Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 66 (1925)
- Issue
- Heft 12 (19.3.1925)
- Date
- 1925-03-19
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Kette 6 Nr. 12 Der Isvoeiit und Sokolow, beteiligten sich mit Eifer an den Debatten. Die Sitzungen, die zwei Tage in Anspruch nahmen, waren geschlossen, erst in der letzten Sitzung erhielten die Pressevertreter Zutritt. Zn dieser Sitzung wurde die wichtige Frage der Agunoth (Frauen, deren Männer verschollen sind) behandelt. Beim Warschauer Rabbinat sind allein mehr als 40 Agunoth registriert, deren Männer während des Weltkrieges verschollen und wahrscheinlich umgekommen sind. Mehrere Rabbiner erzählten Fälle aus ihrer Praxis, aus denen zu ersehen ist, daß zahlreiche polnische Juden aus den sranzösischen Schlachtfeldern gefallen find und erst mehrere Jahre später konnten vom französischen Kriegsministerium die gehörigen Unterlagen erhalten werden. Die Rabbiner schilderten die traurige und verzweifelte Lage jener Agunoth, die keinen Beweis über den Tod ihrer Männer erbringen können. Es wurde beschlossen, bei allen Rabbinerämtern in Polen ein spezielles Amt zur Registrierung von Agunoth und zur Herbeischaffung von Informationen zu schaffen. Es kam zum Ausdruck, daß in ganz Polen mehr als 10 000 Agunoth vorhanden sind. Der Rabbinerverband wird sich mit einem Aufruf an die jüdische Bevölkerung und mit einem Trostausruf an die Agunoth wenden. Die Rabbiner im Ausland sollen zur Mitarbeit herangezogen werden, besonders die Rabbiner in Frankreich, Belgien und in der Türkei. Längere Diskussionen riefen hervor die Fragen der Kehillot, der Schechita und der Religionsbefestigung. Der Radziner Rabbi richtete im Namen des erkrankten Rabbi von Viala die Aufforderung an die Konferenz, den unter dem Terror der jüdischen Sektion in Rußland leidenden religiösen Juden zu Hilfe zu kommen. Laut den zuletzt eingetroffenen Nachrichten ist der Terrror so stark, daß man nur unter Todesangst bei mangelhaftem Licht und heruntergelassenen Vorhängen die Kinder in der religiösen Lehre erziehen kann. Der Rabbi von Biala läßt bitten, in allen Orten Gottesdienste für die schwerleidenden Juden Rußlands abzuhalten und eine materielle Aktion einzuleiten, um den Notleidenden zu helfen. Es wurde beschlossen, in der Woche vor dem Schwuoth- Fest eine Landeskonferenz aller Rabbiner der polnischen Republik in Warschau abzuhalten. Hierauf schloß der Vorsitzende, der Rabbi von Ostrowo, die Konferenz. Ein Sieg der Aguda. Lodz, 1. März. In der letzten Sitzung des Kehillorates gelang es den Agudisten, die 14 Mitglieder im Rate haben, Herrn Meier E i s n e r zum Vizepräsidenten zu wählen. Die anderen Parteien suchen aus Aerger über den orthodoxen Sieg die Beschlußfähigkeit des Hauses anzuzweifeln und die Wahl als ungültig zu erklären. Alinsker Schochetim-Prozetz. M i n f k, 10. März. Drei Schächter, Zaitfchik, Rappaport und Swerzhanowsky wurden beschuldigt, ein Mordkomplott gegen den „proletarischen Schochet" Drojkin, gejcymiedet zu haben. Nach langen Verhandlungen wurde am Donnerstag, den 5. März, das Urteil gefällt. Alle drei Angeklagten wurden für schuldig befunden, aber nicht des gleichen Delikts. Zaitfchik wurde für schuldig erklärt, einen Bolschewisten, genannt „H a m a n" - W e i n h a u s , aufgefordert zu haben, Drojkin zu ermorden. Das Urteil gegen Zaitfchik lautete auf drei Jahre Gefängnis. Rappaport wurde für schuldig befunden, ein Komplott geschmiedet zu haben, um Drojkin auf Grund falscher Beschuldigungen ins Gefängnis und in die Verbannung zu bringen. Das Urteil gegen Rappaport lautete auf drei Jahre Gefängnis. Wegen des gleichen Delikts wurde Swerzhanowsky zu zwei Jahren Gefängnis verurteilt. Die Untersuchungshaft seit 5. Januar wird in die Strafe eingerechnet. Nach Verkündung des Urteils applaudierte der mit den Kommunisten sympathisierende Teil der Zuhörerschaft. Unter den jüdisch-religiösen Kreisen der Stadt Minsk hat das Urteil Bestürzung heroorgerufen, da man nach den wenig positiven Ergebnissen der Verhandlung auf einen Akt von Religionsverfolgung schließen muß. Litauen« Die Zrvangssonnlagsruhe in Kraft. K o w n o, 8. März. Der Jpnenminister erließ eine Verordnung an die ^reischefs betreffend die Durchführung der Zwangssonntagsruhe in Litauen. Paragraph 4 des Gesetzes wird dahin kommentiert, daß die Arbeitsruhevorschriften für Handelsunternehmungen, Fabriken usw. für solche Handwerker die nicht an öffentlichen Plätzen arbeiten und deren Beschäftigung keinen Unternehmer- oder Fabrikscharakter tragen, keine Gültigkeit haben. Das heißt also, daß Handwerker, die in ihrer Privatwohnung bestellte Arbeiten ausführen, auch Sonntags arbeiten dürfen. Sumanten* Der Sabbat in den rumänischen Schulen. Bukarest, 12.'März. Der Unterrichtsminister Angnelescu erließ ein zweites Zirkular an die Leiter der Volksschulen, indem nochmals darauf hingewiesen wird, daß in Schulen mit einer Mehrheit von jüdischen Schülern der Unterricht an den Sabbattagen auszufallen hat. Im Zirkular, wird betont, daß die gleiche in einem früheren Zirkular ergangene Weisung von vielen Schulleitern nicht befolgt worden ist. (I. T. A.) Explosion in einer Synagoge in Transsylvanien. Wien, 8. März. Die Synagoge der Stadt Salojkraszns in Transsylvanien wurde am 3. März durch eine Gasexplosion vollkommen vernichtet. Das Gebäude samt Inneneinrichtung brannte bis auf den Grund ab. Nur Sie Thorarollen konnten gerettet werden. Der Synagogendiener und einige Andächtige erlitten schwere Brandwunden und ringen mit dem Tode. Die Aerzte geben keine Hoffnung, daß man sie am Leben erhalten kann. (I. T. A.) RirAk atth. Jüdische Erfolge bei den Rigaer Zladtratwahlen. Riga, 8. März. Die Wahlen in die Stadtverordnetensammlung der Hauptstadt Lettlands haben einen bemerkenswerten Erfolg der jüdischen Stimmen erbracht, der sich zu gleicher Zeit auch als ein demokratischer Erfolg auswirkt. Sowohl in der allgemeinen, wie in der jüdischen Wählerschaft. ist eine entschiedene Linksschwenkung zu verzeichnen. Die jüdischen Wähler, die in verschiedene Parteien geteilt waren, haben insgesamt 8 Sitze errungen; in der bisherigen Stadtduma betrug die Zahl der jüdischen Sitze bloß 5. Die Wahlen erbrachten die weitere bemerkenswerte Tatsache, daß die Zahl der Juden in Lettland in den letzten Jahren im allgemeinen stark angewachsen ist. Während man vor zwei Jahren die Zahl der Juden in Riga auf etwa 30 000 geschätzt hat, ergaben die Wahlen laut Scyätzung eine jüdische Einwohnerschaft von etwa 38 000 bis 40 000. Nimmt man diese Zahl als Grundlage für das ganze Land, so leben jetzt in Lettland nicht weniger als 120 000 Juden. Die Zahl der Mandate verteilt sich auf die jüdischen Parteien wie folgt: Der sozialistische „Bund" errang ein Mandat auf der Liste; ein zweites Mandat fällt ihm auf Grund des mit den lettischen Sozialdemokraten geschlossenen technischen Blocks zu. Zwei Mandate errangen die Zeire-Zion-Hitachdut; der jüdische Block errang vier. Schweiz. Die Kalenderreform und der Sabbat. Zürich, 1. März. Herr Oberrabbiner Dr. Lkwenstein sprach am Samstag abend nach seiner Rückkehr von Genf über die Kalenderreform. In großangelegten Ausführungen entwickelte der Redner zunächst die Entstehung und die Grundlage des gegenwärtigen Kalendersystems und knüpfte daran eine Uebersicht über die Beschwerden, die hauptsächlich aus der kaufmännischen Welt gegen dieses System geltend gemacht worden sind. Das vom Völkerbund zur Prüfung der verschiedenen Beschwerden eingesetzte Studienkomitee hat bereits gründliche Arbeit geleistet. Gegen die Einlegung von Blankotagen, die eine Verschiebung des Sabbats in jedem Jahre auf einen anderen Wochentag zur Folge hätten, haben außer den Juden auch die Kalvinisten Verwahrung eingelegt, und die holländische Regierung hat auf diese Schwierigkeiten auch in offizieller Form das Komitee aufmerksam gemacht. Der Redner berichtete alsdann eingehend über die Tätigkeit der jüdischen Delegierten in Gens und schloß 19 März 1R25 mit der Hoffnung, daß.in dem Kampfe d§r idealen Gesichtspunkte^ welche die Vertreter des uralten Sabbats geltend machen, mit der rein materialistischen Orientierung der Reformsreunde dem Geiste der Sieg überdie Materie beschieden sein werde. Das Sabbalgefeh in Tel Abiv. Jaffa, 9. März. Im Stadtrat von Tel Abiv gelangte vor zwei Jahren eine Kommunalverordnung über Sabbatruhe auf die Tagesordnung. Monate lang hatte diese Fragen die Gemüter aufgeregt. Oberrabbiner Kuk weilte einen Sabbat in Tel Abiv und gab sich alle Mühe, den.Stadtrat zu bewegen, daß die Verbindlichkeit des thoragebotenen Sabbat für das jüdische Stadtgebiet von Tel Abiv im Kommunalgesetz statuiert werde. Die langwierigen, aufregenden Verhandlungen führten: zu einem Kompromiß. Der Sabbatparagraph spricht von der Heiligkeit des- Sabbats, nicht aber von einem religionsgesetzlichen Sabbat. Man erinnert sich noch, mit welchem Jubel die Sabbatbotschaft von Tel Abiv nach allen .Weltenden hinaustelegraphiert wurde. Dr. Eh. Weizmann befand sich damals in Amerika. Die Stadt Tel Abiv stand von dem Abschluß einer großen Anleihe. Die Zeitungen brachten Telegramme und Artikel, daß auch Tel Abiv dem Oberrabbiner Kuk bezw. dem heiligen Sabbat den Zehngebote beigepflichtet habe. Die öffentlichen Sabbatentweihungen haben seither ungeheure Dimensionen angenommen und haben dazu geführt, daß die Sabbatfreunde, die im Austrage des Vereins „Mifchmeret Haschabbat" durch sanftmütiges Zureden die öffentlichen Sabbatschändungen verhindern wollten, von der jüdischen Stadtpolizei in flagranti ertappt und infolgedessen als öffentliche Ruhestörer verhaftet wurden. Die Angelegenheit gelangte bis zum Gouverneur von Jaffa, der vom Stadtrat eine zuständige Interpretation des Sabbätgesetzes einforderte. Auf die Schaaloh des Gouverneurs, was denn eigentlich am Sabbat verboten sei, antworteten die kommunalen Gesetzeshüter: Der Sabbat sei ein Ruhetag, an welchem öffentliche ' Arbeiten und Oeffnen der Geschäfte verboten sei. Diese amtliche Interpretation der „Keduschat Haschabbat" hat begreifticyerweise in allen thoratreuen Kreisen allgemeine Erbitterung, ausgelöst. Es kam auch zu schärfsten Protestkundgebungen, an denen auch die Oberrabbiner Aronsohn und. Usiel sich beteiligten. Die Protestversammlung fordert vom Stadtrat, daß auch allerlei Arbeit und Handel,. Reisen in Wagen oder Automobil, Bedienung der Fahrzeuge, Zigarettenrauchen und dergl. im öffentlichen Stadtgebiet von Tel Abiv als verboten gelten sollen. Die Versammlung hofft, daß der Stadtrat von Tel Abiv eine befriedigende Gesetzesänderung vornehmem wird. ilinerila. Eine Muflerinsiitukion. New York, 1. März. Entgegen einer früheren Mitteilung im „Israelit"^ aus der man entnehmen könnte, daß fast alle jüdischen. Institutionen in Amerika unrituell geführt weöden, wirduns von zuverlässiger Seite berichtet, daß dem G. s. D. nicht so sei. So wird das Waisenhaus in Ponkers bei New York rühmend hervorgehoben, das.300 Knaben eine streng fromme Erziehung und gründlichen jüdischen Unterricht bietet und mit seinen Kaschrusoerhältnissen wie mit seiner ganzen Führung auch -derartigen Institutionen in Deutschland als Muster gelten könnte. Die Anstalt hat eine eigene Synagoge, und ostjüdische Lehrer arbeiten mit voller Hingebung, die Kinder in das jüdische Wy,en, von Olefbeth bis Gemoro, einzuführen und sie zu thoratreuen Jehudim heranzuziehen. Große Verdienste erwarben sich für das Gedeihen des Hauses der erste Präsident, Richter Aron L i w a i, ebenso der Vizepräsident Abraham Lu in. Die Anstalt erfreut sich des vollsten Vertrauens in allen gesetzestreuen Kreisen. Tragödie jüdischer Wanderer. New Port, 6. März. Am 4. März trafen hier Nachrichten über ein furchtbares Los, das mehrere jüdische Amerika-Wanderer betroffen hat, ein. Die Nachrichten haben in der amerikanischen jüdischen Oeffentlichkeit einen niederschlagenden Eindruck gemacht. Dese Eimigranten ließen sich durch Schmuggler dazu verleiten, auf illegalem Wege in die