Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 66 (1925)
- Issue
- Heft 7 (12.2.1925)
- Date
- 1925-02-12
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2446951-2450337-2450344--71918-2529246- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Der rr q c l t t Nr. 7 Seite 3 12. Februar 1925 Jerusalem und Marburg. Als uns vor vierzehn Tagen die Erasmus- Rede Herbert Samuels Veranlassung bot, zum ersten Male in einem größeren Zusammenhänge zur Errichtung der hebräischen Universität in Jerusalem Stellung zu nehmen, erwarteten wir von vornherein, daß Diese Stellungnahme den streitbaren akademischen Vorkämpfer des Misrachi-Achduth, Herrn Professor Adolf Fraenkel in Marburg wieder auf den Plan rufen und ihn zu einer Brandrede gegen den ihm ganz besonders ans Herz gewachsenen „Israelit" begeistern werde. Die Erwartung hat sich erfüllt. Allerdings hätten wir nicht geglaubt, daß ein Universitätslehrer sich bei aller Zuneigung soweit vergessen und die Ehre eines sachlichen Gegners derart verunglimpfen werde, wie es Herr Professor Faenkel uns gegenüber — offenbar aus Mangel an sonstigen Argumenten — aud) diesmal wieder getan hat. Er beginnt gleich damit, daß er unserem Aussatz das Brandmal „h a ß e r f ü l l t" aufdrückt! Wir fordern den ve'rehrten Herr Professor auf, uns eine einzige Zeile, ja ein einziges Wort in unserem ganz aus dem brennenden Schmerze um t>rnn ia«r geborenen Aufsatzes zu nennen, das Haß gegen irgendeinen Menschen atmet. Daß wir aus dem Vorhandensein der wissenschaftlichen Bibelkritik, ihrer wachsenden Verbreitung im Osten (siehe den Verlag „Dewir"), insbesondere aber aus dem bekannten Radikalismus des östlichen Akademikers (wobei wir diesen Radikalismus entschuldigend und begreifend als Reaktionserscheinung Gezeichneten) sine ira et studio die logische Notwendigkeit des Aufkommens radikaler Wissenschaft an der Jerusalemer Universität folgerten — das wagt der Marburger Menschenfreund eine „Beschmutzung des jüdischen Namens, richtiger unserer eigenen Spalten", wagt er, „ein unsäglich niedriges Verhalten" zu nennen, wogegen zu polemisieren, sein, des Herrn Professors „Reinlichkeitsg e f ü h l" nicht zulasse. Der Schreiber unseres Artikels fei „zu blind, um in jüdischen Wissenschaftlern, auch wohl im Rambam, anderes als onatt z u sehen." Das ist die Hausknechtmanier, in der man in Marburg wissenschaftliche Diskussionen mit religiösen Gesinnungsgenossen führt, das ist die Art, mit der man auf der Ehre derjenigen herummpiü und der großen nviip dieses heiligen Mannes zu erlangen. Das 74 Seiten starke Bändchen ist ein Musiarbuch ersten Ranges. Als Sohn eines scharfsinnigen Gelehrten und Enkel eines bedeutenden Rabbiners, war R. Moses von vornherein prädestiniert, einer der „Großen" zu'werden. In frühester Kindheit bereits zeigten sich seine hervorragenden Geistesgaben, und als er mit 11 Jahren eine der bedeutendsten Jeschiboth seines Heimatlandes bezog, wurde er dort bald als Jlluj, als Wunderkind, gefeiert. Mit 16 Jahren bezog er die Preßburger Jeschibah unter der Leitung des berühmten „Keßaw Sofer", dessen Lieblingsschüler er bald wurde. Durch den frühen Tod seines Vaters, der eine Witwe mit 9 unversorgten Kindern zurückließ, wurde sein Aufenthalt dort abgekürzt, denn schon 1 Jahr später mußte er durch Uebernahme und Führung des väterlichen Geschäftes der Ernährer seiner Familie werden. Noch heute erzählt man sich in seiner Vaterstadt von dem wunderbaren Fleiße, mit dem er trotz aller äußeren Hemmnisse halbe und ganze Nächte dem Thorastudium oblag. Kaum war sein zweiter Bruder reif genug, die Führung des väterlichen Geschäftes zu übernehmen, als sich R. Moses völlig davon zurückzog, um sich ausschließlich dem „Lernen" zu widmen. Zu jener Zeit beginnt auch seine Lehrtätigkeit, da sein weitverbreiteter Ruf aus nah und fern Bachurim anzog, die in seiner Jeschiba lernen wollten. Viele bedeutende Gemeinden wollten ihn schon damals zu ihrem Rabbiner haben, aber erst einige Jahre später folgte er einem Rufe nach Harmona und von dort nach vierjähriger Tätigkeit einem solchen nach Kleinwardein. Schon in seinem ersten Wirkungskreis war der Ruf an ihn ergangen, der Nachfolger des Maharam Schick auf dessen leergewordenem Rabbinatssitz zu werden, den er jedoch aus übergroßer Bescheidenheit abgelehnt hatte. Erst viele Jahre später, als dieser Sitz wieder freigeworden war und ihm aufs neue angeboten wurde, folgte er dem trampelt, die das Verbrechen begehen, in irgend einer jüdischen Frage eine andere Meinung zu haben wie Herr Professor Adolf Fraenkel zu Marburg an der Lahn. Zur Sache selbst weiß Herr Fraenkel nicht viel zu sagen. Er beginnt — ohne es anscheinend zu merken — mit einer vollinhaltlichen Bestätigung unserer Prämissen, indem er sich wie folgt vernehmen läßt: Man kann, namentlich auch vom politischen Standpunkt her, sehr verschiedene Stellung zu der im Entstehen begriffenen Forschungsuniversität in Jerusalem einnehmen. Der Schreiber dieser Zeilen hat seit 1918 in mehreren Aufsätzen in europäischen und amerikanischen Zeitschriftendarauf hingewiesen, welch verschiedenartige und schwere Gefahren wirtschaftlicher undvolkserzieherischer, vor allem anderen aber religiöser A r t*) von einer überstürzten und nicht nach allen Seiten hin wohlüberlegten Universitätsgründung drohen könnten. Obenan unter diesen Gefahren steht natürlich die verhängnisvolle Möglichkeit, daß von der Statt e aus, die einst als wissenschaftliches Zentralin st itut der jüdischen Gesamtheit gewertet werden will, bibelkritische Theorien und andere Anschauungen verbreitet werden könnten, die mit dem historischen Judentum und den heilig st e n Gefühlen der großen traditionstreuen Klaffen unseres Volkes im Wide-rspruch stehen*). Wenn wir an die Stelle der „t r a d i t i o n s - treuen Klassen" die ganze historische Judenheit setzen, ist das genau die Voraussetzung, von der auch wir ausgingen, nur daß wir das Problem etwas tiefer fasten und auf den Widerstreit zwischen voraussetzungsloser Wissenschaft überhaupt und inhaltlich bestimmter jüdischer Normwissenschaft ausdehnen zu sollen glaubten. Herr Fraenkel geht darauf nicht ein; sein Reinlichkeitsgefühl gestattet ihm, seinen Lesern jedweden Begriff von dem eigentlichen sachlichen Inhalt unseres Aufsatzes vorzuenthalten und lediglich ein paar zusammenhanglose Brocken herauszureißen, mit denen sich viel bester Haß und Verachtung gegen den „Israelit" verbreiten läßt. Wie aber bannt e r s e l b e r die ja auch von ihm erblickten „religiösen Gefahren"? Erstens durch „aktive Beteiligung" der gesetzestreuen Judenheit an der Universität und zweitens durch persönliche Verhandlungen mit den Universitätsgründern, damit sie keine allzu radikalen Professoren berufen, auf daß beileibe kein „Kulturkampf" entstehe! Diese Mittel waren auch uns nicht unbekannt, und wir sind loyal genug, Herrn Fraenkel zu konzedieren, daß er d. h. in seiner misrachistifchen Denkungsart ganz konsequent handelt, wenn er sich mit dieser praktischen Art von „Lösung" des Universitätsproblems glücklich *) Von uns hervorgehoben. ehrenden Rufe. Der Schreiber dieser Zeilen lernte zu jener Zeit in seiner Jeschiba und erinnert sich noch der Abschiedsrede, in der er seiner Gemeinde die Gründe seines Wegganges darlegte. Dem Satz: mnm---, ->by nvp („schwer fällt mir die Trennung von Euch") gab er folgende finnige Deutung: Eine wvp (schwierige Frage) ist es („schwer auf mich" ist es), warum ich Euch eigentlich verlasse. Es geschieht allein aus dem Grunde, weil ich in meinem neuen Wirkungskreise mehr Gelegenheit habe, min "D'rna zu sein. — Die Verbreitung des Thorastudiums war ihm eine Herzensangelegenheit, und von jeher der Hauptzweck und das Ziel seines Lebens. Seine Kinder, wie er seine Schüler stets nannte, liebte er mit ganzem Herzen, ganzer Seele und ganzem Vermögen. Eine Erholung oder Ausspannung, wie viele andere Rabbiner sie sich in den Sommermonaten leisten, gönnte er sich nicht. Selbst als er bereits von schwerer Krankheit gebrochen fast neun Monate hindurch auf dem Siechenbette lag und von unsäglichen Schmerzen geplagt wurde, widmete er Tage und Nächte dem Studium.. Am 7. Ab des Jahres 5670 erlöste ihn der Tod von seinen Qualen und seine reine Seele stieg zum Himmel empor. R. Moses hat eine große Zahl von Manuskripten hinterlassen, die sich mit allen Gebieten des talmudischen Schrifttums befassen. Da von allen Seiten Anfragen an ihn ergingen, ist auch ein großes niDiew-Werk, alle 4 Teile des betreffend, von ihm zurückgeblieben. Der erste Teil davon, zum c>"n mix y~iw, sowie ein zweibändiges Werk auf die Thora sind bald nach seinem Tode von seinen Söhnen unter dem Titel Dann mny herausgegeben worden und haben die Erwartungen der darauf harrenden Gelehrten nicht enttäuscht. Der Krieg hat in der Herausgabe seiner anderen Werke eine unliebsame Unterbrechung gebracht. Um so größer die Freude aller min nmx zu hören, daß diese Unterbrechung nun beendet ist und sie bald wieder durch den fühlt. Aber er sollte, statt andere zu beleidigen, anständigerweise zugeben, daß diese misrachistische Lösung, die in brüderlicher Eintracht neben den atheistischen Häckelianer den thoragläubigen Mathematiker stellt und die, weil der Universitätssenat zufällig mit besagtem Mathematiker befreundet ist, als Ordinarius für Bibelkritik statt des wilden Herrn 2. aus Berlin den sanften Herrn P. aus Breslau beruft, daß diese Sorte von Lösungen geistesgeschichtlicher Weltprobleme nicht einmal tiefer denkende Gebildete im allgemeinen, geschweige denn die orthodoxe Judenheit in ihrer ungebrochenen religiösen Urkraft befriedigen können. Und nun spielt Herr Fraenkel seinen letzten, größten Trumpf aus: Er hat bei Prof. David H o f f m a n n eine nbnV gemacht und hat die Genehmigung, ja Ermunterung erhalten, das Problem auf seine Art zu lösen, d. h. also wohl, wenn wir uns recht erinnern, im Rahmen der Universität neben anderen selbständigen Fakultäten eine selbständige, finanziell und administrativ völlig unabhängige orthodoxe Fakultät zu gründen, die man dann fördern dürfe, ohne sich des ,Tl'3tt '1311t ,>T p'm»' des N'lvl H'DÖ ufw. usw. schuldig zu machen. Der „Israelit" habe trotzdem erklärt, jede Förderung der Universität sei religiös verboten, habe sich also gegenüber dem 111,1 eine schwere Verletzung der ,liui,l 1132 zuschulden kommne lassen. Quod erat demonstrandum; daher die pompöse Ueberschrift: „Die hebräische Universität, derJsraelitund — niinn naa" Wir könnten daraus einfach erwidern, daß Herr Fraenkel ja seine orthodoxe Universitätsfraktion bisher noch nicht begründet hat und zunächst festzustellen wäre, ob die Bedingungen, die Prof. Hoffmann formulierte, heute schon erfüllt oder überhaupt erfüllbar sind. Aber wir gestehen ganz offen, daß nicht dies das Motiv war, das uns zu unserer Erklärung bestimmte. Vielmehr wissen wir uns mit dieser Erklärung gegenüber der Universität als solcher so völlig eins mit den größten heute lebenden.'m n 'bin in O st und West — selbst Rabb. Kuk nich^ ausgenommen —, so völlig eins mit deröffentlichenMeinung der überwältigenden Mehrheit der traditionstreuen Judenheit, daß es wahrlich keine Unbescheidenheit, sondern rein st e Pflichterfüllung bedeutete, wenn wir dieser Anschauung als Organ der öffentlichen Meinung ohne Furcht vor den Zorn des Marburger Zensors präzisen Ausdruck verliehen. Wir haben dabei die Genugtuung, daß einer der hervorragendsten norddeutschen Rabzweiten Teil der wwn auf den nyn mv y~iy erfreut werden sollen. Die Empfehlung eines solchen Werkes ist überflüssig, denn wer die echte, wahre Thora zu schätzen weiß, wird es sich beizeiten zu sichern wissen. P. I. K. (Ein Fest in Ä karrten). Ein ganz eigenartiges Fest begehen alljährlich die Juden Algeriens am Donnerstag der Porschath-Jisro-Woche. Dieser Dag. Sijum-Fest, nach den Anfangsbuchstaben der Worte .iffSI nn* nrn/Ö ..Jisros und Moses Mahlzeit (vgl. 2 M. 18. 12)*, genannt, ist für sie ein ..Jomtow", an dem kein ..Tachanun" (auch zu Mincho des vorhergehenden Tages nicht) gesagt wird. Von Nah und Fern strömt Alles ins Gotteshaus herbei, wo die 10 Gebote öffentlich verlesen werden. Auch ..Geflüge fest' heißt dieser Tag, nach der Sitte, die es vorschreibt, an ihm Hühnerfleisch zu genießen. — (Nach „Hamodia" vom 14. Nissan 6671). Eine ocutveffeckle irvora- Rolle im Lemöerger Museum). Ein jüdischer Besucher des Lemberger Museums bemerkte unter den ausgestellten Objekten eine beschädigte Thora-Nolle (Sepher-Thora). die Blutflecken aufwies. Er erstattete bei der Polizei Anzeige, die eine Untersuchung einleitete. Der Direktor des Museums, Dr. Schwienitzizki. erkläete. daß ihm die Rolle am 1. Mai von einem Manne übergeben wurde, der in dem Kommando eines ukrainischen Bataillons gedient hatte; wahrscheinlich hatte er die Rolle aus der Synagoge eines ukrainischen Städtchens während der Poarom-Periode entwendet. Der Alantel der Thora-Rolle trägt ein Datum, das als Herstellungszeit den Beginn des 18. Jahrhunderts anzeigt. — Die Polizei hat die Thora-Rolle der Lemberger jüdischen Gemeinde übergeben.