Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 66 (1925)
- Issue
- Heft 5 (29.1.1925)
- Date
- 1925-01-29
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2446951-2450337-2450342--71881-2529207- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 2 Nr. 5 29. Januar 1925 Dies alles ist begreiflich, begreiflich insbesondere, daß in Amerika, dem Lande des naiven Rationalismus, der Gedanke begeisterten Anklang und die notwendige materielle Förderung fand, der er feine Verwirklichung verdankt. Dem tiefer Schürfenden konnten die schweren Verwicklungen und Spannungen nicht verborgen bleiben, die der Plan in sich birgt, sobald es sich nicht um bloße Verufshochfchulen für Medizin und Technik (darüber wäre kein Wort zu verlieren), sondern um eine wirkliche Universitas litterarum handelt. Wer freilich die historisch beglaubigte tausendjährige Sonderstellung des jüdischen Volkes im Kreise der Menschheit und im Ablauf des Geschichtsprozeffes schlankweg leugnet, der wird jubelnd den Tag grüßen, an dem auf den Hügeln Jerusalems die souveräne menschliche Vernunft, ihren stolzen Tempel errichtet, den Tag, da die Wellen des kritischen Intellektualismus, der die moderne Wissenschaft erzeugt, auch Zions Berge überfluten. Wer aber — und es ist das heute nicht einmal mehr die orthodoxe Judenheit allein — das Heil der Menschheit, das Ziel des Weltprozesses an die Erfüllung der nationalen Aufgabe des D'3,13 nD’psö, des Priestervolkes, geknüpft weiß, Träger der religiösen Inhalte und sittlichen Normen im Strudel des Zeitablaufs zu bleiben, wer noch immer davon träumt, daß Jerusalem gerade der hochragende Fels des Gotteskönigstums in der Menschheit, der Quell der ewigen religiösen Erneuerung werde, wenn Skepsis und historischer Materialismus alle sittlichen und religiösen Stützen unterwaschen —, der wird mit etwas weniger ahnungslosen Frohgefühlen den Jubelhymnen der Universitätsgründer von Jerusalem sein Ohr leihen. Aus ihrer eigenen Seele werden die jüdischen Gelehrten und Universitätsjünger auch auf dem Boden des heiligen Landes jene religiösen Inhalte nicht reproduzieren, die nun einmal nach der Ueberzeugung des geschichtlichen Judentums, auf dem Wege der h i st o r i f ch e n Offenbarung uns geschenkt wurden. Wer daher an die Stelle des originalenDenk-, Forfchungs- und Lebenssystems dieser Offenbarung, an die Stelle des die Seele beherrschenden minn t»V, an die Stelle der von der rrvn ausgeh e n d e n und durch ihre Licht erleuchteten Weltbetrachtung die Methodik der voraussetzungslosen Wissenschaft, die Methodik des sich selbst als Alleinherrscher setzenden menschlichen Intellekts setzt, der darf logischerweise nicht hoffen, daß auf diesem Boden irgendwelche jüdische Eigenkultur im Sinne des Literarische Notizen zu U2 'S« Don Rabbiner Ar. Winkler in Kopenhagen. 10, 4: nrnrr in» ku» ’un „ . . . so bringe ich morgen Heuschrecken in dein Gebiet." — Woher konnte Moses diese Plage im Voraus ankündigen? Finden wir doch nirgends, daß Haschem boruch hu ihm etwas darüber mitgeteilt hätte! Darauf antworten T o s s a f o t : „Die zehn Plagen waren ja schon auf Moses Stab der Reihenfolge nach angebracht." „Aber demnach," so fragen sie weiter, „hätte doch auch bei den beiden letzten Plagen die besondere göttliche Mitteilung ausoleiben können?" „Wir müssen ANS daher," so fahren sie fort, „nach einem anderen Grund umsehen, und zwar scheint es uns, daß Moses bas Eintreffen der Heuschreckenplage aus dem Worte Gottes.' “pa pi pa uma isoo p»Vi „damit du deinen Kindern und Kindeskindern erzählen sollst," herausgehört habe. Denn wer diese Beschwerde einmal miterlebt hat, pflegt oft seinen Kindern davon zu erzählen. So gebraucht auch der Prophet Joel (1, 3) bei der Ankündigung der Heuschreckenplage die gleiche Wendung: Der Israel i t_ wnp ■*wi nnro rote rnri onm erblühen könne. Mag es dem jüdischen I n d i v i d u u m tausendmal gelingen, durch energische geistige Einordnung der zünftig-wissenschaftlichen Methoden und Erkenntnisse in ein lebendiges jüdifchesDenken die Einheit der Persönlichkeit, wie es das Saai “pa*? ‘ps2 'j?^N 'n ns nanm verlangt, auch in den Hörsälen einer europäischen Universität sich zu erkämpfen — die Übertragung dieses ganzen Systems der Universitätswissenschaft nach den Stätten der uralten Gottesoffenbarung, die Angleichung Jerusalems an Berlin und Paris, Oxford und Newyork auch an diesem entscheidende nHöhepunktdesgei st igen Lebens, ist ein Ereignis, das die Ernsten und Denkenden im jüdischen Volke als eine neue» furchtbare Gefahr für die Wahrheit und Einzigkeit der jüdischen Erkenntnis, damit aber auch als Aufruf zur höchsten KonzentrationdereigenengeistigenKraft hinnehmen sollten. Wir müssen Herbert Samuel dankbar sein, daß er in seiner Eröffnungsrede den revolutionären Sinn und die auflösende Tendenz der neuen Universität mit einer bei einem Diplomaten ungewöhnlichen Offenherzigkeit dargelegt hat, und man darf um dieses Gewinnes willen auch die kaum glaubliche Verständnislosigkeit für den Ernst des religiösen Problems mit in den Kauf nehmen, die sich in dieser Rede offenbart. Wir geben die wichtigsten Stellen nach englischen Berichten wieder. Der Oberkommissar sagte: „Die Universität und besonders diese Fakultät, die heute eröffnet wird, wird sich unausweichlich gewissen Schwierigkeiten gegenübe-gestellt sehen. Sie wird gezwungen sein, Unterschiede zu machen, wenn sie aus der Vergangenheit abzulerten versucht, was der Gegenwart als Führer für die Zukunft annehmbar erscheint; denn es ist gewiß, daß nicht alles r n der Vergangenheit mit der modernen Wissenschaft versöhnt werden kann. Es gibt in der Tat eine Anzahl, wenn auch nicht viele Leute, die dem Alten so sehr anhängen, daß sie ihr Gemüt strengstens vor allem verschließen, was neu ist, aus Furcht vor Ketzerei. Die gleiche Tendenz zeigte sich in jener vergangenen großen Geschichtsepoche, als eine Flut neuer Erkenntnis, ein frisches und glänzendes Licht auf die Natur des Menschen und des Weltalls warf, in der Periode der Renaissance im 1b. und 16. Jahrhundert. Einer aus denselben Motiven erwachsenden Opposition gegenübergestellt, erklärte Erasmus, in einer charakteristischen Wendung: „Indem Ihr die neue Wissenschaft mit Ketzerei identifiziert, macht Ihr den Begriff der Orthodoxie gleichbedeutendmtt — Unw iffenh eit". In seiner Zeit waren es viele, die das taten; glücklicherweise sind es wenige tn uns ren Ta gen. Ich vertraue darauf, daß dieses In stitut weder in seiner Forschungsarbeit noch in feiner Lehrtätigkeit zaghaft oder zurückhaltend fein wird, indem es sich erinnert, daß nichts w a * der Vernunft widerspricht — eben aus diesem Grunde — eine feste Grundlage für die- Religionseinkann. Für die Fälle, wo Zweifel geboten ist — und diese bedecken noch einen großen Teil des Gebietes, das der menschliche Intellekt zu erobern sucht — gibt es eine weise Maxime im Talmud: „Gewöhne deine Zunge zu sagen: Ich weiß nicht." Diese Universität wird mancherlei Schwlerigke'ten zu überwinden haben, intellektuelle, sprachliche, und vielleicht wirtschaftliche usw." Soweit Herbert Samuel, der sich in diesem Falle wohl „ganz und gar" als Jude fühlte und gab. Ein nichtjüdifcher High Commifsioner englischer Nationalität hätte jedenfalls Bedenken getragen, den immer noch g r ö ß t e n T e i l des jüdischen Volkes, dessen „nationales Heim" in Palästina errichtet werden soll, die sogenannte Orthodoxie, in so unverhüllter Weise öffentlich zu beleidigen, wie es hier durch eine verantwortliche Persönlichkeit geschehen ist. Wir sind nicht beleidigt — denn wir kennen die Weise, wir kennen den Text, wir kennen auch die Verfasser. Es ist die uralte, mit naiver Gläubigkeit an jede wissenschaftliche Hypothese verknüpfte geistige Ueberhebung des „gebildeten Europäers", der es liebt den religiösen Gegner der „Unwissenheit" zu zeihen, sich selbst aber selbstgewiß im Besitze der wissenschaftlich gesicherten Wahrheit zu wähnen. Seitdem Erasmus von Rotterdam den Mönchen des sechszehnten Jahrhunderts fein scharfes Wort entgegenschleuderte, das sich nun ^rstauinicherrveife die führenden Geister des orthodoxen Judentums, die in Forschen und Lehren ergrauten Männer der Thorawissenschaft*) von dem ihnen an Wissen jedenfalls weit überlegenen High Commifsioner Vorhalten lasten müssen, haben die tiefsten Köpfe der Kulturmenschheit selber manches Haar in dem Rationalismus der „Aufklärung" des Erasmus von Rotterdam gefunden. Es war kein glücklicher Griff, gerade aus dem Geistesschatze dieses Re- *) Selbst Oberrabbrner Kuk — gn feiner Ehre fer es gesagt — ist samt seinem Besdin der Einweihungsfeier des jüdischen Instituts der Universität demonstrativ serngeblieben. Sollte sich die üble Laune des Oberkommissars etwa grade gegen diese Demonstration gerichtet haben? ivv oauab ri’Vy „Ihr werdet davon euren Kindern und Kindeskindern zu erzählen haben." — Daß diese letzte F.:age und Antwort von Tossafot selbst herrühren, erscheint uns zweiselhaft. Denn erstens müßte die Frage nicht allein auf die beiden letzten, sondern auch auf die früheren Plagen ausgedehnt werden; zweitens ist es nicht anzunehmen, daß Tossafot die Stelle mt Midrasch rabbo i"eO übersehen haben sollten, wo genau dieselbe Lösung sich findet, wie sie hier unter yui gegeben wird! — K l i I o k o b ist indes auch mit dieser Lösung nicht zufrieden. Warum, so fragt er mit Recht, sollte von der Heuschreckenplage mehr als von irgend einer anderen erzählt werden? Er ist daher der Meinung, daß Moses das Eintreffen gerade dieser Plage aus dem Umstand gefolgert habe, daß Haschem boruch hu hier genau wie vor der Hagelplage die sonst nicht vorkommende Wendung: »»Ich habe (sein Herz und) das Herz feiner Dieirer schwer gemacht (B. 1; vgl. 9, 34)" gebrauchte. Unter einer Hungersnot pflegt gemeinhin der Fürst weniger zu leiden, als das gemeine Volk. Und dennoch, so sagt die Tauroh, blieb auch nach dem vom Hagel angerichteten Schaden nicht nur Pharaos Herz, sondern auch das feiner Diener verhärtet. Wenn nun mm wiederum sagte: „Ich habe das Herz seiner Diener schwer gemacht", so könne hier, sagte sich Moses, „nur an eine Plageart gedacht sein, die die Vernichtung des Bodenertrags vollständig macht, und dafür könne allein die Heuschrecke in Betracht kommen. Warum aber gerade hierder Ausdruck isvn p»bi. „damit du deinen 'Kindeskindern erzählen sollst," gebraucht wird, darüber gibt uns eine Mitteilung des R am bau (zu V. 14) Aufklärung. Er weist dort nämlich im Namen des ^aun um auf die merkwürdige Tatsache hin, daß seit Mosche Rabenus Ge-j bet um Entfernung der Heuschrecken von Mrzrajim das gesamte Gebiet Aegyptens bis auf den heutigen Tag von diesen Insekten verschont geblieben fet; und wenn nach einer Heimsuchung Palästinas Heuschrecken nach Aegypten sich verirren, so richten sie dort keinerlei Schaden an. Mit Bezug darauf sage der Psalmist: v/nsVsa baa war „Unterhaltet euch über alle Seine Wunder (Ps. 105, 2, 34, 35)." Im Unterschied von den anderen Plagen, die keinen bleibenden Eindruck für die Nachwelt hinterließen, gibt die der Heuschrecken infolge der angeführten, brs auf die Gegenwart geltenden Erscheinung immer von neuem Gelegenheit, von dem einstigen göttlichen Wunder zu berichten. Daher eben wird gerade hier die Wendung ivoo pah „damit du deinen Nachkommen erzählen sollst," gebraucht. kleines Feuilleton. Das Anekdotenfragment vom Duvner Maggid. In Nr. 51 des „Israelit" v. I. wurde an dieser Stelle ein Anekdotenstagment vom Dubner Maggid milyeteilt, mit der Bitte an Kundige, dasselbe zu ergänzen. Von den vielen Zuschriften, die uns daraifhin zugingen, konnte keine das richtige getroffen haben. Nunmehr sind wir Dank der Mitteilung einer Leipziger Leserin, Frau Laura Leser im.Namen ihres Vaters, Herrn Berifch Silbermann in Brzesko