Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 66 (1925)
- Issue
- Heft 6 (5.2.1925)
- Date
- 1925-02-05
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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5 Februar 1925 Frankfurt a. Zit., den 11. Schwat 5885 flu]]] Ein Centralorgan für das orthodoxe Judentum //[S| SIS Begründet von Dr. Lehmann in Mainz. \\\ i Abonnement ab Januar 1884: Deutschland 1 Goldmarl monatlich; Ausland: Vterteljahrpreise (entsprechend dem deutschen Inlandspreis zuzüglich Kosten des Streifband-Berkändes) Deutsch-Öfterreich: 80000. Kronen: Amerika 1 Dollar; England 4 sh.; Frankreich 18 Fr.; Belgien 18 Fr.: Holland 8 fl.; Italien 30 Lire; Jugoslawien 70 Din.; Litauen 7.80 Lit.; Rumänien 200 Lei; Polen 4 deutsche Goldmark zum Tageskurs oder 8 Zloty; Schweiz 8 Fr.; Tschecho-Slowakei 38 Kronen; Ungarn70000Kronen; Dänemark 8 Kronen; Norwegen 8 Kronen; Schweden 8.80 Kronen. Einzelnummer dreißig Goldpfennige. Der Israelit erscheint jeden Donnerstag. Inserate 30 Goldpfennige, für Stellensuchende 30 Goldpf., für die stebengespaltene Nonpareille-Zeile. Die 78 mm breite Reklamezeile: letzte Terrseite 1.30 Mk., vorletzte Textseite 3.— Mk.; Chiffregebühr in Höhe eines »lten Fernbriefportos. Rabatt nach Tarif. Bet laufenden Jnferatauftragen tarifm. erhöhung jederzeit Vorbehalten. Jnseratenannahme durch den Verlag des Israelit Zahlungen direkt an den Berkas auf Postscheckkonto Frankfurt.lMat»> Nr. 19808. — Archerdem an: Postsparkasse Wien Nr. 70608 — Postsparkassenamr Budapest Nr. ivE — Postscheckkonto Warschau Nr 190767. — Postscheckamt Zürich Nr. VIII7284— Inkasso-Bank Rotterdam — Postscheckamt Amsterdam Nr. 24 869 — Böhmische Nnionbank in Prag — Bane» Marniarosch Blank. & Co. in ■ Bukarest — Filiale des Wiener Bankvereins in Agram. ■ . . UM-' Der heutigen Gesamtauflage liegt der Schlußbogen mit Titel von Mos che C h aji m L uz attosD’W’ rtp» in der Übersetzung Dr. I. Wohlgewuths für unsere Abonnenten bei. . — Die Kraftprobe. Noch liegen, in dem Augenblick der Niederschrift, dieser Betrachtung, die, Ziffern über das Ergebnis der Wahlen zum „Landesverband preußischer Synagogengemeinden" nicht lückenlos vor, aber das Berliner und Frankfurter Wahlresultat dürfte genügen, um ein ungefähres Bild von dem Charakter und der Tendenz des Wahlergebnisses zu gewinnen.' Wohnt ja in diesen beiden Großstädten die Mehrheit der preußischen Juden, und es ist' mit Sicherheit anzunehmen, daß auch in den übrigen Großstädten — der Berliner „Landesverband" ist ja im Grunde, ein Verband von Großstadt- -gemeinden — das Kräfteverhältnis der Parteien untereinander sich demjenigen in Berlin Und Frankfurt analog erweisen wird. .Bettin. hat nun 'ein ganz enormes Uebergewicht der L i b e;= raten (25 000 Stimmen) und eine unbegreiflich scheinende Niederlage der Gemeindekonservativen (2700 Stimmen), dabei die erwartete imposante Kraftentfaltung der zionistisch-ostjüdischen Volkspartei mit 14 000 Stimmen gebracht. Selbst in Frankfurt, wo man angesichts des Wahlblocks der Zionisten, Gemeindekonservativen und Ostjuden und im Hinblick auf die ganze Richtung des jüdischen Lebens auf eine Mehrheit dieser Gruppe hätte rechnen dürfen, stehen 5300 liberalen Stimmen nur 3400 zionistisch-konservative gegenüber. Sollte man daher diese Wahlen als eine Kraftprobe der in den Großstädten um die Seele der jüdischen Massen ringenden geistigen Strömungen aufzufassen haben, so scheint es auf den ersten Blick, als ob die dem liberalen Reformjudentum in den letzten Jahren. jo oft — auch von uns — gestellte Diagnose: " „Exitus wegen Kräfteverfalls" sich als ein großer Irrtum erwjefen habe und die Lebensfähigkeit des religiöses Ideals des liberalen Judentums in Deutschland durch diese Wahl erhärtet würden sei. Wer jedoch die Wahlbewegung mit einiger Aufmerksamkeit verfolgt hat, wird diesen Schluß nicht ziehen können. Die 30 000 Wähler und Wählerinnen, die in Berlin und Frankfurt für die liberale Liste votierten, haben ihre Stimme k e i n e s w e g s. für Bibelkritik, Verflüchtigung der jüdischen Glaubenslehre, Abschüttelung des „Joches" des jüdischen Religionsgesetzes und unwürdiges Afsimilantentum abgegeben, sondern einzig und allein g egen den politischen jüdischen Nationalismus, wie ihn Zionismus und Volkspartei vertreten. Wenn dieser machtvolle Protest der deutschen Juden gegen die nationalistische Innenpolitik in der täuschenden Form einer Sympathiekundgebung für den religiösen Liberalismus zum Ausdruck gelangt, so ist das die Schuld der Gemeindet ö n j ervativett , die entweder — — wie in Frankfurt — offen ober, wie in Berlin, doch in der Art ihrer Agitation dem zionistischen Nationalismus Vorschub leisteten, statt ihn kraftvoll und aus prinzipiellen Gesichtspunkten zu bekämpfen. Obschon wir für die Umstände, aus denen diese stille oder offene Bundesgenossenschaft zwischen religionslosem Nationalismus und Gemeinde-Konservativen auf dem Wege über den Misrachi hervorwächst, volles Verständnis haben, ist sie doch vom politischen wie vom religiösen Standpunkte ein Unglück, ja geradezu der Krebsschadens an dem das öffentliche Leben der deutschen Judenheit krankt. Der politische Schaden hat sich in dem Wahlergebnis gezeigt. Was sollte denn der jüdische Wähler tun, der im Sinne der politisch notwendigen Wahlparole des „Zentralvereins" gegen die Politisierung und Entkonfessionalisierung der Kehilla nachdrücklich demonstrieren wollte? Er konnte in Berlin allerdings für die selbständige konservative Liste Galewski, in Frankfurt, wo sich die Konservativen zionistisch verkapselt hatten, für die konservative Lande s liste stimmen. . Aber es kommt eben im Wahlkampf nicht auf kniffliche theoretische Möglichkeiten, sondern aus die scharfe p l a st ische Herausarbeitung d e r G e g e n f ä tz e u n d B e s o n d e r h e i t e n an, und da war es nun einmal dahin gekommen, daß der Kampf ganz und gar um das Problem: „Religionsgemeinde oder Volksgemeinde", Golustradition oder politisches Muskeljudentum geführt, und' die Anhänger der ersteren automatisch ins liberale Lager gedrängt wurden. Daßl es den Wortführern der Volkspartei gelungen ist, einen großen Teil der' O st j u d e n — keineswegs überall — für sich zu gewinnen, darf nicht verwundern. Es hieße die politische Urteilsfähigkeit dieser aus ihrer Heimat entwurzelten und hier vielfach noch nicht ganz heimisch „ gewordenen Kreise — auch der religiös gesinnten — überschätzen, wollte man von ihnen verlangen, daß sie die Gefahr der nationalistischen Einstellung gerade für ihre eigene Position gebührend einschätzten. Aber es sind uns auch von ostjüdischer Seite starke Proteste gegen die Identifizierung der Ostjuden in Bausch und Bogen mit der Volkspartei und insbesondere gegen den hier in Frankfurt geschaffenen Block zugekommen. Wie die Dinge nun einmal liegen, scheint uns im Lichte einer ganz nüchternen Betrachtung der ziffernmäßige liberale Wahlsieg, sobald die Außenwelt ihn richtig wertet, kein Unglück zu sein. Kein Unglück in politischer Beziehung, wie wir gezeigt haben, kein Unglück aber auch in religiöser Hinsicht. Dem Liberalismus als quasi „jüdischer" Weltanschauung wird in seiner inneren Kraftlosigkeit und widerspruchsvollen Halbheit dadurch nicht geholfen, daß in der Berliner Hauptversammlung des Landesverbandes einige Dutzend. Justiz-, Sanitäts- und Kommerzienräte mehr das große Wort führen werden; die Jugend der Liberalen, soweit der Ernst echten idealistischen Euchens ihre Herzen erfüllt, bleibt dennoch nur die Wahl zwischen der Lebensfülle des geschichtlichen Judentums der Orthodoxie und dem gefährlichen und trügerischen, aber immerhin triebkräftigen Pseudojudentum des Nationalismus. Wenn aber die Gemeinde-Konservativen innerhalb des „Landesverbandes" wie in den Gemeinden selber unter dem Druck einer starken liberalen Mehrheit allmählich einsehen sollten, daß sie zu Unrecht ihre Front immer wieder und wieder nach rechts, gegen die das geschichtliche Judentum in seiner Reinheit vertretende unabhängige Orthodoxie wenden, zu der sie gesinnungsmäßig gehören und die sie dennoch als „separatistisch" herabzusetzen versuchen, so wäre das ein wichtiger Schritt zur Anbahnung einer Gesundung des jüdischen Lebens. Wenn Berlin von 27 Liberalen, 18 Nationalisten, 6 Mittelparteilern und ganzen drei' Konservativen vertreten wird, so sollte doch unseren religiösen Gesinnungsgenossen eines Tages die Erkenntnis dämmern, daß sie unverantwortlich und selbstmörderisch handeln, in einer