Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 66 (1925)
- Issue
- Heft 14 (2.4.1925)
- Date
- 1925-04-02
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 Nr. 14 Der Israelit 2. April 1925 blatt und Schlage den Stadl- und Dorfbewohnern genau Stunde und Minute anzeigten. Und noch weniger trugen Mil.ionen Menschen den hübschen, niedlichen Chronometer Peter Henleins in der Westentasche. Es ist wahr: unser gesamtes wirtschaftliches, geistiges und gesel'schaftliches Leben beherrscht mit despotischer Gewalt der kleine Uhrzeiger. Bahnzeit, Postzcit, Schulze!^, Geschäftszeit Mahlzeit, Spielzeit: an alles ind wir gewöhnt, sklavisch gekettet an das Räderwerk der Uhr. Sie hat auch in unsere votteshäuser ihren Einzug gehalten. „Man geht" um 6 Uhr, um halb 7, ja sogar um 7 Uhr „zehn" und „7 Uhr fünf". Der Chosid des Ostens, von jeher kein Freund von Paragraphen, die ihm sein individuelles Äusleben beschränken, hat auch hier sich das Recht persönlicher Freiheit voll gewahrt, nach oben und nach unten, d. h. bezüglich des Anfanges wie des Schlusses der Gebetszeit. Die Uhr neben dem Porbeterpult macht ihn nervös, erscheint ihm ungehörig und ungeheuerlich, dünkt ihm als eklatanter Verstoß gegen die Mahnung vpribrr vuj? *jn^2n, ist ihm einfach nrn npirv ein unjüdischer Brauch mit schlimmen Folgen. Nun, ein wenig Wahrheit liegt sicher darin, vielleicht sogar viel, wenn man bedenkt, in welchem Ausmaße die Uhrzeit unseren Gottesdienst beherrscht. Und dieses Ausmaß ist ja im Grunde nichts anderes als das Wahrzeichen unserer religiösen Zustände allenthalben, das Spiegelbild derselben. Die Konstatierung dieser Tatsache enthebt aber nicht der Pflicht, die Schäden des Ganzen aufzuweisen und so den Weg zum Bessern zu bahnen. Wir leben im Kulturkreise des Westens. Die Ungebundenheit der Naturvölker wich längst einer bis ins Feinste eingreifenden Organisation. „Und Regel wird alles und alles wird Wahl und alles Bedeutung." (Schillers „Spaziergang".) So drang auch die Uhr mit ihrer vom jüdischen Standpunkte aus oft bedenklichen allzustrengen Zeitregelung in unsere Eebetsstätten ein. Wir sind im ^Laufe der Iahre sozusagen darauf gedrillt, zu wissen, wie lange das Oren morgens oder nachmittags dauert, wie lange am Werktag, am rav oder xiü dy>. Zugegeben nun, daß der Anfang der Gebete vom Standpunkte der guten Ordnung und friedlichen Gemeinsamkeit aus sich wohl an die genaue Uhrzeit binden läß", Dauer und Schluß der!f?sn sollen das nicht, wenigstens nicht in der Art, wie überall gang und gäbe und ohne jede Rücksichtnahme auf die Würde und Wich igk.it der Gebete einerseits, wie andernteils auf den Reifegrad der Teilnehmer am Gottesdienst. Traurige vollster Seele weihen? bbm ns i'l>? -naiV •’srm den vierten Becher erheben wir, wenn wir das Halle! ausklingen lassen. In vollen Tönen steigt unser Jubelhymnus an, wo wir uns voll bewußt werden, daß uns der Herr den Siegelring seiner Liebe in seiner Thora geweiht hat. Das ist der Ltuell unserer Kraft und Verjüngung wie die Gewähr für unsere dauernde Erlösung von Not und Druck. . . . Wer das begreift und in seiner ganzen Bedeutung voll erfaßt, wird sich nicht frei wähnen, wenn er abschütlelt das Joch der Gebote. Fühlen wir uns nicht gerade als Fürsten im Kreise der Familie, wo eine Fülle von nix» den Sederabend auszeichnet und uns zu seiner Feier weihet? Gottes Gebot adelt und heiligt und erzeugt der Freuden höchste und reinste. Zu dieser Erkenntnis führt uns der Sederabend: dann können wir alle jubelnd sprechen: vv» s’xin ums yn Auch wir sind erlöst und befreit. . . . kleines Feuilleton. Garrow Dnnean's Bericht über die Ausgrabungen in der Davidftadt. Der Geistliche I. Garrow Duncan, der seit der Abreise Prof. Macalisters aus Jerusalem die Ausgrabungen auf dem Berge Ophet leitet, veröffentlicht in der Bierteljahresschrift der Palästinensischen Archeologischen Gesellschaft (Palestine Exploration Fund) einen Bericht über die letzten Resultate der Ausgrabungen. Bilder ziehen da an unserem Auge vorüber, nicht nur aus kleineren und Mitlelgemeinden, nicht selten auch aus der Großgemeinde, ja sogar am Sitze und unter den Augen orlhodorer Rabbiner. Nehmen wir als obersten und ersten Leitsatz die Forderung des Schulchan Oruch an: jeder möge Wort für Wort beten Und nun trete die Uhr angesichts dieser Mindestforderung als Richterin auf, die Uhr mit ihrem Minuten-, ja Sekundenzeiger. Sie fordert An'wort auf gar manche Frage, die gar manchem unbequem erscheinen dürfte. Ein Auskneifen duldet sie aber nicht,- sie nennt das Kind beim rechten Namen, sie allein. Und sie stellt fest, daß selbst die heiligsten Gebete, yaw und nivp geschweige denn die man 'pivs vielfach in einem Zeitraum absolviert werden, der nicht einmal ein reines, einfaches Aussprechen des Wortes möglich macht, zu denkendem Mitschwingen der Seele aber erst recht keinen Raum läßt. Wir schweigen von den besonderen Vorschriften, bei vav nxnp scharf artikuliert zu sprechen, gleiche Laute zu trennen, bei Schmono- Esre die 'nmwn nicht in oberflächlicher, verächtlicher Art auszuführen, das Ausgehen würdevoll zu gestalten usw. Wir sehen von dem allen ab und denken nur an die Zungenakrobatik, die mit dem Terte allein fertig werden soll. Und trotzdem gibt es noch Gemeinden, in denen dieses — sagen wir — Mindestmaß noch überschritten bezw. unterboten wird. Tieftraurig, aber wahr! Und welches sind die Folgen dieser Zustände? Zunächst das würdelose, unschöne Bild einer Gebetshetze, statt einer erhebenden Sodann ein immer mehr verkümmerndes laut-, reines und lautrichtiges Lesen, genährt von dem sich spreizenden Wahn der Baale-Vatim: „Wir oren richtig, wir lassen nichts aus." Ihnen braucht der Vorbeter „viel zu lang". Diese vermeintlichen Lesekünstler mögen nur einmal Psalm 48, 94, 83 usw. laut vorlesen, Eebetsteile, die sie schon tausendmal gesprochen und bei denen man schon Taliis und Tefillin abgelegt, eventuell die Türk.inke in der Hand hat. Die Uhr sei Richterin über dir Leistungsfähigkeit. Damit kommen wir auch auf die notorischen „Spä kommer" ein wenig zu sprechen. Sie sind ja meist iden isch mit den Synagogenflüchtlingen, welche schon nach prm die Vorbereitungen treffen zum Verlassen des Gotteshauses. Aber noch ein weiteres. Eine Regel der Gcdächtniskunst, der Mnemotechnik, lehrt uns, daß man im Laufe der Zeit das auswendig kann, was man deutlich oft ausspricht. Es ist Herr Duncan schreibt: Die Nord-Bastio und der Turm wurden in einer Tiefe von 33 Fuß entdeckt. Wir hatten vor uns ein Muster der vollendetsten jebusitischen Maurerarbeit. Die unter dieser Mauer gefundenen Tlmgeschirre stammen wahrscheinlich aus der dritten Bronze-Zeit. Es ist sehr wahrscheinlich. daß die wundervollen Reparaturen an der alten Jebusitenmauer aus der Zeit Davids stammen. In den letzten 3 Monaten wurden die Trümmer von der Vorderseite der Nord-Bastion und des Turm s weggeräumt. Das Departement für Alterlümer wünscht dieses Natur-Altertumsdenkmal zu bewahren. Wir fanden auch an diesen Stellen kananitiiches und hebräisches Tongeschirr bei 30 zu 33 Fuß unter dem Niveau des Turms. Zahlreiche der aefundenen Tongesäße zeigen hebräische Inschriften. Unsere Sammlung zählt über 60 Objekte; die Inschriften und Stempel weisen 8 verschiedene Typen aus. — Menorah, Illustr. Monatsschrift in Wien. Die Hermon-Verlags A.-G. ersucht uns, bekannt zu geben, daß ihre vertraglichen Beziehungen zu dem Verlage der „Menorah" in Wien am 30. Juni d. Js. ihr Ende erreichen. Es hat sich bei der weiten räumlichen Entfernung zwischen dem Sitz des Verlages und der Redaktionsmitglieder als unmöglich ewiesen, die Verständigung so zu gestalten, daß eine religiöse Verantwortung für den Gesamtinhalt des Blattes übernommen werden könnte. Neger-Rabbiner. Wie der I. T. A. aus New Dort berichtet wird, hat der Rabbiner der jüdischen Negergemeinde zu Hartem in Amerika eine Klage gegen den Rabbiner der Negergemeinde „Bnei Abraham" zu New Uork eingereicht, in welcher der letztere beschuldigt wird. kein Unterschied, in welcher Sprache das geschieht: deutsch, hebräisch, lateinisch, griechisch, französisch usw. Das „mechanische Gedächtnis"^ nimmt alles auf, je unterschiedlicher die Lautgebilde und Wortklänge sind, desto besser. Terte mit ziemlich ähnlich lautenden Stellen nimmt das mechanische Gedächtnis nicht gut an; hier tritt das ingeniöse Gedächtnis, das kunstgemäße Memorieren in seine Rechte.. Wir denken da beispielsweise an den Abschnitt wpk, an das „lange" mm Kim und andere mehr, unter den Psalmen namentlich Kap. 107, 119. Die meisten andern Gebetsteile sollte aber jeder auswendig können. Was aber erleben wir in der Wirklichkeit? Man kann diese Gebete nicht nur nicht auswendig, das Ablesen aus der Tefillo,. dem illv geht auch nicht. Und wiederum sei darauf hingewiesen, daß dies auch von Kreisen gilt, die sich zu den frömmeren rechnen, zu den besseren. Sie können oft n"’ der Werktage, nn»Ki nax 'junn die Mismorim nach mim? nach mnjrö' die Lobgesänge zwischen i»kv und N2NV nicht auswendig, auch nicht das Tischgebet und Nacht-Leijenen. (Nur leise!) Woran liegt das? Einzig und allein am schlechten, nachlässigen Lesen. Wer sich darauf ertappt, daß er solche täglich Wiederkehrende Gebetsteile nicht auswendig kann, der hat sie bisher niemals tadellos ausgesprochen. Gegenbeweis: er probiere auch nur 10 Wochen das langsame, lauttreue Lesen, und es geht auswendig, es klappt. Also auch das Auswendigkönnen ist ein untrüglicher Maßstab für das rechte Lesen bezw. Beten. Und die Iugend? Soll man viele Worte darüber verlieren, wenn sie in Schul solchen Schnellauf sieht? Isis ein Wunder, wenn sie gleich den Aelteren ihr m^v mm scharrt, wenn der geübte Vorbeter erst bei mVvvvVi hält, wenn sie spät kommt, früh die ablegt, Zeit genug zum Schwätzen findet und eventuell sich noch zur Kritik berechtigt hält an dem gar so schleppenden Tempo des Vorbeters? Soweit muß es zwangsläufig kommen, wenn man Positiv-Negativ setzt, der Iugendgottesdienst erweist sich hier als ein segenstiftender Iugendschutz, als ein einigermaßen gut wi.kendes Heilmittel gegen offen zutage tretende Schäden. Man mutz das Kind beim rechten Namen nennen. Ein gutes Stück. Schularbeit des gewissenhaften Lehrers wird in seiner eigentlichen Wirkung im Gotteshause beeinträchtigt, gestört, ja fast systematisch vernichtet. Denn dort gehts immer noch — nach der Uhr! eine Summe von 109 Dollar, die ihm zur Anschaffung, eines Thora-Schrankes übergeben worden find, für sich verwendet zu haben. Der Richter sprach den Angeklagten frei, weil es sich erwiesen hatte, daß er nicht beabsichtigte, die Summe für sich zu verwenden. Der Kläger, Rabbi Arnold I. Ford, und der Beklagte, Rabbi Mordechai Hermens, sind beide von Abstammung Neger? Wochenkalender. 4.—11. April 1925. / 10.-17. Nissan 5685. Samstag April 4 10 JÖ’J *>vun na® Sonntag 5 n ftontag 6 12 Dienstag 7 13 f»nn i’prn -nsipn Mittwoch 8 14 nos aas nann tmp -pS'van ara Donnerstag 9 15 rrrso nOQ bv 'H freitag 10 16 1 nvs Vv '2 Samstag 11 mn 17 2 ayian hn Er tu ausschließlich Sache der Leser, die im Jnferateutei enthaltenen Empfehlungen ritueller Waren oder sonstig« Angabe« rellgtonrgesetzlichen Charakters auf ihre Zuver» läfftßteit zu prüfen. RoimefeldtsTee JUL seir lOO Jahren bewähr? •von Millionen gerrunken,