Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 66 (1925)
- Issue
- Heft 2 (8.1.1925)
- Date
- 1925-01-08
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Sei'e 8 Nr. 2 Der Israel t 8. Januar IW! : Dort links das große Schiff, das gestern aus Brasilien mit y einer Ladung von Gefrierfleisch — es überläuft uns kalt l — hier einlief. Dort wieder links das schnellste Schiff Deutschlands, früher die „Deutschland", jetzt „Hansa" genannt, vor Anker. Ein ungeheurer Koloß, und dabei schlank und schön, und mit einem Eiebelwerke im Riesenleide, das der Wohnungsnot einer ganzen Kleinstadt abhelfen könnte . . . Wir steuern hart am Bug des Schiffes vorbei. Die darauf hantierenden Menschlein be- . , wegen sich im Rahmen dieser riesigen Raümvechältnisse'! wie Fliegen und Käfer aus einem Astt Hier die große i Werft, auf der dieses und jenes Schiff gebaut wurde! Es;• ist etwas Ergreifendes um so einen kranken Riesenschiffs-! leib, der hochgespannt auf dem Operationstisch einer y Werst, mitten im Wasser, seinem Lebenselemente, liegt, f wo hunderte Hände an ihm herumtasten, klopfen und r hämmern. Hier links der große Schuppen, der Rohprodukte in der neutralen zollfreien Zone bis zum Weiterverladen aufbewahrt, und dort der Dampferkoloß, der Mehl aus Mexiko an Bord hat; hier wieder ' einer, der Kaffee aus Südwestafrika brachte. Wie fabelhaft die Ladehebel auf- und niederschnellen, > in ihren eisernen Fäusten die vollgesüllten Säcke klemmend wie ein Geier, der mit seiner Beute eilig in die Lüfte flüchtet. Hier das und dort dieses! . . . i Und so geht es weiter und weiter zwischen Fahnen und Wimpeln aller Nationen. Ein Schreien und Schieben, ein Rattern und Rudern, ein Tuten und Toben und Hämmern und Hobeln, daß es so aussieht, als wollten die Menschen alle Meere der Welt trocken legen. Es ist die; Speiseröhre Deutschlands, dieser gewaltige Hafen von Hamburg, durch die ihm und über ihn hinaus dem östlichen Europa die Nahrung aus allen Kanä'.en zugeführt wird. Nur eines möchte ich wissen: Wer hat das Bild - vom stillen, ruhigen Hafen, in den man angeblich bei jeder Gelegenheit einfährt, erfunden . . . Noch nie habe ich soviel Geräusch, Getue und Getute, soviel Leben und; Lärm gesehen, wie in diesem „stillen", „ruhigen" - Hafen . . . Der Ausrufer wird nicht müde, zweiundeinhalb \ Stunden lang ohne Unterbrechung von den Dingen und l Vorgängen in und an diesem Hafen zu erzählen. Jn- I zwischen schneidet die kalte Luft, ob von Amerika oder i von _ anderer Seite kommend, ist nicht ausgemacht, immer schärfer ins Gesicht. Und wie wir gegen drei } Uhr von der stürmischen Hafenfahrt an die ruhigen k Gestade rudern, ist es uns zu Mute, als trüge unser Schiff eine Ladung von brasilianischem Gefrierfleisch an Bord. So froren wir an Händen und Füßen . . . : E i n A b s ch i e d. | Ein Tag harten Ringens ist zu Ende. Man kämpfte | um Fragen, die Sein und Zukunft der Organisation | bedingen. Es ging, bei aller Friedlichkeit und Einigkeit k über Grundprinzipien, zuweilen Hart auf Hart. Und nun r war es zu Ende und so gelöst, daß alle Teile zu- > frieden sein konnten. Beschlüsse wurden angenommen, s das Bundespräsidium gewählt. Der Bund hatte seine s Arbeit vollbracht. Das Präsidium auch, und es konnte j . sich unter Führung des alten neugewählten Präsiden f an die Bahn begeben. Da gab Jemand die Parole l aus: „Mit an die Bahn!" Und gegen zehne abends l war so ziemlich der ganze Bundestag wie zu einer i Nachsitzung am Perron. 1 Menschen kamen und gingen, Beamte eilten ge- » schästig hin und her, Lokomotive pfiffen, und kurze f Kommandoruse ertönten und hallten im Kuppelbau | wider. Stahlklar leuchteten die Schienen in die blaue E Nacht. Der Zug fuhr ein. 4 Unser Präsidium stand drinnen am Fenster und •f wir außen. „Türen schließen!" Alle Meinungsver- | schiedenheiteu waren vergessen. Wohliges und wehes N Gefühl zugleich. Abschiedsstimmung. Der Zug setzt sich langsam in Bewegung. Jüngere Bundesbrüder versuchen )s ein paar abgehackte Worte aus Abschiedsliedern zu I singen. Es wird daraus kein Gesang. Jemand stimmt [ ein Studentenlied an, einige stimmen ein, aber die ,? Töne fließen nicht, ineinander und ballen sich nicht , zum Chore. Da wirft ein anderer einen neuen Ton, - eine neue Melodei ein: „Moaus Zur!" 4 Und aus fünfzig Kehlen ergießt sich laut und kräftig der „Moaus Zur"-Gesang in die Nacht. Der Zug zieht an, fährt, entschwindet dem Auge, und der Gesang geht laut und kräftig weiter bis zum letzten Ausklang: „Bnej Wino, Jemej Schmauno, Kow'u schir urnonim! . . I Korrespondenzen « Nacbricblen. Deutscher Reich. Repräfenkankenver^ammlung der Jüdischen Gemeinde. \ (Bon unserem Korrespondenten.)! B e r l i n, 1. Januar.! Aus den letzten Sitzungen der Repräsentanten im abgelaufen«r Jahre ist die durch eine Anfrage des Herrn Moritz A. Loeb hervorgerufene eingehende Debatte l über die Mischehen von allgemeinerem Interesse. I Herr Loeb führte aus, daß 1921 in Großberlin auf 1591 f jüdische Ehen 738 Mischehen kamen, im Jahre 1922 | auf 1422 jüdische Ehen 781^ Mischehen?' Dabei handelt ■wca* *.•.* es sich in der weitaus überwiegenden Zahl um die Verheiratung jüdischer Mädchen mit Christen. In ganz Preußen ist das Zahlenverhältnis etwas, aber nicht viel günstiger. Der Interpellant prophezeit den Untergang des deutschen Judentums, wenn die Entwicklung in dieser Weise weitergehe. Ein gut Teil der Verantwortung trügt die Braunschweiger Rabbinerversammlung, welche vor 50 Jahren die Mischehe unter gewissen Voraussetzungen sanktionierte. Man dürfte der Entwicklung nicht tatenlos gegenüberstehen. Die Berliner Jüdische Gemeinde soll eine besondere Konferenz zur Beratung der Frage und zur systematischen Weckung einer Gegenbewegung einberufen. In der Debatte sprachen noch die Herren Dr. Abraham Loeb, Prof. Türk, Markus u. a. Schließlich wurde der Antrag angenommen eine gemischte Kommission einzusetzen, welche die Frage der Einberufung einer Konferenz prüfen soll. Gleich daraus hat die Repräsentantenversammlung einen Antrag der liberalen Fraktion, durch Aenderung von § 11 des Gemeinde st atuts den Frauen sowohl das aktive als das passive Wahlrecht zu verleihen, mit großer Mehrheit angenommen. Herr Moritz A Loeb crllärte zwar, daß die Verleihung des passiven Wahlrechtes dem Religionsgesetz wid'rspreche, es hat ober nicht den Anschein, als ob die Konservativen an dieser neuen Verleugnung des Religionsgesetzes durch die Berliner Jüdische Gemeinde irgendwelche Konsequenzen zu ziehen geneigt wären. Man gewöhnt sich schließlich an alles und auf eine Gesetzesverletzung mehr kommt es nicht mehr an. Das Steuersoll der Gemeinde für 1925 ist auf 4J4 Millionen Mark zu veranschlagen. Es wird mit Rücksicht auf die zu erwartenden Ausfälle auf 6 Millionen Mark angesetzt, die von 88 000 Steuerzahlern aufzubringen sind. Von diesen sind 41 000 Angehörige selbstständiger Berufe, 47 000 Lohnempfänger und Angehörige freier Berufe. Um das Steuersoll aufzubringen wird für die erste Kategorie der Steuersatz auf 30 Proz. der Reichseinkommensteuer festgesetzt. Für die zweite Kategorie wird das sechsfache der Gemeindesteuer des Jahres 1924 zugrunde gelegt. Die Frage der Einwanderung nach Kanada. Berlin, 4. Januar. Anfang Dezember wandte sich das Berliner Emigrationsdirektorium an die Gesellschaft für Hilfe an jüdische Einwanderer in Kanada mit dem Vorschlag, die Gesellschaft möge sich darum bemühen, daß die 2000 Visa, die der Jca entzogen worden sind, nunmehr für die in den europäschen Häfen gestrandeten Emigranten verwendet werden sollen. Die kanadische Gesellschaft antwortete in einem längeren Schreiben, daß die mit Hilfe der Jca bereits in Kanada eingewanderten 3000 Juden noch nicht alle versorgt sind. Es sind unter hnen Witwen und Waisen, die die Judenheit in Kanada erhalten muß. Es muß dabei die im Lande herrschende ökonomische Krisis in Betracht gezogen werden. Die Immigranten find in Kanada aller Mittel bar, physich gebrochen, eingetroffen. Sie bedürfen noch der öffentlichen Fürsorge. Trotzdem werde sich die Gesellschaft bestreben, auch den gestrandeten Emigranten zu helfen. Der Brief des Emigdirekt wurde den maßgebenden jüdischen Persönlichkeiten in Kanada übermittelt. (I. T. A.) Der Delegiertentag der deutschen Zionisten. Wiesbaden, 2. Januar. Aus der Rede Weizmanns, über die wir bereits kurz berichtet, ist noch hervorzuheben, daß sich der Präsident der Organisation mit dem Bericht der Mandatskommission des Völkerbundes unzufrieden erklärte und diesen als ein Verkennen der ganzen Lage in Palästina schilderte. Es gelte, dem Völkerbunde klar zu machen, daß Palästina nicht den hunderttausend palästinensischen Juden, sondern den Millionen Juden in der Wett gegeben sei. Die Angst der Vatikankreise um die Heiligenstätten in Palästina sei unbegründet. Die Erweiterung der Jewish Agency ist geplant. Weizmann bespricht dann die letzten Leistungen in Palästina und die neue Phase in der Immigration, aus der sich ergibt, daß mit dem Steigen der Einwanderung die Aufnahmefähigkeit des Landes steigt. Es folgten Berichte über die Jugendbewegung und über das P a l ä st i n a a m t. Letzterer gibt insbesondere Auskunft über die Einwanderung in Palästina. Äon Anfang ^.des Jahres 1924 bis zum 1. De-. zember des Jahres wurden vom Palästinaamt 1359 Personen nach Palästina befördert. Der Delegiertentag ging am Dienstag abend zu Ende. Zum Vorsitzenden der deutschen Landesorganisation wurde Kurt Vlumenfeld gewählt. Ein^Referat Vlumenfelds über die allgemeine Lage hatte eine lebhafte Diskussion ausgelöst, ebenso ein Referat Nachum Goldmanns über die Organifationsreform. Von den Beschlüssen ist noch der zur Schaffung eines Lehrgutes für jüdische Landarbeiter, die nach, Palästina gehen wollen, zu nennen. In vertraulicher Sitzung referierte Dr. Föder über die Wahlen zum preußischen Land es verband und Dr. Weizmann über die politische Situation und die nach st e n Aufgaben. Oefimeidb» Der neue Vorstand der Wiener kullusgemeinde. Wien, 4. Januar. Am 29. Dezember fand die konstituierende Sitzung des am 9. November gewählten Vorstandes der Wiener Kultusgemeinde statt. Zum Präsidenten wurde Univ.- Prof. Dr. Alois Pick, zu Vizepräsidenten die Herren Dr. Jakob O rnstein und Dr. Josef Löwenherz geewählt. Mitglieder des Vertreterkollegiums sind: Dr. Defider Friedmann, Baurat Wilhelm Kempl er, Gemeinderat Dr. Leopold Plaschkes, Kommerzialrat Siegmund K a u d e r s, Wolf Pappenheim, Regierungsrat Dr. Hermann Oppenheim, Dr. Josef Tichc> und Dr. Erwin Bader. Nach erfolgter Wahl gaben die verschiedenen im Kultusoorstand vertretenen Parteien programmatische Erklärungen ab, worauf die Sitzung geschlossen wurde. Die Katastrophe in Polen. (Von unserem Korrespondenten.) Warschau, 2. Januar. Der Leidensbecher des jüdischen Volkes, der während der langen und bangen Kriegs- und Nachkrregsjahre' bis hoch an den Rand anschwoll, beginnt jetzt besonders hierzulande gewaltsam überzuströmen. Zum geistigem und sittlichen Verfall, zum physischen und quantitativen Niedergang gesellt sich eine noch nie dagewefene wirtschaftliche Krise, die vollständig und restlos die Grundpfeiler der Existenz eines großen Teiles des jüdischen Volkes zu zertrümmern droht. Unter dem Deckmantel der Sanierung der Staatsfinanzen wird eine „Ausrottungspolitik" gegen die Juden getrieben, die in ihrer Konsequenz eine ernste Gefahr für die weitere Entwicklung des ganzen wirtschaftlichen Lebens heraufbeschwören kann. Aber geben wir den Tatsachen das Wort: Ende Dezember 1923, als die Hochflut der Inflation den Gipfelpunkt erreichte und der halsbrecherische Kurssturz des Papiergeldes allgemein ernste Besorgnis und Unruhe erregte, wurde eine außerparlamentarische Regierung eingesetzt, welche sich die Sanierung der valutarischen Verhältnisse und die Herstellung des Gleichgewichtes des Budgets zum Ziele stellte. Ministerpräsident Wladistaus Grabski bekam auf fast einstimmigen Beschluß des Sejms auf die Dauer von 6 Monaten die weitestgehende außerordentliche Vollmacht, die ihm eine schier unbeschränkte Diktatur auf finanziellem Gebiete verlieh. In dieser Spanne Zeit durste er das Sanierungswerk vollbringen. Der Gerechttgkeit zu Ehren muß gesagt werden, daß er in gewissem Sinne das ihm gesteckte Ziel schnell erreichte. Dank einer hohen Vermögenssteuer, deren erste Rate gleich nach seinem Re-- gierungsantritte eingetrieben wurde, ist es ihm gelungen, momentan dem weiteren Sturz der Valuta Halt zu bieten. Aber es währte nicht lange, da stellte es sich bald heraus, daß er eigentlich seiner Aufgabe nicht gewachsen sei. Die ergriffenen Maßregeln verhalfen zwar zur StabiliAerung der Valuta, aber gleichzeitig untergruben sie allmählich das Wirtschaftsleben, was, auch schließlich einen destruktiven Einfluß auf die Staatsfinanzen und das Budget ausüben muß. Die Erfahrung fast aller Zentralstaaten Europas lehrt uns, daß ttef durchgreifende Reformen Erschütterungen Hervorrufen und schwere Opfer seitens aller Bürger zur Folge haben müssen. Allein eben dieses Verspiel der Nachbarländer zeigt klipp und klar, daß die katastrophale wirtschaftliche Krise, die wir hier durchmachen, eine Abnormalität ist, die als Unikum vereinzelt in Europa dasteht. Der Fis- Lattsmus saugt hier alle Lebenskräfte ttife. Gegen jedetz-