Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 66 (1925)
- Issue
- Heft 18 (30.4.1925)
- Date
- 1925-04-30
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Teste 4 Rc. 18 Der Israelit 30. April 1828 keiner nationalen Fiktion und Illusion in seiner scharfen Kritik irregeleitete Achad Ha am, vor allem unser Iawetz, der Meister . des hebräischen Stiles und der jüdischen Geschichte. Bon weiteren noch Lebenden aus dieser Zeit wäre noch Nachum So ko low zu nennen. Dieser einstens produktiv st e unter den hebräischen Schriftstellern ist heute als Außenminister der Zionistischen 'Organisation em literarisch stiller Mann geworden. So ko low hat nie zu uns gehört und nahm schon vor dreißig Jahren als Redakteur der „Hazefiro" im Gegensatz zu Slonimski eine wenig freundliche Stellung zur Tradition ein. Achad Ha am steht seit dem Anschwellen des politischen Zionismus skeptisch am Scheidewege, und es ist kaum zu hoffen, daß er sich — etwa wie Birnbaum — zu uns finden werde. Auch Ehajim Nachman Bialik muß noch zu dieser Schule gezählt werden, nicht allein weil seit zwanzig Jahren sein Lied nicht mehr ertönt ist, sondern deshalb, weil auch er noch Produkt von Cheder und Jeschiwa ist und wie die Maskilim des 19. Jahrhunderts aus dem Vollen geschöpft hat. Hier hört es auf, und wir kommen in die neueste Periode, in die Gegenwart, womit wir uns von einem üppigen blühenden Gelände, das unter vielem Geröll, Dornengewächs und Unkraut auch köstliche Früchte zeitigt, in ödes, dürres Heideland begeben. Was sich heute in der neujüdischen Literatur dem Auge darbietet, ist, ganz abgesehen von Geist und Tendenz, rein künstlerisch gewertet, . wenig erfreulich. Das gilt auch von der Jargonliteratur, die sich parallel mit der hebräischen entwickelte. Vom Schöpfer der jiddischen Literatur „Mendele Moches Sforim", dem „Seiden" (Großvater) bis zum „Enkel" Schalem A l e ch e m hat sie numerisch nicht viel, aber qualitativ Wertvolles auszuweisen, einen P e r e z, einen Schalom Asch, einen Reisen, alle aus der alten Schule. Die Gegenwart ist arm, wenn man den Kitsch, der in Amerika für die jüdische Bühne und die jüdischen Romanbibliotheken als Massenartikel produziert wird, nicht als Kunst und Literatur ansprechen will. Vor etwa fünfundzwanzig Jahren nimmt noch die hebräische Literatur mit dem Anschwellen des politischen und Kulturzionismus einen großen Anlauf. Es war aber in Wahrheit nur ein letztes Aufflackern. Ben Awigdor bringt in seinen „Sifre Agora" nach Art der Reclamschen Büchereien gute Novellen und Gedichte moderner Schriftsteller heraus und fördert auch aus dem alten Geistesschatze manches Wertvolle zu Tage. „Achiasaf" und „Tuschija" waren rührige Verlagsunternehmungen, die zusammenmit „Zenratl" in Wilna und Warschau die hebräische Literatur Mit manchem güten Werke bereicherten.. Die Monatsschrift .^Haschiloäch" unter der Leitung von Achad Häa'm, Klausner,j Lewinski war, -wenn auch leider nicht in unserem Geiste, eine Revue von literarischer Bedeutung. Wir bekamen aus dieser Schule' einen Hillel Zeitlin, Men Brenner, einen Jehuda Steinberg, nicht zu reden von Bialik, der aber schon scheinbar vor zwanzig Jahren den Höhepunkt erreicht und auch überschritten hat. Damals am Eingänge der Periode, die wir als Gegenwart bezeichnen, schrieb Achad Haam: „Bei allem Geschrei von der Neubelebung können wir heute auf keinen einzigen Schriftsteller Hinweisen als auf den Mann unserer Hoffnung, kein Werk zeigen, das ernstlich unseren Nationalschatz bereichert hätte. Die besten Erzeugnisse. die wir in höchsten Tönen bejubeln, sind doch nur Stücke, Splitter, „Kroim, Kroim", die in jeder anderen Literatur kaum Eindruck gemacht hätten", :a»rra rvmn1?1 ns?n asa trasio d:pk ansioff ■»as» rrnso a:PK i^masv (roaa *pirnx im inrr) Heute würde das Urteil Achad Haams nicht . viel anders ausfallen. * ,;:; ... Was diehebräische Literatur in den letzten Jahren hervorgebracht hat, ist wahrlich nicht viel, keine umfassenden Werke, nicht einmal einen guten Roman. „Stücke und Splitter". In der Hauptsache eine Feuilleton- und Skizzenliteratur, die in anderen Literaturen für einen Tag oder Me Wochse M Leser der Beilage der Zeitschrift unterhielten. Man kann es kurz so fassen: Wasgut ist in der neuesten Literatur, ist n i ch t j ü d i sch, und was jüdisch ist, ist nicht sonderlich gut. Von großen Verlagsunternehmungen verdient nur die Stiebelsche Erwähnung, die „Hathkufa" heraüsgrbt. Ern neuer hebräischer Verlag „Dewir" gibt einen hebräischen W e l l h a u s e n heraus und verspricht. alles der jüdischen Jugend zuzuführen, was bis jetzt auf dem Gebiete der Bibelkritik errungen wurde . ..Klausner in Palästina schrieb ein großes Werk über Das Leben des Stifters, ein paar gute Talente wie Agnon, Doktor Varuch und andere blühen im Dunkeln und haben nicht einmal die Möglichkeit, ihre Werke ans Tageslicht zu bringen, da es sowohl an materieller als an moralischer Unterstützung fehlt. Im gesamten Osten besitzen wir heute keine einzige hebräische Zeitung. Jargonblättchen mit lokalem Einschlag befriedigen politisch und polemisch die Kulturbedürfnisse der Straße und der Masse. Mehr Leben zeigt Palästin a. Dort erscheint die heute noch einzige -hebräische. Tageszeitung „Doar Hajom", der jetzt em kleines Konkurrenzhlatt in Tel Awiw unter dem Titeh „Haarez" entstanden ist. Ein misrachistisches Wochenblatt in Jerusalem unter dem Titel' ZHatör" . sieht wie „Kol Jaakow" seine Aufgabe in der Vekämpfüntz öex^ AgudL.^.WM/I?MenÄW.-' steht!das! sModvx<s'' Organ. HiMel V Aas ist alleA Däs in London erschemenoe zionistische Parteiorgan „Haolam" zählt nicht mit? In A m e r i k a mit den jüdischen Mässenzentren und und den unbeschränkten " Geldmitteln kann sich keine.; e i n z i g e h e b r ä i s ch e Zeitung halten... Der misrachistische „Haiwri" mußte schon vor Jahren sein Erscheinen - einstellen. Eine von Rüben B r a i n i n vortrefflich geleitete Monatsschrift „Hatoren" ringt mit dem Tode und dürfte schon, ausgerungen haben. Wir haben keinen Grund, uns über diesen Niedergang zu freuen, denn er bedeutet keineswegs. Sieg, des jüdischen Geistes, des jüdischen Gedankens, dem die hebräische Literatur nicht immer Ausdruck geworden ist. Der jüdische Geist hat. dabei, .nicht profitiert. Nicht Bes . H'ämidrasch -und JeschWö, haben 1)as Erbe des Toten angetreten, es sind ganz andere Mächte, die jetzt die Straße beherrschen und uns weit gefährlicher sind, als es je die Haskala und die neujüdische Literatur waren. Bundismus, Kommunismus, Jiddischismus, Bolschewismus usw. Cs geht wie mit der Reform. Die Reformideologie hat sich bankrott erklärt, aber die zweite Generation macht es eben ohne Ideologie, ohne viel Kopfzerbrechen. Die jüdische 'Gasse bedarf auch des Hebräischen und des Neujüdischen nicht mehr, um dem Radikalismus, dem religiösen Nihilismus zu verfallen, der sich noch dadurch von der Haskala aller Zeiten unterscheidet, daß er von keinem Schein und keinem Hauch des Wissens um Judentum und jüdische Dinge angekränkelt ist. Die hebräische Sprache und Literatur wartet unser, daß wir uns ihrer annehmen, sie erlösen vom Zauberbanne des Radikalismus, ber sich jetzt gelockert, um das große Nichts zu zeigen. Mit „ M o r i j a ", „ H a d e r e ch "» „Kol Iisroel", „Diglenu", einigen hebräischen llebersetzungen guter jüdischer Volksliteratur aus deutscher Sprache ist ein guter, aber schwacher Anfang gemacht. Gehen wir weiter auf diesem Wege, um, wie bei der Palästinaarbeit und bei der Lösung des Kulturproblems überhaupt. Gleichartiges in echtjüdischem Geiste den Anderen entgegenbringen zu können. gegeben. Es kommen zu Worte neben einigen Lebenden, Rabbi Simche Siffel, der große Sachwalter von Rabbi Israel Salanters heiligem Erbe, Rabbi Naftali Amster-. dam, Rabbi I. Hurwitz. Perlen talmudischer Auslegung leuchten aus allen Ecken auf; aber nicht blenden wollen sie, sondern ihre Strahlen in Herz und Gemüt senden, wo der Weisheit Erstes und Letztes: Gottesfurcht, Gesinnungsreinheit und Menschenliebe sitzen. Mitteilungen über das Leben der Jeschiwaus bestätigen die erfreuliche Tatsache, daß es eine geistige Grenze zwischen Polen und Litauen, zwischen chassidischem und misnagdischem Lernen nicht mehr gibt. Mussaraphorismen folgen, von denen hier einige Proben geboten werden: Der Arbeiter im öffentlichen Leben, so sagte Rabbi Israel Salanter, erziehe sich drei Eigenschaften an: Er sei unermüdlich, nicht überempfindlich und nicht gleich auf den Schluß des Werkes hineilend. Sammelst Du für gute Zwecke, so wird es Dir auf alle Fälle glücken: entweder Du erhältst den Betrag, oder mit einer Abweisung noch weit Höheres. . . . Nicht alles, was man denkt, bringe man zur Sprache, nicht alles was man spricht, bringe man zu Papier und nicht alles Geschriebene übergebe man dem Druck. Ein Wort Rabbi Simche Sissels lautet: „Musiar ist der Sprengstoff, der den Stein, den manch einer an Stelle des Herzens in der Brust sitzen hat, in Stücke reißt." Das Schlimmste, das über den Menschen verhängt werden kann, ist sein Verharren im wilden Naturzustände. Wer nie an sich gearbeitet, gleicht einem Blinden, der nie das Licht gesehen hat. Was Dir in der Vorstellung lockt, findest Du auch in der Wirklichkeit, was in der Lüge glitzert, leuchtet auch in der Wahrheit, was sich Dir im Verbotenen bietet. wirst Du auch leicht im Erlaubten gewinnen. Es kommt nur auf das Finden des richtigen Punktes an. Menschliche Gesinnung gleicht im Allgemeinen einem öffentlichen Gasthofe, in den Jeder einzieht und in dem sich Jeder wie zu Hause gebärdet. (Die Lassalle-Feier in Berlin.) In ganz Deutschland feierte die Arbeiterschaft die hundertste Wiederkehr des Geburtstages des Schöpfers der modernen deutschen Arbeiterbewegung, Ferdinand Lassalle. In Berlin fand die Feier im Großen Schauspielhaus statt. Hauptredner war der ehemalige preußische Ministerpräsident, Reichstagsabgeordneter Heinrich Ströbel. Er zog eine Parallele zwischen Marx und Lassalle und zeigte, wie sich der Entwickelungsgang bei Karl Marx gradlinig, in ruhiger, abgeklärter Gelehrtenarbeit vollzog, während das Werden Lassalles verschlungene Wege ging. Sein frühreifer Genius ließ in ihm den Glauben erstehen, ein neuer Befreier des Judentums zu sein. Aber bald erkannte er, daß nicht die Befreiung eines einzelnen Volksstammes, sondern die geistige, sittliche und materielle Höherstellung des gesamten Proletariats nötig sei. Maßlos ehrgeizig, selbstbewußt, aber edel und gut, gab es für den jungen Juden aus Breslau nichts, was er nicht übernahm und was er nicht durchführte. So wurde er zu dem eigentlichen Gründer der sozialistischen Arbeiterbewegung in Deutschland. (Karnack gegen Aetttzsch). Der berühmte Theologe Prof. Adolf von Harnack läßt jetzt sein letztes großes Werk über Marcion, das Evangelium vom fremden Gott, „eine Monographie zur Geschichte der Grundlegung der katholischen Kirche", in einer zweiten, etwas vermehrten Auflage erscheinen. Er verwahrt sich darin gegen den antisemitischen Mißbrauch, den man im heutigen Kampfgegen das Alte Testament mit seinem Buche getrieben hat: „Ich protestiere hiermit dagegen, daß meine Ausführungen mit denen von Friedrich Delitzsch („Die große Täuschung") zusammengestellt werden, wie das mehrfach geschehen ist; diese sind vom wissenschaftlichen Standpunkt aus ebenso rückständig, wie vom religiösen verwerflich. Wochenkalender. 3.-9. Mai 1938. I 8.-16. Jjar 6685. Samstag Mai 2 tpwnp 8 flTÖO 23 'S p“is a"M Sonntag 3 9 24 Montag 4 10 25 'w n»firn vienstag 5 11 26 Mittwoch 6 12 27 vonnerstag 7 13 28 'v'vn rwwi Zrettag 8 14 29 Samstag 9 15 30 '*1 ps 'RoimefeldtsTee JUL setr lOO Jahren bewährt . »ypn Millionen getrunken." Verantwortlich für den allgemeinen Teil und das Feutllei '« s. s ch achnoWitz;Inseratei.SB.: S. Sch achnowitz, s'ämi'S in Frankfurt a. SR.; Pädagogische Beilage: Lehrer I. Spi-e in Fulda. — Berlag „Israelit", G. m. b. Frankfurt a. tS Druck: Sermon Verlags-Aktiengesellschaft, Frankfurt a. SR.