Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 66 (1925)
- Issue
- Heft 6 (5.2.1925)
- Date
- 1925-02-05
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 Nr. 6 Der Israelit 5. Februar 1925 derartigen Vertretungskörperschaft die „berufene" Vertretung der jüdischen Religionsgemeinschaft in Preußen anzuerkennen! Mögen sie sich mit uns zu dem Bekenntnis vereinigen, daß nicht die Ziffer entscheidet, sondern die h i st o r i s ch e Legitimation. Und in diesem Sinne ist nicht die jetzt gewählte und demnächst zusammentretende Großgemernden-Verwaltungsgemeinschaft, sondern einzig und allein der auf dem Boden der Thora stehende Halberstädter Gemeindebund der wahrhaft berufenen Wortführer der jüdischen Religionsgemeinschaft in Preußen. Es wird die heilige Aufgabe dieses Bundes sein, mitten in der heillosen Verwirrung des modernen Parteigetriebes die klare nLiniendes geschichtlichen Judentums und den eindeutigen Charakter der es tragenden körperschaftlichen Gebilde vor Staat und Volk, nach außen und innen aufrechtzuerhalten. Wochenrundschau Soll unsere Jugend tanzen? Man schreibt uns: In der jüngsten Nummer eines jüdischen Blattes wird die Würzburger Esra-Führerscha^t dafür getadelt, daß sie die Teilnahme an dem Bazar eines Wohlrätigkeilsfestes verbot, weil getanzt wurde. Die Führerschaft, heißt es weiter, bestehe aus „wenig reifen jungen Leuten, die bestrebt sind, in der Esra „ö st l i ch st e s" Judentum zu pflege n." Der Schreiber jenes Briefes hat nicht bemerkt, daß in der Nachkriegszeit, wie so manches, so auch die Jüdischkeit eine Verschiebung erlitten hat. Es ist geradezu zum Kennzeichen der Angehörigen alter Familien unseres Landes geworden, daß man alle im Jahrhundert des Aufklärichts hier eingerissenen Mißbräuche zu beseitigen strebt, und in diesen Dingen wie auch in allem das Ideal altjüdischen Gemeinde- und Geselligkeitslebens wiederaufzubauen bestrebt ist. Auch Jeschiwabesuch und frühe Ehen zeugen hiervon. Geradezu eine allgemeine Stimmung gebildeter deutsch-jüdischer Kreise ist diese Rückkehr zu Gott; siehe die Jugendbewegung. Auf kleineren Orten hat die Abtrünnigkeit später begonnen: auch die Heimkehrstimmung ist dort noch so selten wie vorm Kriege. Gar erst der Osten hat heute leider keine gute Zeit, was Jüdischkert anbelangt, und nun gar erst die hierzulande wohnenden Oestler sind in ihrer jüngeren Generation leider oft weit entfernt davon, etwa schon den Unwert der Abtrünnigkeit durchschaut zu haben. So kommt es zustande, daß gerade „Landjuden" und Oestler mit heillosem Respekt auf alle „Zivilisation" sehen, ob sie thorawidrig ist oder nicht, — und daß gerade östliche Herkunft sich heutzutage manchmal durch völlige Assimilation in Geselligkeitsdingen kennzeichnet. Also nicht „östlich", sondern durchaus hierzulande heimisch ist das, was die getadelten Esräer dort erstrebt haben, und ein reiferes, treffenderes Urteil über jüdische Dinge haben sie bewiesen als ihr Tadler. Es naht mit Riesenschritten die Zeit, da die deutsche Judenheit sogar in ihrem Verhalten zu Kulturerscheinungen wie den in jenem Briefe erwähnten (Gesang, Opern, Tanz und Kleidung) die Sitte der Tannaim und ihrer Familien vollständiger wiederherstellt als andere Stämme Israels, die ihren Irrweg leider noch zu Ende wandeln wollen. Hoffen aber wollen wir auf eine andere Zeit, nämlich auf die, in der ganz Israel ohne Ausnahme seine Galuth-Sünden ablegt und der ewigen Erlösung würdig wird. v'-o. Wir l)<xb<m bem wenig hinzuzufügen, wollen die vernünftige Antwort nur als erfreuliches Symptom wachsender Einsicht begrüßen. Das Tanzen, wie es in der modernen Gesellschaft betrieben wird, birgt an aesthetischem Gehalt nur ein Minimum in sich und stellt nichts weiter dar wie eine Erregung der Sinne durch Bewegung, minderwertige Musik und Sexualität ohne höheren Kulturwert. Unsere Mädchen und Jungen verlieren wirklich nichts, w.enn sie auf diese unjüdische Form des geselligen Lebens entschlossen verzichten. Die Lage in Ungarn. Ungarn, einst zur Kaiser- und Königszeit ein Hort des Friedens und der Toleranz,die eine Juden frage gar nicht aufkommen ließ, ist seit der Weltumwälzung von dem weißen Terror der Horthy-Partei beherrscht, unter dem besonders die Juden schwer seufzen. Der friedlichere Kurs Bethlens vermochte wohl den Druck etwas zu mildern, nicht aber den Bann, in den Ungarn seit der Trennung von Oesterreich verzaubert ist, zu lösen. 'Ein klares Bild der Lage bietet das jüdische Mitglied der ungarischen Nationalversammlung, Paul S a n d o r in einer Unterredung mit Vertretern der Presse. Sandor erinnerte an die kürzliche Rede des Abgeordneten Bessengai, der meinte, wir wären zu empfindlich und schrien gleich nach Rache. „Ist es denn dem Abgeordneten Beffengai unbekannt, daß wir in den vergangenen Jahren fortwährend Beschimpfungen und Zurücksetzungen erfahren haben? Weiß er nicht, daß die ungarische Judenheit seit Jahren für Leben und Gut fürchten muß? Es ist sowohl Herrn Vessengai wie dem Grafen Bethlen bekannt, daß Hunderte von Juden in Ungarn ihrer Habe beraubt und schwer mißhandelt wurden, daß ihnen die Behörden durch Entziehung von Konzessionen ihre wirtschaftliche Existenz untergraben haben. Sie wissen, daß die Juden, nur weil -sie Juden sind, eines großen Teiles ihres Bürgerrechte beraubt worden find. Sie wissen, daß diejenigen die die Juden verfolgen, sie berauben .und morden, niemals für ihre Verbrechen bestraft worden sind. Untersuchungen werden niedergeschlagen und Amnestien erlassen. Wir wollen nicht Rache, wir wollen Gerechtigkeit; wir wollen, daß die Pogromhelden nach dem Gesetz bestraft werden. Wir verlangen dies auch im Interesse des guten Namens unseres ungarischen Vaterlandes. Wir Juden würden froh sein, die Verfolgungen und Pogrome vergessen zu können. Ich selbst habe mich im Interesse Ungarns mancher Lüge schuldig gemacht, indem ich im Auslande vielfach erklärte, es herrsche in Ungarn kein weißer Terror. Man kann nicht der ungarischen Mittelklasse helfen, wenn man die Juden aus ihren wirtschaftlichen Positionen hinausdrängt. Man schafft nur Trümmer. Die Juden haben für Ungarns Befreiung gekämpft und für den ungarischen Wiederaufbau gearbeitet. Sie haben stets im Kriege wie im Befreiungskampf 1848 ihr Leben für Ungarn eingesetzt. Wenn sie jetzt vom Unterrichtsminister Grafen Klebelsberg die Aufhebung des Numerus clausus-Gesetzes verlangen, so gibt er mystische Antworten. Wohl haben sich im Vergleich zu 1919, da der weiße Terror wütete, die Verhältnisse gebessert. Das ist aber nicht auf Bethlens Judenfreundschaft zurückzuführen, sondern darauf, daß die Interessen Ungarns dies forderten. Ungarn war eben auf die Unterstützung von außen angewiesen. Will Graf Bethlen beweisen, daß ihm wirklich die Interessen des Vaterlandes am Herzen liegen, so möge er zunächst den Numerus clausus a b s ch a f f e n." DiEvEl mm Literarische Notizen zu nVtm 'S* Don Rabbiner Ar. Winkler in Kopenhagen. I. 13,19: rnnrr nta maxy nx rrn'Vyni — . dann führt meine Gebeine von dannen mit euch". — „Es ist so, wie wenn jemand Diebe in seinem Keller überasch t, die die Weinfässer gestohlen und den Inhalt ausgetrunken haben, und er sie also anredet: „Den Wein habt ihr aus getrunken, bringt mir doch wenigstens die Fässer zurück!" So auch erging es Josef mit seinen Brüdern: In Schechem wurde er von ihnen gestohlen und verkauft. Vor seinem Tode sagte er zu ihnen: „Don Schechem habt ihr mich lebend weggestohlen, — bringt doch wenigstens meine Gebeine dorthin zurück!" Darum heißt es: „Die Gebeine Josefs begruben sie in Schechem (Josua 24)." Nach mso V'aP- II. 14, 7: -nm 22"! rnxa pp np'1. — In Mechilto u diesem V. kommt der Satz vor: nrw ttbu pkp nVün- »Kein Numeron blieb untätig". Die Erklärer wissen mit diesem Worte nichts anzufangen und schlagen dafür j^Via oder j'Vian vor. was »ein oder ein Paar Maultiere" bedeutet. — Diese Korrektur aber ist falsch, vielmehr ist es so richtig, wie es vor uns steht: |iTai3. Das Wort ist dem Griechischen etnommen und bedeutet „ein Soldatentrupp". Es tritt auch in der Mischna ('x t"ö n"">)- in dem bekannten Satze: ina'im i'isV jnmy D^iy ’sa Vs aus und wird auch das. S. 18a von VxiaP nax vn durch erklärt in. 14, 8: nan Tn übersetzt Onkelos: -Hi pnv wofür rrso nm mapi ü"ds nis das hebr. pxin ■nVi haben, also „Entblößten Hauptes". Wie dos biblische n»n ts mit erhobener Hand", so wenig ist auch das talmudischeizwn »mit entblößtem Haupte", buchstäblich zu nehmen; das eine wie das andere ist natürlich nur bildlich gemeint. Man kann daraus ersehen, welche Vorstellung unsere Altvordern von der Blotzköpfigkeit hatten, daß sie sie als Bild für Krankheit, Dreistigkeit, Gehorsam-Verweigerung anwendeten! Vgl. das Targ. zu Num. 15, 30, ferner auch Kiduschin 53 a, wo Rabbino von einem, der ohne Kopfbedeckung an ihm vorbeiging, sagte: „Wie frech ist doch dieser Mann!" S. auch ms pn nm ntoi nVn 'na. IV. 15, 1—18: Tip' TK enthält 18 Verse, danach haben (dem 's pa pna zufolge) unsere Weisen das 18-Gebet eingerichtet; und wie hier die ersten drei Verse die Lobpreisung des Schöpfers und die letzten drei eine Danksagung an rrm zum Gegenstand hoben, so auch dort die ersten und die letzten drei rnma, während die mittleren zwölf, hier wie dort, von menschlichen Anliegen handeln. Vgl. auch '’D ]«n imn fx mV nima. Kleines Feuilleton Ein Geheimdokument über Palästina. In dem vom Volkskommissariat für Auswärtige Angelegenheiten in Sowjet-Rußland veröffentlichten Buche „Die Teilung der asiatischen Türkei gemäß den Geheimdokumenten des ehemaligen Auswärtigen Amtes" befindet sich — wie wir dem Raswjet" entnehmen — ein interessantes Dokument, dessen Titel lautet: „Schreiben der britischen Botschaft in Petrograd an den russischen Minister des Auswärtigen Amtes, S. D. Ssasonow" vom 13. März 1916. In diesem Schreiben heißt es: „Sir Edward Grey sandte ein Telegramm, dasmitteilt, daß die Frage der Ansiedlung der Juden in Palästina unlängst der Regierung S. M. des englischen Königs zur Kenntnis gebracht wurde. Obwohl, wie bekannt, viele unter den Juden dem Zionismus gleichgültig gegenüberstehen, würde doch oer zahl- und einflußreichste Teil der Judenheit in allen Ländern der Welt eine Vereinbarung bezügl. Palästinas, die das Bestreben der Juden befriedigt,, sehr begrüßen. Zu diesen letzteren gehört auch die Umstimmung der jüdischen Elemente im Osten, in.