Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 66 (1925)
- Issue
- Heft 15-16 (8.4.1925)
- Date
- 1925-04-08
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 Nr. 35/16 D e r I s r a e t. 8. Tlpril 1925 „berichtigen" zu können, daß die in der Wahlversammlung angegriffenen Vorsteher ihre Kinder inzwischen wohl zur gegeben haben. — In liberalen Blättern ist noch Wahlnachfeier. Eines derselben ist unglücklich über das Koscheressen der liberalen Rabbiner. Ern anderes Litfaßsäulsn-Dokument ist von Universttätsgrößen, Exgenerälen und anderen Vorsintflutler unterzeichnet und will den fremdnamigen Korruptionsfirmen und -ämter den Garaus machen; die deutschnamigen Schwergewinnler sind diskret verschwiegen. Im klebrigen haben mit Ausnahme der Unentwegten alle Parteien ihr judenseindliches Gesicht verhüllt, da es nämlich jeder auf jede Stimme änkommt. Doch liegt immer genug Schmutz in den feuchten Straßen. . . . Rach Milderung der Wohnungsnot beginnt wieder der allgemeine Zug nach dem Westen und Südwesten. Davon zeugten die Platzvermietungszahlen der Synagogen, deutlicher die Entvölkerung der sämtlichen Bethäuser der älteren Stadtteile. Doch ist die Dezentralisation hier wohl kaum aufzuhalten. In diesem Zusammenhang muß die Tatsache erwähnt werden, daß auch die Charlottenburger Chass i d i m jetzt durch Umbau der ehemaligen „Katzensteinschen" Synagoge Kantstraße ein schönes Bethamidrafch mit zugehöriger Talmud Thora eingerichtet haben. In demselben hielten in den ersten Januartagen Herr Rabbiner Dr. H. Klein von der Adaß-Jisroel und Herr D. Trietsch belehrende Vorträge über die in Berlin gut florierende Palästina-ltznwandeungshilfe des Mittelstandes, die „Nachlath Goral". Daß diese Gründung, die vom Genossenschaftsgedanken ausgeht, hier wirklich einen beachtlichen Anhängerkreis haben muß, geht aus einer im Kreise der Repräsentanz gefallenen Aeußerung hervor, laut welcher die „Nachlath Goral" schon zu den Dingen zählt, die das Interesse leider vom Gemeindewohl ablenken. In allen Kreisen Berlins ist eine starke, wenn auch nicht so stark wie in Polen, betonte Neigung zum Verwirklichen der Palästinasehnsucht vorhanden; die „Prominenten" tun es vor, und die Masse folgt. Im Anwachsen ist auch des popularphilofophifchen Neutestamt-Schwärmers Konstantin Brunner , rührige Nachbeter-Gemeinde, die sich aus westlichen Kaus- , leuten und Prioatdozenten rekrutiert. Die Brunner-Literatur gedeiht; über ihn wird aber sicher mehr geschrieben und gefaselt als von ihm selber, und dem objektiven Leser .feiner Schriften entgeht bei aller weltenfernen Verschiedenheit seines Standpunktes nicht, daß ihm eine heimliche Verehrung für den Geist und Glauben seiner Ahnen verblieben ist. — Gegen die Mischehen, deren Zahl im Ganzen wenig verändert, deren Hauptteil aber neuestens in proletarischen Schichten eingegangen sein soll, will jetzt die jüdische Gemeinde aus sozialem Wege energisch einischreten. j Die soziale Lage der Judenheit Berlins weist prozentual mehr Hilfsbedürftigkeit als die der übrigen Bevölkerung auf. Das Wohlfahrtsamt der Jüdischen Gemeinde und das Hilfswerk der Agudas Iisroel arbeiten der allgemeinen Notlage aufs rührigste entgegen.. Die seit der Affäre Bartels erschwerten Einreisebedingungen haben hier in manchen dadurch betroffenen polnisch-jüdischen Familien schmerzliche Trennung und Not verursacht. Auch die Lage der mittleren jüdischen Geschäftswelt bessert sich -nur langsam. Hildesheimer, gestellt worden. Dieses Ziel ln hhhem Maße zu erreichen, ist ihm in mehr als 50jähriger Tätigkeit auch geglückt. Die Namen seiner Lehrer, der Prof. Hoffmann und Berliner, Barth und Dr. Hirsch Hildesheimer, in deren Fußtapfen auch wir, die Schüler und Fortsetzer ihrer Arbeit, zu wandeln uns bemühen, sind in der ganzen Welt rühmlich bekannt. Diese vortrefflichen Männer, leuchtende Sonnen am Firmament jüoischen und allgemeinen Wissens, haben es verstanden, zu erweisen, daß sich Thora und allgemeines Wissen keineswegs zu bekämpfen brauchen, daß vielmehr Thora und Derech Erez Hand in Hand gehen können. Durch ihre Lebensführung und ihre Beleuchtung, durch ihr Forschen und ihre Werke haben sie der Wissenschaft in allen Kreisen unseres Volkes Bürgerrecht zu verschaffen gewußt, wobei ihnen die überlieferte Lehre Wegweiser gewesen ist. Darum weitet sich uns das Herz, aber bangt zugleich bei der Gründung dieses ersten wissenschaftlichen Institutes auf Zion. Ihre hohe Aufgabe, die der hebräischen Universität in vielfach erweitertem Umsange obliegt, und alle Hoffnungen, die an sie geknüpft werden, wipen wir zu schätzen. Sie zu erfüllen aber wird sie nur dann befähigt sein, wenn sie zugleich eine unerschütterliche Burg für alles, was uns heiug und wertvoll, und für alle die kulturellen Güter, die die Großen unseres Volkes uns in allen Generationen übermittelt haben, ist und bleibt. Dann wrd sie zu einer Duelle des Segens werden und unserem Volke zum Ruhme gereichen! Aus vollem Herzen wünschen wir, daß dieses grandiose Haus, das nunmehr auf der'Höhe des Zionberges erstanden ist, diese erste hebräische Universität, wachse und sich entfalte, eine jüdisch-menschlicye Aufgabe im Geiste des Heiligen, der auf Zion thront, erfülle, auf daß sie zu einem Mittelpunkte des Wissens und der Wissenschaft werde in Uebereinstimmung mit dem Geiste der Thora, der Seele unseres Volkes und seiner Lebenshalterin. Möge die Universität über alle, die in ihre Tore einziehen, und über alle Weltbewohner wahre Kultur, nach der Sehnsucht unseres Propheten, verbreiten, damit die Erde von Weisheit und Erkenntnis voll werde, und der Geist Israels in seiner Reinheit und Größe erstrahle, zum Wohle unseres Volkes, zu seinem Ruhme und seinem Gedeihen in Gegenwart und Zukunft." Namens des Rabbner Seminars zu Berlin. Die Dozenten: Dr. Josef Wohlgemuth. Dr. Samuel G r ü n b e r g. Dr. M. A u e r b a ch. (Siehe „Wochenrundschau".) Das Berliner Räh-inerseminar und die Jerusalemer Universität. B e r l i n, 30. März. : Das Berliner Rabbiner-Seminar hat auf die Einladung zur Eröffnungsfeier der Hebräischen Universität in Jerusalem folgendes Schreiben in hebräischer Sprache nach Jerusalem gerichtet: „Mit bestem Danke bestätigen wir den Empfang Ihrer Einladung zur Eröffnungsfeier der Hebräischen Universität. Da wir verhindert sind, einen Vertreter zu ihr zu entsenden, wünschen wir. Ihnen schriftlich unsere Gefühle und Wünsche zu diesem historischen Ereignis, auf das die Augen von Juden und Nichtjuden gerichtet sind, auszusprechen. Die große und erhabene Absicht, eine Vereinigung von allgemeiner Wissenschaft und Thora herbeizuführen, — Wunsch und Hoffnung der Hebräischen Universität — war, wie bekannt, auch die Aufgabe, die unserem Rabbinerseminar von seinem Begründer, Rabbiner Dr. Israel Aus der Reprasentantenverfammlung. Berlin, 1. April. Der Vorstand der Berliner Jüdischen Gemeinde hatte in einer von fünf Vorstandsmitgliedern besuchten Sitzung mit 3 gegen 2 Stimmen a b g e l e h n t, die hebräische Universität in Jerusalem zu begrüßen. Für die Begrüßung war interessanter Weise nicht nur der Vertreter der jüdischen Volkspartei, bei dem es selbstverständlich ist, sondern auch der Konservative Galewski. Die Repräsentantenversammlung hat dagegen einstimmig beschlossen, ein Begrüßungstelegramm nach Jerusalem zu schicken und der Bibliothek Mk. 10 000 zu bewilligen. Ist den Rat der preußischen Landesversammlung delegiert, die Gemeinde 6 Liberale, 2 Volksparteiler, 1 Konservatives und Dr. Jsmar Freund. Die Volkspartei fühlte sich u einen Vertreter geschädigt und verließ zum Zeichen bej Protestes den Sitzungssaal. 'sämtlichen Massen vor. Obwohl infölge der wirtschaftlichen Verhältnisse der Vorjahre der. Zugang zu den Präparandien ein derart schwacher war, daß voll dort ein Uebertritt in die unterste Seminärklässe nicht-erfolgen, kann, liegen für den 1. Seminarkurs bereits zahlreiche Anmeldungen vor. Es handelt sich um junge Leute, die rnit Erfolg 6 Klassen eines Gymnasiums oder einer Realschule besucht haben. Ebenso liegen Aufnahmegesuche in den obersten Seminarkurs von Abiturienten 9 klassisgen Mittelschulen, teilweise auch von solchen mit schon begonnenem Hochschulstudium vor. Die wirtschaftlichen Verhältnisse haben sich eben völlig umgestaltet und der Beruf des jüdischen Lehrers ist heute aussichtsreich geworden. Insbesondere in Bayern ist dank dem Wirken des Verbandes israelitischer Gemeinden die materielle Lage des jüdischen Lehrers eine gesicherte geworden und" die volle Eingruppierung in die Klage 7—9 der Reichsbesoldungsordnung ausgesprochen. Mit gutem Gewissen kann also heute die Wahl des jüdischen Lehrerberufesempfohlen werden. Anfangsgehälter von 200—250 Mark^ Endgehälter von 400—500 Mark sind doch wohl rechtbeachtenswert. Die Gemeindeverbände der anderen deutschen Staaten werden nicht umhin können, dem Vorbild Bayerns zu folgen. Obwohl das Lehrerseminar Würzburg auch vom jüdischen Religionslehrer grundsätzlich die volle Bildung de-s Volksschullehrers fordert (und dies auch für den Talmud- Thoralehrer als Ideal erachtet) ist im Seminar auch die Ausbildung von pädagogisch und profan qualifizierten Religionslehrern ahne staatliche Volksfchullehrerbefähigung vorgesehen. Die volle pädagogische und im wesentlichen die Profanbildung haben auch diese Religionslehrerkandidaten zu absolvieren, nur die Ablegung der stattlichen Volksschullehrerprüfung, zu welcher sie manchmal lediglich wegen des Fehlens formaler Voraussetzungen nicht zugelassen werden können, soll ihnerr freigestellt werden. Dafür wird aber als Kompensation ein um so höheres Maß an jüdischer Ausbildung gefordert. Das Seminar beabsichtigt hierdurch Lehrkräfte für die vielen in den Großstädten Deutschlands vorhandenen Talmudlehranstalten bereit zu stellen, die ein über den bisherigen Rahmen der öffentlichen Schulen hinausgehendes Maß jüdischen Wissens, vermitteln. Das Seminar hoffk damit einem vorhandenen Notstand abzühelfen. ©eftcmidj. Die Wiener Orthodorie gegen die hebräische Universität. 'Wien, 31. März. Der Nestor der orthodoxen- Vertreterschaft in der Wiener Kultusgemeinde, Wolf Pappenheim, hat namensseiner Kollegen eine Erklärung abgegeben, die darin gipfelt, daß die Orthodoxie nie eine sich jüdisch nennende- Universität unterstützen wird, die eine Hochburg des- Atheismus zu werden verspricht. Die Existenzberechtigung der Judünschaft bildet die Befolgung der Gesetze der Tyora, die das ganze menschliche-'Leben durchdringt und von der Wiege bis zum Grabe reglementiert.^'Gleich-- zeitig protestiert er gegen die Verwendung jüdischer Steüergelder für -jüdisch-nationale-Parteizwecke. Die Würzburger Lehrerbildungsanstalt. ' Würzburg, 30. März, j An der israelitischen Lehrerbildungsanstalt Würzburg ist mit dem Schuljahre die Schlußprüfung unter Vorsitz des Oberregierungsrates Blaß zu Ende gegangen. Sämtliche Prüflinge haben bestanden. Ein Teil der Absolventen'hat bereits Anstellungen in jüdischen Schulen der Großstädte angenommen, ein anderer Teil besucht noch im nächsten Jahre die Jeschibakurse der Anstalt, die ausschließlich der jüdischen Fortbildung gewidmet sind Lehrziel des Forwttdungskurfes sind Talmud mit Rischaunim, Tnach mit Kommentaren und jüdische Kulturgeschichte in entsprechender Vertiefung. Die Teilnehmer sollen soweit gefördert werden, daß sie in der Lage sind, neben gründlicher Kenntnis des Tnach, Talmud mit Tosiafoth selbständig zu lernen und zu unterrichten, ein Lehrziel, das mit den Absolventen im Vorjahre in der Tat bereits erreicht wurde. Für das neue Schuljahr, beginnend am 24. April 1925, liegen Anmeldungen zu itttgdvn. Die jüdische Vertretung im ungarischen Oberhaus. Budapest, 31.- März. In der letzten-Sitzung des Justizausschusses wurde die Debatte über den Gesetzentwurf betreffend das neue Oberhaus fortgesetzt. Abgeordneter. Rassay brachte abermalsdie Forderung nach einer gesetzlichen Vertretung dexjüdischen Konfession gleich den übrigen Konfessionen im künftigen Oberhaus vor, Ministerpräsident Graf Bethlem erklärte, daß die Regierung entschlossen war, der jüdischen Konfession eine Vertretung-im Oberhaus zu sichern, doch war es nicht möglich, die beiden jüdischen Landeskanzleien, die orthodoxe und die neologe, zu einer Einigung auf eine gemeinsame Vertretung zu bringen. Sobald eine solche Einigung zustande kommt, und die Sicherung gegeben ist, daß diese Einigung auch für die Zukunft bestehen bleibt, werde die Ernennung des Vertreters der jüdischen Konfession im Oberhaus nach denfeioen Grundsätzen wie diejenigen der Vertreter' der übrigen Konfessionen erfolgen. Gegenwärtig finden gesonderte. Beratungen in den beiden Landeskanzleien statt, in denen die Stellungnahme zu dieser Erklärung des Ministerpräsidenten festgesetzt werden soll. (I.. T. A.)