Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 66 (1925)
- Issue
- Heft 3 (15.1.1925)
- Date
- 1925-01-15
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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15. Januar 1925 badener Ortsgruppe des Zentralvereins eine Einladung zur Eröffnungssitzung des dortigen Zionistenkongresses wie folgt beantwortet: Wir bestätigen dankend den Eingang Ihrer Einladung zu der Eröffnungssitzung Ihrer hiesigen Tagung. ‘ Wir würden dieser Einladung gern gefolgt fein, und zwar aus dem Gefühl der Achtung heraus, die auch zwei sich gegensätzlich gegenüberstehende Organisationen vor einander haben sollten. Leider ist in Ihrer Einladung gerade dieser Grundsatz gröblich verletzt worden. Es heißt in ihr wörtlich: „Abgesehen von wenigen kaum in Betracht kommenden Splittern innerhalb des Weltjudentums und auch der deutschen Judenheit gibt es gegenwärtig keinen bewußten Juden mehr, der den Bestrebungen der Zionisten nicht mit Sympathie gegenüberstehen wird." Wir müssen als selbstverständlich annehmen, daß Sie über die Zahl der Anhänger des Zionismus in Deutschland unterrichtet sind, also wissen, daß die große Mehrzahl der deutschen Junden dem Zionismus nicht mit Sympathie gegenübersteht, ihn vielmehr als falsch und schädlich ablehnt. Wenn Sie diese Teile des deutschen Judentums, die ihre Vertretung in dem Zentralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens sehen, trotzdem als nicht in Betracht kommende Splitter bezeichnen, so bedeutet dieser Ausdruck nicht nur eine Herabwürdigung des Zentralvereins und der ihm nahestehenden Kreise, sondern er steht auch im Widerspruch mit den offenkundigen Tatsachen. Sie werden es verstehen, daß wir einer solchen Einladung nicht folgen können. Hochachtungsvoll! Die Ortsgruppe Wiesbaden des Zentralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens. I. A.: Dr. Goldstein, stellvertretender Vorsitzender. Und das Blatt des Zentralvereins erinnert daran, daß unmittelbar nach der Revolution, im November 1618, auch die Zionistische Vereinigung für Deutschland in offiziellster Form folgende Programmpunkte für einen Nationalkongreß der deutschen Juden beschloß: „Umwandlung der jüdischen Kultus- Synagogen- und Religions)-Gemeinden in Deutschland in jüdische Volksgemeinden auf demokratischer Grundlage und unter Sicherung der Rechte von Minoritäten, sowie Schaffung eines Reichsverbandes der jüdischen Volksgemeinden als Vertreter der jüdischen Volksgemeinschaft in Deutschland mit dem Rechte der autonomen Regelung aller jüdischen Angelegenheiten." Mag auch heute die „Jüdische Rundschau" mit Recht dagegen protestieren, daß man dem deutschen Zionismus die Forderung einer „nationalen Autonomie" für Deutschlands Juden unterstellt, so zeigt jene historische Reminiszenz doch sonnenklar den eigentlichen Sinn des noch heute zu Recht bestehenden Volksgemeinde-Programms der „Jüdischen Volkspartei". Wir verwerfen dieses Programm nicht Talmadische Weisheit. Durch Unrecht siegen Heißt unterliegen. Kein echter Mann Nimmt Dienste an Von dem, den er nicht achten kann. Leicht ist man entschlossen, Findet man Genossen; Erst auf sich gestellt Zeiget sich der Held. (Aus „Ewige Weisheit" von Max Weinberg.) (Ausgrabungen in Palästina.) Im neuen Hefte der „Zeitschrift für die alttestamentarische Wissenschaft" belichtet der hervorragende deutsche Orientologe Professor Hugo Greßmann über die Ausgrabungen in Palästina. Bei den amerikanischen Ausgrabungen in Beisan stieß man auf drei Basaltstatuen ägyptischer Könige: Sethos 1., Ramses 2. und 3. Bedeutungsvoll ist besonders die Statue Ramses 2., denn sie enthält die Nachricht, daß Ramses Semiten vewendete, um feine gleichnamige Stadt im Delta zu bauen. Die Ausgrabungen haben gelehrt, daß Beisan von 1313—1176 vor u. Ztr. in ägyptischen Händen blieb. — Auf der amerikanischen Expedition nach Moah und dem Toten Meer fand Albright 500 Fuß über dem Toten Meer eine stark befestigte Burg, 7 große Steinblöcke, sogenannte Monolithe, und tausende von Feuerherden und Gehegen, aber keine Reste einer Stadt. Die Scherben weisen auf «uf die Zeit um 200 v. übl. Ztr. Albright denkt daher DerJsraellt nur aus innerpoliüschen Gründen, sondern auch und vor allem aus religiösen. Aber beide Momente stehen in tiefinnerem Zusammenhang. Nur das Primat der Religion hebt das jüdische Volk über alle irdischen Macht- und Interessengegensätze hinaus und befähigt es, seine weltgeschichtliche Nationalaufgabe in innigster und aufrich.iger Anbürgerung an die Staaten und Völker seines Golusaufenthalts zu lösen. Indem der Zionismus die Religion entthront, führt er das jüdische Volk ungewaffnet, zur polnischen Scheingröße herausgeputzl, in die Arena der internationalen Politik und überliefert damit alle Juden der Welt den ungeheuersten Gefahren für Leib und Leben. Der „Zentralverein" und die ihm nahestehenden Logen- und Notabelnkreise des offiziellen deutschen Grotzstadtjudentums scheinen von diesen Zusammenhängen nichts zu ahnen. Sie sehen ruhig mit zu und helfen in rührender Selbstvergessenheil mit, daß Herr Prof. Weizmann als ungekrönter König der Juden mit einem offiziellen Frühstück im deutschen „Auswärtigen Amt" beehrt, von dem Eemeinde- und Logenrabbiner Baeck gefeiert und deutschen Parlamentariern als Exponent jüdischer Politik vorgeführt wird. Es entspricht nicht unsrem Geschmack, die Methoden zu beleuchten, nach denen diese törichten Arrangements vorbereitet, durchgesetzt und in ihren unvermeidlich katastrophalen Wirkungen solange verschleiert werden, bis der Katzenjammer eintritt. Wir begnügen uns mit der Feststellung dieser Poli ik der reinen Torheit, die mit der einen Hand den Zionismus als schwerste innerpolitische Gefahr bekämpft und ihn auf der andern Seite durch wohlmeinende Legations- und andre -Räte als gngebliche Vertretung der Gesamtjudenheit in den Sattel setzen läßt. Wohl den jüdischen Kreisen Deutschlands, die sich an diesem ganzen Herentanz nicht beteiligen, sondern ruhig und unbeirrbar den Weg der alten jüdischen Tradition gehn: ihre Liebe zuErezIisroel, dem Lande der Gottesherrlichkeit, in vollster Hingabe materieller und geistiger Kraft als reine Mizwotat bewähren, dem politischen Zionismus aber jede Anerkennung und jeden bestimmenden Einfluß in den Religionsgemeinden, den altjüdischen Kehilloth Deutschlands versagen. Auf dieser Grundlage ist der „Preußische Landesverband gesetzestreuer Gemeinden" in Halberstadt aufgebaut. Seine Gründung und Weiterbildung zeigt sich umsomehr als rettende Tat nach innen und außen, je sicherer der Berliner Landesan eine heilige Stätte für Pilger, die vom Toten Meer heraufstiegen und hier ihre Festtage verlebten. Pros. Greßmann berichtet auch über die Ausgrabungen Macalisters und des Archäologen Weil in der Davidstadt von Jerusalem, wo Spuren einer israelitischen Totenstadt aufgedeckt wurden. Familiennachrichten. Barmizwo: Leopold, Sohn des Herrn Simon Marqulius, Nürnberg, Kernstr. 42. rnaw 'Q raw. Derlo bte: SRe<t)a Heß in Saarwellingen, Julius Hirschberger in Mainz a. Rh. Silberne Hochzeit: Am 15. Januar feiern die Eheleute L. Korps und Frau. Tauverbischossheim (Baden) das Fest der silbernen Hochzeit. IVochenkalender. 17.—2t. Jan. 1925. I 21.-28. Teweth 5685. Samstag Jan. 17 21 MB Sonntag 18i 22 Montag 19 23 vienstag 20 24 Mittwoch 21 25 Donnerstag 22 26 Freitag 23 27 Rausch-Chaudesch benschen Samstag 24 rnxi 28 Mauled: Freitag vorm. 910 Nr. 3 Seite 3 verband, aller unzulänglichen Gegenwehr des „Zentralvereins" ungeachtet, von innen heraus durch den Zionismus überwunden wird. Der bolschewistische Wirtschaftskrieg gegen die Juden in Rußland. Man ist gewöhnt, wenn man von der Not der Juden in Rußland spricht, an die R e l i g i o n s - Verfolgungen, denen unsere Brüder im. Lande, das das Ideal des Zukunftsstaates erreicht hat, ausgesetzt sind, zu denken. Daß es dort auch außerdem einen regelrechten Wirtschaftskrieg gegen die Juden gibt, erfahren wir aus dem dieser dieser Tage in Berlin (Verlag: Das freie Wort) unter dem Titel „Im Chaos" erschienenen Werke des bekannten sozialistischen Schriftstellers A. R o f i n. In zwei Kapiteln behandelt Rofin die Auswirkung des Sowjetregimes auf das jüdische Leben in Rußland. Einerseits führt die Sowjetregierung einen entschiedenen Kampf gegen den Antisemitismus, andererseits macht sie selbst den „ökonomischen Pogrom", indem sie den jüdischen Handel expropriiert und das jüdische Handwerk nationalisierte Die jüdische Bevölkerung hat zwar Gleichberechtigung im weitesten Sinne erhalten, ihre Existenz wurde aber bis in die tiefsten Wurzeln untergraben. Die furchtbaren Pogrome und das Banditentum haben auf eine gewaltsame Art die Beziehungen der Juden zum Dorfe zerrissen. Aus den kleinen Städten wunderten die Juden in die verpesteten Zentren der großen Städte, wo sie physisch und geistig entarten. Es ist ein großes Sterben unter den Juden in Rußland. Mit dem Untergang der russischen Stadt, die durch das Sowjetsystem bedingt ist, geht vor allem die jüdische städtische Bevölkerung unter, die nicht so wie die nichtjüdische städtische Bevölkerung in dem Dorf verwurzelt ist. In einem besonderen Kapitel behandelt der Verfasser die Tätigkeit der „jüdischen Sektion" der russischen kommunistischen Partei, die eine Diktatur über das jüdische^kulturelle Leben errichtet hat. Zum kulturellen Leben gehören Cheder und Jefchiwoh und was die Jüdische Sektion hierin versucht hat, ist bekannt. Fertiggebracht hat sie insbesondere in diesem Kampfe gegen die Religion nicht viel. Auch dies wird von Rosin bestätigt. Nene Wege in der Ausbildung der jüdischen Lehrer. (Zur Erziehungskonferenz der A. I. in Hamburg.) Don Dr. Sakomon Adler in Aranüfurt a. W. Im Anschluß an die Verhandlungen der Erziehungskonferenz in Hamburg möchte ich auf einen m. E. großen Mangel in der Ausbildung unserer Lehrer für den hebräischen Unterricht Hinweisen. Der jüdische, seminaristisch gebildete Lehrer (— wie in Zukunft der Bildungsgang des Elementarlehrers sich gestalten wird, ist noch nicht sestgelegt. jedenfalls aber werden Präparandenschulen und Seminare in ihrer heutigen Form aufhören —) hatte seither gleichzeitig mit seiner allgemeinen Prüfung eine Prüfung in Religion abzulegen. Ueber die Anforderungen, die dabei an den Kandidaten gestellt werden, ist mir nichts Näheres bekannt. Anders jedoch war es beim akademisch gebildeten Lehrer. Für ihn gibt es keine Stätte, die ihn speziell für die jüdische Seite seines späteren Berufes vorbereitet. Sein profanes Wissen erwirbt er sich an der Universität, für seine jüdische Ausbildung trägt niemand Sorge, sie ist ihm selbst überlassen. Beieiner Anstellung wird natürlich über fein jüdisches Wissen kein Zeugnis verlangt, weil es eben etwas Derartiges nicht gibt. In keinem Fach darf ein Lehrer ohne „Fakultät", d. h. ohne Befähigungsnachweis, unterichten, nur im Religionsunterricht, der doch der Mittelpunkt allen Unterrichts sein sollte, da überlassen wir alles dem Zufall. Es soll schon vorgekommen;