Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 66 (1925)
- Issue
- Heft 15-16 (8.4.1925)
- Date
- 1925-04-08
- Page
- – (sequence 32)
- Language
- German
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Seite 4 Nr. 8 8. April 1928 Der Israelit Blätter burtsstätte der jüdischen Renaissance im 19. Jahrhundert, hat auf allen Gebieten jüdischer Bestrebungen wertvolle Arbeit geleistet. Seit den Tagen des unsterblichen S. R. Hirsch hat es starte Kräfte und reiche Mittel zur Förderung jüdischer Wohlfahrt aus der ganzen Erde gespendet. Es ist möglich, daß jene Schriftsteller an irgend eine unangenehme Erfahrung denken, die sie in Frankfurt gemacht haben, die ihre Gemütsruhe stört, aber sie gehen in ihren Anstrengungen zu beweisen, daß die Aguda eine Frankfurter Angelegenheit ist, weit über die elementarsten Grundsätze der Wahrhaftigkeit hinaus. Als ob die Rabbiner, die unser Volk im östlichen Europa führen, so wenig Stärke hätten, sich vor Frankfurt a. M. zu beugen! Wahr ist an der Sache, daß, während die deutschen Juden tatkräftiger und systematischer sind und in mancherlei Hinsicht dem Typ des Jdealjuden entsprechen, sie gerne zugeben, daß auf der anderen Seite die Ostjuden, speziell in jüngster wahrhafter Agudaarbeit, ihnen geholfen haben, Kavanah aufzunehmen, ihre Liebe zum Lernen geweckt und gestärkt, und grade dem Lernen eine beachtenswerte Jntsnsität verliehen haben. Und Rabbiner Ehaim Ozer, der Wilnaer Rabbiner, gesteht gerne, daß seine Gemeinde und seine Anhänger System und Ordnung, umfassende und individuelle Zusammenarbeit von den deutschen Juden gelernt haben. Aber in der Aguda üben die deutschen Juden in keiner Weise einen überwiegenden Einfluß aus. Bei der Kenesiio war es eher die polnische Delegation, welche als Vertreterin der breitesten Schicht der Aguda ihre Macht fühlen ließ, und es war der Rat der groben litauischen Rabbiner, von denen einer augenblicklich dieses Land bereist, dem die Kenesiio lauschte. Bei der Kenesiio waren etwa drei Männer, die den Misrachi anklagten, Dr. S. Breuer war nicht nur keiner von ihnen, sondern seine Rede war eine der am stärksten versöhnlich gestimmten des Kongresses. Der Schreiber dieses Artikels riet in seiner ersten Rede bei der Eröffnungssitzung dieser historischen Versammlung, daß die Kenessio sich eine Pflicht daraus machen soll, auch o»pimn mpa zu sein, und er fand dieses Gefühl von fast allen Führern jenes Kongresses öffentlich und privat ausgedrückt. Einer der hilfreichsten Schritte, die in dieser Richtung unternommen wurden, und wohl die stärkste Offenbarung des vorhandenen guten Willens war die Konferenz mit den amerikanischen Vertretern der Agudath Ha-Nabbonim, bei der gegensei.ige Versprechungen gegeben wurden, sich zu bemühen, dah agudistische und misrachistische Zeitungen keine persönlichen Beschuldigungen mehr aufnehmen sollten. Ein anderer war die Ausrüstung einer Sonderdelegation, welche nach Erez Jisroel ging, um zwischen Rabbiner Sonnenfeld und Rabbiner Kook Frieden zu stiften. Wie weltbekannt ist, weigerte sich Rabbiner Kook, ihr Angebot, die Entscheidung zu treffen, anzunehmen. Aber die Bemühung des Oberrabbiners Dr. M. Jung von der „Federation of Synagogues" war nicht die einzige» die die Aguda um des Friedens willen unternahm. Ich hatte die Ehre, für Agudadeputationen zu sprechen und wiederholte Besuche beim Eoloniel Office zu machen, indem ich, gemäß der zionistischen Auffassung als „Verräter", bei der britischen Regierung anregte. der Aguda Gelegenheit zu geben, gemeinsam mit den Zionisten am Aufbau Palästinas zu arbeiten. Die von unserer Seite gestellten Bedingungen waren stets die gleichen. Wir hätten niemals in die individuelle Freiheit eingegriffen, aber anstatt offizieller zionistischer Schulen, die unverschleiertes Apikorsuth lehren, hätten wir Schulen gegründet, die im Glauben unserer Väter unterweisen und die Ordnung umkehrend, hätten wir die radikalen Sonderschulen privaten Unternehmern überlassen. Hätten die Zionisten weniger unter der Aufgeblasenheit ihrer imperialistischen Würde gelitten, so hätten sie unsere wiederholten Anträge angenommen, die Einheit in Jisroel würde wieder hergestellt worden sein und Herr Bublik hätte die schrecklichen Zustände des jüdischen Schulwesens in Palästina nicht zu beklagen gehabt. Weil wir Slgubijten auf der grundlegenden Notwendigkeit beharrten, unsere Kinder lieber im Jüdischen zu unterrichten, als sie die Nichtigkeiten des Herrn Mossinsohn zu lehren, weil Aguda nicht dulden wollte, daß das Erbe Israels von jüdischen Händen zerstört wird, wurden wir extrem, ultra-orthodox, mittelalterlich und mit einer Menge anderer hochklingender Bezeichnungen gescholten. Wae am bedauerlichsten ist: Unglücklicherweise gestattete sich der Misrachi oft, sich durch diesen poli ischen Ingoismus in den Chor derer, die die Aguda verdammten, hineinziehen zu lassen. Der Misrachi ist es, der für die Tatsache verantwortlich ist, daß Menschen außerhalb seines eigenen Lagers, die glauben, daß jüdisches Geineinschafts- und Einzelleben jüdisch sein muß, daß Agudisten, weil sie darauf bestehen, daß die jüdische Gemeinde als solche keine Schulen gründen und unterstützen darf, in denen die göttliche Tauroh als geistloses Buch alter Volkskunde behandelt wird. Fanatiker, Anmaßende, Vermessene, Frankfurter Typen eines anomalen Judentums genannt werden. Weiß denn Misrachi nicht, daß es nicht „nur" Frankfurt ist. sondern daß es die Rabbiner und weltlichen Führer von Wilna und Slobodka, von Lublin und Riga, von Minsk und Radin, unsere hervorragendsten Köpfe, die anerkannten geistigen Führer der Millionen europäischer Juden sind, die so verleumdet und angegriffen werden? Alle diese großen Männer haben sich unzweideutig zum Banner der Aguda bekannt. Ich gestehe, daß ich von diesem entsetzlichen Mangel an Verantwortungsgefühl verwirrt bin. Es ist kein Wunder, daß all dies auf das Judentum und auf den Zionismus zurückwirkt und daß Herr Bublik zugibt, daß die zionistische Organisation, während sie ein äußerlicher Erfolg ist, innerlich einen Fehlschlag bedeutet. Es ist kein Wunder, daß (ein seltsames Beispiel historischer Eerechligkeil) der Misrachismus, während es ihm gelungen ist, den Weg der Aguda in den Vereinigten Staaten außerordentlich schwierig zu gestalten, selbst ausgesprochene Mißerfolge in Amerika hatte, und die Zielscheibe öffentlicher Zensur und privater Anklagen ist. Was verhindert harmonisches Zusammenwirken? Alle Fehler, die der Aguda zugeschrieben werden, werden sichtlich verschwinden, sobald der öffentliche Verleumdungsfeldzug „von oben" zum Stillstand gebracht sei nwird. Die Aguda ist nicht verhaßt, weil Agudisten oder Agudismus es an etwas fehlen lassen, sondern weil jeder Zionist (unter dem Einfluß einer sehr übelgesinnten Presse) es als seine Pflicht betrachtet, die Aguda zu hassen, darum werden dieser Weltorganisation des orthodoxen Judentums ständig j Jrrtümer zugeschrieben. Beugt sich Aguda nicht der Führerschaft unserer größten Gaonim? Besitzt Aguda nicht die wertvollsten, entsprechendsten, wirksamsten Kräfte des gesetzestreuen Judentums? Schafft Agudo nicht auf wunderbare, selbstlose Weise in der ganzen Welt? Ist dieser Hatz nicht ein künstlich gezüchteter? Im Streit fallen zweifellos von beiden Seiten harte Worte. Aber würde nicht faktisch der Zionismus wunderbare Stärke durch die Mitarbeit der Aguda empfangen? Was fordert Aguda? Sie besteht nicht darauf, daß Herr Sokolow koscher ißt. Sie verlangt nicht, daß Dr. Weizmann Tefillin legt. Sie hat kein Interesse an der Schabboszigarre des einen und an der Fasttags Mahlzeit des andern Führers. Das sind private Handlungen, für die sie sich vor Gott und nicht vor der Aguda zu verantworten haben. Die Aguda bietet ihre volle Mitarbeit unter der Bedingung an. daß der religiöse Charakter der jüdischen Nation gehütet wird, und daß im öffentlichen, im Gemeinschaftsleben, nichts geschieht, was das Gesetz beleidigt. Das heißt natürlich, daß die jüdischen Schulen wahre Iüdischkeit nach der modernsten Methode und als Glauben und Leben unseres Volkes lehren sollen, damit es ein gemeinsames, beständiges, unermüdliches Mühen sei um ein jüdisches Gemeinschaftsleben. Wir hoffen, daß der Einzelne von diesem Leben beeinflußt wird, aber wir denken nicht im Traum daran, ihn durch einen öffentlichen Zwang von seinen Sünden abzubringen. Wir würden ihn zu überzeugen suchen, wir würden das Gemüt seines Kindes mit dem Glauben Jisroels vertraut machen, aber wir würden weder von einem Beichtvater, noch von Inquisition, noch von irgend einem äußeren Prunk Gebrauch machen. Aus der Bewegung. Leinzig. Die große Bedeutung der ersten Erez-Jisroel Konferenz der Aguda Jisroel war der Anlaß, unseren hiesigen Gesinnungsgenossen und Freunden, einen möglichst eingehenden Bericht über die eben zu Ende gegangene'Tagung zu geben. Herr Rabbiner Lau aus Suczawa (Rumänien), bekannt als eifriger Förderer und reger Kämpfer für unsere Ideen, hatte diese Aufgabe gelegenmch feiner Durchreise in die Heimat, auf direkten Wunsch der Leipziger Palästina-Kommission, übernommen und es meisterhaft verstanden, sein großes Auditorium für mehrere Stunden im Banne seiner interessanten Gedankengänge zu halten. Von der fesselnden Schilderung der östlichen Wirtschaftsverhältnisse, den Folgen des religiösen Verfalles, ging er über zur Frage, warum der Osten früher der praktischen Arbeit für Erez Jisroel so wenig Raum gab, und wie heute hier eine deutliche Wandlung festzustellen wäre. Trotz des immer vorhandenen Dranges war Erez Jisroel eine zu heilige Angelegenheit, die man zu profanieren fürchtete, wenn man öffentlich draüber diskutierte. Heute hat die politische Entwicklung zu anderer Einstellung geführt, und mit dem Hoffen auf die Erlösung uns gleichzeitig zum Tun verpflichtet. Wenn jetzt die Agudas Jisroel im Begriff ist, sich für den Aufbau Palästinas einzusetzen, so tut sie es im vollen Bewußtsein der hohen' Verantwortung erst nach hinreichender Vorbereitung und von dem Gedanken geleitet, daß ©np nuis für das ©Tip oy nur minn v"y einen Gewinn bedeute. Ihr Einverständnis mit den Ausführungen des Redners zeigte die begeisterte Zuhörerschaft nicht nur durch reichlich und herzlich gespendeten Beifall, eine über Erwarten große Zahl beteiligte sich noch am gleichen Abend am Kauf kleiner Bodenstücke, um an der prrn n-iru teilzuhaben. Die in den darauffolgenden Tagen vom hochverehrten Suczawer '"2 21 eingeleitete Sammlung für len Keren Hajischuw erbrachte eine bedeutende Summe ür diesen Zweck. Breslau. Amva© n"v fand die General-Versammlung der hiesigen Ortsgruppe statt. Herr Rabb. Dr. Cohn erstattete den Geschäftsbericht, aus dem besonders hervorzuheben ist: Der Vorstand hat versucht, durch Fühlungnahme mit d->k*v> in der Provinz den Aguda-Ge° danken dahin zu verbreiten. Bei jeder Vorstandssitzung ist ein Vertreter der Jugendgruppe anwesend und ebenso umgekehrt. Die Jugendgruppe arbeitet fleißig und erfolgreich. Herr Czollak hat innerhalb der Ortsgruppe das Kommissariat für ^rrv©' ps -Angelegenheiten übernommen. Es wurde beschlossen, daß die Ortsgruppe einen Wirtschaftskomplex in -rrn©' prr erwirbt; ferner, daß gegebenenfalls die Mittel aufgebracht werden, um einen chulentlassenen -nm ein Jahr eine m'©' besuchen zu lassen. Dem Ortsgruppenvorstand ist es zu verdanken, daß die Ritualbeamten der hiesigen Synagogengemeittde eine höhere Eingruppierung erreichten. Die Gründung des ©nan ira dessen Eröffnung inr Begriffe steht, ist von der Ortsgurppe ausgegangen. — Größere öffentliche Propaganda-Vorträge scheiterten, weil geeignete auswärtige Redner trotz dringendsten Ersuchens nicht zu haben waren. — In der anschließenden Aussprache wurde Stellung genommen zum jnwn pp und zur bevorstehenden Wahl zum preuß. Landesverband jüd. Gemeinden. Bei der Vorstandswahl wurden wiederaewählt die Herren Emil Breslauer (Vorsitzender), Rabb. Dr. Cohn, Herbert Czollak, Dr. Freyhan, W. Gluskinos, Iwan Möller, H. Sichel, K. Wreschner; neugewählt: Israel Zelm.ann. — Zum Schluß wurde noch ein Frauenkomitee gebildet zur Sammlung für die zerstörten nwip» in Rußland. Dreslay. Am va©2 i©y n©nn hielt Rabbiner Elje L a - p i a n, der Leiter der Kelmer mr©' in unserer Ortsgruppe einen Vortrag über „Gegenwartsaufgaben des jüdischen Volkes", worin der Redner auf die Notwendigkeit und Verpflichtung hinwies, trotz der materiell schweren Zeiten die n ochvielschwerer betroffenen Glaubensgenossen in anderen Ländern und ganz besonders diejenigen, die sich dem rnmn iini> widmen, über das Können hinaus zu unterstützen. Krakau. Am Donnerstag, den 9. Adar, fand hier eine grandiose Sium-Feier auf Masechat Joma statt in den Sälen der Beis Jakob-Schule, an welcher viele Hunderte Baalej Batim und Bachurim, welche den Das Hajomi gelernt haben, teilnahmen. Herr Rabbiner Jude Levin, der Leiter des größten der vielen Daf-Hajomi-Schiurim im Bes Hamidrasch Bnei Emuna hielt eine tiefsinnige Halacha und Agada Deroscke, worauf eine herrliche Seuda stattfand, welche bis Mitternacht dauerte.