Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 66 (1925)
- Issue
- Heft 15-16 (8.4.1925)
- Date
- 1925-04-08
- Page
- – (sequence 31)
- Language
- German
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8.' April 1925 Es mehren sich auch hier die Zeichen, datz auch hier die Judenheit von der Renaissanceidee des Judentums ergriffen wird, und man mit erneuten Kräften sich bemüht, den Kampf gegen Indifferentismus und Assimilation aufzunehmen. Von diesem Geistewar die Tagung getragen und mir wollen gerne hoffen, daß die auf ihr gegebenen Anregungen aus guten Boden fallen mögen, wozu die berechtigtsten Hoffnungen, bestehen. Die Tagung fand in dem Versammlungssaal des Restaurants Cats, Amsterdam, welcher schon verschiedenemale als Versammlungslokal der A. I. gedient hat, statt. Den Vorsitz führte der Oberrabdiner Hirsch, Zwolle, der bekannte und bewährte Vorkämpfer der Idee der A. I. in Niederland. In seiner Eröffnungsrede begrüßte der Vorsitzende die Anwesenden, im besonderen die Oberrabbiner Onderwyzer und Vredenburg. Er gedachte ferner mit warmen Worten des ersten Vorkämpfers der. Idee der A. I. in Niederland, Herrn Michel Abrahams den Haag, der seine Bemühungen bereits im Jahre 1917 als . Mtglied des provisorischen Komitees zur Stiftung der niederländischen Agudoh unternommen hat. Später kamen hierzu auch die Ortsgruppen Amsterdam und Groningen und in letzter Zeit, nach der Kenessio gedaulo in Wien, die Gruppen Rotterdam und den Haag. Ferner gedachte der Vorsitzende des verstorbenen Oberrabbiners van Loen der bereits seit Jahren Mitglied der Agudoh und treuer Anhänger der Bewegung war. Unter jubelndem Beifall der Versammlung teilte Oberrabbiner Hirsch mit, datz statutengemätz eine Neuwahl des rabbinischen Landesrates der Nied. Agudoh stattgefunden hat mit dem Resultat, datz die bisherigen Mitglieder, n. l. Oberrab- - biner Onderwyzer, Rabb. Saarlouis und der Vorsitzende wieder gewählt sind. Zum Schluß teilte der Vorsitzende mit, datz von der Zentrale in Wien ein Schreiben eingegangen ist, aus dem das „Hoofdbestuur" (Landesorganisation) schließt, daß die Statuten von der Wiener Zentrale gutgeheitzen werden. 8 Das Statut tritt somit am heutigen Tag in I Kraft. Daraufhin erstattete der Schriftführer des „Hoofdbestuurs", Herr Rechtsanwalt S. Stein, den Jahresbericht und skizzierte in meisterhafter Weise in knappen Sätzen das bisherige Werk der Weltagudoh, die Schritte die gegen das palästinensische Gemeindegesctz zur Berücksichtigung der Wünsche der orthodoxen Bevölkerung in Palästina unternommen sind, ferner die Bemühungen der Agudoh wegen der Kalenderresorm sowie das Kolonisationswerk in Palästina, das Schulwesen daselbst, Unterstützung der Ieschiwos und anderer Erziehungsanstalten im Osten. Aus den ferneren Mitteilungen über das Werk der Agudoh in Holland seien noch die Propagandareden des Herrn Dr. Ehrmann, Frankfurt a. M. in Amsterdam im Frühjahr 1924 und des Herrn Rabb. Dr. Lewenstein, Zürich im Haag und Rotterdam, in Chanukohzeit 1924, welch letztere zur Errichtung der Haager, zu großen Hoffnungen berechtigenden Ortsgruppe führte, erwälnt. Ebenso sei noch der Besuch des Herrn Regierungsrat Kreppe! erwähnt, der unter Beihilfe der holländischen Agudoh erfolgreich eine Sammlung für den Keren Hatauroh unternahm. Nach dem weiter erfolgten Jahresbericht des Schatzmeisters, dessen ausgewiesenes Defizit teilweise bereits in der Versammlung gedeckt wurde, erfolgte statutengemätz die Neuwahl des Hoofdbestuurs. Die bisherigen Mitglieder desselben wurden per Akklamation wiedergewählt und für zwei ausscheidende Mitglieder, die eine Wiederwahl abgelehnt hatten, wurden die Herren N. van Leeuwen und B. I. Abrahamson, den Haag, Vorstandsmitglieder der Ortsgruppe, den Haag, gewählt. Zum Vorsitzenden wurde einstimmig wieder der " Oberrabbiner Hirsch gewählt, der nach anfänglich geäußerten ernstlichen Der Israeli _Blätter_ Bedenken erst unter allgemeinem Druck der Versammlung sich bereit erklärte, den Vorsitz wieder zu übernehmen und war es erhebend, mit welcher Einmütigkeit die Versammlung in ihren geliebten Führer drang, diese schwere Bürde des Amtes wieder zu tragen. Alsdann begann die Behandlung der eingelaufenen Anträge. Auf Vorschlag des Hoofdbestuurs wurde eine Propagandakommission für ganz Holland gebildet, deren Mitglieder sich aus Personen der verschiedensten Provinzen zusammensetzen. Ein Antrag der Ortsgruppe Rotterdam, eine Broschüre über die Idee der A. I. in holländischer Sprache herauszugeben, wurde angenommen. Ein aus dem Schatze der Haager Gruppe gestellter Antrag, auf breiter Basis Schritte zur Förderung der Schabbosidee, besonders unter der Jugend, zu unternehmen, löste eine lebhafte Debatte aus, da vom Vorstandslisch darauf hingewiesen wurde, datz hierfür bereits eine über Holland verbreitete Organisation für Sjemieras Sjabbos bestehe und es nicht im Rahmen der Landesorganisation liege, neben dieser Gesellschaft eine separate Aktion zu unternehmen. Man einigte sich schließlich darin, daß es wünschenswert sei, daß jede Gruppe in ihrem örtlichen Ressort sich dieser Aufgabe widmet und daß das Hoofdbestuur die Frage einer größeren Aktion im Anschluß an die hierfür bestehende Organisation prüfe. Des weiteren wurde ein Antrag zur Absendung eines Telegramms an die „Zweite Kammer" beschlossen, worin unter Hinweis auf die Erschwerungen, die sich für die gesetzestreuen Juden bezüglich Schabbos und Jaumtauw bei Einführung der Sommerzeit ergeben würden, die Zweite Kammer ersucht wird, den Antrag der Regierung zur Abschaffung der Sommerzeit zu unterstützen. Hierauf wurde die Versammlung um 6 Uhr 15 Min. unterbrochen und es erfolgte ein gemeinsames Diner im Speisesaal des Restaurants Cats, bei dem den Delegierten Gelegenheit gegeben war, sich gegenseitig näher kennen zu lernen. Zwischen den Gängen hatten wir das Vergnügen, eine Ansprache des Herrn Oberrabbiner Hirsch mit Divrei Tauroh zu hören. Ferner eine humorvolle Rede des Herrn A. van Pels, Rotterdam. Um 8 Uhr abends wurde die Versammlung, diesmal durch den Rabb. Saarlouis, wieder eröffnet. Alsdann verlas Herr Dr. G. Italic, den Haag, einen weiteren Vorschlag der Haager Gruppe, der sich mit der Erziehungsfrage befaßt und worin verlangt wird, datz die Agudoh in Holland sich dafür einsetzen möge, datz in Orten, wo genügende Beteiligung vorhanden ist, Schritte zur Gründung von jüdischen Realschulen (Hoogere Burgerscholen) natürlich unter genügender Berücksichtigung des jüdischen Unterrichts unternommen werden,- datz ferner eine Aktion zur Abhaltung von gemeinsamen Nachhilfestunden für Schüler, die die öffentlichen Schulen am Schabbos nicht besuchen und drittens, Schritte bei den Autoritäten, bei Aufstellung des Stundenplans auf den Schabbos Rücksicht zu nehmen, bezw. die am Schabbos die Schule nicht besuchenden Kinder bei Feststellung des Stundenplans zu berücksichtigen, unternommen werden. Herr N. van Leeuwen, den Haag, regte an, datz die Agudoh in Holland eine eigene Zeitschrift unterhalten möge. Herr Rabb. de Lange, Amsterdam, wünschte, daß die Agudoh eine Bittschrift an die Negierung zwecks Verabreichung von rituellen Speisen an Häftlinge in den Gefängnissen richten möchte. Auf Vorschlag des Hoofdbestuurs wurden all die Anträge an das Hoofdbestuur zur weiteren Behandlung überwiesen. (Schluß folgt.) > Nr. 8 Seite 3 Zur Geschichte der Balfour-Deklaration. Von Rabbi Dr. Leo Dung in New Jork. (Schluß.) Das Informationsministerium und die Vernichtung der Aguda. Damals trat der Zionismus mit der englischen Regierung offiziell in Verbindung und als das Informationsministerium gegründet wurde, wurde die Zionistische Organisation dessen jüdischer Beirat. Dieses Ministerium war, wie ein grober Parlamentarier es bezeichnete, die vollkommenste Spionageorganisation, die je erdacht wurde. Und die jüdischen Mitglieder erwiesen sich sehr tätig. Die Ergebnisse blieben nicht aus. Innerhalb kurzer Zeit hatte man die Aguda in England unmöglich gemacht. In der letzten Woche vor dem Krieg hatten die Londoner Juden den Agudadelegierten einen sehr begeisterten Empfang bereitet. Als-Deutschland während der absoluten Regierung' der Gelben Presse sich in den „fleischgewordenen Teufel" verwandelte, war es nur natürlich, datz man ein Ding in England tötete, sobald man es als „deu sch" bezeichnete. Die agudistische Organisation war die gemeinsame Schöpfung der Gaonim Osteuropas und der westeuropäischen Orthodoxie. Ihre erste große „Kenessio" (Versammlung) sollte im August 1914 stattfinden. Plötzlich begannen seltsame Gerüchte vom Informationsministerium auszugehen. Die Aguda wurde nun deutsch gesinnt befunden, und zwar nicht allein ihre zentraleuropäischen Führer, sondern sogar der Rabbiner von Brisk, der Rabbi von Gur, der Chofez ChaZm, der Gaon von Minsk, Rabbiner CH. O. Grodzenski, und, alle großen Führer überhaupt wurden plötzlich als Werkzeuge ihrer Kaiserlichen Majestät entdeckt. Der Londoner „Jewish Chronicle" und ein Heer gleichgesinnter Zeitungen tanzten nach dieser Pfeife, und es klang wie das Totenglöckchen der Aguda in den alliierten Ländern. . Ich erinnere mich, wie eine führende jüdische Persönlichkeit zu meinem Vater sagte: „Rabbi, ich stimme der Aguda vollkommen zu, aber sie ist öffentlich als deutsch-gesinnt bekannt und in dieser Zeit eines Bottomberg *) und anderer, die behaupten: „Kratzt einen Juden ab, und ihr werdet einen Deutschen finden", kann ich nicht dulden, datz mein. Name in diesem Zusammenhänge genannt wird." Diese Ansicht wurde mir von einer ganzen Anzahl führender englischer Juden selbst nach dem Kriege wiederholt. Ich weiß, datz es einer Anzahl Agudisten nicht gestattet war, 1919 an einer Londoner Massenversammlung teilzunehmen, weil sie, Rabbiner und weltliche Führer der Aguda, von den Zionisten auf die schwarze Liste gesetzt worden waren. Diese Tatsachen geben Aufschluß über zwei Fragen: Warum die Aguda keine Fortschritte in England und in den Vereinigten Staaten gemacht hat, und warum ein solcher Pessimismus Hins chtlich der Möglichkeit eines fair play des Zionismus gegen die Aguda herrscht. Einer der besten jüngeren Agudisten, der etwas spät die Wahrheit erfuhr, hatte 1918 die Aguda als deutsch-gesinnt angegriffen. Er war durch einen Schweizer Agenten des zionistischen Büros in London irregeleitet worden. Dieses „Brandmal", das während der fieberhaften Heuchelei der Kriegszeit Erfolg hatte, haftet unserer Organisation noch an. Erst vor wenigen Monaten wurde einem Aguda-Führer fälschlich die Behauptung in den Mund gelegt, die „Aguda sei als pro-deutsch gegen Palästina, weil dieses eine Kolonie der Alliierten ist." Der ,. Frankfurt "-Wahn. Die Anstrengung, die Aguda zu. „frankfurtisieren" entspringt denselben Ursachen. Einige der jiddischen Schriftsteller leiden offenbar hinsichtlich Frankfurts an einem pathologischen Wahn. Das Judentum jener Stadt, der Ge- *) Ein skrupelloser Volksverhetzer M. P., der jetzt wegen geschäftliche? Betrügereien» im Gefängnis ist.