Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 66 (1925)
- Issue
- Heft 17 (23.4.1925)
- Date
- 1925-04-23
- Page
- – (sequence 16)
- Language
- German
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Seite 2 Nr. 9 Der Israeli! BlLtter 23. April 19N Angelegenheiten in der neu gewonnenen jüdischen Heimat Volljuden zu überlassen, deren Lebensführung kein fortdauerndes Aergernis für die Millionen der jüdischen Volksgemeinschaft bildet. Damit kommen wir zu dem Hauptstück der Kaatz'schen Kritik, dem von „Gott g e o f f enbar t e n S ch u l ch a n A r u df. Herr Dr. Kaatz möchte gar zu gern die Welt glauben machen, die Urheber des agudiftischen Entwurfes seien so blöde, den „Schulchan Aruch", ein im 16. Jahrhundert von Rabbi Josef Caro geschriebenes Werk, als „offenbartes Gotteswort" ausgeben zu wollen und er bemerkt in gut gespielter Toleranz, kein Mensch habe das „Recht, dies e Ueberzeugung anzutaste n." Natürlich — Herr Dr. Kaatz hätte dazu am allerwenigsten Ursache, denn kraft dieser von ihm erfundenen „Ueberzeugung" kann er der Welt so recht das Gruseln vor der mittelalterlichen „Agudas Jisroel" beibringen: sie will jedem jüdischen Mann in Erez Jisroel den „Glauben" an ein blödsinniges Bekenntnis auserlegen und gar die Zugehörigkeit zur jüdischen Volksgemeinschaft von der „Ablegung dieses Bekenntnisses" abhängig machen! In der Tat: etwas „Ungeheuerliches"! Nur schade, daß das Ganze eine freie Erfindung des Kritikers darstellt. Weder legt der Entwurf den Einzelnen irgend einen Glauben, noch das B e - kenntnis zu irgend einem Glauben auf, noch macht er die Zugehörigkeit zur Organisation, geschweige denn zur natürlichen Volksgemeinschaft von irgend einem Bekenntnis abhängig. Der radikalste Freidenker, der gründlichste Gesetzesverächter erfreut sich vollkommener Gewissens- und fast völliger Betatigungsfreiheit, und seine Zugehörigkeit zur Volksgemeinschaft bleibt, solange er will, unangefochten. Will er aber nicht, so kann er sich mit seinen Gesinnungsgenossen zu einer thorafreien Gemeinschaft in voller Gleichberechtigung zusammenfinden. Mit keinem Sterbenswörtchen aber spricht der Entwurf davon, daß der „Schulchan Aruch" offenbart sei; vielmehr ist es lediglich das „Gesetz der Thora" selber, die schriftliche und mündliche Lehre vom Sinai, der — in Uebereinstimmung mit der dreitausendjährigen Tradition des jüdischen Volkes — Offenbarungscharakter beigemessen wird, während es vom Schulchan Aruch — ganz im Einklang mit dem von Dr. Kaatz zitierten Gutachten — heißt, er fei eine „vorbildliche" (d. h. unter anderen Codifikationen besonders hervorragende) „Z u - s a m m e n s a s s u n g" der gesetzlichen Vorschriften für die Zeit der Zerstreuung. Das Wort „vorbildlich", das Herrn Dr. Kaatz doch unmöglich entgangen sein kann, soll ja gerade begründen, warum sich seit Jahrhunderten im jüdischen Volke die Sitte eingebürgert hat, nicht von Rif, Mischne Thora, Tur, Halachot gedoloth oder anderen halachisch vollkommen ebenbürtigen Codifikationen zu sprechen, sondern vom Schulchan Aruch. Das weiß jeder 21 '2 22 — nur Herr Dr. Kaatz hat es nicht gemerkt. Er glaubt die agudiftischen Dunkelmänner darüber belehren zu müssen, daß es Leute gebe, die zwar den „Willen zum I u d e n t u m", aber nicht den „Willen zum Schulchan Aruch" haben. Nun sind wir zwar der Meinung, daß auch der, der persönlich nicht den Willen zum Judentum hat, sondern nur die Integrität der jüdischen Volksgemeinschaft will, dem § 1 des agudiftischen Entwurfes ohne den leisesten Gewissensdruck und ohne jede intellektuelle Unehrlichkeit sich unterwerfen kann — wie aber d i e Leute aussehen, die den „Willen zum I u d e n t u m", aber nicht den Willen zum „Schulchan Aruch" haben, für die Herr Dr. Kaatz so warm eintritt, das vermögen wir uns nicht vorzustellen. Wir haben bisher immer geglaubt, mit Herrn Dr. Kaatz darüber einig zu fein, daß der „Schulchan Aruch", d. h. in dem nun klargestellten Sinn, das überlieferte Religionsgesetz, ein integrierender Bestandteil des „I u d e n t u m s" sei, und daß es ein anderes Judentum wie das m i t dem „Schulchan Aruch", d. h. wie das gefetzestreue, für gesetzestreue Rabbiner nicht gebe. Sollten wir uns darin irren, so erbitten wir eine freundliche Belehrung. Wir widerstehen der Versuchung, die Fülle von sonstigen mit der Wahrheit des Entwurfes im schreiendsten Widrespruch stehenden Behauptungen der Kaatz'schen Kritik zu beleuchten. Nur eines sei noch bemerkt. Herr Dr. Kaatz ist der Meinung, die Verfasser des „W a a d l e u m i"-Entwurfes seien „osfensichtlich mit peinlicher Gewissenhaftigkeit bestrebt gewesen, einen Organisationsplan zu schaffen, der dem gesetzestreuen Judentum völlig g e r e ch t w i r d." Niemand kann Hern Dr. Kaatz verwehren, dieser sonderbaren Meinung zu sein. Aber daß sein Gewissen ihm erlaubte, sie öffentlich zu äußern, da er weiß, oder docb wissen mußte, daß dieser Organisationsplan auch von Oberrabbiner Kuck aufs entschieden st ebekämpft und verworfen, daß er überhaupt von keiner gesetzestreuen Gruppe in Erez Jisroel für annehmbar erachtet wird und deshalb bis heute von der englischen Regierung nicht genehmigt ist, daß sein Gewissen Herrn Dr. Kaatz also erlaubt, der gesamten Orthodoxie Palästinas und fast der gesamten der G 0 l a in den Rücken zu fallen — das ist ein Rätsel, für dessen Lösung es nur den einen bitteren altjüdischen Erfahrungssatz gibt: -.TI1V.2 nS n^^Q ,2822? Was erwarten wir vom deutschen Keren Hathora? Von Rabb. Dr. Ph. Frankel in Halberstadt. Die Gründung des Keren Hatorah auf der .2^122 in Wien ist in erster Reihe wohl mit Rücksicht auf die niirw' im Osten erfolgt. Mit der Zertrümmerung der wirtschaftlichen Basis unserer östlichen Länder durch den Weltkrieg und 'eine Folgen ist den zahlreichen Lehrstätten der Thora jede materielle Basis genommen worden und es mußte auf Mittel und Wege gesonnen werden, diese wieder herzustellen. Nicht weniger als der Osten, bedarf heute auch Deutschland einer Institution, die die Förderung des Thora-Lernens zu ihrer einzigen Aufgabe macht. Es brauchen hier nicht alle Momente und Gründe angeführt zu werden, die im vorigen Jahrhundert beinahe zur völligen minrr rmsE? in geführt haben. Es genügt die Feststellung, daß, bis auf einige wenige Oasen, Deutschland, eine Wüstenei auf dem Gebiete des rmnn rwb gewesen ist. Im Lause der letzten Jahrzehnte haben sich die Zustände einigermaßen gebessert. Es wurden Thora-Lehranstalten begründet, die wieder an die Vergangenheit anknüpfen und die das „Lernen" in früherem Sinne wieder weiteren Kreisen bekannt gemacht haben. Die Folge hiervon war, daß man die Notwendigkeit von.221n.22i“> mehr als bisher erkannte und daß man nunmehr in weiteren ni^np den Versuch macht, wieder T»fn» »wpV mm?“ zu sein. Diese Entwicklung zu fördern wird nun die vornehmste Pflicht des Keren Hatorah in Deutschland sein. Es wird naturgemäß vorerst nicht möglich sein, auf finanziellem Gebiete hierbei Großes zu leisten. Denn die größeren Gemeinden, aus deren Reihen sich die Geldgeber des Keren Hatorah hauptsächlich rekrutieren, sind durch die Erhaltung ihrer Institutionen voll in Anspruch genommen. Es könnte aber wohl gelingen, die finanziellen Lasten für die Ausgestaltung des Lernens auf breiterer Basis zu verteilen. Bei steigender Popularitätt des K. H. wird und könnte es ihm gelingen, einen größeren Kreis für seine Ziele zu interessieren und zum Mittragen der Lasten heranzuziehen. Außer der man?1» bezw. außer der Verbreitung von n"D2 210’^ ist es noch eine andere wichtige Angelegenheit, deren Lösung oder Linderung vom K. H. erwartet wird. Und dies ist, die Unterweisung der schulentlassenen Jugend in den kleineren und der Religionsunterricht überhaupt in lehrerlosen Gemeinden. Bei den traurigen Verhältnissen gerade auf diesem Gebiete ist es eine gewaltige Arbeit, die hier zu leisten wäre. Es handelt sich nicht darum, wirkliche leistungsfähige Gemeinden auf Kosten der Allgemeinheit zu entlasten. Es bleibt noch Arbeit genug übrig in solchen kleinen Orten, die absolut nicht im Stande sind, einen Lehrer zu besolden und in denen die Kinder ohne jede religiöse Belehrung heranwachsen. Die an den K. H. gehegten Erwartungen gehen nun in erster Reihe dahin, daß er alle Anstrengungen und Versuche macht, in den beiden erwähnten Punkten kräftige^Beihilfe zu leisten. Diese Hilfe soll sich nicht aus materielle Unterstützung beschränken. Der K. H. soll vielmehr auch organisatorisch eingreisen und mit Rat zur Seite stehen, wo er geheischt wird. Daß das alles mit viel Takt und Vorsicht geschehen muß, soll bloß gestreift werden. In wie weit diese Erwartungen Erfüllung finden werden, hängt in erster Reihe von der Resonanz ab, die der K. H. in den breiteren Kreisen der deutschen thoratreuen Judenheit finden wird. Denn es geht nicht auf die Dauer, daß die für die Allgemeinheit bestimmten Institutionen getragen und erhalten werden können durch die Munifizenz und Opferwilligkeit Einzelner. Es muh das Verständnis für eine Institution, wie si^ der K. H. darstellen soll, eindringen in die Herzen und Köpfe all derer, die die Fortdauer des bbs °?82L^ nur in der Verbundenheit des jüdischen Volkes mit rnmpn i:mir> sehen. Zu diesem Behufe, um die Anforderungen^ die an ihn gestellt werden, auch nur einigermaßen befriedigen zu können, ruft der K. H. die breite Allgemeinheit zur Mitarbeit auf. Diese Mitarbeit der Allgemeinheit wird aber vornehmlich darin bestehen müssen, die Geldmittel zur Verfügung zu stellen, die zu einer intensiven Tätigkeit des K. H. doch unbedingt erforderlich sind. Wenn man sich auf den Standpunkt stellen wird, wie dies häufig geschieht, daß alle verfügbaren Mittel restlos für die örtlichen Institutionen, Schulen, nmn rc. bleiben muffen, so wird naturgemäß der K. H. nur ein kümmerliches Dasein führen können, so wird er nicht im entferntesten die Aufgaben erfüllen können, die er sich stellen muß. Der K. H. hat heute schon vermöge seiner Bedeutung das Recht dazu, ein gewisses Maß von Großzügigkeit nicht bloß von mrrp, sondern auch von der Allgemeinheit zu fordern. Wenn wir nun Betrachtungen darüber aufstellen, was wir vom K. H. erhoffen, so müssen wir in erster Reihe uns darüber klar sein, daß wir nur so viel erhoffen können, als wir selber dazu beigetragen haben, ihn aktiv zu gestalten. Es hat niemand das Recht, Erwartungen zu hegen, Leistungen zu fordern, sofern er nicht it nö» 'üb Leistungen möglich gewacht hat. Es wird daher Aufgabe der K. H.-Leitung sein, neben seinen positiven Leistungen, die ihm jetzt schon möglich sind, propagandistisch auf der Höhe zu sein, nicht auszuhören, die geeigneten Wege zu suchen, wie sie die Allgemeinheit für das große Werk interessieren und erwärmen kann. Die deutsche Judenheit wird nicht versagen, wenn man sie zur Mitarbeit an einem solchen grandiosen Werk aufruft, sofern man die richtigen Mittel und Wege zu ihrem Herzen suchen wird. Die K. H.-Leitung und das Publikum müssen daher Hand in Hand an dem Gelingen des großen Unternehmens arbeiten. Die Leitung, indem sie durch Leistungen und durch geeignete Propaganda die Allgemeinheit für ihre Ziele zu erwärmen versteht. Diese aber dadurch, daß sie den Ruf des K. H., der an jeden gerichtet ist, der Herz und Sinn kür die Erhaltung von,7",2in hat, nicht nur vernimmt, sondern ihm auch Folge leistet.