Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 66 (1925)
- Issue
- Heft 18 (30.4.1925)
- Date
- 1925-04-30
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Der Israelit Nr. 18 Seite 3 30. April 19?'__ göbie des ganz von den dunklen Instinkten seines Blutes abhängigen, des Wegweisers der Thora entbehrenden fernen Enkels großer jüdischer Ahnen. Wochenrundschau. YVtV Der neue Reichspräsident. Der 26. April hat die Erwartungen der Republikaner und, sagen wir es offen heraus, all derer, denen an der baldigen Befriedung Europas gelegen ist, schwer enttäuscht. Das Wahlresultat, das mit einer relativ geringen Stimmenmehrheit den Sieg des Rechtsblocks brachte, zeigt bei oberflächlicher Vergleichung und Gegenüberstellung der Wahlziffern ein Bild der Z w e i t e i l u n g. Hie Republikaner, hie Monarchisten, beide in fast gleichmäßiger Stärke, und eine kleine Zufallsmehrheit kann das Zünglein an der Wage nach der einen oder nach der anderen Seite treiben. Für den Tieferschauenden, der die Sache nicht allein von der politischen, sondern auch von der psychologischen Seite ansieht, liegen ober die Dinge doch etwas anders. Nicht alles, was am Sonntag Hindenburg zustimmte, ist a priori und unbedingt reaktionär eingestellt. Hindenburg ist ein großer Namen und er besaß eben bis dahin auch als Mensch tiefere Sympathien im Volke als die Säbelhelden um ihn herum. Und S t r e fein a n n , der Führer der Deutschen Volkspartei, setzte seine Autorität und die seiner Partei, die immerhin so etwas wie eine bürgerlich liberale Tradition hat, gewissermaßen als Pfand für die Sicherung des Friedens unter Hindenburg ein. Auch Hindenburg selbst sprach viel, sogar im Rundfunk, von Frieden und Versöhnung und der Verfassung, die er, ein alter treuer Soldat, sobald er den Eid auf sie geleistet hat, hüten und schützen wollte. Das war für viele entscheidend. Zählt man zu diesen noch die große Menge der völlig Unpolitischen hinzu, denen der Name alles, Politik und Parteiprogramm aber nichts ist, und dann auch diejenigen, die aus konfessionellen Gründen dem Zentrumsmann Marx ihre Stimme versagen zu müssen glaubten, so ergibt sich, daß das Gefüge des aus Feuer und Blut geretteten deutschen Friedensreises weniger schwankend dasteht, als uns am Montagmorgen nach Bekanntwerden des schon ein schönes Stück vorwärts geschoben haben, man kann die Jacken-Reihe nicht mehr sehen." — Dis Jüdische Gemeinde will nun mit Eifer gegen die Mischehen vorgehen. Gegen wen, mit welchen Mitteln, — vor allem wer soll vorgehen? Noch nicht lange ist es her, daß verkündet wurde: „Weit müssen die Pforten des Judentums allen denen geöffnet werden, die es suchen." Jetzt ereifert man sich gegen die notwendigen Folgen dieses Prinzips. Man schafft, man stemmt, man arbeitet eifrig, die Mischehen sollen, sogar vor kurzem um einige Promill gurückgegangen sein. Das war bei dem gegenwärtigen allgemeinen Judenhaß nicht anders zu erwarten. Die Jacken waren gestohlen. Wir müssen schon ein schönes Ttück vorwärts sein; die Jacken sind nicht mehr zu sehen. . . . 3. Der gefchonre Schnee. Herrlich erstrahlte an einem Wintermorgen ganz Helm im tiefen, tiefen Schnee. Wie schade, dachten die Gabboim, wenn dieser herrliche Schnee durch den Schammes morgens zertrampelt würde! So gingen vier Gabboim zum Schammes, setzten ihn aus einen Tisch und trugen ihn durch den Ort. Vor den Füßen des Schammes aber war der Schnee gerettet. — Früher dekretierte der Vorstand der Jüdischen Gemeinde den Ritus jeder der vielen Synagogen. Man tt'oiß, was unsere liebe Tefillo dabei aushalten mußte, uetzt soll den Gabboim dev einzelnen Synagogen die Mitbestimmung über das Schicksal des Ritus eingeräumt werden; sich kol hajoscher beenov jaaßeh. „Da setzten ihn die vier Gabboim auf einen Tisch und trugen ihn über den schönen Schnee. Vor den Füßen des Vorstandes über." 4. Erlauschtes aus Lhelm-W. Reb Altmann: Was sagen Sie zu dem neuen Gitter v!n die Frauenempore? überraschenden Ausgangs im ersten Augenblick erscheinen wollte. Solange der Friedens-Gedanke aber im Volke stark verankert ist, wird es keiner Führung gelingen, eine offene oder auch nur latente Militärdiktatur an Stelle der Republik zu setzen. Es bleibt doch fürs erste bei Weimar und der Verfassung! Und es ist zu erwarten, daß die Parteien, im Bestreben, der rechtsgerichteten Spitze ein Gegengewicht zu bieten, in Parlament und Regierung eine Regsamkeit entsalten, die der weiteren Erhaltung des inneren Gleichgewichtes von Nutzen wird. Daß dem so ist und daß das deutsche Volk in seiner Mehrheit am letzten Sonntag kein Votum für die Politik der Unversöhnlichkeit nach außen und innen abgegeben hat, ergibt sich schon aus der Tatsache, daß das gleiche Volk im ersten Wahlgange den exponiertesten Vertreter dieses „großen Hasses", Ludendorsf, einmütig a b g e l e h n t hat. Hindenburg dankt zum guten Teile seinen Erfolg der allgemeinen Auffassung, daß er keinLudendorffsei, und es ist im Laufe des Wahlkampfes manches Versprechen nach dieser Richtung hin abgegeben worden. Es wird sich nun zeigen, wieweit die neue Reichsleitung den Willen zur Eri ü l l u N g s p o l i t i k ernstlich aufbringt, zur Crfüllungspolitik in erster Reihe nach innen. Jerusalem, Paris und das Judentum. In dem Organ der Alliance Jsraelite Universelle „Paix et Droit" veröffentlicht Theodor Re in ach einen Artikel: „Rasse, Nation, Religion", in welchem er u. a. ausführt: „Das Band der Rasse, der Nation und der relgiösen Moral kettet die Juden sowohl untereinander als auch an das Judentum. Vlutgemeinschaft ist eine der stärksten Ketten. Hat die jüdische Rasse ihre Reinheit erhalten? Geuntz nicht. Wenn wir aber nicht die auserwählte Rasse sind, sind wir noch das auserwählte Volk? Heute ist die Judenheit über die ganze Erdoberfläche zerstreut, besitzt weder ein geschlossenes Landgebiet, noch eine Regierung. Die Zionisten wollen höchstens eine Million Juden in Palästina ansiedeln. Und die restlichen 14 Millionen Juden? Sollen sie als vom Judenstaat Abhängige gelten? Das würde den Antisemiten einen Grund liefern, die Juden überall als Fremde zu behandeln. Aber wenn wir das ablehnen, so ist das noch nicht Assimilation. Die Judenheit wird auch weiter eine moralische Gemeinschaft bleiben, gebunden an die gemeinsame Erinnerung großer Dinge, an das gemeinsame große Erdulden, befruchtet durch die moralischen Ideen ihrer Religion. Diese Gebundenheit an die religiöse und soziale Moral genügt, um dem Judentum die Vitalität eines starken und differenzierten Organismus 311 sichern." W i r sagen: Die Gebundenheit an die M 0 - r a l — und sei es auch religiöse Moral — genügt nicht. Das Grundbuch der jüdischen Moral und Ethik, die Mischnajot der Vätersprüche, die uns der Sommeranfang wieder werbend in die Hand gibt, gehen von der 'rov niiv aus, die Moses empfing, um sie w e i t e r z u geben. Was dem Judentum die Vitalität eines starken und differenzierten Organismus sichert, das ist das religiöse Gesetz, das des Juden Tagesleben nach den Gesetzen der h ö ch st e n Moral bis ins Kleinste regelt. Eine Gesetzes gemeinfchaft, wird sich die Judenheit nicht nur nach außen halten und erhalten, sondern auch gegen diejenigen die — in Jerusalem — aus dem Gesamtbegriff des Judentums das eine, das nationale oder — in Paris — das andere, das menschlich-moralische Moment herausgreifen und es losgelöst von allem anderen als das Judentum ausgeben. Die neuhebräische Literatur. (Schluß.) Um die Mitte des neunzehnten Jahrhunderts blühte auch das hebräische Zeitungswesen. 1857 gründete David E 0 rd 0 n die erste hebräische Zeitung „Hamagid". wegen der in Rußland herrschenden Zensurschwierigkeiten auf deutschem Boden in der ostpreußischen Stadt Lyck. Schon 1860 bekam er Konkurrenz in dem von Alexander Z e d e r b a u m in Odessa begründeten, später in Petersburg geleiteten modernen Tageblatt „Hameliz". 1863 gründete S l 0 n i m s k i in Warschau die „Hazfiro", eine politische und wissenschaftliche Revue. Beide Zeitungen dienten mit einigen Unterbrechungen lange Jahrzehnte den politischen und kulturellen Bedürfnissen der jüdischen Massen. Jahrbücher von literarischem Werte aus dieser Zeit sind: „Hoosif". „Hakerem". „Kneseth Iisroel" und viele mehr. Aus dieser Schule gingen auch gute Stilisten hervor, wie Dawid Frisch,na,1, der wertvolle Geistesschätze aus der Weltliteratur ins Hebräische übersetzte. Schau! Pinchas Rubin 0 w i tz, der hebräische Grätzübersetzer, der sehr radikale Elieser Ben Iehuda. der sich später in Palästina für das Hebräischsprechen förmlich aufopserte, Ben Awigdor, der Herausgeber der Groschenliteratur „Sifre Agora", der noch lebende Rüben Brainin und der ebenfalls noch lebende bekannte, von Herr Neumann: Affenkäfig! Reb Altmann: Haben Sie denn jetzt einen Platz auf der Empore? Erlauschtes aus Chelm NO. Herr Leiserski: Im Geschäft, habe ich gemeint, werde ich meinen Sohn James brauchen können. Statt dessen fängt er an, jekische Narrischkeiten mitzumachen und versäumt seine Zeit. Klavier will er auch nicht mehr üben. Herr Scharfer: Geben Sie ihm nicht so viel Geld in die Tasche! Dann wird er sich das Kino verkneifen müssen. Her Leiserski:' Kino? Wer redt von Kino? Zu S ch i u r i m rennt er. „Jahrzeit". Eines der merkwürdigsten Symbole und Denknäler der jüdischen Volksseele ist der einzigartige begriff der ..Jahrzeit', in dem wie kaum an einem mderen Punkte des reichen jüdischen Lebens der tnvergleichlich tiefwurzelnde Familiensinn mit dem illes durchdringenden, in Halacha und Agava zum llusdruck kommenden jüdischen Gottesbewußtsein mlminiert. Die entfremdeten Söhne unseres Volkes, nie viel sie auch abgestreist haben mögen — die .Fahrzeit" führt sie ins Gotteshaus und wer kann irmeffen, was an einen solchen Augenblick der Sammlung sich an Möglichkeiten der Rückkehr anmüpsen kann. Für diejenigen Kreise aber, die üben md lern en, bietet der Komplex der Jahrzeit-Dinim md noch mehr der Jahrzeit -Min h ag im eine Zülle von hochinteressanten Problemen und Aneaungen- Nicht jeder weiß, auch unter den ->5nv> iBO, den Quellen all dieser Vorschriften und Bräuche mchzugehen, die eine Fülle von geistigen Beziehungen n sich bergen. Es war daher ein glücklicher Gedanke des bekannten Herausgebers des Herrn Rabbiners Josef Schm artz in Oradea-Mare (Grotzwardein) in Rumänien unter dem Titel -,2 er n iv 1» im Selbstverläge eine Sammlung aller cni'l. welche Iahrzeit betreffen, herauszugeben, die von gründlichster Quellenkenntnis zeugt und auch dem Leser die Möglichkeit der Nachprüfung und Vertiefung gewährt. Fasten, Lichtanzünden, Lernen und Thillim-Sagen. Friedhosbesuch. Kaddisch, Aufrufen u. a. m.. sowie der tiefere Sinn all dieser Brauche und Vorschriften wird erörtert, und es folgen alsdann Responsen und Bemerkungen einer ganzen Anzahl von o^ru über einzelne halachische Probleme aus dem Gebiete der Jahrzeit-Begehung. Im Anhang befindet sich eine kurze Zusammenfassung m jüdisch-deutscher Sprache für den minder Kundigen. Das 40 Seiten starke Werkchen wird gewiß viel Anklang finden, zumal es auch dem Religionslehrer. der oft über diese Dinge befragt wird, reiches Material bietet. Neue Musfarliteratur. Das hier zu besprechende Heftchen heißt „O r 9 a m u s a r" und erscheint periodisch, als Organ der Jeschiwaus von Nowogrudok, in Pietrikow. Es trägt als Motto stolz den Satz aus Mischle 4: „Halte fest an der Moral, lasse nicht von ihr, pflege sie, denn sie ist dein Leben!" Ist bereits das neunte Heft des dritten Jahrganges und enthält nach einem Vorwort an die Leser, zehn Nummern bunten Inhalts, aber eng verbunden und zusammengehalten mit dem Faden blutwarmer jüdischer Beschaulichkeit, geschöpft aus geistigen und sittlichen Tiefen. In der Hauptsache finden wir Gedanken und Ideen der großen Meister des Muffar wieder-