Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 66 (1925)
- Issue
- Heft 13 (26.3.1925)
- Date
- 1925-03-26
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Sette 6 Nr. 13 £itmten« Ein ehemaliger Wilnaer Jeschiba-Zögling Finanzminister. K o w n o , 16. März. Das „Jüdische Leben" erhielt ein Schreiben des Herrn Salomon L e o i t a n, jetzigen Finanzminlsters des Staates V i s c o n f i n (U. S. A.), der sich nach dem Verbleib einiger seiner Jugendfreunde erkundigt. Herr Levitan teilt mit, daß er einst Zögling der Slobotkoer Jeschiwah war, später Hausierer in Amerika, jetzt sei er Finanzminister des Staates Viskonsin, unter dessen Aufsicht 86 Millionen Dollars stehen. Die Presse Amerikas hatte oft die Lebensgeschichte Levitans gebracht und ihn als Muster eines tätigen und weitsichtigen Menschen hingestellt. Das Blatt bringt auch das Bild des aus der Jeschiwah heroorgegangenen Finanzministers. England. Aus der Sitzung des Board of Deputies. London, 18. März. Am Sonntag fand eine Sitzung des Board of Deputies statt. Herr Lucien Wolf erstattete den Bericht des Komitees für auswärtige jüdische Angelegenheiten (Joint Foreign Komitee). Er schilderte den Verlauf der Verhandlungen mit dem litauischen Gesandten in London, in der Frage des Zwangs- Sonntagsruhegesetzes für die litauischen Juden. Die Haltung der litauischen Regierung, die anfangs entgegenkommend zu sein schien, ist jetzt alles andere als liebenswürdig: das Komitee sah keinen anderen Ausweg, als nun die Korrespondenz zu veröffentlichen. Der litauische Gesandte argumentierte, das Zwangssonntagsruhegesetz sei eine „logische Erfüllung" jenes Artikels der Konstitution, der einen Tag der Andacht und der Ruhe oorschreibt. Die Verordnung sei für alle gültig und trage sonach keinen die jüdischen Rechte einschränkenden Charakter. Das Parlament, welches das Gesetz angenommen hat, ist aus demrokratischsn Wahlen hervorgegangen, die jüdische Gemeinschaft ist in diesem Parlament proportionell vertreten. Uebrigens sind in Litauen verschiedene jüdische Organisationen, die vollkommen kompetent sind, die rechtlichen Interessen der Juden wahrzunehmen. Endlich ist der eigentliche Ort für Klagen der Minderheiten in den Nachkriegsstaaten der Völkerbund. Dem Joint Foreign Comitee fehle aber die Kompetenz, sich in die rein häuslichen Angelegenheiten der litauischen Republik einzumischen. Herr Lucien Wolf gab einen Kommentar zu dem Briefwechsel mit dem litauischen Gesandten und sagte, rein technisch fehle das Argument für eine Intervention. Die Juden seien nicht die einzige Minderheit, die Klagen vorzubringen hat. Polen, Russen und Deutsche Litauens haben unlängst eine gemeinsame Interpellation in den litauischen Sejm eingebracht, in welcher über die falsche Handhabung der Volkszählungsmethode geklagt wird, die darauf hinausgeht, die Zahl der Minderheiten im Lande weit geringer erscheinen zu lassen, als sie in Wirklichkeit ist. In Genf seien Vertreter der polnischen Minorität in Litauen an ihn herangetreten mit der Frage, ob die Juden die polnischen Postulate unterstützen werden. Herr Wolf sagte ihnen, er könne sich in eine die Juden nicht berührende Angelegenheit nicht einmischen. Herr Lucien Wolf erwartet, daß die Klagen der anderen Minderheiten auch die jüdische Frage in Litauen aufrollen werden; wenn auch nicht speziell in der Frage der Sonntagsruhe. Herr Lucien Wolf berichtete noch über feine Unterredung mit dem polnischen Außenminister Skrzynski in Genf. Es wurde dann der Bericht des Joint Foreign Commitee über die Genfer Verhandlungen in Bezug auf die K a l e n d e r r e f o r m vorgelegt. Herr Lucien Wolf ist der Ansicht, daß diejenigen Resormvorschläge, die der jüdischen Religion gefährlich werden könnten, nicht angenommen werden würden. Ein Vertreter der jüdischen Gemeinschaft im Völkerbundskomitee für Kalenderreform wird wahrscheinlich ernannt werden. Es stellt sich heraus, daß das Reformkomitee sich dessen nicht ganz bewußt war, welche tief einschneidende Wirkung in die jüdisch-religiösen Interessen die Institution der „blancen Tage" haben könnte und mit welchem Befremden dieser Plan von der Judenschaft der ganzen Welt ausgenommen wurde. Nichtsdestoweniger ist noch immer Wachsamkeit notwendig. Der jüdische Standpunkt wird auch der britischen Regierung dargelegt werden, auch die überseeischen jüdischen Gemeinden Der 5 t fl M t 1 werden entsprechende Schritte bei ihren Regierungen unternehmen. Mr. Joseph Prag berichtete sodann über die Antifremdenbewegung in England. Der Grafschaftsrat hat beschlossen, Kindern von Fremden, auch solchen, die mehr als 10 Jahre in England wohnen, keine Schulstipendien zu verleihen. Das sei ein Beschluß, dessen sich der Grafschaftsrat schämen sollte. Sir Stuart M. Samuel sagte, die Häuser des Graffchaftsrates feien aus Steuergeldern der Fremden erbaut worden. Solche Maßnahmen, wie Stipendienentziehung usw., entfremdeten die Kinder dem Staate. Man sollte den Grafschaftsrat wegen dieses Beschlusses vor Gericht verklagen. Mitglied des Unterhauses Major Isidor Salomon stimmte mit dem Vorredner überein. Er wies darauf hin, daß viele Fremdenkinder für Stipendiengelder vorgemerkt waren, und daß auch genug Stipendien vorhanden waren. Aber die nationalistische Welle, die jetzt durchs Land geht, zeitigte schmachvolle Taten. Es wurde beschlossen, die Angelegenheit zwei Unterausschüssen zu überweisen. Die Abänderung des Wakufgesetzes. I e r u s a l c m, 5. März. Im amtlichen Regierungsanzeiger vom 1. März ist nunmehr die langerwartete Abänderung des Wakufgesetzes veröffentlicht worden, die, wie bereits kurz gemeldet, den Wünschen der Orthodoxie erfreulicher Weise Rechnung trägt. Die Abänderung lautet: „Ein nichtmoslemischer Wakuf, der vor einem muselmännischen religiösen Gerichtshof vor der Veröffentlichung der Wäkufverordnung von 1932 errichtet worden ist, kann durch Beschluß seines Verwalters oder der Mehrheit seiner Verwalter, binnen Jahresfrist von Inkrafttreten dieser Verordnung an gerechnet, bei dem bügerlichen Gerichte angemeldet und auf dessen Anordnung -in eine bürgerliche Wohltätigkeitsstiftung (trust) gemäß den Bestimmungen der Verordnung von 1924 umgewandelt werden. Der Gerichtshof kann alsdann bestimmen, daß das Stiftungsvermögen genau so behandelt wird als fei die Stiftung gemäß der letzten Verordnung von 1924 errichtet worden." Der Kampf gegen die Sonnenfeld'sche Gemeinde. Jerusalem, 15. März. Der erbitterte Kampf, den die Kreise um Oberrabbiner Kuk gegen die Sonnenfeld'sche Gemeinde und -s von ihr vertretene Prinzip der Unabhängigkeit des traditionstreuen Judentums führen, zeitigt die seltsamsten Früchte. Lange Zeit hindurch hat man die Praxis befolgt, nach außen hin das Vorhandensein einer starken, unabhängigen Gruppe einfach zu leugnen, Oberrabbiner Sonnenseld und seine Genossen als ein paar eigensinnige, ganz alleinstehende Störenfriede hinzustellen und über die Tatsache zur Tagesordnung überzugehen, daß die Sonnenfeld'sche Gemeinde 1500 steuerzahlende, ihr Wahlrecht zur Gemeindeverwaltung ausübende Mitglieder besitzt. Die Sonnenfeld'sche Gemeinde hat schließlich der Behörde ein vollständiges Verzeichnis ihrer Mitglieder singereicht und nun beginnt ein Kesseltreiben der Gegner, '>m die unbequemen Ziffern aus der Welt zu schaffen. Man hat dem Waad leumi die Liste eingehändigt, der nun Hunderte von Namen beanstandet mit der Behauptung, Männer dieses Namens existierten in Jerusalem überhaupt nicht oder sie seien keine Mitglieder der Sonnenfeld'schen Gemeinde. Die Behörde macht Stichproben und lädt die Betreffenden vor, um ihre Existenz und ihre Gemeindegesinnung festzustellen. Man kann sich denken, welcher Druck dabei aus die Vorgeladenen ausgeübt wird. Soweit bis jetzt bekannt, haben sich diese Vorladungen zu einem wahren Kiddusch haschem gestaltet, denn sie führten zu einem freudigen und mutigen Bekenntnis zu den Grundsätzen der orthodoxen Gemeinde. Das ganze Vorgehen, das an die finstersten Zeiten der Verfolgungen der Orthodoxie durch die Reform im vorigen Jahrhundert erinnert, bleibt nichtsdestoweniger ein schwarzes Vlatt in der Geschichte des gsfetzestreuen Judentums. Die Frage der Zwangssonntagsruhe im Staate Nerv-Iork. New Port» 18. März. Vertreter jüdischer Organisationen wurden zu einer Konferenz in das Gebäude der New Parker Staatsver- 26 Mörz io?5 fammlung eingeladen. Gegenstand der Verhandlung roar, das Zwangssönntigsruhegesetz welches über Antrag der Lords Däy Alliance eingeführt worden ist. Captain Philipps forderte als Sprecher der jüdischen Abordnung^ daß den Juden erlaubt werde, am Sonntag Handel zu treiben und ihren anderen Beschäftigungen' nachzugehen, damit sie ihren Sabbat ungestört beobachten können- „Wir Juden," sagte er, „bitten um keine Gunstbezeigung', wir fordern nichts als Gleichberechtigung. Meine Vorfahren gaben seit der Zeit der amerikanischen Revolution ihr Leben für dieses Land hin, und ich fühle mich berechtigt, die Ansprüche meiner Glaubensgenossen auf Gleichberechtigung mit den anderen Bürgern, d. h., daß. man auch uns gestatten soll; unseren Wochenfeiertag zu halten, hier zu vertreten." Es sprachen dann noch Mr.. Reznick, Mr. Savitzki und der Repräsentant des „Schomre Schabos-Komitees der A g u d a s I i s r o e l, Rabbiner Rubens. Eine Entscheidung wurde noch nicht getroffen. (I. T. A.) ' Die erste Synagoge auf den Philippinen. Cincinnati, 18. März. Die Union der amerikanisch-jüdischen Kongregationen in Cincinnati erhielt eine Mitteilung, daß in Man i l l a, der Hauptstadt der Philipp! ne n-Jnseln, die e r st e jüdische Synagoge errichtet worden ist. In der Kongregation von Manula, in der orthodoxe, konservative und liberale Juden vereinigt sind, fmk Juden aus den folgenoen Ländern vertreten: Vereinigte Staaten, Rußland, Oesterreich, Spanien, Deutschlands Frankreich, Italien und Aegypten. (I. T. A.) Personalien. Achtzigster Geburkskag. K a t t o w i tz, 23. März. Am tot tob? beging Herr Stydtältester Salomon Wiener aus Kattowitz im Kreise'seiner Kinder und Enkel in Frankfurt a. M. feinen achtzigsten Geburtstag m völliger Geistesfrische. Stadtältester Wiener ist der Mann, der die Entwicklung der Gemeinde Kattowitz als Vorsitzender ihres Vorstandes während einer Tätigkeit von mehr als einem Vierteljahrhundert so gestaltet und gefördert hat, daß diese eine Zierde der jüdischen Gemeinden Deutschlands, eine :>jnz?o dki ts? geworden ist. Möglich war ihm dies nur durch seine rührende, selbst-- lose Hingebung seiner ganzen Person für die Allgemeinheit, sein gewaltiges, talmudisches und profanes Wissen und durch seine vorbildlichen verwaltungstechnischen Fähigkeiten. Ohne Kampf, nur durch das Gewicht seiner Persönlichkeit und die Kraft seiner Ueberzeugüng verstand er es, in dieser damals zum großen Teile liberalen Gemeinde dem konservativen Geiste zum Siege zu verhelfen und die Gemeindeeinrichtungen so zu gestalten, daß sie von allen Fremden und Einheimischen als mustergültig bewundert wurden. Wer erinnert sich nicht noch der Gründungsversammlung der Agudas Jisroel im Mai 1912 in Kattowitz, als seine vornehme Gestalt auf der Rednerbühne erschien, gleich einem Friedensfürsten in Israel, um die Versammlung im Namen der Gemeinde willkommen zu heißen. Im Rate der Stadt stand Salomon Wiener an erster Stelle, und keine wichtige Verordnung wurde ohne seine Mitwirkung erlassen. Der Magistrat Kattowitz ehrte ihn mehrere Jahre vor dem Ausbruch des Weltkrieges durch Ernennung zum Stadtältesten. Die Synagogengemeinde würdigte die Verdienste ihres langjährigen Oberhauptes in einem Schreiben, in welchem sie zum Ausdruck brachte, daß sein Geist und seine Werke auch unter den veränderten politischen Verhältnissen in der Gemeinde fortleben werden. Trotz schwerer Schicksalsschläge, trotz mancherlei körperlicher Unbilden des Alters ist Salomon Wiener der abgeklärte Philosoph geblieben, an dessen Munde wir heute noch hängen, dessen Worten wir andächtig lauschen, wenn er uns mit heiligem Feuer aus seinem sprudelnden, ewig jungen Wrssensborn das Wort der Thora verkündet. nzv na tnrr crgan a’-rnVn ’3i7T So wünschen wir ihn zu sehen, betreut von der sorgenden Gattin, umgeben von seirien Kindern und einer Schar von Enkelkindern, die den' gütigen Großvater lieben und zu seiner Patriarchengestalt emporschauen, von vielen Freunden, die ihn bewundern und verehren.!?!-•» Q*7E?5?T rtJW 75? Recklinghausen, 16. März. Am verflossenen Sonntag wurde hier Frau Molchen Fern b ach geb. Speier, Gattin des hier hochgeachteten Hermann Fernbach, im 72. Hebensjahre zu Grabe getragen. Mit ihr ist eine Vti nmrtn des Wortes wahrster Bedeutung in eine bessere Welt dahingegangen. Noch selten hat Die Stadt einen solch unposanten Leichenzug gesehen.' Von nah und fern war man gekommen, um der Entschlafenen den letzten Liebesdienst zu erweisen. Alle fühlten, daß mit dieser njns die mit ihrem Gatten zu den •htoV in diesem an .7X7' so armen Westfalenlande gehörte, ein gut Stück des alten Judentums dahin gegangen. Herr Rabbiner Dr. Weiß, Gelsenkirchen, verlieh in sinniger Weise der Trauer Ausdruck. Er pries sie als voo -nsr als treue Gefährtin des Mannes, dem sie auch in den