Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 66 (1925)
- Issue
- Heft 48 (26.11.1925)
- Date
- 1925-11-26
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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©Citc 6 9lt. 48 Der ^-»roeitt 26 November 1828 Frage des Vorsitzenden, ob Stanislaw Steiger kommunistische Ansichten geäußert habe oder mit Kommunisten verkehrt habe, verneint der Vater entschieden und sagt: „Was sollte mein Sohn mit Kommunisten zu tun haben?" Die Okszanski-Ak'en in Lemberg eingetroffen. Lemberg, 16. November. Die das Attematsgestänonis des Ukrainers Theophil Olzanfki enthaltenden Akten, die das deutsche Auswärtige Amt dem polnischen Gesandten in Berlin ubergeben hatte, sind bereits im Besitze des Lemberger Gerichts. Die Akten enthalten das Potokoll der Einvernahme Olzanskis durch den deutschen Polizeikommissar Hartmann. Otzanskt hat die deutsche Grenze an dem Punkte Ternowitz-Tmorog am 3. Oktober 1924 6 Uhr abends überschritten. Bei seiner Einvernahme schilderte er ausführlich, wie er am 5. September das Attentat gegen den Präsidenten der polnischen Republik in Lemberg unternommen habe. Den Akten liegt auch das Protokoll einer öffentlichen Gerichtsverhandlung in Beuchen bei, in welcher Olszanski in Gegenwart des Richters Seidlers, des Staatsanwaltes Dr. Jaenike und seines Dolmetschers Swoboda sein Attentatsgeständnis wiederholte und beschlvor. Das Gericht nahm seine Mitteilungen als wahr an und gestattete ihm, als politischer Flüchtling in Deutschland zu verweilen. Nach Ansicht des Gerichtes sind die Akten ganz und gar unvollständig. Es fehlen die Angaben Olzanskis über seinen Aufenthalt und seine Handlungen in der Zeit vom 5. September 1924 bis zum 3. Oktober 1924, ferner über seine Führung in Deutschland seit dem 3. Oktober bis heute. Diese Punkte sind noch aufzuklären. Es verlautet, die deutsche Regierung werde ersucht werden, alle Olszanski betreffenden Dokumente, die in ihrem Besitze sind, auszuhändigen. Lemberg, 22. November. Heute wurde Marian Waruszinski, ein Bruder der Zeugin Viktoria Le d l, ein Bahnmaschinist, vernommen. Er bezeichnete seine Schwester als „alte Plapplerin" und weist nach, daß vieles, was sie vor Gericht oorgetragen habe, handgreifliche Lügen seien. Sie werde im Kreise der Familie nicht ernst genommen. Auch hat sie bisher niemals von ihrer Anwesenheit an der Stelle des 'Attentats gesagt. (Bekanntlich hat die Ledl behauptet, sie hätte sofort ihrem Bruder von ihren Erlebnissen beim Attentat erzählt). Auch er war zugegen, als man Steiger verhaftete. Seine Schwester hat dabei keine Rolle gespielt. Der Borsitzende teilte mit, dem Gericht sei eine Meldung der Wiener Polizeidirektion Zugegangen, laut welcher dort Herr Dr. Israel Waldmann und ein Herr Kond erschienen waren und erklärt hauen, ihnen seien durch ukrainische Persönlichkeiten die näheren Umstände des Attentats bekannt geworden. Diese Umstände werden in dem Akt mitgeteilt. Es werden mehrere Zeugen vernommen, die bei dem Attentat zugegen waren. Sie sagten übereinstimmend aus, daß nach dem Fallen des Pakets eine Verwirrung entstand und daß alle flüchteten. Der Präsident liest sodann die in den Händen der Verteidigung befindlichen Akten vor, so unter anderen die Dokumente, die von der Existenz der ukrainisch-militärischen Organisation und deren Interessiertheit an Attentaten zu erzählen wissen. Die Regierungskrise in Polen. Warschau, 20. November. Es ist erfreulich, daß die Hetzkampagne, die in Lemberg in Verbindung mit dem Steigerprozesse solche Blüten treibt, in Warschau, wo man übrigens den ganzen Prozeß für zusammengebrochen hält — womöglich die Sympathien für Juden vermehrt hat. Der Staatspräsident selbst verhandelt mit den jüdischen Parteien in Sachen der Regierungsbildung und sowohl der Sejmpräsident R a t a j, der jetzt mit der Kabinettsbildung betraut ist, wie der Außenminister Gras S k r z y n s k i, boten dem Jüdischen Club den Sitz eines M i n i st e r s oder Unter st aatssekretärs an. Leon Reich, der, von Amerika zurückgekehrt, die Verhandlungen für den „Jüdischen Club" leitet, hat fürs nächste das Angebot abgelehnt, da die Juden der Politik der Regierung zunächst abwartend gegenüberstehen müssen. Die Parlamen.swahlen in der Tschecho-Slovakei. Bratislava, 22. Nov. Da die selbständige Orthodoxie mit den Zionisten und Assimilanten die Einigungsverhandlungen mangels genügender Garantien in letzter Minute abbrechen mußte, wurde von den Orthodoxen eine gesonderte Lisle unter dem Titel „Jüdische Wirtschaftspartei" eingereicht. Diese stellte sich im Gegensätze zur jüdisch-nationalen, für Polen und Litauen zum Verhängnis gewordenen Minoritätenpolitik auf den Standpunkt der Vertretung der religiösen und wirtschaftlichen Interessen in friedlichem Einvernehmen mit dem Wirtsvolke, — ein Prinzip, das sich auch führende österreichische Zionisten als Lehre aus den entstandenen Niederlagen zu eigen gemacht haben. Die „Jüdische Wirtschastspartei" hatte für die Propaganoa bloß fünf Arbeitstage zur Verfügung und verlegte ihre Haupttätigkeit auf das einzige in Betracht kommende Gebiet. In vielen Bezirken wurden von den Orthodoxen gar keine Kandidaten aufgestellt, weil man bis zur letzten Minute gehofft hatte, eine Zersplitterung vermeiden zu können und schließlich nicht mehr genug Zeit verblieb, um die technischen Vorarbeiten im ganzen Lande durchzuführen. In Karpathorußland entwickelte sich ein heißer Wahlkamps, der vielfach die häßlichsten Formen annahm. Die Zionisten schreckten nicht vor den .niedrigsten Mitteln zurück. Sie verbreiteten in zehntausend Exemplaren die Nachricht, Oberrabbiner Weber hätte die Slowaken an das tschechische Volk verraten und es sei verständlich, daß die Christen darüber äußerst erbittert seien. Es gehe ihnen nicht um den Kopf von Weber, denn dieser würde ihnen nicht wehtun. Sie suchten aber nach einem Mittel, um ihn zu isolieren. Als der Unsdorfer Raw in Munkacs eine Kandidatenrede halten sollte, spielten die Zionisten ihm eine Depesche in die Hand, in welcher er mit einer nicht wiederzugebenden Hiobspost über sein krankes Kind zurückberusen wird. Der mutige Raw betrat trotzdem die Rednertribüne und telegraphische Erkundigungen ergaben eine Bestätigung seiner Vermutung, daß die Depesche ein Falsifikat sei. Die Wiener „Neue Freie Presse" schreibt: „Die Partei muß über wenig überzeugende Mittel verfügen, die bei solchen Mitteln ihre Zuflucht sucht, den Gegner unterzukriegen und das Vatergefühl mit so tückischen Brutalitäten zu ihren Zwecken mißbraucht. Die Scheußlichkeiten eines Haarmann, eines Denke, die Mordtaten der amerikanischen Milliardärssöhne, die gräßlichen Verbrechen, die fast täglich aus allen Teilen der Welt gemeldet werden, find wie der Fall Munkacs die Symptome einer bösen moralischen Krankheit." Die Zionisten benützten aber noch wesentlich gefährlichere Mittel: Auf der Gebirgsstraße nach Svalyava lockerten sie die Radschrauben des Auto des Unsdorfer Raw, und es ist nur einer glücklichen Fügung zu verdanken, daß dieser, als das Rad niedergrng, nicht in den 100 Meter tiefen Abgrund stürzte. Anbohrung von Pneumatiks und Benzinbehältern waren an der Tagesordnung. In Velka Beresna wude die Wohnung des 70jährigen Ortsrabbmers gestürmt, bis Gendarmerie mit aufgepflanzten Bajonetten Ordnung schuf. Trotz dieses abscheulichen Terrors gelang es der jü-- dischen Wirtschaftspartei, zirka 12 000 Stimmen für sich zu gewinnen. Mandate erlangten beide Parteien nicht. Doch sieht die Orthodoxie der tschechoslowakischen Republik nach diesem ersten selbständigen Auftreten unter den besten Auspizien den nächsten Wahlen entgegen. Die Zionisten verbreiten eine Nachricht, daß ein zionistischer Wahlagitator von Anhängern der „Jüdischen Wirtschaftspartei" erschlagen worden sei. Amtliche Erhebungen ergaben die vollkommene Unrichtigkeit dieser Meldung. Demgegenüber wurde festgestellt, daß der Sekretär der Partei des Oberrabbiners Horowitz-Unsdorf — Naftali Ehrlich — von 5 Zionisten meuchlings überfallen und schwer verletzt worden ist. Er lag 35 Stunden bewußtlos zwischen Tod und Leben schwebend. Die fünf Attentäter wurden verhaftet und dem zuständigen Gerichte eingeliefert. Mufalanb. Wettere jüdische Familien auf dem Lande. Moskau, 15. November. In Moskau fand dieser Tage eine gemeinsame Konferenz -er Regierungskommission für jüdische Landansiedlung (Comzet) und der Unparteiischen Gesellschaft für jüdische Kolonisation (ruzet) statt. Auf dieser Konferenz wurde der Arbeitsplan für das Jahr 1926 festgelegt und beschlossen, Vorbereitungen für die Ansiedlung von weiteren 10 400 jüdischen Familien auf dem Lande im Jahre 1926 zu treffen. Auch der finanzielle Plan wurde ausgearbeitet, laut welchem für das gesamte Ansiedlungswerk im Jahre 1926 etwa neun Millionen Rubel notwendig feien. Im Jahre 1926 sollen etwa 5000 jüdische Familien im Distrikt Saalsk und etwa 5400 jüdische Familien in den Distrikten Cherson, Odessa, Marjupol, Melitipol, Michailow und Scholochow angesiedelt werden. Die Sowjetregierung hat verfügt, daß Maßnahmen getroffen werden, die auch den ärmsten jüdischen Familien eine Ansiedlung auf dem Lande ermöglichen. Nach den allgemeinen Vorschriften müssen die neuen Siedler über ein Mindest-Eigenvermögen von 300 und 400 Rubeln verfügen. Dieses Vermögen muß in das Siedlungswerk investiert werden. Nunmehr wurde verfügt, daß auch ärmere Juden, die über ein Eigenvermögen von nur 150 Rubeln verfügen, unter den bestehenden Bedingungen angesiedell werden sollen. Ganz arme Juden sind von jeder eigenen Beitragsleistung befreit; sie erhalten Boden und Inventar gleich den anderen Siedlern. Allen Siedlern ist die Wahl freigestellt, sich auf ihrem Boden individuell anzusiedeln oder Kollektiv-Siedlungen zu bilden. Die Frage einer französ sch-rng!ischen Zusammenarbeit bei der Verwaltung des Mandats. Paris, 15. November. Der neue französische Oberkommissar für Syrien, Senator Henri de Jouvenel, wurde von dem britischen Kolonienminister Amery und dem Außenminister Austen Ehamberlain eingeladen, vor Antritt seines neuen Amtes nach London zu kommen, um mit den englischen Ministern dis Frage einer engeren Zusammenarbeit zwischen den Mandatsoerwaltungen in Palästina und Syrien zu erörtern. Schon der Vorgänger General Saerrails im Oberkommissariat Syriens, General Weyand, hat vor einem Jahre Verhandlungen mit dem damaligen Oberkommissar für Palästina, Sir Herbert Samuel, angeknüpft, die sich auf eine Zusammenarbeit zwischen den Regierungen Palästinas und Syriens bezogen. Diesem Gedanken gab General Weygand öffentlich Ausdruck in seiner Ansprache auf dem von Sir Herbert Samuel im November 1924 ihm zu Ehren im Jerusalemer Regierungshause gegebensn Bankett. Wsygand. sagte, Frankreich wünsche nichts sehnlicher als ein freundschaftliches Zusammenarbeiten in den Mandatsangelegenheiten. In feiner Erwiderung sprach Sir Herbert Samuel von der Pflicht beider Mandatsverwaltungen, sich über eine unparteiische Verwaltung zu verständigen. (I. T. A.) Eine jüdische Bewegung gegen die verstärkte Missionstätigkeit in Frankreich. Paris, 15. November. In Anbetracht der verstärkten Tätigkeit der katholischen Missionäre unter den Juden in Frankreich hielr der Verein „Schema Iisroel" eine Beratung ab, in der Gegenmaßregeln beschlossen wurden. Der Hauptredner des Abends war der Oberrabbiner von Frankreich, Israel L e o i, der einen Appell an die Judenschyft Frankreichs richtete, sich gegen die Missionspropaganda zu wappnen und die Augen offen zu halten. Der Oberrabbiner führte aus: Wir wollen uns mit denjenigen Juden nicht beschäftigen, die aus persönlichem Vorteil die Taufe nehmen. Es schneidet uns aber ins Herz, wenn wir sehen, wie unerfahrene Menschen sich überreden lassen, die Taufe zu nehmen, indem sie im Judentum keine Befriedigung ihrer geistigen Nöte sehen. Diesen Seelen müssen wir beibringen, daß das Judentum eine hohe Lehre sei, gegründet aus Recht, Pflicht und Liebe. £n$lattd. Der Präsident des Jewish Board of Deputies gestorben. London, 15. November. Der Präsident des Jewish Board of Deputies (Deputiertenrat der englischen Juden), Mr. H. S. Q. Henri q u e s, ist am letzten Donnerstag im Alter von