Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 66 (1925)
- Issue
- Heft 48 (26.11.1925)
- Date
- 1925-11-26
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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26. November 1925 Nr. 48 G?>ene 5 organisiert sind, veranstaltete am Sonntag, den 15. November, im Plenarsaal des ehemaligen Herrenhauses eine Kundgebung gegen die Beschimpfungen deutscher Studenten jüdischen Glaubens an den deutschen Universitäten. Als erster Redner sprach Dr. B e r l a k über die Stellung des jüdischen Studenten an den deutschen Hochschulen. Es mache sich dort eine Hetze gegen alle jüdischen Studenten bemerkbar. Im Jahre 1919 auf dem "Würzburger.'Deutschen Studententag traten schließlich die Juden aus dem Deutschen Hochschulring aus und gründeten jüdische Korporationen. Diese haben aber einen äußerst harten Kampf zu bestehen. Der nächste Redner, Dr. Weil, sagte, die jüdischen Studenten an den deutschen Hochschulen hätten die doppelte Aufgabe, als Juden und als Deutsche, dem Rechts- und Menschlichkeitsgedanken gleichermaßen zum Erfolge zu verhelfen. Den Schluß der Kundgebung bildete eine Ansprache Dr. Holländers. Die Ablehnung der Positionen der Synagogengemeinden im Plenum des P eußischen Landtags. Berlin, 20. November. Der Preußische Landtag hat in seiner Sitzung vom 13. November bei der zweiten Beratung des Haus- Halts des Ministeriums für Wissenschaft, Kunst und Volksbildung die für die Synagogengemeinden vom Hauptausschuß beantragten Bewilligungen abgelehnt. Dazu schreibt man aus Kreisen des Preußischen Gemeindeverbandes (Dr. Freund): . Das negative Ergebnis der zweiten Abstimmung hat keineswegs die Bedeutung, Haß etwa die Mehrheit des Landtags sich endgültig gegen die Bewilligung der in den Etat eingestellten Positionen für die preußisch-jüdischen Synagogengemeinden festgelegt hat. Ursache des negativen Ausfalls der zweiten Abstimmung ist viel eher die Tatsache, daß der mit den Stimmen von fünf Parteien (Sozialdemokraten, Zentrum, Deutsche Volkspartei, Demokraten, Wirtschaftspartei) im Hauptausfchuh angenommene Antrag, für Zwecke der geistlichen Versorgung leistuNgsunsähiger Synagogengemeinden 610 000 Mark in den Etat einzustellen — ein Antrag, für den sich auch der Kultusminister Dr. Becker im Prinzip aussprach — später als Folge mancherlei Bestrebungen und auf ausdrücklichen ^Wunsch ver Regierungsvertreter, insbesondere auch des Finanzministers Höpker-Schoff selbst, vom Unterausschuß insofern abgeändert wurde, als die Position verkleinert und in zwei Teile geteilt tooröen ist: 200 000 Mark für Rabbinerposition und 250 000 für die Unterrichtsposition. Obwohl der Hauptaüsfchuß dem Beschlüsse des Unterausschusses nachträglich beigetreten war, fanden sich im Plenum nicht mehr alle Parteien bereit, für die also abgeänderte Position zu stimmen. Nur Zentrum, Demokraten und Wirtschaftspartei stimmten für den Antrag. Die Entscheidung hängt nunmehr von der dritten Lesung des Etats ab, deren Beginn für den 9. Dezember in Aussicht genommen ist. Veeitelter P^n der Sprengung der Leipziger Synagoge. Leipzig, 17. November. Die Leipziger Polizei veröffentlicht eine Mitteilung, aus der hervorgeht, daß Mitglieder rechtsradikaler Organisationen vor einiger Zeit in vertraulichen Besprechungen verabredet hatten, die Leipziger Synagoge in die Luft zu sprengen. Die Tat, die am Reichskrieger-Tag zur Ausführung gelangen sollte, wurde, um bessere Vorbereitungen treffen zu können, auf einen späteren Zeitpunkt verschoben. Bisher wurden zwei Personen festgenommen. Die Untersuchung ist noch nicht abgeschlossen. Wie die „Leipziger Neuesten Nachrichten" hierzu erfahren, ist es den Bemühungen einiger vernünftiger Leute, die an den Besprechungen teilnahmen, zu danken, daß der Zeitpunkt des geplanten Verbrechens hinausgeschoben worden ist, sonst wäre am Reichskriegertag die Tat verwirklicht worden. Zum Glück hat die Polizei rechtzeitig von diesem Vorhaben Kenntnis erhalten und konntg die Hauptbeteiligten, einen 22jährigen. Goldschmied und chnen 26jährigen Diplomlandwirt sestnehmen. Lediglich dem Umstand, daß noch die Auslandspässe zur Flucht fehlten, ist es zuzüschreiben, daß die Tat nicht zur Ausführung gekommen ist. Der Israelit (Bitte Mitteilung der bulgarischen Gesandtschaft in Berlin. Berlin, 17. November. Vom Pressebüro der bulgarischen Gesandtschaft in Berlin wird der Jüdischen Telegraphen-Agentur mitgeteilt, daß die in der Welt verbreiteten Nachrichten über die angebliche Tätigkeit makedonischer Komitadschis auf griechischem Gebiet und über angeblichen antijüdischen Terror in Bulgarien nichts weiter sind als ein Manöver von griechischer Seite, das bezweckt, die Aufmerksamkeit von den Taten griechischer Truppest auf bulgarischem Boden abzulenken. In der Mitteilung heißt es dann weiter: „Da das Gespenst der Komitadschi-Banden schließlich zu banal wurde, um noch glaubwürdig zu erscheinen, wird jetzt der Versuch gemacht, die öffentliche Meinung durch Zeitungsmeldungen über augenblickliche antisemitische Bewegungen und Ausschreitungen in Bulgarien, die. teilweise auch Einlaß in die deutsche Presse gesunden haben, irrezusühren. Das Pressebüro ist verpflichtet, diesen verleumderischen Behauptungen mit aller Entschiedenheit entgegenzutreten. Niemals hat in Bulgarien eine antisemitische Bewegung bestanden, und dies Nicht nur» weil eine solche Bewegung niemals von der Regierung geduldet würde, sondern auch, weil jede antisemitische Einstellung und jede Xenophobie der bulgarischen Volksseele fremd ist." Oesterreich. Wien und Budapest. Wien, 20. November. Die Vudapester Israelitische Kultusgemeinde begeht das Jubiläum ihres 125jährigen Bestehens und die Wiener Repräsentanten-Versammlung hat auf Antrag Stricker beschlossen, die an sie von Budapest ergangene Einladung zur Teilnahme a b z u l e h n^ n. Begründung: Die Vudapester jüdische Gemeindevertretung habe unjüdisch gehandelt mit ihrem Protest gegen die Völkerbundaktion für die Aufhebung des Numerus clausus in Ungarn. Man sollte meinen, es sei das ureigene Recht der ungarischen Juden, von außen gereichte politische Hilfe anzunehmen oder abzulehnen. Stricker scheint nach dem bekannten Grundsatz zu handeln: „Und willst Du nicht mein Bruder sein, so schlag ich Dir den Schädel ein. . . ." Ungarn. Numerus clausus in Ungarn. B u d a p e st, 15. November. In der letzten Sitzung des ungarischen Parlaments griff der Abgeordnete Ruffert die Regierung sehr heftig wegen ihres Festhaltens an dem Numerus clausus an. Er begrüßte die Intervention des Völkerbundes in dieser Frage; diese Intervention werde dazu beitragen, Ungarn von der Numerus claufus-Schande zu befreien. Der Abgeordnete sprach sein Erstaunen darüber aus, daß sich die ungarischen Juden gegen eine Intervention des Völkerbundes wehren. Es kam zu einer scharfen Kontroverse zwischen Ruffert und den Rasseschützlern. London, 15. November. Mit Bezug aus die Meldung über eine Verwahrung der ungarischen Judenheit gegen jede ausländische Intervention in der Frage des Numerus clausus wird der Jüdischen Telegraphen-Agentur seitens des Joint Foreign Commitee mitgeteilt, daß die Intervention des Joint Foreign Commitee sich nicht direkt und ausschließlich aus den ungarischen Numerus clausus bezogen habe. Es wurde vor allem auf die internationalen Auswirkungen des Numerus claufus-Gesetzes Bezug genommen. Der Umstand, daß in einem Lande der Numerus clausus Gesetz werden könnte, könne nicht ohne Wirkung auf andere Länder bleiben. Im übrigen muß man ja zugeben, daß die 3000 bis 4000 jungen Leute, die infolge des Numerus clausus in anderen Ländern studieren müssen, von diesen Ländern unterstützt werden müssen. Das ungarische Gesetz belaste also die Judenheit anderer Lander. Dies wurde in der Petition des Joint Foreign Commitee an den Völkerbund vom 1. Januar 1925 klar ausgedrückt. In dieser Petition wurde ausdrücklich festgestellt, daß das Joint Foreign Commitee keinerlei Mandat von der ungarischen Judenheit erhalten habe, sondern daß es sich bei seiner Intervention von allgemein jüdischen Interessen leiten lasse. Es wurde dem Völkerbund ausdrücklich mitgeteilt, daß die ungarischen Juden selbst sich gegen eine ausländische Intervention wehren. Es kann also keine Rede von einer „Einmischung" seitens des Joint Foreign Commitees in die inneren ungarischen Angelegenheiten sein. 125 jähriges Iubiläum der Pester jüdischen Gemeinde. Budapest, 16. November. Die Pester Israelitische Religionsgemeinde begeht am 21. November die 125. Jahreswende ihrer Gründung mit einem Jubelfest, das zugleich die Gedächtnisfeier der vor drei Jahrzehnten vollzogenen Rezeption der israelitischen Konfession in Ungarn sein wird. Das Rezeptionsgesetz vom Jahre 1895 gilt als ein Grundgesetz des ungarischen Judentums und ergänzt das im Jahre 1867 geschaffene Gesetz über die Emanzipation der ungarischen Juden. Es sprach die gesetzliche Gleichberechtigung der israelitischen Religion aus, während das Emanzipationsgesetz 28 Jahre vorher die bürgerliche Gleichberechtigung der ungarländischen Juden verfügt hatte. Pslen. Auftreten neuer Entlastungszeugen im Prored Seiger. Lemberg, 15. November. In der Gerichtssitzung vom 14. November wurden einige Zeugen vernommen, die entlastend für Steiger aussagten. Der Zeuge Finanzrat N a w r a t i l sagte aus, er habe genau beobachtet, wie die Bombe aus einem Fenster des zweiten Stockwerkes eines anliegenden Hauses und nicht aus der Mitte, der Zuschauermenge geworfen worden war. Hernach wurde Frau H a r n y s z, Gattin des Generalstabsobersten Harnysz, vernommen. Sie sagte aus, sie habe gesehen, wie die Bombe vom obersten Stockwerk des Hauses, in dem sich das Cafe de la Paix befindet, geschleudert wurde. Auf Befragen des Vorsitzenden, warum sie sich nicht in der Voruntersuchung gemeldet habe, erwiderte die Zeugin, sie wollte persönlich nichts mit der Sache zu tun haben. Aber später — so erzählte sie unter Tränen — sei ihr Steiger im Traum erschienen, habe geweint und gebeten, 1>ah sie vor Gericht erscheine und für die Wahrheit zeuge. Sie formte seither ihr Gewissen nicht mehr beruhigen und mußte vor Gericht das erzählen, was sie mit ihren eigenen Augen gesehen habe. Die Aussagen der Zeugin machten tiefen Eindruck auf das Auditorium. Die Zeugin erzählte, feit sie sich bei Gericht angemeldet habe, bekomme sie täglich Drohbriefe von Antisemiten, die ihr für den Fall der Entlastung Steigers durch ihre Aussage Räche ankündigten. Der nächste Zeuge, Oberst Harnysz bestätigte die Aussagen seiner Gattin und erklärte, auch er habe mit eigenen Augen gesehen, daß die Bombe aus einem Fenster des Hauses des Cafe de la Paix flog. Auch Oberst Harnysz erzählt, daß ihm aus seinen Aussagen große Unannehmlichkeiten erwachsen, er erhalte täglich Drohbriefe. — Von großer Bedeutung war die Aussage der Zeugin O r I i ck a, die erklärt, sie sei während des Bombenwurfs am Tatort gewesen, habe genau den Bombenwerfer beobachtet und könne beschwören, daß es nicht Steiger war. Sie kenne Steiger sehr gut, wohne in der Nachbarschaft seiner Eltern; wäre der Täter Steiger gewesen, sie hätte ihn gewiß erkannt. Die Zeugin schilderte ausführlich das, Ausicycn des Bombenwersers, der nach der Tat mit zwei v eren Männern die Flucht ergriff. Das Verhör mit der Orlicka dauerte mehr als vier Stunden. Der Vorsitzende veranlaßte, daß das Vorleben der Orlicka untersucht werde, um die Glaubwürdigkeit dieser Zeugin festzustellen. Einen tiefen Eindruck hinterließ die Vernehmung des Vaters des angeklagten Stanislaw Steiger, des 57jährigen Glasermeisters Chaskel Steiger. Der Zeuge bittet, ihm vorläufig den Eid zu erlassen, da ein gesetzestreuer Jude, noch dazu am Sabbat, nicht schwören möchte. Der Staatsanwalt besteht auf der Beeidigung, worauf der Vorsitzende dem Zeugen den Eid abnimmt. Chaskel Steiger sagte: Stanislaw war stets ein gutes Kind, ein frommer Jüngling mit jüdischem Herzen, mit Achtung vor den Eltern, Achtung vor der Tradition. weiß es, daß mein Sohn unschuldig ist; ich gebe mein Leven dafür. Nicht nur ich bin von seiner Unschuld überzeugt, alle, die ihn kennen, sind es. Fremde Menscyen, Juden wie Christen, yaben mir gesagt: Herr Steiger, wir könnten mit unserem Leben dafür bürgen, daß Ihr Sohn unschuldig ist. Mein Sohn hat sich nie politisch betätigt, er hat immer nur für uns gelebt. Die im