Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 66 (1925)
- Issue
- Heft 17 (23.4.1925)
- Date
- 1925-04-23
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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«Hr. 17 Seite 3 23. April 1925 bie Sabbatheiligung gilt, soll, sofern es ö f f e n t - i; ch geschieht, unter Strafandrohung gestellt werden. Das in Wilna erscheinende „Jüdische Wort" knüpft daran einige Bemerkungen an, die wir hier dem Sinne nach wiedergeben: Den Ruhe tag haben alle Völker der Erde. Arbeit und Ruhe sind aber hier Begriffe, die nach sozialen Rücksichten abgegrenzt werden. Unter Ruhe versteht das soziale Leben eine Pause in hem Abhängigkeitsverhältnis des Arbeiters zu seiner Vorgesetzten Stelle oder zu feiner beruflichen Pflichtarbeit, ein vorübergehendes Aufheben des harten „Muß", ein Sychselbstgehören für einen Tag, das der Werktätigkeit im eigensten Interesse keine Grenzen setzt. Daher das Fehlen jeder Heiligkeitsfpur im sozialen Ruhetage. Anders aber steht es mit unserem T h o rasa v b a t, der der Tag ist, an dem „der Weltenschöpfer geruht" hat und der als „Zeichen zwischen Ihm und den Söhnen Israels" dasteht. Heber die soziale Arbeitsruhe hinaus greift er bis zu tiefst und zu innerst in das individuelle Leben des Juden hinein. Es ist „ein Sabbat für den Ewigen, deinen Gott", der das ganze Leben unter höhere Gesichtspunkte stellt und dessen Kriterium im Leben des Einzelnen wie der Gesamtheit nicht allein die Ruhe, sondern darüber hinaus die Heiligkeit ist. Unter diesen höheren Gesichtspunkten haben mir in der offiziellen Sprache jüdischer Aemter und gesetzlicher Bestimmungen nicht von Sabbatruhe, sondern von Sabbat Heiligung zu sprechen. Die Ruhe erfaßt nur zum kleinen Teile den jüdischen Sabbat, die Heiligkeit umfaßt ihn ganz bis in feine letzten Tiefen. Den Sabbat kann man aber nicht teilen und zerstückeln. Er kann sich nur halten als Vollbegriff, in seiner reinen Gestalt, in der kein einziger Zug von den Zügen, die der „Schulchan Aruch" seiner Physiognomie gegeben hat, fehlen darf. Der nationale Sabbat, der nur den sozialen Ruhetag will und in den Gesetzesbestimmungen schäm, ist ein Unding, ist kein „Sabbat für den Herrn", ist kein jüdischer Sabbat. Das jüdische Volk hält und heiligt den Sabbat (oder richtiger: der Sabbat hält und heiligt uns) seit Jahrtausenden in seiner Totalität und spricht von der zweiten Sabbatseele, die der heilige Tag jedem Juden einhaucht und ihn aus dem Jammertal des irdischen Lebens und Leidens heraufzieht. Dem in der offiziellen Verordnung von Tel Awiw festgelegten und behüteten Sabbat fehlt die Sabbatseele, dierrprp Uleines Feuilleton. Wisienschafttich-theistische Gesellschaft in Hamburg. Diese Gesellschaft ist vor ca. einem Jahre von jüdischen und christlichen Gelehrten und Privatleuten zur Ausbreitung und Anerkennung des Gottesgedankens begründet worden. Zu den Gründern ber Gesellschaft gehörten Dr. I. Carlebach, Direktor der Talmud-Thora-Schule in Hamburg, Geh. Rath Dr. E. König. Unioersttätsprofessor in Bonn und Geh. Rath Dr. I. Reinke, Universitätsprofessor in Kiel u. v. A. Die Wissenschastlich-theistische Gesellschaft ließ am ii. März im „Weißen Saal" des Sagebilschen Etablissements von dem rühmlichst bekannten Biologen und Naturforscher. Jesuitenpater E. Wasmann, mien Vortrag über „Die Gotteserkenntnis aus der Statur" halten, der bei den zahlreich erschienenen, aus Juden. Katholiken und Protestanten bestehenden Zuhörerschaft, starken Beifall erntete. Vor dem Bortrage machte der Vorsitzende der Gesellschaft, Herr Hermann Cohn, in einer kurzen Ansprache Daraus aufmerksam, daß der Vortrag des Herrn Pater Wasmann ohne jeden konfessionellen Einlusiag, rein theistisch sein werde, und daß daher bei dem Vortrage folgenden freien Aussprache, alle «onMionellen Fragen ausgeschlossen sein sollten. Die dem Dortragefolgende Aussprache brachte -lue aggressive Diskussion einiger Monisten und Der Israelit Wir wollen aber arbeiten und kämpfen für die Sabbatheiligung, für die, unseres Erachtens, der Boden nirgendwo so günstig ist wie gerade in Erez Jisroel. Die neuhebräische Literatur. (Fortsetzung.) 2. Diese zweite Periode der Haskala kündigt sich schon mit der Monatsschrift „Keren Ehemed" in Galizien, später in Prag, unter der Redaktion von Rappaport an, die im Vergleich zu den Berliner und Königsberger Zeitschriften ein ganz anderes, mehr jüdisches Gesicht zeigt. Im Osten, wohin über Königsberg und Memel sich die Sturzwelle der Berliner Aufklärung ergoß, fand sie ganz anderen Grund und anderes Bett. Im Westen war die Aufklärung eine Tochter der Revolution, Schwester der Emanzipation und daher Mutter der Assimilation. Hochtönende Freiheitslieder wurden ihr in die Wiege gesungen. Hier gab es Allerweltsaufgaben, Menschheitsideale, denen man die jüdischen Ideale und Aufgaben opfern zu müssen glaubte. Im Osten, speziell in Rußland, fand die Aufklärung nur Druck und Not, Haß und Drangsal, eine Tscherta, in der Millionen ohne Licht und Luft vegetierten. Hier gab es keine Menschheitsaufgaben und keine Weltbefreiungsideale, und die Aufklärung, einmal da, mußte ihre eigenen engen jüdischen Bahnen einschlagen. Die kosmopolitische Aufklärung von Berlin wird hier zur jüdischen nationalen Haskala; das der wesentliche Unterschied zwischen Aufklärung und Haskala, wenn auch beide aus gleicher Quelle kommen und letzten Endes auch dis Haskala als Auswirkung des Mendelssohnschen Geistes zu begreifen ist. Von den Männern, die an der Spitze dieser zweiten Haskala-Periode im 19. Jahrhundert stehen, nennen wir Jehuda Leb B e n s e e w, den Verfasser des „Talmud Loschon Iwri" und „Ozar Haschoroschim", dann Nachman Kröchln al, einen hervorragenden Denker von eigener Geistesprägung, als welcher er sich uns in seinem Werke „More newuche Hasman" repräsentiert, neben ihm Salomo Joseph Rappaport, den Verfasser des „Moor Ejnajim"; Werke, die den 'Grundstock zur jüdischen Geschichtsforschung liefern, leider aber sich auch auf Gebiete begeben, die für uns über aller Kritik und Forschung stehen, aus welchem Grunde unser H a l e v i in seinem „Dauraus Horischonim" oft genug Gelegenheit nimmt, sich mit ihnen als Quellen für Grätz scharf auseinanderzusetzen. Kantianer, deren Angriffe aber von Pater Wasmann in geistvoller Weise zurückgeschlagen wurden. R. Scholem Charis •rram-rrfipn 100 Jahre sind es na geworden, daß 'i 3rn rpmi llibw zu Grabe getragen wurde. In einer Zeit, wo jeder zweifelhaften Größe Huldigungen dargebracht werden, ist es wert, unserer ehemaligen D*»p>',nsi trVm zu gedenken, von denen man sagen kann, brr-lv'» nun nnonwi vn xbvbrr. Es wäre daher Pflicht gewesen, um 100. Iahrzeitstag von sr'f tpn mbw '1 seiner zu gedenken. Die jüdische Gemeinde Brickenbach, wo er gewirkt und seine Ruhestätte gefunden hat, beging diesen Tag in feierlicher Weise. Alle Mitglieder versammelten sich in unun-Hause und gingen korporativ zu seinem Grabe, verrichteten dort die üblichen Gebete. Nachher wurde von Herrn Rabbiner Krausz ein isvn gehalten, in welchem feine nbin und fein seltenes mpiL geschildert wurde. Ferner wurde angeeifert, zur neueren Ausgabe des pn nm beizutragen. Dieses scharfsinnige ypp soll mit Erklärungen, nimiBa usw. wieder gedruckt werden, und werden alle Nachkommen ersucht, Ihre Adressen an Herrn Rabbiner Krausz, Baia Mare, Rumänien, einzusenden. I. K. R. L. Josef als Ernährungsdiktator. Im Ersten Morgenblatt der „Frankfurter Zeitung" vom 12. März erschien unter obigem Titel ein hochinteressanter Aufsatz aus der Feder des Herrn Kom- Ein Kind dieses Geistes ist auch Letteris, mehr als korrekter Herausgeber, denn als selbstständiger Dichter geschätzt und Samuel David Luzzatto. der erste eigentliche nationale Schriftsteller von gutem modernem Geschmacks, der sich vornehmlich darin kundgibt, daß er von der Methode der „Melizo" abweicht und statt in Bibelsätzen und Halbsätzen zu schreiben sich mehr an den sachlichen präzisen Stil der Mischna anlehnt. Es folgen Iizchok Ber Löbensohn mit seinen guten Werken „Teudo Bjisroel" und „Beth Zehudo", eine Art Kulturgeschichte des jüdischen Volkes, die Dichter „Odom Hakohen" und dessen genialer Sohn Micha Josef. Chajim Selig Slonims ki, ein Wissenschaftler neuen Typs, schreibt gelehrte Bücher über Mathematik und Astronomie, die in der wissenschaftlichen Welt beachtet und preisgekrönt werden. Kalman Schulman übersetzt Lehrbücher und Romane der Weltliteratur in ein Hebräisch, das sich so liest wie Stellen aus der Bibel. Als Klassiker der hebräischen Romanschriftsteller muß aber Abraham Mappu gelten, der mit seinem biblischen Romane „Ahawas Zion" eine Wirkung bei der Jugend ausgelöst hat, von der wir uns heute in der kultur- und likeraturübersättigten Zeit gar keine Vorstellung machen können. Leider hat Mappu mit seinen späteren Werken, die weniger künstlerisch, dafür aber scharf und spitz gegen die Rabbiner und die alte Schule gerichtet sind, das von ihm selbst gehobene Niveau der hebräischen Literatur wieder stark herabgedrückt. Als lautesten Rufer im Streite sehen wir um die Mitte des 19. Jahrhunderts Perez Smolensk i, dessen vierzigsten Todestag heute das nationale Judentum mit Gedenkfeiern begeht. In seiner Monatsschrift Haschachar errichtete er eine Tribüne für die Neuen und Neuerer, und er selbst hatte mit viel Geist und Elan, aber leider mit wenig Liebe und Verständnis den Kampf, ja den Offensivkampf mit der Waffe der Belletristik (ü”nn ■orn nmnn) geführt. Ein vom Zaune gebrochener Kulturkampf, und der schlimmste im Zeichen und im Namen der' Aufklärung. Von den Dichtern dieser Zeit ragt besonders hervor der feinsinnige Lyriker Jehuda Leb Gordon, der. Dichter dieser Periode, wie Bialik ber Dichter der Gegenwart ist; er unterscheidet sich aber von diesem darin, daß er seine Muse als Waffe gegen das, was Vialik besingt, gegen Cheder und Beshamidrasch benutzt und ab nutzt, was aber ganz im Geiste der Zeit lag. Gordon fehlt auch der nationale Impuls Smolenskins, er ist bewußt assimilatorisch. merzienrats Siegmund F r ä n k e l, München, auf den wir unsere Leser, so weit sie ihn noch nicht gelesen haben, an dieser Stelle aufmerksam machen. Einige Zusätze zu dieser beachtenswerten biblischen und volkswirtschaftlichen Studie, die uns der Autor zusenbet, mögen hier folgen: Die Getreidesilos in Aegypten waren nicht etwa nur in den Hafen- und Handelsplätzen des Landes vorhanden, sondern in den zehn Provinzen Aegyptens dezentralisiert, so daß die Belieferung der Bevölkerung stets an Ort und Stelle erfolgen konnte. Auch ließ Josef als genauer Kenner der Psyche eines durch eine elementare Heimsuchung seelisch stark erregten Volkes gemäß Genesis. Kap. 41, V. 56, diese wohlgefüllten Getreidemagazine täglich mehrere Stunden zum freien Eintritt für die Bevölkerung öffnen, um hierdurch der letzteren die Menge des aufgespeicherten Korns vor Augen zu führen, allen lügenhaften Gerüchten kleinmütiger Pessimisten entgegenzutreten und das Volk zum „Durchhalten" angufeuern. Daß diese Ofseuhaltung der Speicher sehr vorteilhaft von der 3*/> Jahrtausende später getriebenen Geheimniskrämerei über den Stand der Kornvorräte absticht, bedarf, keiner weiteren Darlegung. Auch über die Art und Weise, wie das aufgespeicherte Getreide auf Jahre hinaus in guter Beschaffenheit konserviert wurde, enthält der Midrasch interessante Andeutungen. Von „Höchstpreisen" und anderen törichten Maßnahmen, um die Vorräte vom Markte verschwinden zu machen, enthalten die Bibelkommentare keinerlei Andeutung. In Aegypten selbst war jedenfalls während der sieben Hungersnotjahre ein einheitlicher Verkaufspreis für das von der Regierung aufgestapelte Korn für alle Käufer festgesetzt. Damit zerfallen die in der antisemitischen Literatur vielfach erhobenen Anwürfe, als ob Josef mit dem thesaurierten Getreide „Kornwucher" getrieben habe, von selbst in Nichts zusammen. Es scheint aber, daß im ersten Jahre der Hungersnot die aus dem Auslande einreifenden Händler das in Aegypten vorhandene Ge-