Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 66 (1925)
- Issue
- Heft 18 (30.4.1925)
- Date
- 1925-04-30
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Der Israelit Seite 6 Nr. 18 30. April 1925 gegeben sind. Es wäre höchste Zeit, daß von Amerika aus für diese Unglücklichen etwas geschieht. Eine erregte Debatte löste wiederum der Kampf um den Preis des Koscher-Fleisches in London aus, wobei ein starker Gegensatz zwischen dem Schechita- Board, der über seine autonomen Rechte eifersüchtig «acht, und den Deputierten mitspielt. Die Frage wird wohl ^»ach der Neuwahl noch zu manchen Auseinandersetzungen Anlaß geben. Rabbinerwahl in Haag. Haag, 13. April. Als Nachfolger des Heimgegangenen Oberrabbiners von Loon, hat die hiesige Gemeindeverwaltung einstimmig Herrn Rabbiner I. M a a r s s e n, der bisher als zweiter Rabbiner an der Hauptsynagoge in Amsterdam tätig war, berufen. Rabbiner Maarssen ist ein Zögling des Amsterdamer Rabbinerseminars und hat sich sowohl durch seine rabbinische Lehrtätigkeit als auch durch wissenschaftliche Arbeiten — im „Israelit" ist seinerzeit mit besonderer Anerkennung seine Ramban-Ausgabe besprochen worden — vorteilhaft bekannt gemacht. Die Jerusalemer Universität und die holländische Judenheit. A m st e r d a m , 15. April. Der „Kirchenrat" der Amsterdamer Jüdischen Gemeinde hatte nach mancherlei Auseinandersetzungen beschlossen, dem Drängen der zionistisch gesinnten Mitglieder nachzugeben und die Universitätseröffnung durch ein Telegramm zu begrüßen. In einem bemerkenswerten Aufsatz äußert sich dazu das „Nieuw Israelitisch W e e k b l a d" wie folgt: „Der „Kerkeraad" unserer „Hoofdsynagoge" hat in seiner Sitzung vom Sonntag einen Beschluß gefaßt, den zahllose gesetzestreue Juden in- und außerhalb unseres Landes sehr bedauern werden. Er hat an seinen Vorsitzenden das Ersuchen gerichtet, namens des Kerkeraads ein Glückwunschtelegramm zur Eröffnung der hebräischen Universität in Jerusalem zu senden, und hat damit seinen neutralen Standpunkt, den er bisher gegenüber dem Zionismus einnahm, verlassen. Wohl hat Mr. Gompers im Kerkeraad betont, daß die Eröffnung der hebräischen Universität in Jerusalem kein Zionismus sei; diese Antwort beweist aber nur, daß Mr. Gompers die zionistischen Probleme nicht genügend studiert hat. Herr Gompers wird zugeben, daß Nahum Sokolow, die rechte Hand von Weizmann, Mitglied der Exekutive und des Kuratoriums der hebräischen Universität eher befähigt ist als er, um zu beurteilen, was wohl oder nicht Zionismus ist. Herr Sokolow schreibt in der jüngsten Nummer des „Jewish Chronicle" folgendes: „Die Errichtung der Unviersität vollendet unser Erziehungswerk in Palästina. Der kulturelle Zionismus kann mit Recht stolz auf seinen Sieg sein." Diese Sentenzen des obersten zionistischen Führers strafen die Meinung von Mr. Gompers vollständig Lügen und charakterisieren gerade das Gegenteil, die Universität als den Höhepunkt des zionistischen Ideals. Die große Mehrheit des Amsterdamer Kerkeraad hat dies nicht eingesehen, denn, falls alle Mitglieder wirklich begriffen hätten, daß es hier galt, einen Beschluß für oder gegen den Zionismus zu. fassen, hätten viele Mitglieder ihre Zustimmung zu diesem Vorschlag nicht gegeben, der nach dem unantastbaren Zeugnis von Sokolow ein zionistischer Vorschlag ist. Selbst zionistische Mitglieder des Kerkeraads haben früher öfters betont, daß der Zionismus nicht vor das Forum des Kerkeraads gehört. Der Amsterdamer Kerkeraad hat nun gezeigt, daß er nicht im Stand ist, zu unterscheiden, was wohl und nicht Zionismus ist und wird nun leicht knetbares Wachs in der Hand von Bevormundern, die Zionismus in Nichtzionismus umzuzaubern wissen. Wenn nun einige Herren vorschlagen würden, einen Gulden pro Person für den Keren Hajesod in das Budget einzustellen? Könnte dann der Raad, der die Universität als nichtzionistisch gestempelt hat, diesen Vorschlag abweisen? Wo sind dann die Grenzen zwischen Zionismus und Nicht-Zionismus? So hat nach unserer Meinung der Kerkeraad am Sonntag seine guten alten Prinzipien, unter denen der Frieden bisher bewahrt blieb, verleugnet, nach denen er sich einer zionistischen Einrichtung gegenüber neutral hätte verhalten müssen, aber wahrlich diese jüdische Universität verdiente es doch wirklich nicht, daß unser auf gesetzestreuer Basis stehende Kerkeraad, ihr seine Schätzung in Form eines Glückwunsches betonte! Herr Davids, der sich mit fanatischem Eifer zum Verfechter dieser Huldigungsbezeugung aufgeworfen hat, hat behauptet, daß die judaistische Fakultät der Universität, die unlängst eröffnet wurde, auf traditionell jüdischer Grundbasis steht und daß keine Bibelkritik geübt wird. Herr Davids hat sich hierbei auf einen orthodox-jüdischen Professor der Geometrie an einer deutschen Hochschule berufen, der dies mit Nachdruck erklärt habe. Wir bemerken dazu, daß dieser deutsche Professor einer der Vormannen des Misrachie und einer der Mitbegründer der Achduspartei in Deutschland ist. Wenn wir auch nun die Herren Misrachisten und die Herren der Achdus — obwohl wir ihr Streben als ein Unglück für das Thorajudentum betrachten — nicht in den Bann tun wollen, aber die Gefühle und Beurteilungen dieser Herren als Richtschnur für Beschlüsse eines niederländisch-israelitischen Kerkeraads zu nehmen, das geht uns doch zu weit. Wir wollen gegenüber dem Urteil des Professors des Herrn Davids das Urteil eines anderen Professors — und wohl das Urteil eines Professors, dem auch die Misrachisten einige Autorität zuerkennen -- stellen. Dieses Urteil über die judaistischen Professoren — es sind ihrer drei ernannt, nämlich Professor Margulis von dem Dropsie-College von Philadelphia, Prof. G»tmann aus Breslau, Prof. Klein aus Ungarn — lautet wie folgt: „Von Prof. Margulis heißt es, daß feine Vergangenheit die Vermutung hervorruft, daß er feine judaistischen Kollegien entblößten Hauptes geben wird; daß Prof. Gutmann Lehrer am Breslauer Lehrerseminar ist, sagt genug; Prof. Klein fungierte zuletzt als Rabbiner in einer ungarischen Status quo-Gemeinde, was auch genug sagt." So lautet das uns bekannte Urteil eines jüdischen Professors der Semitika, der sicher eben so viel Recht zu urteilen hat wie der Vertrauensmann des Herrn »Davids. Wir fügen noch hinzu, daß die ganze Fakultät unter dem Zeichen von Prof. Chajes, dem nach den Herren Misrachisten orthodoxen Oberrabbiner von Wien steht. Wenn man weiß, daß Oberrabbiner Chajes noch ganz kürzlich, als offizielle Person in einer Stadt verweilend, am Sabbatmorgen dem Gottesdienst in einer Resormsynagoge mit Orgel, gemischtem Chor, darunter nichtjüdische Damen, beiwohnte, sich daselbst zur Thora, aus der einige Fragmente einer Sidrah verlesen wurden, aufrufen ließ und mit Interesse der Predigt eines Rabbiners lauschte, der sein Fleisch von einem nichtjüdischen Metzger bezieht, während ganz in der Nähe ein orthoroxer Gottesdienst abgehalten wurde, dann wissen wir zur Genüge, wie es mit der „Orthodoxie" von Oberrabbiner Chajes und seiner „judaistischen" Fakultät bestellt ist. Fühlt Herr Davids wohl, welche ungeheure Verantwortung er auf sich genommen hat mit feinem kindischen Zwang zur Absendung eines Glückwunschtelegramms an feine Universität? Hier geht es um die heiligsten Interessen der ganzen Judenheit, um den Thron von Gott, um die unverfälschte Erhaltung der Thora für Israel. Und wo es nicht im entsernsten seststeht, daß diese „judaistische" — auch so eine zionistische terminologische Erfindung — Fakultät, die Universitäts-Jeschiba also, in dem Geiste geleitet werden soll, der dem Regenerator des niederländischen Judentums, wie Herrn Davids sehr wohl bekannt, auf seiner Jeschiba oorgechwebt hat; wo die Befürchtung daß im geraden Gegenteil gegen diesen Geist sturmgelausen wird, beängstigend groß ist, da wagt es Herr Davids, mit seinem zionistischen Zelotismus — während bei neutraler Haltung doch nichts verloren gewe\en märe — das Aussprechen eines Glückwunsches zu erzwingen! Wahrlich, die Verantwortung des Herrn Davids, die er damit auf sich genommen hat, ist groß! Wir beendigen unsere Besprechung indem wir konstatieren, daß der gefaßte Entschluß, und die Errichtung der Universität im allgemeinen — falls es die Misrachisten ernst meinen mit ihrem Programm für Thora und Zion — der schwerste Schlag ist, der den Misrachismus bisher getroffen hat. Ilntcvifa. Erschwerungen für die Einwanderung von Rabbinern nach Amerika. New York, 27. April. Bekanntlich besitzen Rabbiner das Privilegium, außer der Jahreseinwanderungsquate in die Länder der Vereinigten Staaten einwandern zu dürfen. Brs jetzt genügte das Zeugnis eines Synagogenvereines in Amerika, daß dieser den betreffenden lsiabbiner eingeladen hat, um diesem die Einwanderung zu gestatten. Seit kurzem aber wird gefordert, daß die Rabbiner, die nach Amerika kommen wollen, dokumentarisch Nachweisen, daß sie in ihrer alten Heimat die Funktionen eines Rabbiners wirklich ausgeübt haben; ferner werden die einwandernden Rabbiner nach dem Verlassen des Dampfers in Ellis Island einem strengen Verhör unterzogen. Ein Beamter des Einwanderungsamtes erklärte dem I. T. A.-Vertreter, man fei darauf gekommen, daß zahlreiche Personen fälschlicherweise den Titel eines Rabbiners annehmen, um außer der Quote einwandern zu dürfen. Diejenigen Synagogen, die die betreffenden Rabbiner einladen, werden Nachweisen müssen, daß sie tatsächlich dem Cinwandernden ein Rabbinergehalt zahlen. Man befürchtet, daß die neuen Bestimmungen sich auch gegen diejenigen Rabbiner richten werden, die in den letzten Jahren eingewandert sind. Denn obwohl die Annahme der Jmmigrationsbeamten, daß mehrere Personen fälschlich als Rabbiner eingewandert sind, vollkommen unzutreffend ist, steht doch zu befürchten, daß die sehr dehnbaren Vorschriften zu Ungunsten der wirklich einwanderungsberechtigten Rabbiner angewendet werden würden. Bemerkenswert ist, daß diese sonderbaren Vorschriften für Geistliche anderen Glaubens nicht gelten. (I. T. A.) Die Peffachwoche in Erez Jisroe^. Jerusalem, 26. April. Unter ganz außerordentlichen Feierlichkeiten wurde irr Erez Jisroel Birchath Hachamo -rdie bekanntlich nur einmal in 28 Jahren möglich ist — abgehalten. Bei Morgengrauen wurde das Morgengebet verrichtet und hieraus zogen die Juden auf die Berge, wo sie bei Erscheinen der Sonne mit großer Andacht den Segensspruch verrichteten. Mit Musik, Gesang und den üblichen Volkstänzen wurde die Feier beschlossen. Der ungeheure Fremdenzustrom gab Jerusalem während der Feiertage ein überaus feierliches Gepräge. Es waren Gäste aus allen Weltteilen anwesend, die Agudas Jisroel und ihren Institutionen in Erez Jisroel großes Interesse entgegengebracht haben. Im Hose der „Talmud Thora-Schule für Mädchen der Agudas Jisroel" veranstalteten die Poale Agudas Jisroel für ihre Mitglieder und für viele ausländische Gäste unter freiem Himmel, bei festlicher Beleuchtung, den Seder. Die Festlichkeit dauerte bis Tagesanbruch, worauf sich die Teilnehmer zu einem Festzug durch die Straßen Jerusalems ordneten, dem sich zahlreiches Publikum anschloß. Gesang und Volkstänze verliehen der schönen Veranstaltung den Charakter eines richtigen Freiheitsfestes. Das Diskinfche Waisenhaus hatte einen Massenbesuch von noch nicht dagewesenem Umfange aufzuweisen. Die jüdischen Bürger Jerusalems und sämtliche Fremde bewunderten das riesige Prachtgebäude, das vor der Vollendung steht. Durch seine prachtvolle Lage an beherrschender Stelle fällt es jedem Besucher Jerusalems beim Betreten der Stadt sofort auf. Es ist eine herrliche Leistung des alten Jischuw. Die Inneneinrichtung ist noch nicht fertig, da es noch an Geldmitteln hierfür . mangelt. Auch im Schaare Zedek- Hospital fanden sich viele Fremde ein, um die musterhafte Anstalt zu besichtigen und durch Spenden zu fördern Die Slobodkaer Jeschiwoh zu Hebron veranstaltete im Hotel Warschawski in Jerusalem zu Ehren der Gäste ein Empfangsmeeting, bei dem die beiden Mitglieder des rabbinischen Rates der Agudas Jisroel, Rabbi H. M. Epstein und I. S. Melzer die Festrede hielten. Bei dieser Gelegenheit wurden namhafte Beträge für die Jeschiwoh gespendet. Darunter einer der Gäste 2000 Dollars. Air- Ort und Stelle wurde ein Komitee gebildet, um nach Peffach eine Führung nach Chebron zu veranstalten. Eine ähnliche Feier wurde in der Jeschiwoh „Ez Chaim" zu Jerusalem mit Oberrabbiner Kuk und Oberrabbiner I. S. Melzer, Mitglied des Rabbinischen Rates der Agudas Jisroel, als Festredner veranstaltet. Besonders reges Leben herrschte im Verlause der ganzen Woche bei Oberrabbiner Josef Chajim Sonnenf e l b. Mit seiner vielgerühmten innigen Freundlichkeit empfing er ununterbrochen viele Bürger der heilige» Stadt und alle Fremde, die es sich nicht nehmen ließen,