Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1925-05-07 · Heft 19 (7.5.1925) · page 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
66 (1925)
Issue
Heft 19 (7.5.1925)
Date
1925-05-07
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2446951-2450337-2450355--72159-2529517
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

7. Mai 1925 Was lehrt uns Jesajas? Von Dir. Dr. KNas. Unter allen Propheten nach unserem großen Gesetzgeber nwa hat keiner so mächtig auf Mitunö Nachwelt gewirkt wie Jesajas, der im 8. Jahrhundert v. d. übl. Zeit gelebt und vor Volk und Fürsten das Wort Lottes verkündet hat, auch wo es ihnen nicht angenehm war. Die Lehren, die er verbreitet hat, waren nicht neu. Sie waren vor ihm bereits in der jüdischen Religion vertreten. Und doch kann er als Erneuerer des Judentums gelten, weil er seiner Zeit, hie gewisse Lehren entweder ganz oder ihrem tieferen Sinne nach vergessen hatte, eindringlich und in einer die ganze Menschheit noch heute bewegenden Sprache zum Bewußtsein gebracht hat, was das Judentum von dem einzelnen Menschen, was es von der Gesamtheit erwartet. Was verlangt demnach Jesajas von jedem von uns? nb VT* 2112 mi y« "fo „Der soll sich sagen, Gott gehöre ich an und der sich mit seiner Hand Gott verschreiben." Jeder soll Gott dienen und sein Leben als Gottesdienst betrachten. „Mit zweien bedeckt er sein Gesicht, mit zweien seine Füße, mit zweien fliegt er." Dieses Bild der Cherubim soll Vorbild sein für den Gott dienenden Menschen; er soll nicht fragen, ob seinen Augen und Ohren das gefällt, was die Thora von ihm verlangt, nicht fragen, ob die rauhe Welt der Wirklichkeit und der Boden, auf dem er steht, der Ausübung religiöser Pflichten günstig ist, sondern überall und stets bereit sein, Gottes Diener und Bote zu sein. Da gebe es keinen Winkel der Erde, in welchem Gottes Wille nicht maßgebend sei. „Heilig, Heilig, Heilig ist der Gott der Heerscharen, voll ist die ganze Erde seiner Herrlichkeit." Ueberall ist Gott, überall hin dringt sein Auge, überall hin seine Hand. Im Bewußtsein dieser Allwissenheit und Allmacht Gottes sollen wir in ihm den alleinigen Grund unseres Daseins erblicken, „Der die Himmel schuf und sie wölbt, der die Erde hält und ihre Geschlechter," der Seele gibt und Geist. Auf ihn sollen wir vertrauen, wenn der Augen Licht erloschen, die Türe des Kerkers sich geschloffen und die Nacht des Gefängnisses undurchdringlich scheint. Ihm sollen wir danken aus neuem Herzen, ihm zujauchzen, wenn es uns wieder gut geht. Die religiösen Gebote, wie die Heiligung des Sabbat, sollen wir beobachten, aber nicht wie Diener, die dem Herrn aus Zwang gehorchen, auch nicht in zur Gewohnheit gewordener Uebung, sondern mit Freude und Stolz, zu seinem Der Israelit Dienste, berufen zu fein. Nicht Gebot hier, Gebot dort, nicht Kleinigkeit hier, Kleinigkeit dort, sondern in jedem einzelnen Falle eine besondere Berufung an uns zu sehen, das fordert Jesaja von uns. Diesem Leben in Gott gegenüber sollen wir Freuden dieser Welt und Genüsse, die wir uns in Gottes Dienst versagen müssen, gering schätzen. „Alles Fleisch ist Gras und all seine Liebe wie die Blume des Feldes." „Und Gras dorrt und Blume welkt, das Wort unseres Gottes bleibt ewig bestehen." Aber der Gottesdienst beschränkt sich nicht darauf, an Gott zu denken, Gott zu lieben, und die religiösen Vorschriften freudig auszuführen, sondern greift darüber hinaus, ja, erhält erst seinen rechten Wert durch die soziale Gesinnung und soziale Tat. Das ist der Inhalt des ganzen ersten und 58. Kapitels. Kapitel 1 geht vom Opferdienst in Jerusalem, Kapitel 58 vom heiligen Fasten des 10. Tischri aus. Beides, ruft Jesajas, Opfer und Fasten, haben keinen Wert, Gebete werden nicht erhört, Tempelbesuch wird Gotteslästerung, wenn die Hände nicht rein sind von Unrechtem Gut, das Gewissen nicht frei ist von Blutschuld, wenn die Lippen nicht geweiht sind der Wahrheit und das Herz nicht getroffen ist vom Schrei der Witwen und Waisen. „Und wenn Ihr ausbreitet Eure Hände, wende ich mein Angesicht von Euch, auch wenn Ihr Gebete in Menge sprechet, höre ich nicht, denn Eure Hände sind voll Blut!" „Waschet Euch, reinigt Euch, schaffet weg das Böse Eurer Handlungen, höret auf Böses zu tun!" Ihr müßt lernen, gut handeln, Deine Fürsten nicht weniger wie Du. ° Das sind nur die unbedingten Voraussetzungen des sozial denkenden und handelnden Juden. Aber Jesajas fordert mehr. Menschenfreundschaft und Bruderliebe und stete Bereitschaft zu allem Guten und Edlen. „Fürwahr, erst das ist ein Fasttag, den ich will, wo man lockert die Fesseln der Leidenschaft, löst die Bande des Joches, entläßt die Unterdrückten in die Freiheit und jedes Joch sprenget. Das ist's, wenn Du den Hungrigen Dein Brot brichst, verstoßene Arme in Dein Haus bringst, wo Du einen Nackten siehst, ihn bekleidest, und Deinem Bruder Dich nicht entziehst." „Wenn Du dem Darbenden Deine Seele darbietest und die Seele des Bedrückten labest, dann wird mitten in allgemeiner Finsternis leuchten Dein Licht und Deine Nacht zum Mittag." Hilfreich sei der Mensch, einer dem andern. Aber nicht aus Geschäftsgeist und Egoismus, wie etwa der Schmied, der den Schmelzer stützt, weil er ihm nützt, dabei aber doch von Mißtrauen gegen ihn erfüllt ist, oder wie der Mann, der dem Geschäftsfreund hilft, dem Bruder aber sagt: „hilf Nr. 19 Seite 3 Dir selbst." Jesajas will eine Gesellschaft, die Abraham gleich Uneigennützigkeit und Frieden und Achtung vor dem Nebenmenschen, ganz gleich, welcher Art er sei, betätige. Hat ja Gott jedem seine Bestimmung auf Erden gegeben: „Siehe, ich habe geschaffen den Künstler, den Kohlenschmied und Werkmeister, ich auch den Wunden schlagenden Zerstörer." Jesajas lehrt so die Pflichttreue in allen Kreisen, in die uns Gott hineingestellt hat. So hat er auch dem jüdischen Volk als Ganzem seine Pflichten ins Gedächtnis gerufen. Was dem einzelnen verboten ist, ist auch dem Volk nicht erlaubt, in der Politik gilt dieselbe Moral wie im Privatleben. Ueberall heißt es: „Bleibe fern vom Unrecht." Nicht nur: übe. kein Unrecht, sondern unterlasse auch alles, was haran grenzt. Dabei soll Israel sich von den Ausgaben der Kultur nicht zurückziehen. Nicht nur Dein Herr und Schöpfer, nicht nur Herr der Heerscharen ist Dein Gott, sondern Gott der ganzen Erde soll der Heilige Israels genannt werden, der Dich erlösen wird. Wir müssen also streben, Gott vom Himmel aus die Erde herabzubringen, ihn in unserem und der Menschen Leben zur Wirklichkeit und Herrschaft zu bringen: „Dieses Volk habe ich mir herangebildet, daß es meinen Ruhm erzähle." Diese Betätigung inmitten der Völker ist der gottgewollte Zweck unserer Zerstreuung: „Erweitere den Platz Deines Zeltes und Deine Zeltpflöcke verstärke!" Alles was wir als selbständiges Volk auf unserem eigenen Boden und in eigenem Staat hätten erfüllen sollen, das soll unsere Zerstreuung uns erbringen. Als Zeugen für die Völker hat uns Gott hier eingesetzt, daß man Fürst und doch ein Vorbild für Pflichterfüllung sein kann den Völkern. Und wenn das Volk auch noch so klein ist, ja wenn es auf ein Zehntel Zurückgegangen ist, „heilige Saat bleibt dieser Stamm", nicht auf die numerische Anzahl kommt es an, sondern auf die Idee, die sie trägt. Darum muß Israel wieder streben, sich wieder zum Rechtsvolk zu entwickeln, „wo die Gerechtigkeit eine Heimstätte hatte", daß „Zion wieder Stadt des Rechtes genannt werde, aufrichtige Burg." Auf diese Weise kann es wirklich erlöst werden. Gott löscht dann unsere Sünde: „Ich, nur ich, lösche Deine Sünde aus, und Deiner Vergehungen gedenke ich nicht mehr." Für jene Zeit, wo das jüdische Volk seinen Idealen gemäß unter den Völkern leben und wirken wird, kündigt der Prophet den Tag an, wo die Zerstreuten wieder gesammelt werden von den vier Enden der Erde. „An jenem Tage wird in den großen Schofar gestoßen werden, und heim und Anstrengung erwiesen sich als vergeblich: der große Edelstein — sie konnten ihn trotz eifrigsten Euchens nicht finden. Da erblickte eines Tages einer dieser Freunde einige kleine Steinchen, die bei näherer Besichtigung gar sonderbar glitzerten und schimmerten und die der andere achtlos beiseite schob. Er nahm sie an sich, reinigte sie. so gut er es verstand und trug sie zu einem Händler, der sich mit dem Einkauf von Edelsteinen beschäftigte. Dieser erklärte sie als Edelsteinsplitter, die bei weitem den Wert großer Edelsteine nicht besitzen, die aber, wie er hinzusügte, trotzdem nicht ganz ohne Wert wären. Er bot ihm dafür einen mäßigen Preis, mit dem der Verkäufer sich umsomehr zufrieden gab, als er in deren Erlös den ersten sichtbaren Erfolg seiner mühevollen Arbeit erblickte. Abermals begab er sich zur Arbeit; er grub mit unvermindertem Fleiß und gleicher Ausdauer weiter, aber er suchte nicht mehr ausschließlich nach dem großen Edelstein, sondern achtete jetzt aus jeden Splitter, den er entdeckte und sorgfältig ausbewahrte und veräußerte. Er gab allmählich das Suchen nach dem großen Edelsteine vollständig auf und begnügte sich mit den winzigen Bruchstücken, die er fand und deren Wert er nach und nach erkannte. Nun sah er seine Mühe und Arbeit belohnt, er war fortan vor Not geschützt. Anders erging es seinem Freunde und Schicksalsgefährten. Dieser gab die Sucht nach dem großen Edelsteine.nichtauf; ergrub und grub, immer fleißiger, lmrner anstrengender, bis ihn eines Tages die Kräfte verließen und er ohnmächtig nnd hiflos zusammenbrach. Uns allen schwebt beim Eintritt in das ernste r-eben der große Edelstein vor, der den Inbegriff unseres Sehnens und Höffens, unseres Jagens und Strebens bildet und ohne welchen wir das ..große Glück", das uns stets vorschwebt, uns nicht gut denken können. Und dieses große Glück — wie wenigen ist es beschieden, wie wenigen gelingt es. trotz eifrigstens Suchen s es zu finden! Ist denn das Leben so arm an Freuden und an dein, was man so Glück nennt? O, nein! Jedem ist. die Möglichkeit gegeben, sich de» Lebens zu freuen und sich in jeder Lage glücklich zu fühlen — wenn er es versteht, die Tage zu zählen und sie richtig zu werten. Man muß auch die kleinen Splitter, über die wir sonst achtlos und verächtlich hinwegschreiten, würdigen lernen; bei näherer Betrachtung werden wir ihren Wert erkennen und schätzen lernen. Gönnen wir uns nur eine kleine Atempause bei unserer ewigen Jagd, lassen wir uns nicht von Habgier, falschem Ehrgeiz und Selbstsucht leiten, werden wir etwas bescheidener, dann werden wir auch zufriedener sein. Immer und überall können wir Menschen einander Freude bereiten. Liebe spenden und Liebe empfangen: in Gottes herrlicher Natur, im Kreise der Familie und im Verkehre mit unseren Freunden. Dies sind zwar Splitter bloß, die wir gewöhnlich nicht beachten; aber aus solchen Splittern setzt sich unser ganzes Leben zusammen. Und das Leben könnte freudevoll und glücklich werden, wenn wir es verstünden, diese Splitter auszulesen, sie zu zählen und zu werten. Uleines Feuilleton. Orthodoxe Monatsschriften. Die Märznummer der „Moriah" (Monatsschrift für den Ausbau von Erez Jisroel im Geiste der Thora. Herausgegeben von der Habais-Heimstätten-Gesellschaft G. m. b. H. Frankfurt a. M.), ist besonders im hebräischen Teil, wo Jacob Landau eine gute Feder führt, reichhaltig. Der leitende Artikel ist dem Andenken Rabbi Diskins in Jerusalem gewidmet. Es folgt eine Auslese von halachischen und agadischen Aussprüchen über Erez Jisroel. In der Vücherecke bespricht I. den Peles die hebräische Ausgabe des historischen Romanes „Im Judenstaat der Chasaren" von S. Schachnowitz, den moralischen und erzieherischen Wert dieses Buches gerade für die östliche Jugend in hebräischer Sprache hervorhebend. Viele sachliche Mitteilungen über die erfolgreiche Arbeit in Palästina sind eingerahmt von literarischen und belletristischen Aufsätzen, u. a. dem Anfang einer Uebersetzung des Breuerschen NaNonal- Heimes. Eine kurze halachische Abhandlung von Rabb. Dr. S. Breuer in Frankfurt a. M. beschließt den literarischen Teil. Der deutsche Teil steht vorwiegend im Zeichen der vor kurzem in Frankfurt stattgehabten Konferenz der Aguda-Palästinazentralen und bringt auch mehrere hübsche Palästina-Illustrationen. Das anmutig ausgestattete Heft atmet glühende Liebe für Israel und Israels Land. * * Bewußt, das offene Auge auf die Außenlage gerichtet, wandelt die Monatsschrift „Diglenu" (Organ der > m ■ £

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.