Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 66 (1925)
- Issue
- Heft 10 (5.3.1925)
- Date
- 1925-03-05
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 Nr. 10 Wochenrundschau. Ein Trauert»^ des deutschen Volkes. Am nationalen Feiertag, eingesetzt zum Gedenken an die für Deutschlands Ehre Gefallenen, stand das deutsche Volk an der Bahre seines ersten Präsidenten. Die Trauer war so ehrlich und aufrichtig, wie man sie kaum beim Tode eines Führers erlebt hat, und galt gewiß nicht allein dem Repräsentanten des deutschen Volkes, dem Repräsentanten des neuen republikanischen Deutschland, sondern in erster Reihe dem. Menschen Friedrich Ebert, dessen Charakterbild von der Parteien Haß und Hader nicht verzerrt werden konnte. Wenn wir als deutsche Juden noch insbesondere eine Träne des Gedenkens und des letzten Dankes dem ersten Präsidenten der deutschen Republik widmen, so geschieht es aus dem Grunde, weil es für uns in dieser Zeit besondere Beruhigung war, einen festen Steuermann am Ruder zu wissen, der das Reichsschiff durch alle wogenden Fluten und wilden Brandungen hindurch mit festem, sicherem Kurse zu führen vermochte. Ein Mann, der sich von unten herauf bis an die erste Spitze gearbeitet hat, nicht allein kraft seiner hohen Intelligenz, sondern seines sittlichen Wollens, seines goldreinen Charakters, war Friedrich Ebert. Von einer Partei kommend, der der Klassenkampf gewiß nicht fremd ist, hat er sich doch auf verantwortungsvollem Posten zu einer Höhe emporgeschwungen, unter welcher alles kleinliche Klassen- und Parteiinteresse tief unten blieb, und hatte seine Partei mit hinaufgezogen. Von Marx bis Bebel lag schon ein ansehnlicher Weg, von Bebel bis Ebert hat die Sozialdemokratie, begünstigt von neuen Zeitumständen, ihre Umrangierung vom toten Geleise der unfruchtbaren Opposition in das der produktiven, staatsbauenden Arbeit vollzogen, was natürlich nicht ohne innere Läuterung, ohne starke Absonderung von Schlacken an Menschen und Ideen vor sich ging. Und noch etwas: In einer Zeit, da die große politische Phrase herrscht und die demagogische Geste als prophetische Eingebung gefeiert wird (siehe Hitler), zu einer Zeit, da Männer einzig von der Welle des Rassenhasses an die politische Oberfläche des politischen Lebens getragen werden und sich das Wort des Klagepropheten erfüllt wm*? mx vn, zu einer D? r? 6 r q f I i! solchen Zeit sahen wir einen Mann, der sich lediglich mit seinen geistigen und sittlichen Qualitäten, mit seinen auf Liebe und Frieden gerichteten Ideen den Weg aus der Niederung bis zur höchsten Höhe gebahnt hat, und sagten uns: in ihrem inneren Kern sei die deutsche Nation trotz allem und allem gesund, solange sie in solchem Manne ihren Vertreter, den Träger ihrer Ideale, ihres Volksganzen sieht. Jene von der Zeit und ihren Wehen emporgetragenen Volkstribunen aber spiegeln nicht des Volkes Geist und des Volkes Willen wider, sie repräsentieren nur die Verirrung und Verwirrung, die in Zeiten des Ueberganges, und vollziehe sich der Genesungsprozeß noch so befriedigend, nicht fehlen dürfen. Nun ist Friedrich Ebert, kaum auf der Höhe seines Lebens angelangt, gegangen. Auch dieser schwere Schlag sollte Deutschland nicht erspart blewen. Am Tage, der ohnehin der stillen Besinnung unö Einkehr gewidmet war, lag Friedrich "Ebert vor seinem Volke, das er geliebt und geleitet, aufgebahrt. Als wollte er mit seinem Tode dem großen Gedenken erst den richtigen Sinn geben. Vielleicht kommt das deutsche Volk angesichts des großen Toten endlich zur vollen Besinnung, zur Selbsteinkehr, zur Einsicht, auf welchem Geleise sein Glück und seine Zukunft, seine Ruhe und seine Wohlfahrt liegen und es verliert die Hassessaat — der Haß wird nie verstummen aus dem Munde derer, die vom Haffe leben — ihre Wirkung, dieweil sie keinen fruchtbaren Boden im Herzen des Volkes mehr findet. Es ist dies ungefähr das letzte Vermächtnis des ersten Reichspräsidenten, und daß es erfüllt wird, wollen wir mit allen, die es gut meinen mit ihrem deutschen Vaterlande, hoffen. Eine faseistische Internutinnalo. Der F a s z i s m u s hatte bisher in seiner Heimat unter der italienischen Sonne nichts mit Antisemitismus zu tun. Als die Herren Völkischen in Bayern Herrn Mussolini als den ihrigen in Anspruch nehmen wollten, bedankte sich dieser für die Ehre und erklärte in einem Gespräche mit dem Oberrabbiner von Rom, daß seine Partei nie einen Kurs gegen die Juden genommen hätte, noch nehmen werde. Es scheint aber nun damit anders zu werden, und das wäre höchlichst zu bedauern. Wie aus Rom gemeldet wird, nahm der Großrat der faszistischen Partei, der am 16. Februar seine außerordentliche Tagung begann, einen Beschluß an, eine Internationale Vereinigung mit allen nationalistischen Bewegungen, die ähnliche Ziele wie die Faszisten verfolgen, zu schaffen. Der Großrat stimmte zu, daß die nationalistischen Parteien in Spanien, r>. März 1925 die Erwachenden Magyaren Ungarns, die royalistisch-antisemitifchen Kreise Frankreichs, die sich um die „Aktion Francaife" gruppieren, der faszistischen Internationale angehören sollen. Ueber die Zugehörigkeit der hakenkreuzlerischen Verbände in Deutschland und Oesterreich zur neuen Internationale wurde nicht gesprochen. Das Verhältnis zwischen den italienischen und den deutschen Faszisten hat sich während der Verfolgungen des deutschen Schulwesens in Südtirol durch die faszistischen Behörden verschärft. Doch weiß man, daß trotzdem einflußreiche hakenkreuzlerische Gruppierungen den Anschluß an die faszistttche Internationale suchen. Es heißt aber, daß Mussolini persönlich ein Gegner des Zusammenschlusses mit dem deutschen Hakenkreuzlertum ist. Die italienische Regierungspresse begrüßt aber die Beschlüsse des faszistischen Großrates und teilt mit, die faszistische Internationale werde den Antiklerikalismus und den jüdischen Kapitalismus scharf bekämpfen. Das jüdische Nationalheim. Eine Buchbesprechung von Rabbiner K. Korovicz in Kranlrfurt a. W. In rascher Folge seiner belehrenden Schriften über Wesen und Inhalt des historischen Judentums hat Dr. Jsaac Breuer unter obigem Titel*) ein neues Buch veröffentlicht, das in klarer, logischer, zwingender und überzeugender Dar- Darstellung, die Bedeutung und Entwickelung des^ gpoßen, zeitgeschichtlichen Geschehens, welches die Judenheit der ganzen Erde mit größtem Interesse erfüllt, behandelt. In der Einleitung wird zunächst konstatiert, daß der Völkerbundsrat trotz kritischer Beurteilung mancher Vorgänge, mit großer Befriedigung von den erfreulichen Fortschritten in Palästina, Kenntnis genommen und mit großer Einmütigkeit dem Hochkommissar den Dank des Rats ausgesprochen hat. Verfasser geht dann über auf das Hauptthema des „jüdischen Nationalheims" in feiner staatsrechtlichen Auswirkung, sowohl in Palästina als auch in den Ländern der Diaspora. Diese historisch-politischen Ausführungen sind auch als Illustration zu den jüngst stattgefundenen jüdischen Wahlkämpfen in Deutschland aktuell und lehrreich. In Palästina ist die jüdische Nation Staatsnation, ganz wie die arabische Nation. Das Baseler Programm von der Schaffung einer öffentlich-rechtlich gesicherten Heimstätte — darüber muß man sich klar sein — ist buchstäblich *) Breuer, „Das jüdische Nationalheim". 115 Seiten. Verlag von I. Kauffmann, Frankfurt a. M. Eine Pnrimvetrachtnng Von Rabbiner Dr. IN. Lewin. inirr mun, das einzige biblische Buch, in dem der Name Gottes nicht zu lesen ist, ist in seinem ganzen Ausbau, die wundersamste Verherrlichung des Gottesgedankens. Ohne daß hier irgendwie Gott redend oder handelnd eingeführt wird, zeigt sich seine Hand wirksam am Webestuhl der Geschehnisse und leuchtet allenthalben das lichtvolle Walten der göttlichen Vorsehung. So wird dieses kleine Buch, dessen Verlesung unserm a-i-a den Stempel besonderer Weihe aufdückt und das Wesen unseres Festes deutlich veranschaulicht, zum Verkünder der alten, ewig neuen Wahrheit: -s?- «bi mr rch rrj „Siehe, nicht schlummert und nicht schläft der Hüter Israels!" — Dieses Pfalmwort, das den Schlüssel zum Verständnis unserer Vergangenheit, unserer Geschichte, die ihresgleichen sucht, bietet und in allen Nöten und Drangsalen uns der beste Hoffnungsänker bleibt, führt der Midrasch dort an, wo wir am Höhepunkt der Estererzählung stehen, wo lallt, eindringlich und klangvoll die Entscheidung vorbereitend, das Wort verkündet wird: 1 -n rjavnrn xvn rmto. „In jener Nacht wich der Schlaf des Königs", — d-o^i-o^i ms **ii "#— n33 »rriT" rirr .irriD n"3?n „Der Himmel", so merken hier ■euer die Lehrer an, „der Thron Gottes wurde schüttert. da der Heilige Israel in Not sah." — Nicht durch Wunder, nicht unter Aushebung der Naturgesetzte dokumentiert sich in der Purimgeschichte die göttliche Allmacht und Güte, — vielmehr löst sich alles im natürlichen Verlauf der Dinge, mit der ehernen Notwendigkeit, die Wirkung und Folge aus der Ursache hervorströmen läßt. Gott erwählt sich eben die Mittel und Zwecke, die er seinem Willen gefügig macht und in den Bereich seiner Gedanken und Absichten zwingt. Israels Sinn und Bestand ist ein einziges großes unendliches Wunder, das wn ihm zeugt, „der nicht schläft und nicht schlummert" md immer von neuem zur Wahrheit werden' läßt: i-yrn rr vo l'O'i ini^m n-n -na „Eine Grube höhlte er und grub sie aus, da fiel er hinein ins Verderben, das er bereiten wollte." Ein Musterbeispiel geradezu für diese Wahrheit, die in dem Volksmunde fortlebt: „Wer anderen eine Grube gräbt, fällt selbst hinein", bietet der Amalekstämmling, das Prototyp aller Judenfeinde, Haman, — der da kommt — früh, recht früh im ersten Lichten des Tages in den Palast des Königs, der allerdings schon wach in seiner Chonik blättert, des Mordechai uneigennütziges Walten sich jetzt ins Gedächtnis zurückgerufen und sich auf dessen Ehrung eingestellt hat. Haman kommt, um seinen Rachdedurst zu stillen und seinen maßlosen Ehrgeiz zu befriedigen, — er kommt -ona ns mini» ^hnb i -pn -17-rr ryn by um dem König zu sagen, man solle den Mordechai an den Galgen hängen, dem er ihm! bereitet." Er ist bis jetzt gewöhnt, daß der König sich fernen Worten fügt, — sich von ihm regieren läßt. — der König ist aber inzwischen durch das unsichtbare Eingreifen des Königs der Könige zu einem anderen gef worden — es werden in seinem Herzen die schlummernden Keime der Sittlichkeit wach, es regt sich in ihm etwas wie Dankbarkeit für seine Lebensretter. Dieses sittliche Motiv entscheidet und bereitet die Lösung und Entwirrung der Ereignisse vor. — Köstlich ist es, mit welchem Nachdruck der Midrasch die drei Worte, die fast überflüssig erscheinen, von ivrr den er ihm bereitet hatte" unterstreicht. um 7-0.1 Es heißt hier: Ihm hatte er den Galgen bereitet, — in Wahrheit hat er ihn f ü r sich selber errichtet. Für Mordechai war der 50 Ellen hohe Galgen wohl zu hoch bemessen, — er war jedoch in dieser Höhe nötig, da er bestimmt ward für Haman und seine zehn Söhne. Was tut Mordechai, wie die nahe bevorstehende Entscheidung ihn wie alle Juden in die höchste Spannung, versetzt hat? Cr sitzt inmitten seiner Schüler und belehrt sie über ->wrw ms», die Satzungen des Omer sollen ihnen geläufig bleiben, auch wenn das Opfer nicht gebracht werden kann. Es ist der 16. Nissan, da ermutigt er seine Jünger, daß derselbe Gott der draußen in der Natur mit jedem Lenze immer von neuem Frucht aus der Erde: sprießen läßt, aus der vermeintlich toten Erde neues! Leben weckt, auch der Retter in der Not ist und Be-, freier der Geknechteten. Während dieser erbaulichen Auseinandersetzung gesellt sich zu ihnen plötzlich ungeahnt Haman. Lehrer und Schüler wittern neue Gefahr, Ulli so inniger schließen sie sich aneinander. Bald lichtet sich ihnen das Dunkel der Ungewißheit und mit jubelnder Begeisterung preisen sie Ihn in der Höhe:iiwn 'tb nar ibhi mm Preiset den Herrn seine Frommen und huldigt seinem heiligen Gedanken, imin v-w isxa mi o ipah '-3 31173 Denn nur ein kurzer Augenblick in seinem Zorne bewirkt ein Leben in seinem Wohlgefallen, — am Abend kehrt Weinen ein, — am Morgen schon waltet Jubel." — I