Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 66 (1925)
- Issue
- Heft 13 (26.3.1925)
- Date
- 1925-03-26
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 Nr. 13 Der Israelit 26. März 1936 raels", „Gott Zebaoth". Dieser Universalismus durchzieht die g a n z e.W eisheitsl i t e r a t u r. Denn es Handelk sich hier nicht um die Nation, sondern um den Einzelmenschen, an den sich die Weisheit wendet. Im Buche Hiob, dieser gewaltigsten Theodicee (Rechtfertigung der göttlichen Weltregierung) aller Zeiten und Völker, tritt als Hauptperson kein Israelit, sondern ein edler Heide auf, an dessen Schicksal die Frage, warum es den Frommen auf Erden oft schlecht geht, erörtert wird. Als im Exil der National gedanke verkörpert gedacht. ^,Der j v e r g e i st i g t wurde, nahm die universelle Aufbemerkt der Talmud in; sassung vom jüdischen Berufe um so greifbarere sinniger Weise (Sanhedrin 38 b) — „kommt ausj Formen an, als durch die beständige Berührung Babel, das Haupt aus dem Lande Israel und; mit den anderen Völkern die Gelegenheit zur Bedie anderen Gliedeer aus den übrigen Län -! stätigung oft eintrat. An zahlreichen Stellen des dern." „Der Staub, aus welchem Adam er-- späteren, talmudischen Schrifttums wird die Leidenszeit unserer Vorfahren in Aegypten ließ in Israel kein anderes Gefühl zurück als die dankbare und mitfühlende Erinnerung an ihre Bedrücker. , Den „Ger" (Fremden) sollst Du nicht kränken oder bedrücken, denn Ihr wißt ja, wie es ihm zu Mute ist, da Ihr selbst Fremdlinge im Lande Aegypten gewesen seid." „Verabscheue nicht den Aegypter, denn Du hast einmal in seinem Lande Gastrecht genossen." Gerade in der Zeit der nationalen Blüte erhielt die universelle Menschheitsidee einen besonderen Schwung. Mit Vorliebe wird diese Idee als schon im ersten Menschen Rumps Adams" — schaffen wurde, ward aus der ganzen Erde zusammengescharrt"; d. h., jeder Mensch gilt nach talmudischer Lehre als gleichberechtigter Erdenbürger, daher kann ihm weder im Leben noch im Tode das Recht auf diel Erde verweigert werden. Wer sich einen Begriff von der universellen, die nationalen Schranken durchbrechenden Stellung der Menschen, vom W e l t e n g o t t' und W e l t e n g e : s e tz verschaffen will, der lese die Psalmen 15, 19 und 145. Er wird dann nicht mehr von der nationalen Beschränktheit Israels, von einer Religion auf „nationaler Basis" reden, sondern die universelle Ethik, die Lehre vom wahrhaft Frommen kennen lernen: Als die alten Kulturvölker noch rücksichtslos gegen alles Fremde wüteten, lud der weife König Salomo alle Völker zum Gebet und Opfer im Tempel ein und flehte Gott um die Erhörung des heidnischen Beters an. Die Propheten wetteifern miteinander, den Priesterberuf Israels im Dienste aller Völker in den herrlichsten Tönen und prächtigsten Farben zu schildern. Jesaja wird nicht müde, ungeachtet der fortwährenden Kämpfe Israels mit mächtigen- Nachbarvölkern die Lehre von der Friedensbotschaft Israels und von der V e r e.i n i gung aller Völker zu einem Gottesvolke zu verkünden. In der zu erhoffenden mefsianifchen Zeit werde Israel mit seinen Erbfeinden Aegypten und Assyrien in Frieden und in der Liebe zu Gott verbunden sein. „Um jene Zeit wird Israel das Dritte sein mit Mizraim und Aschur, ein Segen inmitten der Erde, welche der Herr Zebaoth gesegnet also: gesegnet sei mein Volk Ägypten und meiner Hände Werk Assyrien und mein Erbe Israel (Jefaia 19, 24—25)." Trotz der Zerstörung des ersten Tempels und der Verbannung des jüdischen Volkes durch grausame Barbaren, forderte Jeremia die volle Anerkennung der fremden, heidnischen Regierung und verlangte, daß man für das Wohl derselben mit Gebet und Tat eintreten müsse. Es darf uns daher nicht wundern, daß schon im sechsten vorchristlichen Jahrhundert das universell veranlagte Judentum unter der heidnischen Bevölkerung Persiens und Babyloniens begeisterte Anhänger gefunden hat, wie schon aus Jesaias (Kap. 56) heroorgeht, der Israels Gotteshaus als ein Bethaus für alle Völker preist. Dieses Drängen zum Judentum erreichte allerdings erst zur Zeit der zweiten Tempelzerstörung (70 p. Ehr.) seinen Höhepunkt, als Tausende und Abertausende griechischer und römischer Proselyten (Gerim) für die jüdische Religion gewonnen wurden. Aber schon in der altpalästinensischen Dorfidylle Ruth, welche noch heute an jedem Wochenfeste gelesen wird, finden wir eine ergreifende Schilderung der Liebe und Anhänglichkeit einer m o a b i - tischen Proselytin an das Judentum, wäbrend uns das Buch Jona die wichtige Lehre einprägen will, daß Gott ein Vater nicht bloß der Juden, sondern aller Menschen ist, wie er denn sein Strafurteil über die reuige Heiden st adt Ninive zurücknimmt. In den Sprüchen Salomons sind die Sittenlehren nicht national oder konfessionell gefärbt, sondern rein menschlich dargestellt. Daher finden wir darin nicht Ausdrücke wie „Gott Js- Lehre von der universellen Berufung aller Menschen zum wahren Gottesdienste und zur wahren Sittlichkeit ausgesprochen. (Baba kama 38, Synhedrin 59.) So lesen wir im Sifra c. 18: öffnet die Tore und es komme das gerechte Volk", es heißt nicht: „das Volk Israel", sondern „das gerechte", also jedes Volk, in welchem Gerechtigkeit waltet; ebenso die Schriftworte: „Dies ist das Tor zum Ewigen, Gerechte gehen darin ein", nicht Priester, Lewiten oder Israeliten, sondern Gerechte, auch wenn sie Nichtjuden sind. R. Jochanan lehrt: Wer den Götzendienst ablehnt, der wird Jude genannt. (Megilla 13 a.) Der Zweck der Gesetzgebung auf Sinai — lehren die Rabbiner ausdrücklich — und Momiements-8ebükren füe das zweite llierteljakr 1925. Wir beginnen, Mittwoch, den 1. April mit dem Einzug der Aöonnementsgevüyren für das zweite WierteljaHr 1925 nnd bitten «m prompte Einlösung der Nachnahmen. Verlag des „Israelit" G. m. b. H. des Aufschwunges Israels ist nicht in diesem selbst beschränkt, sondern erst in der ganzen Menschheit erfüllbar. So lehrt der Talmud (Sabbat 86 b.), die Thora wurde in 70 Sprachen offenbart, (d. h. nack damalger Ausdrucksweise „in allen Sprachen der Welt"), damit sie dereinst Gemeingut sämtlicher Erdenvölker werde; oder wie fr' der Tanchuma ausdrückt, (in Debarim): „Gott hat Israel die Lehre gegeben, damit alle Völker durch dieselbe begnadigt werden sollen." Zu dem Thoraworte: „Kinder seid Ihr des Ewigen, Eures Lottes" bemerkt Rabbi Meir: „In jedem Falle", d. h. ob sie sich als Kinder Gottes führen oder nicht, immer sind und bleiben sie Kinder Gottes." (Kiduschin 36 a.) Wenn demnach nichtjüdische Theologen das Kindschaftsverhältnis des Einzelmenschen zu seinem Gott als- „neutestamentliche Lehre" hinsiellen, so müssen wir immer wiederbetonen, daß der volle und wahre Begriff der Gotteskindschaft aller Menschen schon in Bibel und Talmud festverankert ist. Während der Kirchenvater Augustin die Tugenden der Heiden „glänzende Laster" nennt, deutet Rabban Jochana n ben Sakkai den dunklen Vers in den Sprüchen Salomos (14,34) „chesed l'ummim chatoth" im Sinne echter Menschenliebe: „Wie das Sühneopfer Israel sühnt, so sühnt Wohltätigkeit und Milde die Heidenvölker." Sehr feinsinnig ist die Bemerkung von Moritz Lazarus (Ethik des Judentum 1. S. 163), daß es zum besonderen partikularen Gehalt der jüdischen Volksseele gehörte, daß sie von der Verheißung, Hoffnung und Forderung des Universalismus, der allgemein menschlichen Einheit im höchsten Lebensziel erfüllt war; um diesen Vorzug zu pflegen, mußte Israel sich absondern; mit anderen Worten: „Israel mußte partikulariftisch sein, um universalistisch zu werden und zu bleiben." Universalismus und Partikularismus gehen nämlich notwendig zusammen. Ein Blick auf unsere schicksalsreiche Geschichte lehrt uns, daß gerade die Volljuden im edelsten Sinne des Wortes zu allen Zeiten und unter allen Himmelsstrichen volle Hingabe an den Staat, dessen Bürger sie waren und dessen Boden ihre Heimat gewesen, betätigt und an der Förderung seines Heils mitgearbeitet haben. Man denke nur an die Großen unseres Volkes, an einen Nehemja, an Mordechai, an Chisdai ibn Schaprut, Samuel ibn Nagrela und Don Jsaac Abarbanel, die ihren Landesfürsten unschätzbare Dienste geleistet haben. Da es nach jüdischer Auffassung vor allem auf die Betätigung des sittlichen Guten ankommt, mußte die jüdische Ethik ihrer ganzen Anlage nach universell sein. In den jüdischen Sittenvorschriften des Mittelalters wird immer wieder eingeschärft, daß der Jude im Verkehr.mit Nichtjuden derselben Redlichkeit sich befleißigen müsse wie imVerkehrmitJuden. „Fliehet ein Mörder zu Dir" — heißt es im „Buche der Frommen" — ,>so gewähre ihm keinen Schutz, auch wenn er ein Jude ist, begegnet Dir aber auf schmalem, schlechtem Wege ein Lastträger, so mache i h m Platz, auch wenn 'er kein Jude ist." Zwischen Juden und Christen abgeschlossene Verträge mußten von ersteren gewissenhaft erfüllt werden usw. Solche Grundsätze wurden auch in den f i n st e r st e n Zeiten des Mittelalters beobachtet, während gleichzeitig christliche Prediger die Ausrottung der Juden als ein gottgefälliges Werk empfahlen! Gab es doch christlich-deutsche Familien, die sich mit Stolz „Judenbreter", d. h. Judenbrater nannten, weil sie sich nicht wenig darauf einbildeten, Juden verbrannt zu haben!- Allen schweren Prüfungen und unsäglichen Leiden zum Trotze, hat Israel immer die Fahne der allgemeinen Menschenliebe nud - M e n s ch e N v e r b r ü d e r u n g hochgehalten. Obwohl die Juden seit jeher eine Nation mit aller dem Begriffe anhängenden Abgeschlossenheit bildeten, blieben sie doch immer der Idee des U n i v e r s a l i s m u s — der Gle ich h e i t der Pflichte n g e g e n a l l e Menschen — unter allen Völkern am meisten eingedenk. Möge dieser hehre Lichtgedanke auch in Zukunft den Weg unseres Volkes zu dem Ziele erhellen, das uns die Propheten als heiliges Vermächtnis über- ‘ antwortet: Die Aufrichtung und Befestigung der Gottesherrschaft auf' Erden und die Verwirklichung der Ideale der Liebe und Gerechtigkeit unter allen Nationen! Korrespondenzen « ßacftricbie». ■ Deutsche« Reich. Aus dem Etat der Jüdischen Gemeinde (Bon unserem Korrespondenten). Berlin, 22. März. Unter Vorsitz von M. A. L o e b setzte die Repräsentanz heute ihre diesjährige Etatsberatung fort. Herr Benas Levy berichtet zunächst, daß 200000 Mark für das Wohlfahrtsamt frei gemacht worden sind, indem man die Fonds für zu erbauende Synagogen und für anzustellende Rabbiner sowie den Dispositionsfonds einfach gekürzt habe. 20 Millionen Stiftungsgelder seien in der Inflation verloren und zu ihrer Aufwertung noch kein wirksamer Modus gesunden worden. 100 000 Mark seien für den Preußischen Landesverband ausgesetzt. Die Ausgaben betragen 7 582 000, die Einnahmen 2 900 000 und die Sceuer 4 491000, also das Defizit für dieses Jahr 191000 Mark. Es sei jedoch damit zu rechnen, daß die 4% Millionen Steuern nicht mit der wünschenswerten Pünktlichkeit und Vollständigkeit ein gehen. Die Herabsetzung der Platzmieten habe s..., nicht durch-