Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 66 (1925)
- Issue
- Heft 10 (5.3.1925)
- Date
- 1925-03-05
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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Der Israelit Nr. 10 Seile 13 8. März 1928 scheulich. Das kommt gewöhnlich davon, wenn' man Kinder überall zuhören läßt, wo sie nichts zu -tun haben, Kinder, sollen bescheiden sein. Du kennst auch den Levi von Brinsheim. Als der so ein halbwüchsiger Junge war, da konnte ihm keiner fromm genug sein. Die Kinder verklatschte er beim Lehrer, wenn sie in der Synagoge einmal aus der Tefillah schauten, und über die Erwachsenen wußte er auch immer zu räsonnieren. Sein Vater verzog da immer mit einem breiten Lächeln seinen Mund, als ob er sagen wollte: „Ja, mein Jung, der ist mehr als ihr alle, der gibts euch richtig." Und gerade dieser Mensch wurde der erste Entweiher des heiligen Schabbos in der ganzen Gegend. Für die Lina ist es jetzt Zeit, das Stricken zu lernen. Wenn die Leute sagen, daß heutzutage Kinder das nicht mehr lernen müßten, weil man fertige Strümpfe billig kaufen kann, so ist dies dummes Zeug. Und wenn man sie geschenkt erhält, — trotzdem müssen Kinder das Stricken und später auch andere Handarbeiten lernen, weil sie sonst an Müßigang gewöhnt werden. Oder kannst Du Dir vorstellen, daß. abends die Frauen und Mädchen beisammen sitzen und sich unterhalten und Romane lesen und die Hände dabei in den Schoß legen? Das gäbe eine schöne Zucht! Wenn wir als Kinder einmal etwas der Großmutter zu sagen hatten und dabei die Arbeit, solange wir mit ihr redeten, sinken ließen, sagte sie regelmäßig: „Die Händ' können doch dabei gehen." Die fleißigsten Frauenzimmer sind gewöhnlich die brävsten. Da hat gestern unser Vater einen Brief aus Berlin bekommen. Er soll schreiben, wieviel Familien in der hiesigen Gemeinde unterstützt werden (weil er doch der Parnes ist). Da hat er zuerst eine „1" gemacht. Nachher sehe ich, wie er sie durchstreicht und „45" hinschreibt. Ich frage: „Was fällt dir ein? Die ganze Kehille hat 46 Familien, wenn man alle Witwen und ledigen Personen mitrechnet." Da lachte er und sagte: „Das stimmt, Frau Kultusvorsteherin. Und wer genießt Wohltätigkeit?" „Nur die Hanna," antwortete ich. Da lacht der Vater noch mehr und sagt: „Das habe ich auch zuerst gemeint und darum eine „1" geschrieben. Es stimmt aber nicht! Wenn die Frau Löb auf Pesach krank wird und in der größten Verlegenheit ist, wer ihren Haushalt versorgt, wen holt der Mann? Die Hanna. Und wenn eine Brismilo bei Kaufmanns ist und man jemand braucht, um die Wöchnerin zu pflegen und die Mahlzeit zu kochen, wer muß herbei: Die Hanna. Wenn einem — Gott behüte — etwas fehlt und der Doktor nicht bald zur Stelle ist, da wird die Hanna gerufen. Zu Freud und Leid, bei Tag und Nacht, für Groß und Klein braucht man die Hanna. Keine Familie ist hier, der sie noch nicht gedient hat. Also ist die Hanna die Wohltäterin, und wir anderen sind die Unterstützten." Hat der Vater nicht recht? So soll er seinen Humor behalten bis 120 Jahr, und Ihr sollt ihm, will's Gott, immer Freude machen. Gute Woche und gut Jahr! Deine treue Mutter. (Fortsetzung folgt.) Nurim-KeLlllge zu Nr. 10 des „Israelit". Wie ein Chelmer General wurde. Chajm Jossel Schnipke, dem es in Ehelm herzlich schlecht ging, beschloß, nach der großen Stadt Warschau auszuwandern, um sich dort eine neue Existenz zu suchen. Gelernt hatte er zwar nichts. Aber in Warschau, so dachte er, wo so viele Menschen leben und essen, wird sich auch schon für mich noch etwas finden. So schnürte Chajm Jossel Schnipke sein Ränzlein, packte Tallis- und Tefillinbeutel ein, nahm feierlich Abschied von Weib und Kind wie von allen Freunden und Bekannten und trat, von guten Wünschen begleitet, den Weg nach Warschau an. Verwirrt vom Getriebe und Gewimmel der Großstadtstraße, schlenderte Chajm Jossel Schnipke den ganzen Tag einher, ohne etwas zu finden, ohne daß ihn jemand beachtete. Als der Abend herankam, dachte er, wo er in der fremden, großen Stadt die Nacht schlafen sollte. Er fragte in einem Gasthof und in einem anderen an, aber überall hieß es, es sei alles besetzt und belegt. Schon glaubte er, auf der Straße schlafen zu müssen, als ihm in einem Gasthof Hilfe wurde. Der Wirt sagte ihm, ein Zimmer sei nicht mehr frei, doch logiere in einem geräumigen Zimmer im ersten Stock, in dem zwei Betten stehen, ein General, der nür das eine Bettinne hätte, während das andere leer stände. Der General, so sagte der Wirt, sei sinnlos betrunken heimgekommen und würde wohl in den ersten zwölf Stunden seinen Rausch nicht ausgeschlafen haben. Wenn er, Chajm Jossel Schnipke, sich nun ins andere Bett zur Ruhe begebe und morgens zeitig wieder aufstehe, so würde der General nicht das geringste davon gemerkt haben. Aber, so fügte der Wirt hinzu, er müsse es auf eigene Gefahr tun. Wehe ihm, wenn der General wider Erwarten ddch nachts aufwache und einen Juden neben sich entdecke. Chajm Jossels Leben wäre dann, keinen Pfifferling mehr wert.— In seiner Not ging der Chelmer darauf ein und machte noch aus,daß er noch) vovsTatz gewHkt wewe. Sa tzr Mn Licht anmachen durfte, um kein Geräusch zu veranlassen und die Aufmerksamkeit des hohen Zimmernachbars nicht auf sich zu lenken, tastete er sich an das ihm bezeichnete Bett heran, warf leise die Kleider von sich ab und legte sich zur Ruhe. Wie er nun im warmen Bette lag, bekam er es aber doch mit der Angst zu tun. Er wagte kaum zu atmen. Der Schläfer daneben schnarchte und gurgelte wie ein geschlachteter Ochse und gab Töne und Drohungen von sich, die Chajm Jossel erzittern machten. Wehe, wenn er auswacht. mußte er immer denken, mein armes Weib, meine unschuldigen Kinder. Er bereute schon, dies gefährliche Bett genommen zu haben, getraute aber auch nicht, sich zu entfernen. Jeden Augenblick schien es ihm, als würde jetzt der General aufwachen und sich mit blutunterlaufenen Augen und blankem Säbel auf ihn stürzen. So verging Stunde um Stunde für den Armen. Auch die Enttäuschung über Warschau, wo es die Menschen alle so eilig haben und keiner Zeit hatte, sich mit ihm ein wenig auszusprechen, gesellte sich hinzu. Heimweh nach Haus und Familie, nach dem schönen Chelm, daSi.er -isher noch nie Elasten harte, stellte sich ein. „Was habe ich hier verloren?", so fragte er sich und beschloß, noch ehe der Morgen gekommen, wieder die Stadt zu verlassen, die ihm in den wenigen Stunden nur Angst und Aufregung gebracht hatte. Dabei schlief er ein. Gegen Morgen weckte ihn leise der Portier. Da er kein Licht w machen durste, tastete er sich leise aus dem Bett nach seinen Kleidern. Auf dem Boden lagen sie umher. Sie schienen ihm aus einmal so schwer. Aber er hatte nicht viel Zeit zu verlieren, warf sich aufgeregt in die Hose, zog rasch Weste und Rock an, setzte die Kappe aus, machte ganz leise die Türe auf und lief, so rasch er laufen konnte, die Treppe hinunter, mit einem Dankgefühl gegen Gott, daß er nun der Stätte der Gefahr entronnen war. Es fiel ihm auf, daß die Hausdiener unten bei seinem Anblicke sich respektvoll aufstellten und ihm ehrerbietig die Türe aufmachten. Er dachte nicht lange darüber nach und lief weiter, an die Bahn. Um die Ecke kam ein kleiner Trupp Soldaten, geführt von einem Unteroffizier. Er hörte, wie der Unteroffizier den Soldaten etwas laut zurief und sich alle in Positur stellten und im Chore grüßten. Es schien ihm, als wäre die Ehrung für ihn gedacht und konnte sich das nicht recht erklären. Aber weiter, dachte er, immer weiter an die Bahn, hinaus aus dieser komischen Stadt. Es kamen noch mehr Soldaten, Schutzleute, Offiziere, Beamte des Weges, die alle die Hacken zusammenschlugen, stramm stehen blieben und die Rechte zur Mütze hoben. Unverständlich dachte Chajm Jossel Schnipke, gestern schimpfen sie einem Jud nach, und heute , erweisen sie ihm die höchsten Ehren als wäre er König. Wer wird klug aus diesem verrückten Warschau? Immerhin eine schönere Stadt als Chelm, dachte er. Und wenn schon ein Jude hier so geehrt wird, so wäre es vielleicht am besten, er hole sich Frau und Kinder aus dem finsteren Chelm und schlage seinen Wohnsitz hier auf. Ja die Juden Chelms könnten ja allesamt Herkommen und sich hier auf der Straße begrüßen lasten, statt dort von betrunkenen Soldaten beschimpft und geschlagen zu werden. . Mit diesem Gedanken gelangte Chajm Jossel Schnipke auf den Bahnhof und trat, da noch reichlich Zeit war, in den Wartesaal dritter Klasse. Der Saal war in Rauchqualm gehüllt und über- Mordechai und Esther vor Ahasveros. Nach einem Oelgemälde von Benjamin Piins.