Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 66 (1925)
- Issue
- Heft 13 (26.3.1925)
- Date
- 1925-03-26
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 13 Seite 6 26. März 1925__ v führen lassen; größte Sparsamkeit auf allen Gebieten sei zu beachren. Herr L o e b sucht den pessimistischen Grundzüg dieses Berichtes zu mildern unter Hinweis auf das alte Wort „(En Zibbur Oni"! — Herr Türk (lib.) bemängelt, daß der Vorstand so schwach bei dieser Satzung vertreten sei, daß die Steuern vor Berechnung der Ausgaben nicht hätten festgesetzt werden dürfen, und daß die Notlage der Lohn- und Gehaltsempfänger nicht genügend bei dieser Festsetzung berücksichtigt sei. Die Multiplikation ihres vorjährigen Contingents mit 6 sei ein gar zu summarisches Verfahren. Reg.-Rat Goslar (Vp.) schlägt vor, die Einnahmen nicht mehr nur aus der Steuer, sondern auch aus nach fachmännischem Rat einzurichtenden produktiven Gemeindebetrieben zu ergänzen. Ein Vorstandsvertreter erklärt, dies sei schon früher erwogen worden. Aus der daran anschließenden Etatdebatte ist zunächst der Bericht des Herrn Levy bemerkenswert, daß die Synagoge Oranienburger st raße trotz ausreichender Plätzevermietung ihre Kosten nicht auf bringt und noch über 16000 Mark jährlichen Zuschuß braucht, während die vier anderen Orgelsynagogen zusammen einen kleinen Ueberschuß erzielen. Von den orgelfreien.Synagogen ist die rentabelste die Synagoge 'Kaiserstraße. Ein Ausgleich wird erzeugt zwischen den Synagogen Münchener- und Pestalozzistraße. Die subventionierten Religionsvereine erhalten 250 000 Mark gegen 150 000 im Vorjahre, die Kaschrukommission 17 000 Mark. Herr W o l p e fragt nach dem Stande der Angelegenheit des Quellbades für den Westen. Herr Galewski berichtet daraufhin im Namen des Vorstandes von den verschiedenen diesbezüglichen Projekten. Herr Dr. Wechselmann bittet, diese Pläne schneller zu verwirklichen. Beim Kapitel „Beerdigungswesen" kommt zur Sprache, daß nur etwa 10 Prozent der Taharoth von den Chewra übernommen werden und daß infolgedessen die jüdischen Leichenträger höher zu entlohnen sind, als die von anderen Bekenntnissen. Das Schulwesen der Gemeinde erfordert 195 000 gegen 143 000 Mark im Vorjahre. Die Lehrerbildungsanstalt wird nach der neuen preußischen Lehrerordnung vielleicht zu einer höheren Schule umgewandelt. Die subventionierten Religionsschulen erhalten 45 000 (40 000) Mark. Neu in den Etat gestellt ist der Unterricht an Profananstalten mit 19 000 Mark, neu auch der Posten eines Verwaltungsdirektors und der vier definitiv angestellten akad. Religionslehrer, wodurch sich der Religionsunterrichtsfonds von 42 000 auf 135 000 Mark erhöht. Dem Unterricht der reiferen Jugend in Religion und Sprache sind 10 000 Mark gewidmet. Die Bibliothek figuriert mit 5000 Mark für Neuanschaffungen. Der Referent für dieses Gebiet, Herr M. A. Loeb erklärt angesichts der schwachen Kaufmöglichkeiten in den Kriegs- und Nachkriegsjahren diese Summe für äußerst unzureichend, beantragt ihre Vervierfachung, sowie 6000 Mark zum Ausbau der Kunstsammlung und dauernde Publikation der Neuanschaffungen im Gemeindeblatte, um das Interesse für die Bibliothek wachzuhalten. Herr Benas Levy warnt vor derartigen neuen Verpflichtungen, Herr Reg.-Rat Goslar schlägt vor, die Bibliothek durch Einrichten fahrbarer Schülerbibliotheken und vielfältiges Anschaffen guter Schriften bei der Jugend zu popularisieren. Obzwar vom Vorstande aus Herr Dr. Sandler bittet, die Vorlage nicht zu überschreiten und höchstens 10 000 Mark für Bibliothek und Kunstsammlung zusammen zu bewilligen, wird der Löbsche Antrag in allen drei Teilen angenommen. Im Großen und Ganzen unbestritten bleibt das Referat Türk über die Reorganisation des Religionsschulwesens. Auch auf diesem Gebiete geht die Tendenz der neuen Maßnahmen dahin, die Hilfskräfte durch definitiv aufzustellende Lehrer zu ersetzen. Das Ergebnis der Repräsentantenwahlen. Hamburg, 16. März. Die Wahlschlacht ist geschlagen; sie tobte zuletzt noch mit ungeheurer Heftigkeit und brachte die häßlichen Erscheinungen, die bei den preußischen Wahlen zum Landesverband so unerquicklich berührten, auch nach Hamburg, wo die Grundbedingungen zu einem solchen Bruderkampf eigentlich fehlen. Der Zentralverein hat es fertig gebracht, in Flugblättern aufzufordern, alle Listen als wählbar zu erklären, mit Ausnahme der der Zionisten. Schulter an Schulter an Schulter mit dem Zentralverein kämpfte der Verband nationalgesinnter Juden, D er Israelit_ der, so weit uns bekannt ist, hier durch ein paar „teutsch-! tümelnde", superkluge, unreife Jünglinge vertreten wird. In einer vielgelesenen öffentlichen Tageszeitung wurden von dieser Seite die Zionisten in einer derart gehässigen Weife verunglimpft und unsere ostjüdischen Glaubensbrüder ist so schamlosen Worten verleumdet, daß sich ein allgemeiner Sturm der Entrüstung innerhalb der hamburgischen Judenheit über diese „antisemitische" Methode erhob, ganz gleich, wie der Einzelne zum Zionismus sonst stehen mag. Kurz vor Schluß der Wahlhandlung ließ die „Achduth"-Organisation noch einen Zettel verteilen, der .eine überholte Tatsache den aushorchenden Wählern und der ganzen Welt kundgab, um der so verhaßten orthodoxen Liste 1 (die der Agudo nahestehenden Kreise) eins auszuwischen. Die Leiter der Achduthliste hatten kurz vorher der sogenannten Agudaliste eine Listenverbindung angeboten, die auch glatt akzeptiert worden war. Später ist man nicht darauf zurückgekommen, hat sich vielmehr mit der zionistisch-misrachistifchen Liste verbündet. Die Begründung für diese eigenartige Einstellung wurde in einer zionistischen Wahlversammlung gegeben seitens eines prominenten und sehr „rührigen" Mitgliedes der Achduth; sie dürfte vielen Mitgliedern dieser Organisation ganz neu und sicherlich sehr wertvoll sein, nämlich: Achduth und Misrachi sind ganz dasselbe; letzterer hat die Leitung der Außenpolitik (wörtlich übernommen!), d. h. die Sorge für Palästinaangelegenheiten, erstere die Leitung der deutschen Angelegenheiten, d. h. Fürsorge für Thoralernen, Gemeindeangelegenheiten usw. Die anwesenden Misrachivertreter hatten gegen diese Identifizierung nichts einzuwenden, sind also auch davon überzeugt, daß fie richtig ist! Am Tage der Wahl herrschte schönt, trockenes Winterwetter; das förderte natürlich die Wahlbeteiligung, die schon in den ersten Vormittagsstunden recht lebhaft einsetzte. Gewählt wurde an zwei Stellen, im Büro der Gemeinde (für die Buchstaben A—H) und in der Turnhalle der Talmud Thora Realschule (I—Z). Mit allen möglichen Mittel hatte man Wahlpropaganda getrieben, von einer Seite sogar leider auch mit „unmöglichen", d. h. häßlichen Mitteln, indem man nämlich armen und bedürftigen Wahlberechtigten in auffallender Weise zu Purim Geschenke gemacht hatte, piobei man dann erfreulicherweise auch manchmal an die verkehrte Adresse gekommen ist. Man sollte aber doch glauben, daß der Grundsatz: „Der Zweck heiligt die Mittel" bei uns Juden verpönt ist. Aus diesem Grunde darf sich die sogenannte agudistische Liste 1. nachträglich noch freuen, keine Listenverbindung mit gewissen anderen Listen eingegangen zu sein. Das endgültige Wahlergebnis, das sehr schwer zu errechnen ist, liegt im Augenblick noch nicht vor. Wie bisher verlautet, hat Liste 1 als sicher 2 Vertreter, nämlich die Herren Oberlehrer Heinemann Schloß und Dr. jur. Alexander Spitzer durchgebracht. Die Achduthentsendet 4, die zionistische Gruppe 3, die Handwerkergruppe 2 und die liberale Partei 10 Vertreter in das neue Repräsentantenkollegium. Doch können noch Aenderungen eintreten, worüber wir dann berichten werden. Bund gesetzestreuer israelitischer Gemeinden Bayerns. München, 22. März. Der Bund gesetzestreuer jüdischer Kultusgemeinden Bayerns versendet nächster Tage an seine Mitgliedsgemeinden und an seine Cinzelmitglieder die schriftliche Bitte um Einzahlung des Mitgliedsbeitrages. Seit dem Jahre 1922 sind Beiträge nicht erhoben erhoben worden. Die Ziele, welche sich der Bund in Bayern gesteckt hat und deren Erreichung den kleineren und mittleren Kultusgemeinden unmittelbar zugute kommen sollen, bringen der jüdischen Allgemeinheit mittelbar Segen, da die Hebung des jüdischen Niveaus gerade auf kleinen Plätzen, was einer näheren Auseinandersetzung und Begründung nicht bedurft mehr wie je Aufgabe der jüdischen Gesamtheit ist. Jeder Jude kann dem Bunde als Mitglied beitreten, jeder bayerische Jude soll ihm beitreten. Je größer die Anzahl der Mitglieder ist, je größer die Beiträge sind und je rascher sie bezahlt werden, desto ausgiebiger können die Leistungen des Bundes sein. Kassierer ist Herr Max Neuberger, Haßfurt. Zahlungen werden am besten an die Bezirkssparkasse Haßfurt zu Gunsten des Kontos des Bundes gesetzestreuer jüdischer Gemeinden Bayerns gerichtet. (Postscheckkonto Nr. 7168 Nürnberg.) Königsberg, 20. März. Die in der Provinz Ostpreußen gelegene jüdische Gemeinde A l l e n st e i n hat einen Beitritt zum Preußischen Landesverband jüdischer Gemeinden abgelehnt. Wie der I. T. A.-Vertreter erfährt, ist die Gemeinde Allenstein die einzige jüdische Gemeinde von einiger Bedeutung in Preußen, die den Beitritt zum Landesverband abgelehnt hat. Dabei sind natürlich jene Gemeinden nicht berücksichtigt, die dem Halber st ädter orthodoxen Verbände angehören. Ablehnung eines völkischen Antrages in Thüringen. Weimar, 19. März. Die völkische Fraktion des thüringischen Landtags hatte vor einiger Zeit bei der Beratung des Kirchenetats im Haushaltausschuh beantragt, daß die für die Landesrabbiner jährlich bereitgestellten 5000 Mark nicht mehr gezahlt werden sollten. Deiser Antrag hatte durch die Unterstützung einiger Rechtsparteien eine Mehrheit im Haushaltsausschuß gefunden. Inzwischen hatten die thüringischen jüdischen Gemeinden eine Klage wegen der nicht erfolgten Weiterzahlung angestrengt. Nunmehr kam die Angelegenheit vor das Plenum des Landtags. Die Demokraten und einige Volksparteiler stimmten für die j Weiterzahlung der Staatszuschüsse an die Rabbiner, die! Völkischen und eine Anzahl Deutschnationale und Landbundmitglieder, stimmten dagegen, währnd sich die ges sanite Linke und ein Teil der Rechtsparteien der Stimme! enthielt. Der völkische Antrag wurde abgelehnt. Die zionistische Wiener Kultusgemeinde. Wien, 20. März. Der Vorstand der Kultusgemeinde hat in einer öffentlichen Plenarsitzung eine Resolution zur Begrüßung der hebräischen Universität in Jerusalem angenommen und bei dieser Gelegenheit 200 Millionen österreichische Kronen für den Keren Hajesod bewilligt. Die orthodoxen Vertreter im Kultusvorstand haben als Zeichen des Protestes vor der Verlesung der Resolution den Sitzungssaal verlassen. Die „Jüdische Presse" in Wien schreibt hierzu folgendes: „Allerdings hätten die orthodoxen Wähler erwartet, daß ihre Vertreter nicht jo überparlamentarisch sich benehmen werden. Es gehört nämlich die Unaufrichtigkeit des Parlamentarismus dazu, gegen eine Handlung, die nicht gerechtfertigt werden kann, die man aber aus gewissen Gründen gewähren lassen muß, durch Absentierung zu protestieren. Es wäre aufrichtiger und ehrlicher gewesen, wenn die Vertreter der Orthodoxie vor der jüdischen Oeffentlichkeit Wiens ihre Bedenken sowohl gegen die Demonstration als auch gegen eine so große Bewilligung für die hebräische Universität in Jerusalem i n mannhaften Worten zum Ausdruck gebracht hätten. Zunächst was die Demonstration betrifft. Man muß nicht gerade ein Gegner der Errichtung einer hebräischen Universität in Jerusalem, ein Feind der auf eine vollkommene Verweltlichung hinstrebendsn Tendenz sein, um die politische Unklugheit zu verurteilen, die in diesen zionistischen Demonstrationen liegt." Das Verhalten der Kultusgemeinde ist um so unbegreiflicher, als man selbst von ernsterer zionistischer Seite in Deutschland die Demonstrationen, mit denen nach berüchtigten Mustern die Eröffnung der Universität zu einem Spektakelstück gemacht wird, lebhaft verurteilt. Die Aguda in Polen und die Pro-Palästina- Konferenz. Warschau, 23. März. Dieser Tage fand eine zweite Sitzung des provisorischen Komitees zur Vorbereitung der Pro-Palästina- Konferenz aller Juden Polens statt. Es erschienen Vertreter vieler jüdischer Organisationen. Im Namen des Obersten Zionistenrates referierte Dr. Gottlieb über Organisation, Charakter und Tagesordnung der Konferenz. Die Vertreter nichtzionistischer Organisationen gaben Erklärungen ab, daß ihre Organisationen an der Konferenz teilnehmen wollen. Seitens des Präsidiums der Aguda in Polen lag ein Schreiben vor, in welchem ausgeführt wird, die Frage der Beteiligung der Aguda in Polen hänge von der Stellungnahme der Weltzentrale der Aguda ab. Solange von dieser keine Instruktionen vorliegen, könne sich die polnische Aguda an der Vorbereitungsarbeit nicht beteiligen.