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Der Israelit · 1925-01-22 · Heft 4 (22.1.1925) · page 4

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Journal
Der Israelit
Volume
66 (1925)
Issue
Heft 4 (22.1.1925)
Date
1925-01-22
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
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Seite 4 Nr. 4 Man mache in bezug auf die jüdischen Fächer keinerlei Unterschied in der Ausbildung der akademischen und seminaristischen Lehrer. Nun ergreift Herr Rabbiner Dr. Auerbach-. Berlin zu längeren Ausführungen das Wort, die er nachher in folgende Thesen formuliert: Es ist zu unterscheiden zwischen Ausbildung von 1. Religionslehrern, 2. Volksschullehrern, 3. Oberlehrern. Die Ausbildung der Religionslehrer (1) für die Landgemeinden muß von der zukünftigen akademischen Ausbildung der Volksschullehrer getrennt werden. Der Nachwuchs an akademischen Volksschullehrern (2) ist deshalb zu erwarten, weil die völlige Ausbildung des Oberlehrers jetzt 7 Jahre in Anspruch nimmt. Die Ausbildung der akademischen Volksschullehrer (2) und Oberlehrer (3) ist an Rabbinerseminarien möglich. Schon vor Jahren wurde dort ein Plan ausgearbeitet. Aber man nimmt an, daß diese Ausbildung wohl von den bisherigen Lehrerseminaren in Köln und Würzburg geplant wird, da an beiden Orten Universitäten sind. Ueber Einzelheiten der Ausbildung muß in einer besonderen Kommission beraten werden. Das Rabbinerseminar in Berlin nimmt bereits jetzt gern zukünftige Oberlehrer auf, die an allen Vorlesungen — mit Ausnahme von apois — teilnehmen können. Herr Rabbiner Dr. Auerbach fügt noch hinzu: Am dringendsten ist heute die Frage der Religionslehrer. Welcher Lehrer wird heute noch aufs Land gehen? Die Lehrerlandflucht ist heute viel schneller und heftiger als die allgemeine Landflucht. Eng verbunden ist damit die L.',nw-Frage. Dr. Leo Rotschild-Köln: Woher sollen die Gemeinden ab 1926 Lehrer und Kultusbeamte bekornrnen? Man sorge für die Hebung des Standesbcwußtseins der jüdischen Elementarlehrer: man befreie die Lehrer an den kleinen Orten vom Vorbeten und vom Schächten. Ein jüdisches Provinzialschulkollegium muß ins Leben gerufen werden. Direktor Dr. Fink-Frankfurt: Für das Land ist die akademische Bildung der Volksschullehrer nicht erforderlich. Dr. L. Schlesinger-Hamburg verlangt Maßnahmen nicht nur für die jüdischen Lehrer der Grundschule, sondern auch Ausbildungsmöglichkeiten für die Lehrer des jüdischen Unterrichtes in den oberen Klaffen. Dafür sei bisher ebensowenig gesorgt. Dr. Deutschländer führt aus, die zur gleichen Zeit stattfindende Keren Hatorah-Tagung betrachte diese Lehrerekonferönz als Vorkonferenz für ihre Arbeiten. Rabbiner Dr. Winter-Lübeck: Wo bekommen wir Lehrer für mittlere Städte her? Man solle D'ra •’bjjn die . lernen können, eventuell nach kurzer pädagogischer Anleitung, unterrichten lassen. Kann man Lehrern, die nicht auf dem Standpunkt des orthodoxen Judentums stehen, das Handwerk legen? Herr Rabinowitz-Frankfurt: Man möge den Ausbau einer Abteilung für die Ausbildung jüdischer Religionslehrer an den deutschen Jeschiwos sofort in die Hand nehmen. Dr. M. Lewin-Hamburg: Der Nachwuchs an Lehrern für die kleinsten Gemeinden ist gefährdet. Die Geringschätzung des Ausübens der Schechito ist ein Unrecht und eine Beleidigung für diejenigen, die Lehrer und Schochtim in einer Person sein müssen, nv'nv ist eine w~p Dr. Leo Rothschild weist demgegenüber daraus hin, daß gerade im Punkte Schächten Theorie und Praxis noch sehr weit von einander entfernt seien; daher begründet sich seine Forderung, die Religionslehrer von der Schechito zu befreien. Fräulein Freimann-Köln: Die Religionsschulen werden verschwinden, wir wollen jüdische Schulen. . Jeder jüdische Lehrer hat die Pflicht, die facultas für Hebräisch zu erwerben. Für die Ausbildung der jüdischen Lehrerin ist bisher noch kein Weg gefunden; es käme wohl auch nur das Seminar in Frage. Die Examensabnahme kann ja vielleicht zentralisiert werden. Direktor Dr. Fink: Das Frankfurter Israel. Lizeum hat die Berechtigung, Prüfungen von Der Israelit 22 Januar 1925 Religionslehrerinnen abzunehmen; die Zeugnisse werden von der Behörde anerkannt. Rektor Stern: Die jetzt fertiggestellte preußische Lehrerbildungsordnung wird sobald wohl nicht wieder zusammensallen. Daher werden Religionslehrer wohl noch weiter benötigt werden. — Das Verhältnis von Schochtim und Schlachter auf den kleinen Orten ist oft entsetzlich, und der Wunsch der Lehrer, vom Schächten befreit zu werden, ist verständlich. Nunmehr werden folgende von Herrn Direktor Dr. Neubauer, Dr. Leo Rothschild und Fräulein Freimann ausgearbeiteten „Thesen siir die zukünftige Ausbildung jüdischer Lehrer in Preußen" verlesen und von der Versammlung einstimmig angenommen: 1. Wir brauchen jüdische Lehrer für die jüdische Volksschule. Ihre Ausbildung geht in Preußen über eine jüdische Schule mit Abiturium; neben dem staatlichen Pädagogium her geht eine entsprechend lange Ausbildung an einem jüdischen Pädagogium. 2. Die bestehenden Seminarien müssen auch nach der Durchführung der Neuregelung des Lehrerbildungswesens als pädagogische Akademien weiterbestehen. Sie. sollen die staatlich anerkannte Behörde zur Abnahme des Neligionsexamens bilden. 3. Die Konferenz erachtet für die jüdischen Religionslehrer als notwendiges Lehrziel, daß dieselben in der Lage sind, selbständig T'nach und Chronisch mit Raschi zu lernen. Die Konferenz ist der Ansicht, daß die jüdischen Religionslehrer in eine höhere Gehaltsklasse eingereiht werden (zumindest Gruppe 8 oder 9), da sonst keine Aussicht auf Nachwuchs besteht. Die Koneserenz bittet die jüdische Oeffentlichkeit und die Organisationen, mit allem Nachdruck auf die Durchführung dieser Wünsche hinzuwirken. Als Entschließung wurde ferner folgendes These angenommen: „Wir brauchen akademisch vorgebildete Oberlehrer zum Unterricht in der Oberstufe auf höheren Schulen mit einer facultas docendi in hebraicis, die sie neben ihrer Ausbildung auf den Universitäten auf einer höheren jüdischen Bildungsstätte erwerben." Nun werden die Obleute für die einzelnen Fachgruppen gewählt. Der Vorsitzende, Direktor Dr. Neuhaus, gedenkt in warmen Worten des Herrn Direktor Dr. Lange b"T, der die erste pädagogische Konferenz vor zwei Jahren einberufen und geleitet hatte. Die Anwesenden erheben sich zum Zeichen des Andenkens von ihren Plätzen. Sodann wird folgende von Herrn Dr. Leo Rothschild eingebrachte Resolution verlesen: „Die pädagogische Konferenz billigt das Bestreben der Keren Hatorah-Zentrale, pädagogische Fragen in Gemeinsamkeit mit den Vertretern der jüdischen Schulen und Lehrerbildungsanstalten zu lösen und bittet das Landesdirektorium, solche Konferenzen im Plenum oder mit einzelnen Fachgremien nach Bedarf einzuberufen." Nach einigen herzlichen Dankesworten, die der Vorsitzende an Herrn Dr. Leo Deutschländer für seine Vorarbeit und an die Hamburger Talmud Thora-Realschule für ihre Gastfreundschaft richtet, wird die Konferenz um 7.45 Uhr geschlossen. Das Wesen der Wahrheit. Von Rabbiner Dr. Lazar Münz ^"sr- (Aus einem noch ungedruckten Werke des Verfassers W, mitgeteilt anläßlich seiner Jahrzeit am 24. Tebeth.) aVism ann bv bwbm p pyatp pn •m^n bs.&p Rabban Simon, Sohn Gamliels spricht: Auf drei Dingen steht die Welt,auf der Wahrheit, auf dem Rechte und auf dem Frieden. (Aboth 1, 18.) „A u f d e r Wahrheit". Unter der Wahrheit, von der hier gesprochen wird, ist nicht die Wahrheit dessen, was man denkt, zu verstehen, die Richtigkeit, deren Gegensatz der Irrtum ist, sondern die Wahrheit dessen, was man spricht, die Wahrhaftigkeit, deren Gegensatz die Lüge ist. Um einzesehen, wie wir dem, was diese Wahrheit von uns fordert, in allen Stücken.entsprechen können, müssen wir daher einen Blick werfen auf die verschiedenen Gestalten, unter welchen die Lüge austreten kan. Der Psalmist schildert den Verfall eines gesunkenen Zeitalters mit den Worten: „Falsches reden sie einer mit dem andern, Mit glatter Zunge, doppelherzig reden sie" (Ps. 12, 3), und in diesen drei von den Psalmisten gebrauchten Redewendungen erblicken die Midraschlehrer das lügenhafte Wesen bezeichnet nach drei verschiedenen Arten. Wir lesen rm Midrasch: //Falsches reden sie einer/ mit dem ändern", damit wird gesagt, wie die^'Menschen ihre Geschäfte zu betreiben pflegen; jenes hinterhältige Wesen wird uns durch folgende Begeben-- heit veranschaulicht: Rabbi Jonathan benötigte Hülsenfrüchte, und er begab sich zu einem Verwandten, den er in der nächsten Stadt hatte, und fragte ihn, ob er in der Stadt Hülsenfrüchte zu bekommen seien. „Ja," antwortete er ihm. „Um welchen Preis?" „Um so und so viel, kann ich sie dir zu jeder Zeit, wann du kommen wirst, verschaffen." Nach einigen Tagep kam daher Rabbi Jonathan wieder Nach der d^dt in das Haus seines Verwandten; erfand diesen jedoch nicht zuhause und wartete auf ihn lange vergeblich., Da ging er zu einem der Stadtleute und fragte ihn, ob Hülsensrüchte zu bekommen seien. „Nein," antwortete dieser. „Weizen ist zu bekommen." „Aber ich benötige doch Hülsenfrüchte." „Nun, würdest du sie um diesen Preis kaufen?" und er nannte einen viel höheren Preis, als der Verwandte früher erwähnt hätte. Er kaufte. Indessen war der Verwandte Nach Hause gekommen, und Rabbi Jonathan sprach zu ihm: „Ich habe Hülsenfrüchte gekauft, aber um einen viel höheren Preis als von dir angegeben wurde." „Hast du vielleicht gesagt," fragte ihn der Verwandte, „daß du Hülsensrüchte verlangest?" „Ja," antwortete er. „Nun," sprach der Verwandte, „hättest du gesagt: ich verlange „Weizen", so hätten sie' dir gesagt: „Hülsensrüchte stehen dir zu Gebote"; da.du aber gesagt: „Ich verlange Hülsensrüchte", so sagten sie dir: „Weizen steht dir zu Gebote." — Das verlogene Wesen dieser Art, wo sowohl der eine wie der ändere eine hinterhältige Sprache führt, ist gemeint mit den Schriftworten: „Falsches reden sie einer mit dem andern.",, Mit g l a t t e r Zun g e", das will sagen, sie sprechen gleißend, heuchlerisch, schmeichlerisch. „D o p p e l - herzig reden sie," das heißt:, „das Wort ihres Mundes ist anders als der Wille ihres Herzens." Soweit die Worte des Midrasch.; Die Midraschlehrer finden in den, drei Redewendungen des Psalmisten die Lüge in drei Gestalten gezeichnet, unter welchen sie in die Erscheinung tritt. In einem Falle wird der Sachverhalt anders dargestellt, als man ihn kennt; man täuscht über die Vorstellungen, über die Gedanken, die man hat. In einem anderen Falle besteht die Lüge in einer Täuschung über das, was man fühlt; der Schmeichler spendet Lob und Preis einem, den er mißachtet, heuchelt statt der im Innern empfundenen Geringschätzung ein Gefühl der Hochachtung. In einem dritten Falle, wo ein Versprechen gegeben wird, das man zu erfüllen gar nicht gesonnen ist, täuscht man über den Willen, den man hat. Eine weitere Täuschung über das, was in unserem Innern vorgeht, ist, da Denken, Fühlen und Wollen alle Tätigkeiten, alle Regungen der menschlichen Seele umfassen, nicht möglich. Mit jenen drei Fällen sind demnach alle Arten der Lüge bezeichnet, insofern unter diesen eine Rede zu verstehen ist, die etwas anderes äußert, als im Innern empfunden wird, eine Rede, die schon in dem Augenblicke, wo sie gesprochen wird, falsch ist. Indessen aber kann ein Wort dann, wann es gesprochen wird, wahrhaft und aufrichtig sein und erst später falsch werden. Ist das nicht der Fall, wenn jemand ein Versprechen gibt, mit der Absicht, es zu erfüllen, aber später sich eines anderen besinnt, und es nicht erfüllt? . Doch macht nicht auch der einer Lüge sich schuldig? Es gibt also vier Gestalten, unter welchen die Lüge auftreten kann. Nun haben wir einen Einblick gewonnen in das Wesen der Wahrhaftigkeit; kennen den ganzen Umfang der Pflichten, die -wir als Männer der Wahrheit zu üben haben. In allen jenen vier Fällen, wo es der Lüge aufzutreten möglich ist, müssen wir ehrlich, ohne Trug und Falsch sein. — Dem Gesagten entsprechend werden uns von unseren Weisen vier Vorschriften in bezug auf Wahrhaftigkeit gegeben. Die eine Vorschrift lautet: „Man darf die

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