Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 66 (1925)
- Issue
- Heft 5 (29.1.1925)
- Date
- 1925-01-29
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 5 Seite 3 29. Januar 1925 Präsentanten einer längst überlebten geistigen Bewegung die Massen zum Angriffskrieg gegen dar orthodoxe Judentum zu holen, das denn doch — wir rufen Martin Bub er zum Zeugen dafür an — in vieler Hinsicht viel „moderner" ist als der alte Erasmus und feine neuesten Gesinnungsgenossen, sofern man, wie der Redner, Modern mit wahrheitshaltig gleichsetzt. Wehe uns, wenn — wie Herbert Samuel es ganz im Geiste des Universitätsgedankens will — die „moderne Wissenschaft", das heißt die wissenschaftliche Ueberzeugung jedes Jüngers der zünftigen Wissenschaft zum endgültigen Maßstabe für die Auswahl des „Zeitgemäßen" aus der göttlichen Lehre erhoben, und damit der Geist hochmütiger Geringschätzung der nationalen Tradition geradezu großgezüchtet wird, der als natürliche Reaktionserscheinung ohnedies in einem großen Teil der östlichen Jugend besonders lebendig ist. Die Universitätslehrer, die in Jerusalem in der Z u k u n f t die maßgebende Rolle spielen werden — die zuerst berufene Serie von Gastdozenten bildet keinen rechten Maßstab — bedürfen der Aufmunterung Herbert Samuels, nur nicht „schüchtern und zurückhaltend" (timid and halting) gegenüber der Tradition zu sein, wahrhaftig nicht, sie werden es an bibelkritischen Luftsprüngen schon nicht fehlen lassen, um die jüdische Religion gänzlich „auf die feste Grundlage der Vernunft" zu stellen und der biblischen Fakultät von Jerusalem damit zugleich die ehrfurchtsvolle Anerkennung der theologischen Fakultäten von Göttingen, Gießen und Marburg zur höheren Ehre des jüdischen Namens zu erstreiten. Wir fürchten, daß Sir Herbert Samuel, der bisher — in seinem praktischen Verhalten wenigstens — eine oft gerühmte Rücksicht auf die Empfindungen der religiösen Judenheit zeigte, dann selber höchst unangenehm davon überrascht sein wird, wie seine unzeitgemäße Fanfare gegen die Orthodoxie auf die gespannt aufhorchende jüdisch-akademische Welt des Ostens gewirkt hat. Für uns ist die Erasmusrede des derzeitigen Oberkornrnisfcrrs lediglich eine Episode, die, selber wenig wichtig, doch aus die Bedeutung der Jerusalemer Universitätsgründung ein grelles Schlaglicht wirft und manchen ahnungslosen gläubigen Juden über den Sinn dieses Ereignisses aufklaren wird. Klarheit aber ist aus zwei Gründen notwendig. Einmal weil jede mittelbare oder unmittelbare Förderung der Universität im Hinblick auf die unvermeidliche Verbreitung von im'» durch die judaistische, vielleicht auch durch andere Fakultäten für den gewissenhaften Der Israelit Jehudi. religionsgefetzlich als verboten zu betrachten ist; dann aber und vor allem, weil nur die klare Erkenntnis einer Gefahr die Kraft zur Abwehr gibt. Diese Abwehr kann keine äußerliche sein. Die Universität mußte kommen, denn sie bildet die logisch notwendige Entwicklung des zum Ausleben drängenden modernen politischen Rationalismus in der Judenheit, und die nationale Assimilation an das zivilisierte Europäertum, deren Träger der Zionismus ist, erhält in der hebräischen Universität seine Krönung und Vollendung. Rabbiner Kuk will der Universität seine sogenannte „Welt-Jeschiwo" als hkid*i der na» gegenüberstellen. Ob die leider nun einmal in scharfen Gegensatz zum Großteil der Orthodoxie gedrängte und lebhaft umstrittene Persönlichkeit Rabbiner Kuks die Möglichkeit hat, eine solche Jeschiwo mit Erfolg aufzubaüen, ob seine didaktischen Ideen die richtigen sind, das lassen wir dahingestellt. Aber das eine ist zweifellos wahr: nur min allein, intensivste Versenkung in die Ueberfülle des nun - Geistes kann den Kern des jüdischen Volkes über die drohende neue Periode auslösender und erschütternder Geistesbewegung hinüberretten, deren Zentrum die alma mater von Jerusalem werden mag. Ob diese min in Jerusalem selbst gelehrt und gelernt wird oder irgendwo auf ländlichem Boden in Erez Jisroel, in Slobotka oder in Burgpreppach ist nicht entscheidend. „W oeinLichti st, daleuchte t's" — und solange das Licht der Thora wahrhaft leuchtet, solange braucht uns auch auf den Höhen von Jerusalem die Schlachtordnung der murr mao nicht zu schrecken, deren welthistorische Aufgabe wider ihren Willen in der Befreiung und Steigerung aller seelischen Kräfte zur endlichen Verherrlichung des Welten- und Thoraschöpfers liegt. Wochenrundschau. Die Bewegung gegen die „Fremden" in England. Der englische Board of Deputies hat sich letzte Woche wieder einmal mit der fremdenfeindlichen Stellungnahme des Innenministers Sir William Johnson Hicks beschäftigt und den Beschluß gefaßt, die Frage, was zur Besserung der Lage geschehen könne, einer seiner ständigen Kommissionen zu überweisen. Dieser Beschluß zeigt schon, wie schwer es ist, den bedauerlichen Tendenzen entgegenzuwirken, die — eingeleitet durch eine ganze Artikelserie der „Times" — feit einigen Monaten die öffentliche Meinung und leider anscheinend auch die Regierung Englands beherrschen. Die unmittelbare Ursache dieser in England mit seiner traditionellen Gastfreiheit ganz unerwarteten Engherzigkeit, die jeden Zustrom neuer Einwanderer hemmen, darüber hinaus aber auch Leute, die in England erzogen und großgeworden sind, allen möglichen Vexationen unterwirft, ist die herrschende Arbeitslosigkeit Allein es.ist längst nachgewiesen, daß die relativ kleinen Ziffern der Einwanderung und des Anteils der ..aliens“ an der Stellenbesetzung gegenüber den Riesenzahlen der Arbeitslosenversorgung gar nicht ins Gewicht fallen. In der Tat hat ein Mitglied des Board, das Gelegenheit hatte, den „fremdenfeindlichen" Innenminister in dem freundlicheren Milieu eines Rivierabades stundenlang zu sprechen, den Eindruck empfangen, daß der Minister sachlich fundierten Gegenargumenten gegen seine verhängnisvolle Methode zur Lösung des Arbeitslosenproblems sehr wohl zugänglich sein würde. So darf man denn die Hoffnung nicht aufgeben, daß ungeachtet der unleugbar vorhandenen antisemitischen Strömungen die konservative englische Regierung sich stark und unabhängig genug erweisen werde, um bei besserer Information recht bald zu der traditionellen britischen Politik der humanen Fremdenbehandlung zurückzukehren. Wir fürchten sonst Schlimmes von der ansteckenden Wirkung des bösen Beispiels. Deutschvölkische Gespenster. Demagogie schrickt vor Zahlen und Tatsachen nicht zurück, die deutschvölkische schon ganz und gar nicht. Wie oft schon die Mär von der O stjudeninvasion widerlegt und die von den Hetzern erdichteten Phantasiezahlen richtiggestellt wurden, die Deutschvölkischen knüpfen doch jede Agitation und jede Aktion an diesen Punkt an. Die Rechtsparteien sind mit der derzeitigen Zusammensetzung der preußischen Regierung unzufrieden und brachten gegen drei ihrer Mitglieder ein Mißtrauensvotum ein, in der Hauptsache darauf gestützt, daß diese drei Männer ihres Mißtrauens Sozialdemokraten find, und mit dem Erfolge, daß das gesamte Kabinett zurückgetreten ist. Das hat alles mit Juden ' (Klein Polen) , in der Lage, das hübsche Wortspiel in seiner Vollständigkeit zu bieten. Es handelt sich zunächst nicht, wie dort angegeben, um Rubel. sondern um russische Taler, die, weil aus Rotgold geprägt, im Jüdischen Rendel und im Hebräischen av7K pl. O’aitt genannt wurden und einen Wert von drei Rubeln repräsentierten. Die Geschichte trug sich folgendermaßen zu: Der Dubner Maggid kam auf seinen Reisen, die er incoqmto machte, in das Büro eines sehr reichen, wohltätigeni aber etwas eigenartigen Kaufmanns und fand ihn gerade beim Zählen der goldroten schönen Talerstücke. Der Dubner, der viel Geld für feine Jeschiwaus brauchte, platzte gleich unter einem Hinweis aus die Ä du m im genannten Münzen mit dem Satze Esaus heraus: tn-rxn ja 82 ’iötfVn Der Kaufmann, dem dieser Einfall gut gefiel, schob dem Maggid einen Taler zu. Dieser aber sprach wehmütig: cnan nwi aiv tzb. Da es dem Kaufmann zu viel schien, emen zweiten Goldialer zu geben, er andererseits aber den zweiten geistreichen Einfall nicht unbelohnt lasten wollte, fügte er dem ersten Goldtaler noch einen weißen Silber rubel zu. Der Dubner wog das rote und das weiße Geldstück in der Hand und zitierte aus Raschi zu M. 1. Kap. 2 Satz 23: rrb 12'» jik kx»p T9 »irr *?v injn rmpna. , rt Natürlich mutzte nun zur Beruhigung des ersten „Odom" ein zweiter noch hinzukommen und der Maggid ging befriedigt mit zwei Goldtalern und einem weißen Silberrubel von dannen. Die Anekdote hat aber noch eine Fortsetzung: Als der Kaufmann den Nymen des Dubner Maggid hörte, war er erfreut, den Mann, von dem er gehört Hatte, daß er alles, fei es was ev wolle, mit einem „Moschel" erkläre, nun von Angesicht zu sehen und. um sestzustellen, ob dem auch, so sei, ließ er es auf eine Wette ankommen. Er nahm das einzige Buch, das er vor sich liegen hatte, eine Slicho, und schlug sie aus das Geratewohl auf. Die zufällig ausgeschlagene Stelle mutzte durch ein GUichnis erklärt werden, andererseits der Dubner das erhaltene Geld zurückerstatten mußte. Gelang es ihm aber, seine Aufgabe befriedigend zu lösen, so war ihm eine 'Gabe in fünffacher Höhe dec bereits erhaltenen sicher. D.ie aufgeschlagene Stelle lautete: n2j?w uw sin 'man nnä I2'a8 ömaKk Der Hausherr war gespannt, was daraus zu sagen wäre: Der Dubner fing aber ohne jegliches Nachdenken an: ..Ich werde meine „Kaschje" auf diesen..Posuk mit einem Moschel formulieren, um dann auch den „Terez" mit einem Moschel zu geben: Gegen Jahresschluß stand ein Mann vom Lande am Fenster eines Grotzkaufmanns in der Stadt und sah, wie ein Kunde drinnen diverse Gegenstände im Gesamtwerte vom einem Rubel kaufte, den Rubel bezahlte und dann vom Kaufmann ein Pfund Ted als Geschenk erhielt. Kaum war der Kunde draußen, schob sich der Landmann in den Laden, kaufte rusch einige Gegenstände für einen Rubel, zahlte und wartete... „Was wün'cht der Herr noch sonst?" „Das Pfund Tee", war die Antwort. .Gern", sagte der Kaufmann, „kostet drei Rubel". .Was?" wunderte sich der Landmann, ..ich dachte, Mm bekämtz die? noch gratis, dazu. Sah ich es doch, wie der Kunde vor mit ja auch nur für einen Rubel einkaufte und ein Pfund Tee noch umsonst dazu bekam". Der Kaufmann aber lachte: ..Jener Mann ist Jahreskunde bei mir und kauft alle Tage feine Ware bei mir. Es ist aber Ortsgebrauch, daß man solchen beständigen Kunden bei Jahresabschluß ein Geschenk gewährt. Sie aber, lieber Freund, sehe ich heute zum erstenmal bei mir. Wie können Sie verlangen. daß ich Ihnen bei einem Einkauf von einem Rubel ein Geschenk von drei Rubeln mache?" Das ist die „Kaschje", die ich aus den Satz der Slicho zu stellen habe: Abraham war Jahr es- Kunde bei Gott. Jeder Tag, jede Stunde seines Lebens war eine Gottesheiligung und zehn Prüf, unqen bestand er zu Ehren des Weltenschöpfers. Wie können wir nun. da wir einmal gegen Jahresabschluß mit ganzem, frommem Herzen vor Gott treten, das verlangen,das sich ein Abraham durch das ganze Jahr und' durch zehn Prüfungen verdient hatte und sagen: 'iai omasb jusw ->». Und die Antwort? Ein großer Rabbi, der durch Gelehrsamkeit und Frömmigkeit alle anderen üverstrahlte. aber von kleiner Herkunst, Sohn eines ungelehrten Baders war. wurde in einer großen Gemeinde zum Rabbiner gewählt. Aus Dankbarkeit und Anerkennung schickte die Gemeinde ihrem Rabbi, als er die Barmizwoh seines Sohnes feierte, ein Schriftstück zu, in dem ste sich oeroflichtete, ..nach hundert Jahren" des Rabbi das Rabbinat auf dessen Sohn zu übertragen, vorausgesetzt, daß der Sohn genau den gleichen Grad von Gelehr.samkeit erreichen sollte. Der Rc.bbi schickte den Akt zurück mit dem Bemerken, die letzte Klausel sei ungerechtfertigt. Er. der Me mutzte an Gelehrsamkeit mehr bieten wie alle andebst