Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 66 (1925)
- Issue
- Heft 18 (30.4.1925)
- Date
- 1925-04-30
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 Nr. 18 um deren Willen sich die Schweizer einst erhoben, größer? . . . Gab es je eine Revolution, welche gerechter wäre, als die, wenn die Juden in jener Stadt aufständen, sie von allen Ecken anzündeten, den Pulverturm in die Lust sprengten und sich mit ihren Peinigern töteten? Feiges Volk, du verdienst kein besseres Los! Der getretene Wurm krümmt sich, du aber bückst dich tiefer! Du weißt nicht, was gerechte Rache heißt, du weißt nicht, dich mit deinen Feinden zu begraben und sie im Todeskrampf noch zu zerfleischen! Du bist zum Knecht geboren! 30. Juli 1840. Wieder die abgeschmackten Geschichten, daß die Juden Ehristenblut gebrauchen: Dieselbe Geschichte, wie in Damaskus auch in Rhodos und Lemberg. Daß aber aus allen Winkeln der Erde man mit diesen Beschuldigungen heroortritt, scheint mir anzudeuten, daß die Zeit bald reif ist, in der wir in der Tat durch Christenblut uns helfen werden. Hilf dir selbst, und Gott wird dir helfen. Die Würfel liegen, es kommt auf den Spieler an! Peinlich wirkt ein Brief des Neunzehnjährigen an seine Mutier, worin er das Judentum mit Hegel als die Welt „der erbärmlichen Persönlichkeit", als das ästhetisch Häßliche, als den Bruch des Geistes mit der Natur darstellt, als den „Riß ohne Versöhnung", der erst im Christentum durch das Prinzip der Liebe überwunden werde! Hier sieht man die Wirkungen der Breslauer Reform von 1844. Noch surchtbarer tritt diese völlige Entfremdung von allen jüdischen Inhalten, die allerdings zugleich die subjektive Entlastung dieses verlorenen Sohnes des jüdischen Stammes bedeutet, in der großen Lebensbeichte an Sophie Sontzoff (Oktober 1860) zutage. Cs heißt da u. a.; Es ist wahr, ich könnte ihnen das Opfer bringen, Christ zu werden, obgleich nach unseren Gesetzen keine Notwendigkeit dazu vorhanden, und die Ehe zwischen Christen und Juden gestattet ist. Und wenn es eine unumgängliche Bedingung wäre, ich würde es vielleicht tun. Aber es würde mir schwer fallen, Sophie. Ich will es Ihnen sagen, weshalb. Ich liebe die Juden durchaus nicht, ja im allgemeinen verabscheue ich sie. Ich sehe in ihnen nur die sehr entarteten Söhne einer großen, aber längst entschwundenen Vergangenheit. Diese Leute haben wahrend der in der Sklaverei verbrachten Jahrhunderte auch die Eigenschaft der Sklaven angenommen; und deshalv bin ich ihnen äußerst ungünstig gesinnt. Ich habe auch gar keine Verbindung mit ihnen. Unter meinen Freunden und in der Gesellschaft, die mich hier umgibt, ist fast nicht ein einziger Jude. Es sind also keinerlei Rücksichten, die mir diesen Wechsel etwas peinlich machen würden. Aber, Sophie, ich bin ein Mann der Politik, und, was noch mehr sagen will, ich bin das Haupt einer Partei. Und die Partei, welche die meinige ist, muß an dem Grundsätze festhalten, nie einem Vorurteil sich zu beugen, da dies nur Feigheit sein würde, und nie darf sie einen Akt der Heuchelei begehen. Wie soll ich es also mit dem christlichen Glauben machen, wenn, was jedermann weih und ich auch nie verhehlen werde, ich ebensowenig von der christlichen wie von der jüdischen Religion im Herzen trage! Würde es nicht den Anschein haben, daß ich um äußerer Vorteile willen einem Vorurteile nachgebe? Hierin liegt ein übergroßer Rigorismus, ein Rigorismus, der in meiner Persönlichkeit be- Bemerkungen zu mviipi niv nrm 'D- Don Rabbiner Ar. Winkler in Kopenhagen. I. D'MP'rp - ma '7N8 „Nach dem Tode der Heiligen". — Wie merkwürdig! Diese beiden Sidros werden alljährlich in den Ssirotagen verlesen, in denen wir denTod so vielerunsererHeiligenbeklagen, VVN nsmp by des: noaw, die ihr Leben Hingaben zur Verherrlichung des göttlichen Namens! — H. 17, 13: laizn ^>38' 7W8 Pp 18 "N TS 712' 7V8 73m 1.7331 137 38 »Wer ein Wild fängt oder Geflügel, das gegessen wird, bedecke das vergossene Blut mit Erde". Als Begründung für dieses Gebot gibt Midr. Tanchumo (>, '■>& Ttyaia) an: ..Nach dem vollbrachten Totschlag wüste Kain nicht recht, was er mit dem entseelten Körper seines Bruders beginnen sollte. Da bemerkte er aus einmal, wie ein Sperling einen anderen Sperling, den er umgebracht, begrub. Kain folgte diesem Beispiel und legte auch seinen toten Bruder in die Erde. Darum soll das Blut des geschlachteten Geflügels mit Erde Der Israelit gründet ist, denn meine Partei würde meiner Taufe nicht den geringsten Widerstand entgegensetzen, ich kann ihn durch genug gewichtige Gründe erklären, um so mehr, da die Taufe in solchen Fällen als eine reine Formalität angesehen wird; und da ich nicht die Notwendigkeit zugebe, da ich auch nicht im entferntesten gesonnen bin, irgend eines Vorurteils halber Ihrer Liebe zu entsagen, so werde ich vielleicht dieses Opfer bringen, wenn es unmöglich sein sollte, und mich taufen lassen. Das heißt, ich werde es tun, wenn Ihr Vater oder Ihre Mnrter absolut darauf bestehen, ich werde es aber keinesfalls tun, wenn nur Sie es wünschen sollten. Meine Frau darf durchaus keine Vorurteile haben. Und dennoch! Was in Lassalle so übermächtig wirkte, was ihn in einer persönlichen Hingabe und Selbstvergessenheit sondergleichen im Hatzfeldt-Kampf zum Kämpen des unterdrückten Rechts, in seiner ganzen Lebensarbeit zum Vorkämpfer der Enterbten werden ließ, das war doch die jüdische Erbschaft seiner Seele. Die neueren Veröffentlichungen bestätigen die Sätze, die Dr. R. Breuer in einer Studie über Lassalle vor neunzehn Jahren an dieser Stelle niedergeschrieben hat, und die wir hier wiederholen: „In ihm verkörpert sich — allerdings leider in nur einseitiger Vollendung — jener brennende Freiheitsdurst, jener stürmische Gleichheitsdrang jener zornige Cutrüstungsschrei gegen alles, wac nach Knechtschaft und Wolkendüster schmeckt, wie sie nur in dem Abkömmling eines Märtyrervolkes nisten können. Wer mit solch feuriger Rücksichtslosigkeit an Kerkertüren pochen und rütteln kann, wer mit solch grausamer Unerbittlichkeit einem Volke Krieg und Verderben weissagt, wenn den Gedrückten und Entrechteten nicht ein Heim bereitet wird auf der Erde, wer so reden und schreiben, so laut fordern und überzeugend belehren kann, wie dieser turbulente Mensch, der mit seiner zündenden Rednergabe Millionen zu elektrisieren verstanden, muß, wenn auch nicht unmittelbar, teil haben an dem Elend, das er bekämpft und für dessen Abstellung er plaidiert, der kann keinem Hirtenvolk, keinem von allen Sonnen der Humanität umspielten Eilande als vollberechtigter Bürger angehören. Seiner jüdischen Ader verdankte Lassalle die Bombenenergie, mit welcher er sein schweres agitatorisches Geschütz unter dem Beifallsjauchzen seiner Arbeiterscharen vor den Palästen der Großen auffahren ließ. ." . Lassalle war nicht nur ein starker'.Willensmensch, ein glühender Redner und bahnbrechender Agitator, er war bei all seiner Schwärmerei und utopischen Ueberschwänglichkeit ein scharfer, klarer Kopf, in dessen Hirn wohlgeordnet die Gedanken lagen, aus welchen in vielfacher Modifizierung zwar, aber doch noch heute unverkennbare Spuren seiner Prägung tragend, das System der Sozialdemokratie erwuchs. Lassalles Deduktionen werbedeckt werden". Dieser Grund ist ober nicht für das aattae Gebot ausreichend, das sich auch auf Wild erstreckt. Noch weniger kann die Version in Pirke de Rabbi Eliesar, Abschn. 21. für unseren Gegenstand in Betracht kommen, weil dort gar von zwei Raben die Rede ist. Einleuchtend ist daher allein di Erklärung des Midrasch rabbo (u"33 7*2) wo es heißt: »An der Erdbesiattung Abels waren die reimen Wild- und Flü geltiere beteiligt, diese Tat ließ ihnen .-,»2.7 durch zwei Segensprüche entgelten, die beim Schlachten und beim Bedecken ihres Blutes gesagt werden". — III. 19, 2: b87!p' '13 37V b3 brr 737 -Rede zu der ganzen Gemeinde Israels". Hierzu bemerkt Raschi: . Weil in den folgenden Sätzen die w sentlichsten Lehren enthalten sind". So nach Sifro. Rabbo und Tanchumo indes weisen besonders daraus hin, daß in 's die 10 Geb0tewiederkehren, was leicht herauszufinden ist. kleines Feuilleton. Chelmer Streiche aus Deutschlaud. Von einem Berliner Boofke. 1. In Pinczew tagt es. Die Chelmer standen einmal am Mauzo Schabbos vor ihrer Schul und wußten nicht, ob schon Nacht sei und ob man schon Mario dawnen könne. Die Sterne waren nicht __30. April 1925 den mit einer haarscharfen Präzision, zugleich mit einer feurigen Verve und einer enthusiasmierten Entschlossenheit, die eine nüchterne Kritik beinahe hintertreibt, vorgetragen, so daß man in seiner ganzen Art esnen talmudischen Niederschlag sofort erkennen wird. Jede Agitation, aber die [einige ganz besonders, operiert mit ethischen Momenten, mit dem Aufruf zur und Anlehnung an die Moral, mit dem Gedanken der Vollkommenheit der menschlichen Gesellschaft, die an sich arbeiten müsse, damit sie den Zweck ihres Seins in der Weltgeschichte erreiche. Diese ethische Tendenz der Lassalleschen Denkweise schmeckt für den Kundigen ganz erheblich nach jüdisch-talmudischer Heimatkunst. Ohne daß er sich dessen vielleicht deutlich bewußt war, stand Lässalle bei all seinem rückhaltlosen Anschluß an die ihn umflutende europäische Kultur im Zwange und Banne seiner jüdischen Abkunft, die er nie betont hat, aber auch nicht verleugnen konnte. Lassalle. will % nicht nur satte und zufriedene Mengen, er will sie auch groß und gut, ehrlich und sittlich haben. Er gibt sich darüber keiner Täuschung hin, daß nicht nur die ökonomische Gesundung, sondern auch eine geistig-sittliche Regeneration der Gesellschaft ihren heilsamen Fortbau und segensreichen Fortschritt ermöglichen kann. Sein stürmisches Pathos im Kampf gegen Lüge und Heuchelei hat in erster Linie nicht wirtschaftliche Schäden, sondern moralische Gebresten im Auge." Eine Dramatisierung von Lassalles Lebenswirksamkeit bietet zum hundertjährigen Gedenktag Julius Ernst L i p s s. (Leipzig. Verlag des Zelt). Er nennt sein Drama eine „Tragödie des Willens" und er hat damit in der Tat den innersten Kern der seelischen Eigenart Lassalles getroffen. Einen rein künstlerischen Maßstab darf man an diese Tragödie, in der sehr viel verhandelt und reflektiert wird, allerdings nicht anlegen; aber sie wird bei guter Darstellung doch einen starken Gefühlseindruck hinterlassen. „Er war ein Mensch wie ihr! Sehnsüchtig strebend, segnend und fleischgebunden, stolz und bebend. Und dennoch wuchs er endlich zum Giganten Weil einer Ganzheit Feuer ihn umbrannten. Zu Willen ward der Erde dunkler Bann, er fand des Lebens Ziel: er war ein Man n." Wer aus jüdischer Seele Ferdinand Lassalles kurzes Leben überblickt, der wird darin allerdings eine typische Tragödie sehen: die Trasichtbar. Da erbot sich der längste Schlemiel des Ortes, nach Pinczew zu laufen und sich dort zu erkundigen. Sicherheitshalber ging der Mann noch mit Schabbosschrittten und langte infolgedessen Sonntag früh dort an, als es Tag wurde und man zu Schomrim laboker ging. Da er noch nicht Hawdolo gehört hatte, ging er wieder mit Schabbosschritten nach Hause und langte infolgedessen Sonntag abend kurz vor Mariw an und verkündete den staunenden Chelmern: „Es tagt in Pinczew". Seitdem sagt man in Polen, wenn jemand, wie wir heutzutage sagen, eine lange Leitung hat oder schwer vom Begriffe ist: In Pinczew togt es. - Vielen Leuten, die nach Berlin kommen, — nicht nur wenn sie aus Chelm sind, — geht es ähnlich. Auf ihren heimatlichen Nestern „togt es", fängt, 150 Jahre nach Mendelssohn, 50 Jahre nach Hirsch dort die Aufklärerei an, hat jedenfalls noch nicht aufgehört. Diese guren Chelmer, die nicht aus Chelm kommen, ahnen in ihrer ländlichen (oft auch: östlichen) Unschuld nicht, daß hier mittlerweile der Sonntag zuende, der g 0 jische I 0 m - t 0 v aus, die Woche näher an den Schabbos heran, die Jüdifchkeit längst wieder im Anwachsen in allen Kreisen ist. Etwas spätsommerlich mutet der Teil des Zuzuges an, der hier noch eine kleine Neubelebung der neologen Kreise bewirkt. Auch die Rückkehr zu jüdischen Geselligkeitsformen und die Abkehr von Modeauswüchsen machen hier in ortsansässigen, vielfach in deutschen Familien günstige Fortschritte. Langsam, sehr langsam folgen die Uebrigen. Geduld, — in Pinczew togt es. . . . 2. Die verschobene Schul. Die Chelmer fanden es unschön, daß die Schul an der Gosse stand. Sie zogen ihre Jacken aus und schoben mächtig an der Mauer, damit die Schul an einen schönere» Platz zu stehen kam. Inzwischen wurden die Jacken gestohlen. Da drehte sich einer von den Mauerschiebern ui» und rief den Mitarbeitern zu: „Wir müssen die Schul