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Der Israelit · 1925-04-08 · Heft 15-16 (8.4.1925) · page 18

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Journal
Der Israelit
Volume
66 (1925)
Issue
Heft 15-16 (8.4.1925)
Date
1925-04-08
Page
– (sequence 18)
Language
German
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Setze 18 Nr. 15/16 Der Israelit d. April 1925 Urgroßväter und Urenkel. Aus dem Jüdischen nach An^-sKi. Ich blieb über Pessach in Wiatka und erlebte einen schönen Sederabend in der Familie des Gerson Falk. Was er mir in den Zwischenakten erzählte, war eine eigene Hagada, voller Wunder und Zeichen und Heldentaten, eine Hagada von Leid, Kraft und Erlösung. Rabbine. Dr. Arthur Cohn in Basel Gerson Falk hatte die Neunzig überschruten, war aber im Vollbesitz seiner ganzen körperlichen und geistigen Kraft, seines scharfen Gedächtnisses und seiner regen Sinne. Ein Mann von kräftiger Statur mit strengen Äugen, gebogener Nase und energischen Zügen, mit laut klingender Stimme war Gerson Falk. Seine Sprache war mehr russisch denn jüdisch und alles otf ihm war laut, sicher und dröhnend. Wiatka liegt im innersten Rußland, wo sonst käutüein Judezu sehen ist.. Gerson Falk war in allem großund in-, Fülle schweigend -- DreiUndzwanzig Kinder hatte er in seinem- Löben gezeugtzt, an hundert Enkel zählte er-und ein.Dutzend Urenkel sah zu ihm hinauf. Er besaß jetzt, acht große ragende Häuser und zwei große Fabriken. Sein Vermögen wurde auf eine halbe Million geschätzt. In Art und Sprache, jo sogar in Aussehen, Haltung und Kleidung zeigte Falk den echten Slaven. Und dennoch hübe ich selten einen Mann gesehen, der mehr durch und durch I u d e war wie Gerson Falk. Und nun seine Hagada. Seine Wiege stand in einem kleinen Städtchen Litauens in der Nähe von Sklow. Ein blasser, ausgemergelter Chederjunge,, lernte er mit neun Jahren bereits schwere Talmudpartien und die gegebene Laufbahn schien auch ihm vorgezeichnet: Rabbi oder darbender '-Kinderlehrer. Aber der Himmel wollte es anders, und Gerson wurde früh ins rauschende, brausende Leben hineingestoßen. Das kam durch N i k o l a j I., den großen Kaiser Russen. Der große Zar hatte es auf ihn abgesehen. Gewissenlose jüdische Häscher ohne Einsehen und Erbarmen rissen ihn mit vielen anderen Jungen sozusagen aus dem Mutterschoße. Da half alles Weinen, Flehen und Schreien der Eltern nicht. Wie ein zur Schlachtbank geführtes Kalb wurde das aus dem Schlafe gerissene Kind gebunden und in den Wagen gworfen. Mitten im Ringen und Schreien rief ihm der Vater in den Wagen: „Schwöre Gerson bei.Gott, daß Du Jude bleibst!" Und er rief mit einer Stimme, die das ganz Gewirre übertönte: „Ich schwöre, Vater!" In der nächsten Kreisstadt, wohin er verbracht wurde, traf Gerson mit vielen jungen Leidensgenossen zusammen. In einer großen Kaserne, wo es nach Kraut, Moder und Juchtenleder roch, wurden ihnen die jüdischen Kleider vom Leibe gerissen, die Haarschläfchen abgeschnitten, dann wurden sie in Soldatenmäntel gesteckt, die ihnen über die Füße hinunterhingen. Aeltere Soldaten wurden den Jungen als Erzieher beigegeben, die sich dieser Aufgabe so entledigten, daß sie von der ersten Minute an die Kinder erbarmungslos schlugen. Lange Monate hindurch zerrte man die Knaben zu Wagen oder zu Fuß von Stadt zu Stadt, an unzähligen Dörfern vorbei, durch endlose Felder, Wälder und Steppen bis sie inTula anlangten. Dort wurden sie ins Dampfbad geführt und gründlich gesäubert.' An diesem Tage bekamen sie zum ersten Male keine Schläge. Man sagte ihnen etwas freundlicher, es werde ihnen heute die hohe Ehre werden, einem großen General vorgeführt zu.werden. Nachmittags kam der große Augenblick. Im Hofe eines grüßen Palastes standen die jüdischen Jungen in viel zu weiten Soldatenkleidern zuterno in Reih und Glied und warteten auf den Gewaltigen. Da erschien auch der General, ein alter, strammer Herr in glänzender Uniform, mit vielen Ordenszeichen auf der Brust, und sprach: „Kinder! Bis jetzt hatte ein jeder von Euch Vater und Mutter. Run habt ihr euch die Erinnerung an Haus und Eltern gänzlich aus dem Kopfe zu schlagen. Ein neuer Vater breitet schützend seine Hand über euch, es ist der große Zar Nikolaj Pawlowitsch!" Dann wurde den Kindern befohlen „Hurra" zu schreien. Unter den Knaben befand sich einer, der ein wenigrussisch verstand. Äwrohmel nannte man ihn. Er übersetzte die Worte des Generals auf Jüdisch) und die Zungen stimmten in ein Hurra ein, zu Ehren des neuen, schützenden Vaters. ... Dann erzählte noch der General, daß dieser Mächtige, neue Vater gnädig und gütig sei gegen alle,- die ihm.gehorchen. Metze. aber denen; die ^seinem Gebote - Mwiderhandlm Da erschien plötzlich ein Pope in weißem Ornat mit einem mächtigen Silberkreuz in der Hand auf der Bildfläche: Er bekruzte die. Kinder von der Ferne, dann trat er dicht an sie heran und reichte ihnen das Kreuz zum Kusse hin. Aber keines von den Kindern tat den Mund auf. Wie von einer Schlange gebissen, schauderten sie zurück. Dann brach sich lautes Schluchzen durch. Einer fiel zu Boden und schrie laut „Schma Jisroel!" ... Marrasfe ben Israel Erstgeborenes Tier auf dem v"nn fpn zu Muiderberg aller es kein Erbarmen. Also hätten die Jungens aus den strengen Befehl des Zaren ihren „bisherigen falschen Glauben zu verlassen und sich zur rechtmäßigen Religion der Russen" zu bekehren. Lviederum sollten sie Hurra schreien. Dieses Male übertrug Äwrohmel die Worte den Generals würgend, mit vor Tränen erstickter Stimme, und das Hurra klang matt und gebrochen wie ein Klageruf. Die Augen des Generals funkelten blutunterlaufen. Er zitterte vor Wut, tramplte mit den Füßen und schrie die Soldaten, die die Jungen führten an:, „Ich werde es euch zeigen, wie man Judenbrut erzieht. Spießruten lasse ich euch laufen! . . Die Jungen wurden weder in die Kaserne geführt und dort von denSoldasen wütend und lohne Erbarmen mißhandelt. Nachts aber, da sich die Kinder im Schlauframe allein, wußten^, saßen sie errg zusammengekauert, wie die verängstigzten Schäfchen, trösteten sich gegenseitig und wiederholten sich unter Handschlag feierlich den Schwur, nicht. r»om jüdischen ©lauert zu lassen, und komme was wolle. An den folgenden Tagen bekämen die Kinder zur Strafe nichts, zu essen. Am dritten Tag wurden sie wieder in ein schönes Gemach des Palastes geführt, wo auf einer großen Tafel duftende Speisen und die herrlichsten Leckereien aufgestapelt waren. Stundenlang standen die halb verhungerten Kinder in einiger Entfernung vom Tische und mußten die lachenden Speisen, die Berge von Kuchen md Zuckergebäck anstaunen. Dann trat ein höherer Offizier ins Zimmer und redete die Kinder in jüdischer Sprache an. Er erzählte ihnen, daß er ebenfalls von jüdischer Abstammung sei und sich sehr lange geweigert hätte, die Taufe anzunehmen. Da er aber schließlich keinen anderen Ausweg fand, trat er in die russische Kirche und er führe jetzt ein überaus glückliches Leben. Mit milden Worten suchte er die Kinder zu überreden, es ihm gleich zu tun. Gott würde sie dafür nicht strafen, da sie es gezwungen auf Befehl des Zaren täten. Er schloß seine Worte: „Wer nun verspricht, die christliche Religion anzunehmen, trete hier an den Tisch und labe sich an Speise und Tränksoviel sein Herz gelüstet."

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