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Der Israelit · 1925-04-08 · Heft 15-16 (8.4.1925) · page 5

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Journal
Der Israelit
Volume
66 (1925)
Issue
Heft 15-16 (8.4.1925)
Date
1925-04-08
Page
– (sequence 5)
Language
German
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■ 8. April 1925 II glaubten. Wird die Deutschnationale Volkspartei den Sinn dieser Wandlung verstehen, so ‘ mühte . sich daraus als einzige Konsequenz Äenderung der bisherigen Tak!ik ergeben: Fallenlassen aller aus Rassenhaß geborener Punkte im Programme und möglichst weites Abrücken von den sogenannten Nationalsozialisten und allen anderen Gruppen, die von der Volksverhetzung leben und die eben mit ihrem Ludendorff eine so einmütige Abfuhr vom deutschen Volke erhielten, daß sie es ferner nicht wagen sollten, noch ernstlich in der deutschen Politik mitzureden. Fast schien es so, als hätte man es auf der rechten Seite langsam begriffen. In den Wahlzetteln des Reichsblocks, wenigstens in Frankfurt, lautete ein Passus: „Wer den konfessionellen Hader nicht will, der wähle Iar,res." Wir wissen nicht, wie weit es der Partei mit diesem Programmpunkt über den Wahlkampf hinaus ernst ist. Aber immerhin beginnt man doch, sich des konfessionellen Haders zu schämen,, oder wenigstens einzusehen, baß das Schüren des Hasses kein lohnerheischendes Verdienst ist. Das kann unter Umständen der erste Schritt zur besseren Einsicht und zur Einkehr sein. Was die jüdischen Wähler betrifft, so dürfte für sie alle, nachdem die republikanische Mnheitskandidatur mit Marx zustande gekommen ist, die Stimmzettelfrage entschieden sein. Die neuhebräiscke Literatur. Man pflegte die hebräische Literatur in zehn Perioden zu teilen: 1. Bibel, umfassend Thora und Propheten. 2. Profanliteratur der ältesten Zeit, auch Übersetzungen apokryphischer Bücher und all das, was die Weisen mit „Seforim Chizoninr" bezeichnen. 3. Talmud und Midraschli'eratur, produk.ivste Geistesarbeit von ganzen Generationen. 4. Die gaoni'ische Literatur, umfassend Entscheidungen, Bestimmungen und Gebetordnungen. 5. Kabbala und Philosophie, erstere, wenn auch auf älteste Quellen zurückgehend, doch als Literatur erst in der gaoni'ischen Zeit in Erscheinung,tretend. 6. Die karaitische Literatur, vornehmlich das Resultat von Disputationen mit Rabbinern, wie sie besonders zur Zeit der Gaoniten blühten. 7. Die Paitanim, die Synagogen-Poesie aus der kastilischen Blütezeit wie aus der Schule der französischen und süddeutschen Synagogendichter. 8. Die Literatur der Dezisoren und Responsen, die sich bis zum späten Mittelalter erstrebt und bis heute noch nicht abgeschlossen ist. 9. Haskala und chassidische Literatur. 10. Neuhebräische Literatur bis zur Gegenwart. Wie überhaupt bei der Bestimmung von Kulturepochen lassen sich die Grenzen zwischen den einzelnen Cnltvicklüngsphasen nicht klar feststellen. Die' einzelnen Perioden greifen ineinander, Altes und Neues fließen zusammen, daß die Grenzzeichen verwischt werden.. Es ist immer schwer zu sagen, wann das Alte überwunden und das Neue und Moderne eingesetzt hat. E!was klarer zeigt sich uns die Grenze zwischen Punkt 8 und 9, da die Haskala nicht organisch aus der rabbinischen Literatur, die uns zum „Volke des Buches" machte, herausgewachsen ist, sondern schroff und steil von ihr abfällt. Wie ein Wildbach, der sich vom Berge löst und gleich sein eigenes Bett sucht. Die Haskala stand gleich von vornherein im" Zeichen des Kampfes, im scharfen Gegensatz zur alten Schule. Immerhin gibt es auch hier Berührungspunkte, Namen und Bücher, die eine Uebergangszeit aufweisen, Werke, die die Mitte halten zwischen Alt und Neu, wie etwa Mosche Ehajim Luzzatto. Dessen moralphilosophisches Buch „Messilas Jeschorim" birgt herrliche Gedanken altjüdischen Geistes in modernem Gewände, ganz abgesehen Der Israelit Nr. 15/16 Seite 5 ietern wir einen eleganten Kneifer mit Gläsern, Double obn^ Fassung, der eigens für Nase und G esichtsbildunj hergerichtet wird. 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Zu den Klassikern der Haskala darf neben Luzzatto der 20 Jahre jüngere treue Mitarbeiter Mendelssohns N a f t a l i Hertz Wessely gezählt werden, der mit seinem „Gan Noul" und noch mehr mit seinem Moses-Epos „Schir Hatifereß" gewaltigen Eindruck machte und wirklich neue Bahnen in der hebräischen Dichtung wies. Luzzatto und Wessely waren wenn nicht die Väter, so doch die Großväter der neuhebräischen Literatur. Es kommt die Zeit der Measfim, da sich unter Euchel, Friedländer und anderen ein Kreis um die Monatsschrift „Ham'easef", herausgegeben in Königsberg, sammelte und sich nachgerade zu einem Tummelplatz für a'le, die modernen Geist nur im Gegensatz zur Tradi'ion begreifen konnten, herausbildete. Der Kulturkampf begann und trieb häßliche Bu'en. Der Mendelsfohnsche Geist kommt zur Auswirkung, zunächst auf deutschem Boden, auch in dieser Art von hebräischer Literatur. Die Measfim halten so wenig die Verbreitung der hebräischen Sprache und Literatur im Auge, wie die Mmdelssohnsche Bibelübersetzung etwa die Bibel verbreiten wollte. , Dort war die Bibel nur Mittel zur Erlernung der deutschen Sprache, der Schlüssel, der die Pforten der Kultur öffnen sollte. Den „Measfim" diente in gleicher Wrise^die Sprache der Bibel, die damals den Juden ^geläufig war, zur Verbreitung von Kultur und Bildung, leider auch zur Verbreitung aller Auswüchse der Kultur. Immerhin bekamen wir auf diese Weise einiges aus der Weltliteratur in die hebräische Literatur hinein, wie „Nosson Hachochom", den wir natürlich gleich als den Lessingschen „Nathan" den Weisen" erkennen: Othello, „Die Räuber" und auch Tell sind in die Hallen der hebräischen Sprache eingeführt worden, ebenso besitzen wir aus der damaligen Zeit eine gute hebräische „Mirjam Stuart". Schöpferische Geister von eigener Prägung und Wertbildung besaß Mutter Haskala damals außer Wessely nicht. Wessely, gewiß kein Himmelsstürmer, wurde zur Mitarbeit herangezogen, und die ganze Bewegung hätte vielleicht ein anderes Gesicht erhallen, wenn sich dieser Mann von Geschmack und wahrer Bildung an die Spitze derselben gestellt hätte. Das tat er aber nicht, und so gab er als Mitarbeiter, wie übrigens bis zum gewissen Grade auch der Frankfurter Wolf Seidenheim, mit seinem Namen der Sache eine gewisse Bedeutung und trägt mit die Verantwortung. Von den Abwehrmitteln. die die Rabbiner unternahmen und unternehmen m"ßten, bleibt Wessely nicht verschont. Diese Art von hebräischer Literatur gehörte. wenn man so sagen darf, zum Stamme derer, die sterben, wenn sie lieben. Sie lebte nicht länger, als bis es ihr gelungen war, die Jünger mit Ekel vor dem Alten und Heiligen zu erfüllen. Diese gingen in dem Maße, wie sie sich von der Thora entfernten, auch von der Sprache der Thora weit weg. „Meassef", ..Bikure Itim" usw. hatten keine Leser mehr. Die Väter gelangten durch die hebräische Pforte ins Freie, die Söhne bedurften des hebräischen Wortes nicht mehr, um den Weg in die Kultur zu finden, sie standen schon mitten drin. Friedsänder selbst klagt von der hebräischen Sprache: mp y'viri «bi nna nna Das ging freilich glücklicherweise nur für seinen Kreis in Erfüllung. Denn auf der anderen Seite, jenseits der Ostgrenze, blühte die Haskala des neunzehnten Jahrhunderts auf, und die Meisterwerke Wesselys, die sich turmhoch über die Schriften seiner Zeit erheben, bilden die sichtbare Brücke, die über das Flachwasser der „Measfim" zu der B.'ü ezeit des neunzehnten Jahrhunderts hinüberführten. (Schluß folgt.) rrrT-^_M (orrespondenzen « ßacftricbten. 2>euifebe* Heid)« Berliner Brief. (Bon unserem Korrespondenten). Berlin, 30. März. Ein für die Berliner Jüdischkeit nicht unbedeutsames Winterhalbjahr geht zur Neige. Die ganz „wilden" Zeiten waren bei seinem Beginn vorüber. Jede Gemeinde und jeder Verein konnte selbst in den fleißigsten Bilanzwochen atmen. Man hatte seit Jahren zum ersten Mal wieder einen Ueberblick, wenn auch keineswegs einen erfreulichen. Doch Schimmer von Hoffnung auf nicht nur ruhigere, sondern auch bessere Zeit gab es überall. Nicht nur in der Adaß-Jisroel, die bereichert um eine Synagoge, den Grundstock einer Volksschule und die Räume für eine höhere Schule auf das scheidende Quartal zurückblickt, geht aufwärts, sondern auf ihr Beispiel hin, zum Teil auch aus eigenem Antrieb, haben selbst ihr fernstehende Kreise hier schöne Erfolge erzielt. Alle Anerkennung verdient der Eifer der„Talmud-Thora-Kenesseth» I s.r a e l", die ostjüdische Jugend im überlieferten Geiste zu erziehen. Durch ihre spezielle Einstellung aus diesen Beoölkerungsteil vermeidet diese Schule jede Komperenzschwierigkeit gegenüber der Adaß-Schule, obzwar beide Anstalten modern-humanisticher Methode folgen. Auch der nachmittäglichen Beschäftigung ihrer Schüler widmet sich die Kensseth-Jsrael durch ein hvrtartiges System von Schiurim und Arbeitskreisen. Sie ist ein groß angelegter Versuch, die hier ansässigen polnisch-jüdischen Kinder nach dem Prinzip Thora im Derech Crez zu guten Juden und Staatsbürgern zu erziehen. Ihr gutes Einvernehmen mit der Adaß-Schule dokumentiert sich durch das Vorhandensein einer gemeinsamen Lehrkraft. — Von einer wundersamen Wandlung in einer hiesigen Synagoge durften wir vor kurzem berichten. Aehnliches vollzieht sich in anderen Stadtteilen. Ltchtenberg hat einen schönen Teil vernachlässigter Piutim wieder eingeführt. Die „A l t e S y n a g o g e" kennt wieder den Mischeberach und hat einen allen Anforderungen genügenden Werktagsraum. Aehnliche Projekte werden über die zu erbauende Gemeindesynagoge Agricolastraße in wohlunterrichteten Kreisen gerüchtweise herumgesprochen; auch die Berufung eines bekannten' orthodoxen Pädagogen an dieselbe wird als bevorstehend und im Stadium ernster Verhandlungen befindlich bezeichnet. Doch auch die Ueberreste längst ins Geologische versunken geglaubter Zeiten sahen wir in diesem Winter in lustiger Blüte. So erhalten jüdische Akademiker beharrlich Zuschriften einer „Jüdischen" wissenschaftlichen Vereinigung, die über die „Mosessage" und andere Reminiszenzen der seligen Wellhausenzeit Vorträge aufwartet, jüngst sogar einen etwas verspäteten Versuch, das bei den neologsten Synagogen schon aus der Mode kommende deutschsprachige Beten durch ein in Jargon gehaltenes Referat über „Versuche der deutschen Juden des 15. und 16. Jahrhundert zur Einführung jüdisch-deutscher Volkssprache in die Synagoge" zu rechtfertigen. Als Nachklang der Landesverbands wähl hält noch der Streit über das Litfaßsäulenplakat der Naumannleute gewisse Kreise in Atem. Vielleicht endigt die Sache damit, daß die Schuldigen verurteilt werden, auf gleichem Wege kundzutun, daß in der Gemeindeverwaltung keine skandalösen Zustände herrschen. Die Gegenpartei würde sich wahrscheinlich alsdann freuen,

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