Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 66 (1925)
- Issue
- Heft 4 (22.1.1925)
- Date
- 1925-01-22
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 Nr. 4 Gedanken beherrscht: Wieviel wäre uns, wieviel wäre der Welt, wieviel wäre jedem einzelnen, der Gesellschaft und den Völkern im Großen erspart geblieben, wenn wir alle im Kleinen und im Großen, dem Willen, dem Drange zu einem Leben in Ruhe und Glück gefolgt wären nach den Weisungen dieses stillen Rabbi in dem entlegenen Städtchen hinter den litauischen Wäldern! Im Talmud wird von einem späteren Rabbi erzählt, der als Händler und Hausierer ein Lebenselixier in den Straßen laut ausbot, die an ihn herandrängende Menge aber auf das angeführte Rezept des Sängers im Psalm 34 verwies. W i r sollten es heute, in einer nach Ruhe, Glück und Frieden lechzenden Zeit in alle Gassen hinausrufen, was uns der Rabbi, eine aus geistigen Höhen früherer Zeiten in unsere arme Gegenwart verirrte große Seele, sagt und lehrt über unsere Pflichten und Aufgaben, vornehmlich unsere Pflicht gegenüber der Ehre unseres Bruders, unsere Pflicht zur Bändigung der uns in den Mund gelegten gefährlichsten aller Waffen, der Zunge, die, losgelassen, tötet, vernichtet, verheert, in der vergrößerten Form des Weltklatsches, Politik genannt, Menschenelend und Völkerunglück anrichtet ohnegleichen und ohne Grenze. Schon das Vorwort und die Einleitung zeigen das Niveau, die reine heilige Quelle, aus der das Ganze geschöpft ist. Keine Chancen des Gewinnes drücken dem Verfasser die Feder in die Hand — er hat von jeher jeden materiellen Nutzen strikte abgelehnt —, sondern einzig das heilige. Bestreben zu reinigen, den Weg zum wahren Glück sreizulegen, Israel in erster Reihe das in Erinnernug zu rufen, was ihm einst erste primitivste Pflicht gewesen ist und das es in den Kompliziertheiten seines Wanderlebens und noch mehr im Kulturgolus nach Sprengung der Ghettomauern aus dem Auge gelassen hat. Es wäre daher eine Versündigung gegen die hohe sittliche Persönlichkeit des Verfassers, wollten wir mit diesem Artikel irgendeinen Reklamezweck verbinden. Wie es dem Verlage in erfterReihe darum zu tun war, das fast vergriffene Werk der Öffentlichkeit in ansprechendem Gewände wieder zuzusühren, so soll diese Anzeige nichts anderes bezwecken, als die jüdische Oeffentlichkeit davon in Kenntnis zu setzen, daß sie nun wieder G e - legenheit hat, „Chofez Chajim" zu lernen, der ihr den Willen und den Weg zum jüdischen Leben zeigt. Der spätere Historiker wird nicht achtlos an der Tatsache vorübergehen können, daß diese Neuausgabe im Jahre 5685 in Deutschland erschienen ist. Cs geht ein neuer Geist durch das Der Israelit 22. Januar 1925 deutsche Judentum. Als wäre es nach achtzig Jahren geistiger Oede, nach vierjähriger Kriegszerrüttung, nach siebenjährigen schweren Nachkriegsleiden zu neuem Leben, zur Besinnung auf sich selbst erwacht. Ein starkes, niegskanntes Suchen und Sehnen geht durch alle Parteien, durch alle Richtungen und Schattierungen, ein verzweifeltes Suchen nach festerem Halt nach Außen und Innen, nach positiven Lebensformen in Gemeinde und weiterem Gemeinwesen. Indes haben sich die Alten, die einzigen Hüter des jüdischen Funkens durch all die Jahre des leidvollen Ueberganges, zusammengetan, um diesen Funken zur hellen Flamme anzufachen, allen widerlichen Umständen zum Trotze. Es wird gelernt in Deutschland, in den Großstädten wenigstens, im Salon wie auf der Jeschiwa, bei aller Unsicherheit der Lage, die die Kräfte noch mehr wie bisher auf das Praktische konzentrieren läßt. Es werden im kleinen jüdischen Deutschland Gelder aufgebracht für die eigenen Lehranstalten und auch für die auswärtigen und ausländischen trotz Krisis und Verarmung, die auf allen Gebieten zum Abbau und Sparen zwingen. Die Erfahrung eines Jahrhunderts der Thorablüte im Osten hat es aber gezeigt: Mit dem Lernen allein ist es nicht getan, wenn nicht mit diesem Lernen eine Pflege der Gemütswerte, eine Entfaltung der sittlichen und moralischen Kräfte Hand in Hand geht. Als man diesen Punkt einmal vor zweihundert Jahren aus dem Auge gelassen hatte, kam als Reaktion der am entgegengesetzten Strange kräftig ziehende Chassidismus, und anstelle der zu erwartenden gesunden Synthese gab es Kampf. Rabbi Israel S a l a n t e r schuf zum Ausgleich den M u s s a r, und die gesunde Mischung von Geist und Gemüt, Lehre und Moral hat uns die Zukunft gerettet, hat uns Männer gegeben, auf die wir in allen Zeiten mit Stolz Hinweisen werden, hat uns auch einen „C h o f e z C h a j i m" g e g e b e n , der in diesem Werke auch rein h a l a ch i s ch in gleichem Maße G a o n ist, wie er sich darin als Führer auf dem Wege der Moral zu sittlichen Höhen, Führer zu den Quellen des jüdischen Lebens offenbart. Und wenn nun in Deutschland, Gott sei es gedankt, heute wieder gelernt wird, so muß nebenher auch etwas für das jüdische Herz geschehen, das reine Gold der „Midaus" aus all dem formal Gelehrten und Gelernten gewonnen werden. Der neue Chofez Chajim" ist in Deutschland erschienen, zu einer Zeit," da in mehreren Großstädten Jeschiwaus blühen, bevölkert von heimischen und auswärtigen Jüngern; zu einer Zeit, da in Deutschland überall Vereine wetteifern, Thora in jeder Form zu verbreiten, da die gesetzestreuen Organisationen sich alle Mühegeben, das Licht der Thora weit ins Land bis ins letzte Dorf, wo sich noch Juden zum gemeinmeinsamen Gebete zusammentun, hinauszutragen. Für all diese Zwecke wird das altneue' Buch feine volle Berücksichtigung finden müssen. Es liegt im Wesen der Werke des ' „Chofez Chajim", daß sie sich als Lektüre und Lernstoff ebensogut für die Studenten in einer Vereinigung jüdischer Akademiker eignen wie für die schlichten Leute vom Dorfe. Erstere werden Gelegenheit haben, eine hohe g o t t gegebene Ethik im Vergleiche mit alten und neuen vom Gottesgedanken losgelösten ethischen Lebensanschauungen zu werten. Letztere werden die einfachen, naheliegenden Gedanken in der schlichten, schönen Form auf sich einwirken lassen und in ein Leben farbloser Werktätigkeit veredelnden Glanz aus höheren Sphären tragen. In keiner I e s ch i w o darf der „Chofez Chajim" als tägliche Lektüre (wenn auch nur eine halbe Stunde im Tage) zur Erlangung der Reinheit der Gesinnung mitten im Sturm und Drang der Jugend fehlen. Kein Lernverein darf es versäumen, regelmäßig Schiurim und Lernvorträge aus „Chofez Chajim" einzurichten. Der Verlag erleichtert, wie angezeigt, die Anschaffung der Exemplare wesentlich und sicherlich werden sich noch großzügige Thorafreunde finden, die noch weiter mithelfen, den hier gebotenen Lebensbalsam bis ins letzte jüdische Haus und Herz zu tragen. Wochenrundschau. Das „jüdische Parlament" in Preußen. Eine überaus treffende Kennzeichnung der zionistischen Assimilation an die Begriffe und Schlagworte der modernen Staatsvölker finden wir in der neuesten Nummer der C. V.-Zeitung» in der sich Ludwig Holländer mit der „Jüdischen Volkspartei" auseinandersetzt. Holländer schreibt u. a.: Die jüdisch-nationale Seele verkennt vielleicht aus Idealismus die gegebenen Tatsachen. So möchten die Zionisten ein Parlament haben und bezeichnen nunmehr in völliger Unkenntnis dessen, was ein Parlament ist, die harmlose Landesverbandsversammlung preußischer Gemeinden als ein Parlament. Obwohl in den Satzungen dieses Landesverbandes an erster Stelle gesagt ist: „Der Landesverband ist eine Neligionsgesellschaft", wird hiev vwM Literarische Notizen zu kiki 'Q* Don Rabbiner Ar. Winkter in Kopenhagen. . I. 7, 3: njns & nrr nvprr nsi „Ich werde das Herz Pharaos verhärten." — Allgemein wird gefragt, wie hätte Pharao demnach bestraft werden dürfen? Ich glaube, die Lösung ergibt sich einfach aus folgender Betrachtung: Der Verbrecher, der einen Mord begangen hat, wird mit dem Tode bestraft; der Verbrecher, der mehrere Morde begangen hat, kann natürlich auch nicht mehr als nur einmal mit dem Tode bestraft werden, obgleich die ausgleichende Gerechtigkeit es erforderte, daß er eben so viel Mal bestraft würde, als er gemordet hat. Die menschliche Justiz erweist sich hier eben unzulänglich. Wäre ihr göttliche Macht verliehen, so würde sie solchen Verbrecher so oftmals ins Leben zurückrufen und ihn dann wieder hinrichten lasten, als die Zahl seiner Verbrechen ist. — Pharao war ein Massenmörder. Seine Verurteilung lag aber nicht in den Händen eines menschlichen Gerichts, dessen Bestrasungsmöglichteit begrenzt ist, sondern tn_ denen des allmächtigen Gottes, der just der Welt zeigen wollte, daß Er, im Unterschied von dem menschlichen Richter, wohl imstande sei, den Massenverbrecher massenmalig zu bestrafen (mm» vrri mini« n« •> m n *i m). Dies wäre aber nicht anders möglich gewesen, als indem Pharaos Herz immer von neuem verhärtet wurde, um darauf immer von neuem gezüchtigt werden zu können. Die Verhärtung des Herzens war also nicht die Ursa che, sondern das Mittel zur Strafvollziehung für frühere Verbrechen. H. 7, 22: In Raschi: jtkhmö ist zu lesen: „Machschofus", Zauberer. — Das.: v'nssb wv'»» von pn. — „Efraim" ist der Name eines an Korn reich gesegneten Ortes. II. Ehr. 13, 19; vgl. auch rs d» -dwi dp '8 n"s wras -v"2 V'MEn 1"2 'S tpo III. 8, 15: «in D'pbn r?2Ln„Das ist ein Finger Gottes". — Die ganze Welt, 6000 Meilen brr tx wnvv), ist (nach V'VDI ri"T de? v'sn ">v 's s"p eine halbe Elle Gottes, d. i. 15 Finger (eine Elle ist 6 Tfochim und ein Tefach 5 Finger breit), demnach ist Mizrajim, 400 Merlen groß (dpd'ddd), ein Finger Gottes. Nach pavoa nima* Meines Feuilleton. Ein fürstlicher Empfang für einen Rabbi. Ende Dezember tagte in Bialystok eine Rabbiner- Konferenz, die auch der „Chofez Chajim" mit seinem Besuche beehrte. Die Empfangsfeierlichkeiten zu EhrÄn dieses Rabbi in Bialystok stehen hinter solchen für Könige im früheren Rußland nicht zurück. Sobald die Ankunft des „Chofez Chajim" bekannt wurde, bildete sich ein Empfangskomitee, ein Organisationskomitee und erne Gruppe von freiwilligen Ordnern. Die Komitees setzten sich zusammen aus Mitgliedern der Agudas Jisroel, des Misrachi, der zionistischen Vereine, der Handwerker und Kaufleute wie aller anderen sozialen und Wohltätigkeitsinstitutionen. Gegen 4 Uhr mittags zogen die hundert Ordner in Reih und Glied durch die Straßen an die Bahn, und hinter ihnen fuhren die Autos mit den Delegationen. Am Bahnhofsplatz war'der Andrang bereits so groß, daß der Stadtkommandant mit einer Abteilung von 20 Schutzleuten zu Fuß und zu Pferd die Ordnung aufrecht erhalten mußte. Gegen 5 Uhr mußte am Schalter der Verkauf von Perronkarten wegen Ueberfüllung eingestellt werden, nachdem weit über 1000 Perronkarten verkauft worden waren. Die freiwilligen Ordner in ihren weißen Armbinden leisteten der Polizei Hilfe und übernahmen den Dienst am Perron, während erstere die Massen vor dem Bahnhof in den Schranken zu halten hatte. Kurz vor 6 Uhr fuhr der Zug ein, und ein tausendstimmiges „Boruch Habo" tönte in den Wagen, in dem der Rabbi faß.