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Der Israelit · 1925-03-05 · Heft 10 (5.3.1925) · page 13

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
66 (1925)
Issue
Heft 10 (5.3.1925)
Date
1925-03-05
Page
– (sequence 13)
Language
German
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KT Der Israelit Hl io 1025 Die Messiasbraut. Die Geschichte einer verlorenen Hoffnung. Bon S. Schachaowltz. (Fortsetzung.) Der „heilige Montag" brach an. Schon mit Anbruch der vorangehenden Nacht hatte alles auf der Insel Festkleider angelegt. Mannsgroße Wachskerzen brannten von Abend bis zum Abend in jedermanns Quartier. Männer und Frauen hatten am Sonntag mehrere vorgeschriebene Reinigungsbäder im Meere genommen. Alles war hochgestimmt und gespannt. Im Saale des Schlosses, der als Bethaus diente, brannten alle Kandelaber auch am Tage, und Sabbatai, ganz in weißen Atlas angetan, saß auf einem verzierten und mit allerlei Tand geschmückten Poduim, das einen goldenen Thron darstellte. Man sang Psalmen und eigene Gebete und las alle Sätze aus Thora, Propheten und Sohar, die irgend Bezug auf Messias und Erlösung hatten. So oft Sabbatai die vier Buchstaben des heiligen Namens aussprach, fiel alles auf den Boden mit einem brausenden „Gelobt der Name der Ehre seines Reiches für immer und ewig! . . Da der Saal die Fülle der Menschen nicht fassen konnte, drängten sich die Andächtigen in den Vorhöfen und Gärten. Man öffnete weit die Tore des Schlosses, daß nachts ein Lichtschimmer in die Versammlung draußen drang. Denn das Entzünden von Lichtern und Lampions war in dieser Nacht verboten. Es war „Sabbat aller Sabbate." Die gemeinsame Festandacht am Montag vormittag ging mit gesteigertem Schwung und neuem Feuer unter Posaunenschall und Saitenspiel vor sich. Der Ernst nahm aber mit dem sinkenden Tage zusehends ab und ging allgemach in lose heitere Stimmung über. Beim Tanze mit den Thorarollen ertönten fröhliche Lieder. Wie sich die Sonne senkte, waren in und um das Schloß herum riesige Tische gedeckt zum gemeinsamen Mahl, das schon tags zuvor von fleißigen Frauenhänden bis ins kleinste gerichtet und zubereitet war. Heute am Heiligen Montage, am „Sabbat aller Sabbate" durfte keine Arbeit verrichtet werden. Weihe des Versöhnungstages paarte sich mit der Heiterkeit des „Festes der Thorafreude", am Montag, dem siebenten Tag nach der ersten Erleuchtung und messianischen Berufung Sabbatai Zewis. ... In den kleinen Hafen fuhr zu dieser Stunde ein Schiss ein, dem heute nur Wenige entstiegen. Zwei hochgewachsene, schwarzbärtige Männer in langen, schwarzen Atlaskaftanen mit Zobelmützen auf dem Haupte gingen ans Land und wunderten sich über die Ruhe und Stille am Hafen. Man sah keinen Juden, und keiner kümmerte sich um sie, keiner war da, um ihnen bei der Landung behilflich zu sein und an ihrem Gepäck mit Hand anzulegen. „Ob wir wohl auf der richtigen Insel sind"? zweifelte der Aeltere. Es war Jesaja, der Sohn des Rabbi David Halwi, des „Tas", und Enkel des Rabbi Joel Sirkes, des „Vach". „Hier scheint mir alles wie ausgestorben", meinte auch der anderes, Löb Herz, ein Schwager des Jesajas.! „Sind wir auf Abydos?" erkundigten sie sich noch einmal bei einem daherkommenden Matrosen. „Es ist Abydos, die Residenz Eures Messiaskönigs", sagte der- Matrose nicht ohne Ehrfurcht. Die einfachen rauhen Menschen waren ein wenig stolz auf ihre begnadete Insel. „Wo sind aber die Juden?" „Sie haben heute ihren Heiligen Sabbat und sind beim Gebete versammelt." Die beiden Fremden lachten laut und sehr amüsiert über die Unwissenden. Es war Montag und er sprach vom heiligen Sabbat. Da sie nun den Mastbaum mit dem jüdischen Banner erblickten, fühlten sie sich angeheimelt und gingen aus dem ihnen von Matrosen gewiesenen Wege weiter landeinwärts, bis sie, von den Zinnen und Fahnen geleitet und dem Festtrubel angelockt, vor dem Schlosse standen. Sie horchten eine Weile still und ließen die ersten Eindrücke aus sich einwirken. Was war das? Hatten sie, wie der Wüstenwanderer im Tlamud, die Zeitrechnung verloren und wußten nicht, daß heute heiliger Sabbat war? . . . Der große Rabbi Sirkes war tot, und sein Schwiegersohn, Rabbi David Lewi, der Verfasser des „Ture Sohow", bereits ein Greis, hatte jetzt die Führung der polnischen Judenheit. Von der Not ausgerieben und von den Messiasberichten aus dem Orient bis ins Innerste aufgewühlt, lebte Polens Judenheit wie im Fieber. Die letzten Berichte und Dekrete über die Aufhebung von Fasttagen wirkten auf die Alten wie ein kalter Strahl. Die Jungen aber gingen mit und waren bereit, noch weiter zu gehen. Ihrer viele eilten sogar schon den Dingen voraus.Massen waren auf dem Wege. Und zwischen Furcht und Hoffnung drohte eine Zerreißung des jüdischen Volkskörpers in dem Lande, das die meisten J:<- den beherrbergte. Rabbi Sirkes war gestorben, ohne zur Klarheit und Gewißheit über die Sache zu gelangen. Rabbi Halevi wollte sich aber die Gewißheit verschaffen und schickte seinen Sohn Jesaja und seinen Schwiegersohn Löb Herz nach Abydos zu Sabbatai, daß sie mit eigenen Augen sahen und prüften und ihm alles berichteten. So standen nun die beiden Männer, die die Hoffnung und das Zittern, von Millionen im Polenlande in sich trugen, vor den geschlossenen Pforten der Burg, auf deren Dach eine Fahne mit dem stolzen Worte „Migdol Os" wehte, und wurden von den Hütern nicht hereingelassen. Noch hatten sie keine Ligitimatron von Jachini und Primo, die allein die Türen zu Sabbatai und seinem Kreise öffnete. „Wir sind Abgesandte aus Polen," baten sie „und eigens hergekommen mit hohen Aufträgen in wichtiger Mission." Die Diener gaben es weiter, und es kamen einige Juden heraus, die die Fremden, welche mit dem Staub des Weges auf den Füßen, mit Sack und Pack dastanden, mit erstaunten, ja feindlichen Blicken musterten. „Ihr habt es gewagt, heute am heiligen Tage, am Sabbat der Sabbate, hier zu landen, Einkäufe zu machen und Last zu tragen?" Verwirrt hörten die Boten die Worte und Vorwürfe an, ohne deren Sinn zu verstehen. Inzwischen kamen noch andere Männer heraus, es war schon ein ganzer Hausen, und es fehlte nicht viel, daß sich die Eiferer auf die „Kofrim", die fremden Leugner, gestürzt und ihnen gezeigt hätten, daß man nicht ungestraft Sabbatai und feine Verordnungen verhöhne und den heiligen Sabbat verletzte. Auf einen solchen Empfang hatten sich die Sendboten aus Polen nicht eingerichtet. Zum Glück für sie hatte sich drinnen die Kunde von ihrer Ankunft und ihrer Mission fortgepflanzt bis zum Throne Sabbatais und zu dem Tische Jachinis und Primos. Mit seiner eigenen Fassungsgabe hätte der kluge Jachini die Situation sofort erfaßt und kam noch zur richtigen Minute heraus, um die Wütenden von den beiden Männern zu trennen. Es setzte ein kurzes Verhör ein. „Habt Ihr von unserem neuen Sabbat nichts gewußt und ist die Bekanntmachung in Euer Heimatland nicht gelangt?" „Wir wußten nichts und wissen eben noch nicht recht was uns geschehen und um was es geht," entschuldigte sich Jesaja. „Es sind gut fünf Wochen her, daß wir Lemberg verließen und wir hielten uns zur Beschaffung der nötigen Papiere auch in Wien auf. Von diesem Feste und seinen Vorschriften hat uns keiner etwas gesagt." Jachini prüfte die Papiere, insbesondere die Empfehlungsschreiben der ersten Rabbiner von Polen, an ihrer Spitze des Rabbi Dawid Halevi,. und sein Gesicht leuchtete in der Vorfreude der neuen Eroberungen hell auf. Die Türen des Schlosses öffneten sich weit vor den beiden Gästen, die bald ihren Ehrenplatz an der Festtafel einnahmen. Sie saßen still da, verständnislos, teilnahmslos, wollten nur sehen und hören. Am folgenden Tage hatten sie aber eine stille Aussprache mit Sabbatai selbst. Sabbatai, von Jachini genügend vorbereitet, empfing die beiden Männer, von deren Berichten in der Heimat so ungeheuer viel abhing, mit ungewöhnlicher Wärme. Sie sprachen klar und offen und ließen ruhig und sachlich alle ihre Bedenken und die der großen Rabbis in Polen unumwunden zum Ausdruck kommen. Sabbatai beantwortete die Frageri nur im allgemeinen und verwies in allem anderen auf feine Mitarbeiter, auf die er vertrauen konnte. Jachini und Primo ließen die polnischen Gäste nicht mehr aus den Augen und das ganze Leben in den folgenden Tagen auf Abydos war nur auf den Eindruck auf Polen angelegt. Man tat sich auch etwas mehr Zwang an bei den Festveranstaltungen und vermied möglichst alles, was gegen überliefertes Gesetz und Sitte verstieß.- Nach den Sendboten aus Polen war die Reihe an den Holländern, an Jfak N a a r und seinen Freunden, vor dem Messias zu erscheinen und sein Antlitz zu schauen. Naar taute nicht auf, seitdem er auf Abydos war. Aller Prunk und Festesrausch rief nur die Bilder von Leid und Jammer in seiner Erinnerung wach. Er blieb bei all dem Jubel, in den unhörbar das Zittern und weinende Hoffen der Tausende aus seiner Seele hineinschrie, traurig und in schwere Gedanken versunken. Er mußte schwer mit sich ringen, die starken Eindrücke, die ihn wie mit Sturmgewalt hertrieben, hier in nächster Nähe seines Ideals noch aufrecht zu erhalten, indes sich Pereyra ganz dem Trubel hingab und sich von der Welle der Freude und Begeisterung tragen und schaukeln ließ und Benedito de Castro vollends feine eigenen Wege ging. Auf diese Audienz hatte Naar die letzte Hoffnung gesetzt, an ihr hing alles. Sein Herz pochte hörbar. Er stand von seinen Freunden allein vor Sabbatai. Sabbatai, beim Empfang der polnischen Gäste eitel Liebe und Zuvorkommenheit, saß jetzt wieder fest im Sattel. Holland war erobertes Gebiet und es galt nur, den Messias in seinem ganze Glanze zu zeigen. „Meiner Hände Werk ertrinkt im Meere und Ihr singt Lieder . . . ." weinte Naar zu Füßen Sabbatais mit einem Talmudzitate. „Dort waren es die ägyptischen Verfolger, die des Herrn Mitleid erregten, hier aber unser Volk, unsere Brüder, die Ihr geweckt, gerufen.Sie ertrinken in einem Meere von Blut und Tränen, hier aber ertönen Sang und Klang, Halle! -und Festlieder." (Fortsetzung folgt.)

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