Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1925-03-05 · Heft 10 (5.3.1925) · page 12

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
66 (1925)
Issue
Heft 10 (5.3.1925)
Date
1925-03-05
Page
– (sequence 12)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/2446951-2450337-2450347--71992-2529324
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Seite 14 Nr 10 5 I füllt von Soldaten, die tranken und Karten spielten. Kaum erblickten sie Chajm Jossel, so standen sie alle erschrocken auf, grüßten stramm und ehrerbietig und ließen Trank und Spiel im Stich. Ein höherer Eisenbahnbeamter kam und bat Chajim Jossel unter vielen Bücklingen, sich doch in die erste Klasse zu begeben, Chajm Josse! folgte stumm in den Prunksalon der ersten Klasse. Dort sah er, heute zum erstenmal, einen Spiegel. Wer stand da drinnen? Er erschrak und machte eine Verbeugung, aber der Mann drinnen machte die Verbeugung mit. Sein Spiegelbild konnte es nicht sein, denn der Mann im Spiegel hatte Generalsuniform mit Epauletten und vielen Orden an, eine Kappe auf mit breitem, rotem Streifen und großer Kokarde. Was war das nur? .... Endlich ging Chajm Jossel Schnipke ein ßid)t auf: „Daß der Teufel den Portier hole. Ich sagte ihm, er sollte mich, Chajm Jossel Schnipke wecken, und er, der.Esel, hat gar den General geweckt! ." Als er ins Hotel zurückkam, um sich seine jüdischen Kleider zu holen, schnarchte der General und gurgelte noch und gab Töne und Drohungen von sich wie zuvor. Er hatte weder Kommen noch Gehen des Chelmer Kollegen bemerkt. Nach Warschau kam Chajm Jossel Schnipke nicht wieder. Verstellung. (Ein Halbernstes Fastnachtsgespräch.) Ich sah dieses Jahr die Fastnacht nur von der Rückseite. In später Abendstunde des Fastnachtdienstag geriet ich an der Hauptwache mitten in eine wütende Pritschenschlacht, wobei es mir vorkam, als wäre jeder und jede aus innerem Zwange eifrig bestrebt, eine Art papierene „Hofchano" auf den Rücken des Nebenmenschen mit größter „Kawono" abzuklopfen.Ich hatte zufällig eine kleine Gemoro in der Hand und konnte damit — ein schönes Symbol — manchen drohenden Schlag abwehren. Ich sah die Fastnacht noch in anderem Sinne von ihrer Kehrseite. Als ich am Mittwochmorgen, — es war Rösch Chaudesch, und die Anderen nannten es Aschermittwoch (bei uns folgt auf die Purimmegilloh kein Aschermittwoch, sondern ein „Ascher Heni") — in aller Frühe die Treppe hinuntereilte, um noch rechtzeitig zur Synagoge zu gelangen, mußte ich auf den untersten Stufen in weitem Vogen gewissen Spuren ausweichen, die man wortwörtlich als die Kehrseite der Faschingsfreuden ansprechen konnte,.Unter den Herrschaften und dienenden Geistern des Hauses, die oben in den Mansardenräumen ihr Nachtquartier haben, gab es wohl welche, die Spuren zeigten es, denen die Fastnacht, als sie gegen Morgen heimtorkelten, buchstäblich zum Halse hinauswuchs. Auf der Hanauer Landstraße, unweit der Friedberger Anlage stieß ich auf wilden Lärm, Lachen und Heulen von Leuten, bei denen heute die Frage: „N o ch oder schon betrunken?" gegenstandlos war. Alles, Kostüm, Haltung und Rede deuteten auf das „noch". Ich betete leise, wie ich es allmorgendlich auf diesem Gange tue, die vorgeschriebenen Vorgebete: „Es sei der Wille vor Dir, Gott, mein Gott und Gott meiner Väter, daß Du mich bewahrst heute und alle Tage usw. vor bösem B e g e g n i s und verderblichem Hindernis.' Ein Freund mit gleichem Ziele wie ich trat mir an die Seite und wußte mir einiges zu erzählen. „Die kommen vom Bürgerball im Zoologischen Garten," sagte er eingeweiht, „wo es freilich nicht sehr bürgerlich zuging," setzte er noch eingeweihter zu. Und er berichtete so anschaulich, als wäre er selbst mit dabei gewesen. Da sah man Masken, Kostüme in allen Farben und Stoffen, und — in gar keinen Farben und gar keinen Stoffen.Man sah eine Dame, deren ganzes Kostüm fast nur in einem knallroten Zylinderhut und noch etwas dazu bestand. Und eine, die sich trotz allem und allem langweilte, soll in ihrem Unmut gesagt haben: „Wenn es so weiter geht, dann gehe ich nach Hause, ziehe mich an und gehe zu Bett. ..." Man sah überall, wohin man blickte, nur Hosenrollen, alle knapp und eng bemessen. Nicht die Rollen natürlich, die bis zum grauen Morgen dauerten. „Und," darauf lief das Ganze hinaus, „es waren zum guten Teil unsere Leute, Mädchen und noch mehr Frauen, die zu den Frommen zählen." Was ich darauf erwiderte, war ungefähr folgendes: „Sie übertreiben, mein Herr, wenn Sie sagen, zum guten Teile. Aber es ist schon schmerzlich genug, wenn i ir einer oder zwei darunter waren, die sich aus irgend einem unerfindlichen Grunde zu den Frommen zählen. Diese Wenigen denken aber ganz logisch und vernunftgerecht: Wenn ein Fest der V e r ste l l u n g gefeiert wird, dann gehören w i r in erster Reihe dazu. . . . Der Israelit 5. März 1925 Und der wahre Mummenschanz beginnt für diese Leute erst nach der Demaskierung. Darum fei es nicht richtig, von „unseren Leuten" und )on den „Frommen" zu sprechen. Mein Nebenmann erwiderte kaum ein Wort. Vielleicht verstand er mich auch gar nicht. Vielleicht aber fühlte er sich gar betroffen. . . Was kann man wissen?! Wir kamen natürlich dadurch nach Beginn. Und als wir in das Gotteshaus traten, betete gerade die Gemeinde: „Und der Vorzug des Menschen vor dem Vieh ist nichts, denn alles ist eitel. Allein wir, Dein Volk, die Söhne Deines Bundes, die Söhne von Abraham, Jsak und Jacob,-Heil uns, wie gut ist unser Anteil, wie lieblich unser Los und wie schön unser Erbe! Heil uns, die wir früh und abends anstimmen und sagen dürfen zweimal im Tage, Schemah Jisroel! . . . ." Pnrim-A>iekdo*en. Adam ist am Purim erschaffen worden. . . . In einer jüdischen Gemeinde mar die Rabbinerstelle zu besetzen. Keiner von den Bewerbern fand Gunst in den Augen des Parnes, der wiewohl von krasser Unwissenheit, sich für einen großen Gelehrten hielt und die Rabbiner mit blöden Fragen prüfte, die sie nicht befriedigend beantworten konnten. Nur einem Rabbiner, der nicht einmal zu den größten gehörte, gelang es, dem Ignoranten zu imponieren und feine Gunst zu gewinnen, jodaß er die Stelle auch erhielt. Freunde fragten den Rabbiner, wie das gegangen war. Der Rabbi antwortete lachend: „Er stellte an mich die Frage, an welchem Jomtow der erste Adam geschaffen wurde, und ich sagte prompt: am Purim. Das gefiel ihm außerordentlich." „Wieso?" fragten die Freunde. „Ich hatte die Situation gleich erfaßt," antwortete der kluge Rabbi. „Dieser unwissende Mensch hat wohl eine schlecht gedruckte jüdisch-deutsche Chümisch-Uebersetzung, in der geschrieben steht: „Gott Hot erschaffen den Menschen in seinem Furm." (Form) Auf irgend eine Weise war unter das Refch ein Pünktchen hinzugekommen, und er las und verstand, Gott habe den Menschen am Purim geschaffen. Wenn's gegen die Juden geht. Im Osten ist es üblich, W a j f o f o , den letzten der zehn Söhne Hamans, als Prototyp aller Tölpel dahinzustellen, so wie Dalfon das Musterbild eines Bettlers und Schnorrers ist. Man ruft sich dort in beleidigender Weise das Wort „Wajsoso" zu, wie anderswo „Schaute" oder „Schlemihl" und „Dalfon" im Sinne von Habenichts. Dieses muß vorausgeschickt werden, um folgende Anekdote verständlich zu machen: Nach Midrasch wurden die zehn Söhne Hamans deswegen aufgehängt, weil sie dem Vater den Rat gegeben, alle Juden umzubringen und außerdem jeder von ihnen je tausend K i k a r zu den zehntausend Kikar, die sich Haman kosten lassen wollte, beigetragen hatte. Nun entsteht doch die schwere Frage: Wie kann Wajsoso, der doch ein ausgemachter Narr ist. einen Ratschlag gegeben haben, und woher soll Dalfon, dieser Bettler und Schnorrer, tausend Kkiar herbekommen haben. Antwort: Wenn es gegen die Juden geht, ist W a j - soso ein großer Chochom und Dalfon wirft mit Tausenden um sich. Nicht immer gilks. Ein östliches Sprichwort lautet: ..Was der Nüchterne hat auf der Lung, das hat der Schikker auf der Zung." lDem Sinne nach dem Ausspruche entsprechend: Der Betrunkene plaudert es nur aus. . . .) In Woloschin hatte einmal der ..Purimrebbe" sich an Bosheiten gegen Rabbi Naftali Berlin etwas über das Maß des Gegebenen geleistet. Von Gewissensbissen geplagt, besuchte am Schuschan-Purim der Bachur den Rabbi, bat ihn um Verzeihung und sagte, der Rabbi möge doch nicht nach dem Grundsätze: „Was der Nüchterne hätte auf der Lunge usw.etwa glauben, daß es ihm gestern mit seinen Angriffen irgendwie ernst gewesen wäre. „Ich habe keinen Augenblick daran gedacht, bei Dir diesen Grundsatz anzuwenden," sagte der Rabbi lachend; ..denn nicht immer kann dieser gelten. Beispiel: Ein Metzger schlachtet einen Ochsen und lebt in Angst und Bangen, es könnte bei der Untersuchung etwas an der Lunge nicht in Ordnung sein, der Ochse würde trefa sein, und er, der Metzger, würde großen Schaden erleiden. Warum führt der Metzger nicht dem Ochsen ein Quantum Banntwein zu, damit sich dieser einen Rausch antrinkt und alle Defekte der Lunge offensichtlich auf die Zunge treten? Ganz einfach: Weil bei einem Ochsen dieser Grundsatz keine Anwendung findet." Purim-Aphorismen. Kleine Kinder denken an Haman, wenn sie ihn schlagen dürfen, Erwachsene, wenn sie von ihm geschlagen werden. Früher mußte es ein großer Haman sein, um Juden drangsalieren zu können, heute kann es auch jeder kleine Haman. * Haman stürzte, da er mit den Juden anfing, heute verdankt Haman zumeist seinen Aufstieg dem Judenhaß. Wnrim-K'herrien. Nach den Untersuchungen der modernen Bibelwissenschast bat sich ergeben, daß das ruchlose Akten-- tat, da- Bigthon und Seresch auf den König beabsichtigten. darin bestand, daß sie eine Blitzlichtausnahme von ihm zu machen gedachten...... (was bekanntlich leicht eine Panik Hervorrufen kann...) naw nrn?an“bK ^ban yx 821 Herr Weizmann im Berliner Auswärtigen Amt.... •.maab im mn ara Das palästinensische Gemeindegesek. Etwas von der Ueberorganisation und Titelsucht im .... . alten Persien: Das „Weltdirektorium": W2211VNNN und die „allweltliche Zentrale": mriBm und das „Landeskommissariat": ri^'nan-'-nVl : vm mb •»«■yi Was man von Herrn Naumann (Heil!): nicht behaupten kann.... na *jban rnrna So fragen die Frankfurter nicht mit Unrecht! .... M. N. Von Unwissenden und Ungelehrten. Der Bart macht es nicht. Zwei Jünger sind im Lehrhaus wegen eines schwierigen Problems im Talmud hart aneinander gerateil. Da tritt ein langbärtiger, würdiger Mann ins. Lehrhaus, und die Jünger, im Glauben, einen großen Gelehrten vor sich zu haben, stürzen aus ihn zu, daß er die Entscheidung treffe, wer recht von ihnen hatte. Der Fremde setzte umständlich die Hornbrille auf der Nase zurecht, nahm eine Prise, nieste, sah sich die Stelle in Raschi genau an, zog vielsagend am Barte und sagte: „Bevor ich, liebe Kinder, euere Kaschje beantworte, muß ich eine schwere Kaschje an euch stellen. Wie ist es nur möglich, diese kleinen schwarzen Punkte ohne Vokale zu lesen und sich darin zurecht zu finden? . . . ." Chajim, der Gabbe, nahm sich von den armen Gästen, die am Freitagabend in der Synagoge auf Einladungen warteten, den Mann mit dem längsten schönsten Barte mit nach Hause und freute sich schon im Voraus auf die schönen Thorawörtchen, die er und seine Kinder heute abend zu hören bekommen würden. Nachdem der Fremde reichlich und in allen Ehren bewirtet worden war, bat ihn der Hausherr, er möchte doch nun ein paar Thoraworte sagen. „Thoraworte?" wunderte sich der Gast, „ich kann nicht lernen." „Und haben einen so langen, schönen Bart?!" „Es ist, verstehen Sie mich wohl, kein Lernbart, es ist nur ein S ch n o r r b a r t. . . ." So sind die Juden. Ein jüdischer Dorfwirt, bei dem sich die Reisenden für die weitere Reise mit allem Möglichen einzudecken pflegten, kam in die jüdische Buchhandlung der Großstadt und sagte: „Alle Welt fragt bei mir nach M i s r a ch. Ich führte bis jetzt den Artikel nicht, man sagte mir aber, er sei hier bei Ihnen zu haben." Der Buchhändler, ein kluger Mann, der die Situation gleich erfaßte, packte ihm gleich ein Dutzend Misrachbilder gegen gutes Geld ein und riet dem Dorfmann, eines davon an die Ostwand zu hängen. Nach mehreren-Wochen erschien der Biedere wieder in der Buchhandlung und klagte: „Wie ich noch kein Misrach hatte, schrie alle Welt bei mir: Wo ist Misrach? Nun, da ich eins hängen habe, fragt keine Menschenseele mehr danach. So sind die Jiden immer." Ein schöner Wunsch. Scholem und Gimpel waren Geschäftsfreunde. Schalem war ein ausgemachter Amhoorez, Gimpel dagegen ein wenig thorakundig. In einem Geschäftsbrief, den Gimpel an seinen Freund Scholem absandte, be. fand sich der schone Schlußsatz in Anspielung auf den Namen des Adressaten: „Ubechen ato Scholaum uwescho Scholaum ufw." Scholem wollte mit seinen Kenntnissen nicht zurückstehen, und so schloß er den Brief, den er nun als Antwort an Gimpel abfaßte, mit dem folgenden Segenswunsche: „Ubechen ato Gimpel uwescho Gimpel wchaul afcher lchol Gimpel, Hafchem jeworech es amo be Gimpel." * * * Früh übt sich .... Ein unwissender Dorfschenker hatte einen Hauslehrer für seinen kongenialen Sohn angestellt. Wie der Hausherr eiyes Tages ins Lernzimmer kam, fand er den Lehrer gerade dabei, wie er mit seinem Schüler das Kaddifchgebet übte. Verwundert und erschrocken fuhr der Wirt den Melamed an, wie er dazu komme, schon zu seinen Lebzeiten mit seinem Sohne Kaddisch zu lernen. „Keine Angst," tröstete der Lehrer, „bis der das Kaddisch erlernt hat, werden Sie hundertundzwanzig Jahre ali."

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.