenformat. Und nun erst für den religiösen Juden, dem die schwersten Konflikte erspart bleiben, die Übertretung der Speisegesetze, die Entweihung des Sabbat, der seine Gottesdienste abhalten kann, wie er gewöhnt, die Feste feiern kann im Kreise Gleichgesinnter, und dann der jüdische Arzt und seine verehrungswürdige Gattin, die ihm im opferfrohen Walten zur Seite steht, dem die jüdischen Schwestern das jüdische Herz und das jüdische Mitempfinden entgegenbringen, das ihn in trüben Stunden tröstet und erhebt und das persönliche Leid, das jeder hier zu tragen hat, zu einem guten Teil überwinden läßt. Bewundernswert ist die Disziplinierung der an sich nach Herkunft und Sitte so verschiedenartigen Patienten, unter denen sich natürlich auch viele finden, die dem religiösen Judentum entfremdet sind. Keiner der 80 Personen erhebt sich vom Platze, bevor das gemeinsame Tischgebet abgehalten, heilige Stille auch bei denen, die sich daran nicht beteiligen. Und nun gar die Sabbatmahlzeiten. Was hier von geistig hervorragenden Patienten mit jüdischem Wissen vorgelebt wird an weihevollen Bräuchen, die jüdischen Gesänge einer Gruppe wird Gemeingut Aller. Ja, wir stehen nicht an, zu erklären, daß die Etania mit großem Erfolge religiöse Erziehungsarbeit leistet. Menschen, denen das thoratreue Judentum eine fremde Welt war, lernen es hier kennen und schätzen. Abgeirrte und Verlorene finden hier wieder den Weg zurück zum Glück ihrer Jugend. Und Ost und West verschmelzen hier ineinander. Das östliche Element bringt zumeist sein starkes Volksempfinden mit, die anderen — es sind zumeist die Deutschen — ihre schlichte und treue Frömmigkeit. Und in der Synagoge der Chassid und Misnaged einträchtig beieinander. Ein so korrektes Vorlesen aus der Thora — ein früherer Patient, jetzt Kaufmann in Davos macht sich hier verdient — habe ich noch in keinem Kurort gehört. Und immer findet sich von Zeit zu Zeit einer, der Worte der Erhebung aus Thora und Midrasch zu deuten vermag, der sich der Kinder im jüdischen Unterricht annimmt — eine Kinderheilstätte ist der Etania angegliedert. Die Aufsicht über die rituelle Führung untersteht dem Rabbiner von Luzern, Dr. Brom, ist also über jeden Zweifel erhaben. Es ist eine schwere Unterlassungssünde des deutschen Judentums, daß es sich dieser segensreichen Anstalt gegenüber so passiv verhält. Es weiß sie zu finden, wenn es sich um Aufnahme wenig bemittelter Patienten handelt. Ich habe mir sagen lassen, daß die Deutschen hier das weitaus größte Kontingent stellen, ja daß die Mehrzahl der Gesuche aus Deutschland kommen. Es werden eine Reihe von Kranken unter dem Selbstkostenpreis, manche umsonst verpflegt. Durch, den Hilfsverein für jüdische Lungenkranke in Zürich werden zu diesem Zwecke alljährlich hunderttausend Francs aufgebracht, eine ungeheure Summe, bedenkt man, daß die Gelder fast ausschließlich aus der Schweiz fließen, die ihrerseits nur einen minimalen Prozentsatz an Patienten stellt. Die Kriegs- und Nachkriegszeit mag die Versäumnis Deutschlands erklärlich machen. Jetzt muß es seine Schuldigkeit an einer Anstalt tun, in der ja auch den Patienten, die nicht in die Heilstätte ausgenommen werden können, die nirgend sonst in der Schweiz in diesen Höhen gegebene Gelegenheit einer rituellen Verpflegung geboten wird. Wer da weiß, wie auch die Lungenkranken aus dem besseren Mittelstand durch die Langwierigkeit der Kur bald aller Mittel entblößt sind, kann sich ein Bild davon machen, wie gewaltig die Ansprüche sind, die an die Anstalt gestellt werden, wieviel Leidvolles sich begibt, wenn ein Kranker, der allzulang die Wohltat der Anstalt genossen hat, vor seiner völligen Heilung Anderen Platz machen muß, weil hunderte von Gesuchen vorliegen. Die Anstalt plant einen Erweiterungsbau, der aus Mangel an Mitteln bisher immer unterblieben ist. Wer unter uns wollte nicht der Pflichten eingedenk sein, die wir alle jenen gegenüber, die ein so schwarzes Los gezogen haben, zu erfüllen haben!' - ( - - -