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Der Israelit · 1925-03-19 · Heft 12 (19.3.1925) · page 4

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Journal
Der Israelit
Volume
66 (1925)
Issue
Heft 12 (19.3.1925)
Date
1925-03-19
Page
– (sequence 4)
Language
German
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gffte 4 Nr. i2 _ _ Der Israelit 19. März 1875 und' unvergleichbar jenem anderen Garten der Semiramis, achtes Wunderwerk der Welt", wohin der junge, von dem angeblichen „Gezückte" der Halacha'betäubte Talmudschüler floh, um sich an der blühenden Agada zu erfrischen, „wo die schönen alten Sagen, Engelmärchen und Legenden, stille Märtyrerhistorien, Festgesänge, Weisheitssprüche" rauschen. Das Judentum ist eben die wunderbare Vereinigung, die s ch ö p f e - rische Synthese zweier scheinbarer Gegensätze: die national-partikularistrsche Richtung iäuft mit der menschheitlich-universalistischen parallel. Keine Religion hat ihren Bekennern ein so unterscheidendes nationales Gepräge gegeben, wie die israelitische. Ihr Siegel hat sie uns aüfgedrückt auf das Haupt, auf den Arm, auf die Pfosten der Tür, auf den Tisch, an dem sich die Familienmitglieder zum Mahle sammeln. Daraus wollten Bosheit und Unvernunft die Berechtigung ableiten, den Vorwurf der Engherzigkeit, der nationalen Vefchränkheit gegen uns zu erheben. Allein dieser Geist der nationalen und religiösen Abgrenzung muß bis zu einem gewissen Grade jeder Nation und jeder Gemeinschaft innewohnen, wenn anders sie sich nicht selbst aufgeben will. Nur im Rtzjche der Engel kann eine jeder konkreten Form entkleidete, reine Idee existieren. Der Glaube muß sich mit der bestimmten Eigenart eines Volkes oder einer Gemeinschaft verbinden, um existenzfähig zu sein. Wie unentbehrlich ist aber diese Beschränkung für das Priestervolk, das die höchsten Ideen der Menschheit mitten in deren Entartung rein zu erhalten hatte. Darum machte das nationale Moment dem Juden die persönliche Absonderung vom Fremden zur Pflicht. Gebote und Verbote sollten den Verkehr mit den Fremden erschweren, darin lag aber niemals ein Akt der Feindseligkeit gegen andere Völker. Denn schon ein alter Erklärer macht daraus aufmerksam, daß es im 3. Buch Moses /20, 26 und Jalkut zur Stelle) heißt: „Ich habe euch geschieden von den Völkern, damit ihr mir — Gott — angehört." „E u ch habe ich geschieden won den Völkern", aber nicht die Völker von Euch geschieden, Euch habe ich besondere Satzungen und Pflichten auferlegt, die jene nicht belästigen und beschweren, für Euch aber notwendig sind, damit Euer Glaube seine Reinheit sich bewahre und nicht getrübt werde." Kein Volk war daher in einem so hohen Grade national, wie das jüdische, kein Volk wie Israel hatte einen so hohen Sinn für nationale Absonderung. Die Alten sagen: Gott sprach: vns '121 abisn nns rnnjn ’juv'sw, Israel hat mit dem Begriff der göttlichen Einig-Einzigkeit auch den Begriff der nationalen Einheit und Einzigkeit gewissermaßen geschaffen, also den „Grundbegriff der Nation" zuerst erdacht. Schon in den ältesten Zeiten mußte Israel zu seiner S e l b st - behauptung in bewußter Absonderung von den anderen Völkern seine nationale Eigenart hüten und gegen jede Verwässerung und Verfälschung verteidigen. So steht also der Anfang der Religion Israels unter dem Zeichen einer scharf ausgeprägten Sonderart, eines Partikularismus, der jedoch von der Verheißung und Hoffnung und Forderung des Univerfalism u s> des allgemein menschlichen Lebenszieles, erfüllt war. August Wünsche, der verstorbene evangelische Theologe und Talmudkenner, hat schon darauf hingewiesen, daß der große Plato in seiner „Republik" zwar auch einen I d e a l st 0 a t entworfen hat, daß aber darin die Idee des biblischen Universal i s m u s fehlt. Denn nach dem platonischen Universalstaate stehen Griechen und Nichtgriechen ununterbrochen im Kampfe einander feindlich gegenüber. Daß die Wahrung und Pflege der nationalen Sonderart in Israel keine völkerfeindliche Tendenz hatte, zeigt schon der Anfang von Israels Religionsgeschichte: Abraham, unser erster Stammvater, mußte mit seiner ganzen Vergangenheit brechen und abseits von der Heeresstraße der heidnischen Völker einsam den ihm von Gott vorgezeichneten Weg nationaler Selbstständigkeit und volkstümlicher Eigenart wandeln, damit „durch ihn alle Geschlechter der Erde ge-. segnet werden", und die Thora deutet seinen Namen dahin, daß er der „Vater der Völkerfülle" sei. Um diese unendlich schwierige' Aufgabe zu erfüllen, mußte Israel jahrhundertelang an seiner nationalen Konsolidierung arbeiten. Wie die Propheten die Trennung von den heidnischen Nachbarvölkern forderten, so errichteten die Träger der mündlichen Lehre den ro „den Zaun um die Thora." Keine Religion hat eine so fein ausgebildete, bis in die kleinsten Details gehende Gesetzesverfassung, keine besitzt für jede Lebenslage so viele Ritual-, Sitten- und Staatgesetze, wie die jüdische. Keine Gemeinschaft ist so reich, an twa „Zäunen", an „Zäunen um Zäune" wie die jüdische. Und Klatzkin hat Recht, wenn er behauptet, daß „sich keine Religion mit der jüdischen an Kraft der Bindung und Geltung messen könne." Gerade dieser Strenge des Gesetzes, dieser sogenannten Starrheit der Ueberlieferung haben wir die Erhaltung der jüdischen Religion zu verdanken. nun vn^ N2NN 'p'B'? ns msi1? rrapn N2N N18Q1, „Gott wollte Israel rein erhalten, für seinen unvergleichlichen Beruf ertüchtigen, der darin gipfelt, den Völkern voranzuleuchten und am Altar des Rechts und der Gerechtigkeit den heiligen Dienst zu versehen. Darum diese Fülle von Sitten, Zeremonien, Gebräuchen, diese einzigartige Gesetzesversassung, die zugleich der Ausdruck und der schützende Träger der reinen Gottesidee war und diese vor Trübungen bewahrte. Die zahlreichen Gebote (msa) und frommen Hebungen, die sich um Israels inneres Geistesleben wie eine schirmende Decke legten, bewirkten, daß die darunter liegenden Gedanken bis auf den heutigen Tag nicht verloren gegangen sind. Diese nationale „Einstellung" war zur Reinhaltung des Judentums in den Stürmen der Jahrtausende unbedingt erforderlich, aber es war keine Absonderung aus Stolz, Nationaldünkel oder Feindschaft gegen die nichtjüdische Welt, denn „segulloh" heißt ja nicht, daß Gott keinem anderen Volke als Israel angehört, sondern, daß dies Volk keinem anderen Gotte angehören, kein anderes Wesen als seinen Gott anerkennen solle. (Vergl. Hirsch, Neunzehn Briefe S. 77.) Wie es eine Torheit ist, von einem „jüdischen Nationalgott" zu sprechen, der es nur mit Israel hält, alle anderen Völker aber von sich weist, so ist es einfach lächerlich, dem Judentums nationale Engherzigkeit vorzuwerfen. Die Thora scheut sich nicht, mit bemerkenswerter Offenheit uns zu erzählen, daß der größte Mann, den JsrGl hervorgebracht hat, unser Lehrer Moses, seines Lebensrettung einem fremden Weibe, der ägyptischen Königstochter, zu verdanken hat und zu seiner hghen Stellung erst dann berufen worden ist, als er sich der fremden Töchter gegen gewalttätige Hirten angenommen hatte. Oder zeugt es von nationalem Dünkel, daß unsere Religion nicht ausschließlich ihren Bekennern die himmlische Seligkeit zugesprochen hat, sondern auch allen guten Menschen anderer Konfessionen? (Schluß folgt.) Korrespondenzen IMconcMe* Deutsche? Reieh Antisemitischer Auftakt zu der Präsidentenwahl. Berlin, 12. März. Nach vielfachen Anzeichen zu schließen, gedenkt die Deutschnationale Volkspartei, die bei den verflossenen. Reichstags- und Landtagswahlen zum ersten Mal parteioffiziell antisemitische Losungen ausgab, auch bei der kommenden Wahl des Reichspräsidenten das antisemitische Moment hervorzukehren. Die deutschnationale „Weimarische Zeitung" schreibt z. B.: „Reichstagspräsident Lobe verzichtet auf die ihm ernstlich angebotene Kandidatur, angeblich weil er sich nicht fähig und würdig genug fühlt, einen Ebert zu ersetzen, in ÄZirklichkeil zweifellos deshalb, weil die Sozialdemokratie den Weg freimachen will für die Kandidatur Marx. Möglich lst daneben auch, daß das in der Sozialdemokratie fest verankerte internationale Judentum doch die Zeit noch nicht für gekommen hält/ einen der ihrigen ungestraft an die höchste Stelle des Deutschen Reiches setzen zu können." Dazu schreibt die „Vossische Zeitung": „Den Abonnenten dieses nationalistischen Blattes wird also — ganz zweifellos wider besseres Wissen — der Reichstags-^ Präsident Lobe als Jude vorgestellt. Er wird es mit Würde zu tragen wissen. Das Ganze ist nichts als ein völkischer Auftakt zu den Wahlen. Man darf sich auf eine Schmutzkampagne ersten Ranges gefaßt machen. (Siehe auch Wochenrundschau.) 1 Arbeitsgemeinschaft für Wanderfürsorge und Arbeitsnachweis. B e r l i n, 13. März. Die Zentralwohlfahrtsstelle der deutschen Juden schreibt uns: Zur Neuregelung der durch den Krieg und die folgenden Jahre völlig in ihrer Grundlage veränderten sozialen Fragen haben sich in der letzten Zeit neue Arbeitsgemeinschaften gebildet. Die Wanderfürsorge wurde in die Hände eines Ausschusses gelegt, dem die Zentralwohlfahrtsstelle der deutschen Juden, das Jüdische Arbeiterfürsorgeamt und die auch bereits vor dem Kriege tätige Zentrale für Wander-Armenfürsorge angehören. Die neue Arbeitsgelneinfchast hat ihre Tätigkeit bereits ausgenommen und wird bemüht sein, die Wanderfürsorge im ganzen Reich den Anforderungen neuzeitlicher sozialer Fürsorge ent. sprechend zu regeln. Zur Vereinheitlichung des jüdischen Arbeitsnachweis- Wesens wurde gleichfalls eine Arbeitsgemeinschaft gebildet, zu der die Zentralwohlfahrtsstelle der deutschen Juden, das Arbeiterfürsorgeamt, der Jüdische Frauenbund und die Großloge für Deutschland Vertreter entsenden werden. Breslauer Brief. Nach den Wahlen. — Der Kampf um die Gemeindeaufstchi im jüdischen Krankenhaus. (Bon unserem Korresvondenten.) Breslau, 3. März. Für den Eingeweihten bedeutet das hiesige Ergebnis der Wahlen zum Preußenverband, welches gegenüber 6 Liberalen und 2 Volksparteilern den Konservativen mit knapper Not 2 Sitze einbrachte» keine Ueberraschung. Wenn sonst Wahlrecht als Wahlpflicht proklamiert wird und dies in jüdischen Angelegenheiten erst recht gilt, so würde der Entschluß, an den Wahlen teilzunehmen, dem an der Realisation eines wahren jüdischen Programms Interessierten recht schwer gemacht. Der „Förderungsverein", welcher weniger bekannt ist durch eine klare pofsitive Einstellung, als dadurch, daß seine führenden Mitglieder seit langer Zeit Gemeindeämter bekleiden, hielt sich für berufen, ohne Mitwirkung der positiven Organisationen, wie Aguda, Misrachi, Achdus und Achawoh, einen Wahlausschuß und eine Kandidatenliste auszustellen. Allerdings hatte der Misrachi, wie überall so auch hier, durch gemeinsames Vorgehen mit den Zionisten die immerhin möglich gewesene Einheitsfront der Gesetzestreuen zuerst gesprengt. Sieht man von dem wohl allen genehmen Spitzenkandidaten ab, so mußte sich bei Vielen berechtigter Zweifel regen, ob die Aufstellung eines ganz einseitig zusammengesetzten Wahlausschusses oder von im jüdischen öffentlichen Leben im Thorasinne nicht ganz bewährten Persönlichkeiten geeignet war, das Vertrauen aller hierfür in Frage kommenden Wählerschichten zu erringen. Während man einem von einer der genannten Organisationen zu präsentierenden Kandidaten einen Platz an aussichtsreicher Stelle verweigerte, konnte eine Frau ganz im Gegensatz zu dem Vorgehen des Berliner konservativen Wahlausschusses den vierten Platz einnehmen, trotzdem oder weil sie anderweits auf der Liste der Mittelpartei stand. Hierzu kam die etwas verwischte Stellungnahme gegenüber den Ostjuden und der jüdischen Schule im Wahlaufruf, so daß für viele Gesetzestreue, wenn sie sich überhaupt an der Wahl beteiligten, die konservative Liste neben der der Volkspartei nur die Bedeutung des kleineren Uebels hatte. Hieran .konnte auch die Tatsache nichts ändern, daß man Herren, die wohl mancher der genannten Organisationen genehm waren, der Liste anhängte — allerdings gegen ihren ausdrückliche^. Willen—

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